16. September 1926

Mein Schlaf wurde immer wieder durch Albträume gestört, welche wohl auf meinen angespannten geistigen Zustand zurückzuführen waren. Jedoch waren es keine Alpträume, die mich am Morgen des 16. September weckten. Es waren Geräusche, die aus dem Wohnzimmer stammen mussten. Es war erst ein Schieben, wie jenes, welches man beim Öffnen einer Schublade hörte. Danach war es einige Sekunden still, bis ich einen entsetzlichen Ton vernahm. Das schrille Geschrei einer Frau.

Ich eilte rasch ins Zimmer und sah meine Schwester auf dem Boden kauernd. Sie umschlang ihre Beine mit ihren Armen und versteckte die Hälfte ihres Gesichts hinter ihren Knien. Man konnte nur ihre Augen sehen, welche einen rötlichen Ton annahmen, und die Tränen, die von ihnen herunterliefen. Ihren verstörten Blick, welcher sich in Richtung meines Schreibtisches wandte und an ihn gebunden zu sein schien, konnte ich nicht brechen. Sie reagierte weder auf mich, noch auf meine Versuche sie aus ihrem Schrecken zu rütteln. Für einen kurzen Moment sah sie mich an und sprach einen Namen aus, welcher mir auch ohne Kontext das Blut in den Adern gefrieren lies: „Al-Azif“. Nachdem sie dieses grausam-mysteriöse Buch erwähnte, richtete sie ihre Augen wieder auf meinen Tisch.

Ich hatte sie noch nie so machtlos gesehen. Es war, als wäre ihr Geist aus ihrem Körper gefahren und hätte nichts außer diesem routinierten Ablauf, welcher aus dem verstörten Blick und der Wiederholung dieses – mir nun scheußlich erscheinenden – Namens zu bestehen schien, hinterlassen.

Ich reagierte äußerlich nicht auf dieses abscheuliche Bild. Mein Körper war nicht in der Lage, dieses Chaos an Emotionen zu repräsentieren. Innerlich wurde mein Verstand jedoch auseinander gerissen. Viele kleine Stücke, die mit ihren eigenen chaotischen Befehlen und Informationen gefüllt waren. Eines rief mir die Schuld für ihren Zustand zu, ein anderes riet mir zu fliehen und ein nächstes wollte, dass ich mich zu ihr setze und versuchen, sie in den Zustand der Klarheit zurück zu versetzen. Jedoch erschien mir eine Scherbe meines Geistes nun besonders wertvoll.

Der scharfe Verstand. Ich wusste, dass ich mich an dieser Scherbe festhalten müsste um nach Antworten zu suchen.

Denn eines war mir klar:

Dieser plötzliche Wahnsinn, welcher ihren Körper – ohne ein größeres Maß an Zeit dafür zu benötigen – in eine geistlos wirkende Hülle umwandelte, ging von einer Quelle aus, die sich in der Nähe meines Schreibtisches befand. Außerdem hatte ich eine gewisse Vorahnung, warum sie das „Al- Azif“ erwähnte, wobei ich ihr zuvor nichts davon erzählt oder gezeigt hatte.

Meine Aufmerksamkeit galt nun meinem Tisch. Ich konnte meine Schwester nicht länger anstarren und versuchte krankhaft mich gegen die verstörten und ruhelos-krankhaften Gedanken zu wehren, indem ich verzweifelt meiner Arbeit – zumindest indirekt – nachging.

Was ich fand, war jedoch ein viel größerer und abscheulicher Wirt des Parasit-artigen Wahnsinns als die geistlose Gestalt auf dem Boden des Zimmers, welche meine Schwester ersetzte.

Es war das zuvor von ihr erwähnte Buch, welches sich einfach so auf meinem Tisch befand. Ich fand keine Kiste oder sonstiges in dem es hätte geliefert werden können und meine Schwester konnte ich schließlich auch nicht Fragen.

Da erinnerte ich mich an das Schieben, welches ich vor dem Schrei von meinem Zimmer aus hören konnte. Also sah ich in jede Schublade im Haus, einschließlich die des Tisches, um einen Hinweis auf das Auftauchen dieses Buches zu finden. Nichts.

Ich versuchte jede erdenkliche Möglichkeit, das Geräusch nachzuahmen. Doch nichts hörte sich an wie jenes spezifische Schieben, welches diesen abstrakten und grausamen Tag, eingeläutet hatte.

Ich werde zugeben, dass mich in den folgenden Sekunden mein scharfer Verstand verlassen hatte und nun meine geistige Irrfahrt in Richtung seelisches Chaos begann.

Der Tisch störte mich dort wo er stand, genau wie der Sessel. Also schob ich den Tisch bei Seite und trat den Sessel weg. Dabei merkte ich, dass eine der Holzdielen einen merkwürdigen Ton von sich gab. Als wäre direkt unter ihr eine weitere Holzdiele, gegen welche sie stieß sobald man auf sie stieg.

Ich konnte sie einfach herauszunehmen und sah unter ihr, eine hölzerne Fläche, welche einen Griff hatte, an der sie sich wegschieben ließ. Eine Art kleines Geheimfach kam zum Vorschein. Es hatte genug Platz um das Al-Azif aufbewahren zu können und musste wohl erst vor kurzem hier eingebaut worden sein. Jedoch machte ich mir darüber zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken. Eigentlich machte ich mir gar keine Gedanken. Mein Gehirn war darauf fixiert sich nicht mit Nachdenken zu überlasten. Mein Körper bewegte sich daraufhin wie von alleine und ich wurde nun zu einem Zuschauer degradiert der seinem eigenen Leib dabei zusah, wie er sich in den Tod begibt.

Ich nahm mir das abscheuliche Werk zur Hand. Es war bereits auf einer Seite aufgeschlagen, welche auf Arabisch geschrieben war. Dennoch erkannte ich einen Abschnitt in lateinischen Lettern. Jedoch konnte ich die Sprache nicht lesen und auch aus keiner der von mir bekannten Sprachen ableiten.

Auch wenn es eine für mich unbekannte und seltsame Schrift war, deren Sinn ich nicht kannte, begann ich beinahe instinktiv aus dem Buch vorzulesen.

 

Ya orr'e llll ahmgr'luh lloig ot aons

ya llll ephaiahmgr'luh pride ot r'luhhor

ya kadishtuor llll ahmgr'luh nw ot savants

 

Y' epbug ng mgah'n'ghft mgephaiagl

Y' epbug ng mgah'n'ghft haiagl

Y' epbug ng mgah'n'ghft ephaiagl

 

Y' ephaikadishtu ng h' ephaiah ya n'gha

 

Die Töne, welche sich aus dem Vorlesen dieser merkwürdigen Schrift ergaben, schienen eine Wirkung auf das Buch zu haben, denn oberflächlich sah es so aus, als würde es mit einem schimmern antworten, welches die Tinte so aussehen ließ, als könnte man durch sie in die Tiefen des Universums blicken.

Dieses Werk war eine Demonstration der Macht, welche sich nun in meinen Händen befand. Mit seinem schimmern, lockte es mich und zeigte mir erste Einblicke in die Welt des wahren Verständnisses. Ich hielt einen Schlüssel für echtes Wissen in meinen Händen. Meine Faszination und Begierde für das Werk wuchs mit jedem Augenblick in dem ich in die Tinte starrte, denn ich begann zu verstehen. Das Buch konnte mir die Tore für unendliches Wissen über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges öffnen. Damals konnte ich jedoch den Preis, welchen ich dafür zahlen sollte, nicht erkennen.

Ich willigte ein indem ich jenes Kapitel, welches bereits aufgeschlagen war, zu Ende las. Es war gefüllt mit wirren Geschichten und Texten, die den Beinamen des Autors „der verrückte Araber“ recht passend repräsentierten.

Ich nahm eine Seite nach der anderen des Buches in mir auf. In meinem Wahn, nahm ich meine Schwester, welche verzweifelt meine Beine umklammerte und vergebens versuchte die Korruption meines Geistes aufzuhalten.

Sie hatte sich selbst kaum vom Schock erholt, mit solch einer schrecklichen Macht konfrontiert zu werden. Aber dennoch wollte sie mich instinktiv vor etwas beschützen, was ihr fremd und unverständlich war.

Doch mein bereits verderbter Geist erkannte ihre Tat nicht als Schutzinstinkt und guten Willen an. Stattdessen sah ich sie als eine Mauer, die mich vom absoluten Verständnis abhielt. Also trat ich ihr mit einer Kraft so gewaltig gegen den Kopf, dass sie ihr Bewusstsein verlor. Ich tat sie damals wie einen schwachen Bauern ab, den man in einem Schachspiel nur zu gerne opfert, um ein Schachmatt zu verhindern. Der Unterschied war jedoch, dass ich annahm mit Mächten zu spielen, die ein Mensch bändigen oder meistern konnte. Ich erkannte mich selbst nicht als Bauern an, in diesem widerwärtigen und bedeutungslosen Spiel, welches die Schöpfung mit sich selbst spielt. Ohne Grund.

Das Buch verstand sich darin, mir meine Wünsche zu erfüllen und gleichzeitig meinen Hochmut langsam und qualvoll aus mir heraus zu würgen – denn es ist das endgültige Verständnis, welches mich die Wahrheit erblicken ließ.

Plötzlich wurde es hell und ich sah nichts außer dem Licht.

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Fairy Dust

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