16. Siebzehn

Nachher, als sie weitergingen, griff Toni nach Gregors Hand und das wunderbare Gefühl, sie festzuhalten während sie schweigend und eng nebeneinander weitergingen fügte sich nahtlos in die kleine zauberhafte Welt ein, in der Toni sich grade befand.


Und dass Gregor, als sie weitergingen, die Taschenlampe nicht wieder anmachte, passte auch dazu. Denn der dunkle Wald, das Rauschen des Windes und das Knacken unter ihren Füßen als sie weitergingen gehörten auch zu dieser Welt. Obwohl Toni das alles auf dem Hinweg noch ziemlich gruselig gefunden hatte. Aber seitdem er Gregor geküsst hatte, hatte auch er sich dieser Welt angepasst. Verschwunden war jeglicher Druck, unbedingt auf dem Weg des Normalen zu bleiben; er fühlte sich grade einfach nur frei und das Leben erschien ihm unglaublich einfach.

Das blieb auch so, als sie aus dem Wald kamen und den Berg hochstiegen, ohne sich dabei loszulassen. Was Toni sogar halbwegs unfallfrei gelang. Nur einmal trat er überraschend in eine Kuhle und strauchelte, aber da seine Hand nach wie vor fest mit Gregors verbunden war, half der ihm, das Gleichgewicht zu halten und nicht auf die Nase zu fallen. Gregor, der Toni auffing, bevor er hinfiel war eine Situation, die inzwischen schon fast typisch für sie war, sie mussten beide in diesem Moment daran denken und fingen an zu lachen. Und nachdem sie fertig gelacht hatten, küssten sie sich noch einmal lange und innig.

Den Rest des Weges legten sie ohne weitere Schwierigkeiten zurück und als das Burgtor dann vor ihnen auftauchte wurde Toni klar, dass die kleine wunderbare Welt hier ein Ende haben würde. Denn hinter diesem Tor lag die andere Welt, in der es Menschen gab wie seine Mutter zum Beispiel, bei der Toni bisher verzweifelt versucht hatte, sie davon zu überzeugen, dass er und Lydia eine wunderbare Beziehung hatten und er so normal war wie alle anderen. Zusammen mit der Gewissheit, in sehr absehbarer Zeit wieder nach Hause zurückzufahren, wo Leute lebten wie Max, die nicht nur davon ausgingen, dass Toni normal war, sondern es sogar erwarteten, weil sie ihn sonst nur noch schief ansehen, ihn aus ihrem Freundeskreis werfen und sich anschließend über ihn lustig machen würde. Eine Vorstellung, die nach wie vor erschreckend war.

Unwillkürlich ging Toni langsamer, obwohl es völlig unwichtig war, wann er jetzt durch dieses Tor ging, denn der alte Toni hatte ihn bereits wieder eingeholt.

Auch bei Gregor hatte sich etwas verändert. Er hielt Tonis Hand jetzt nicht mehr so fest wie vorher und passte sich Tonis veränderter Gehweise an, ohne nachzufragen, wieso sie jetzt langsamer waren.
Er sagte erst wieder etwas, als sie die magische Grenze zwischen den Welten durchschritten hatten und im Burghof angekommen waren.

"Willst du schon schlafen gehen?" fragte er und in seiner Stimme schwang ein Hauch von Unsicherheit mit, die Toni aber sofort auffiel, weil er sich selbst grade ziemlich unsicher fühlte. "Nein, das hatte ich eigentlich nicht vor," antwortete er, denn auch, wenn das Leben nicht mehr so einfach war und er sich nicht mehr so frei fühlte war es nach wie vor schön, mit Gregor zusammen zu sein.

"Ok," sagte Gregor und jetzt klang es fast erleichtert. "Meine Mutter hat sich einen neuen Garten gemacht, nachdem sie den alten wegen des Hotels aufgeben musste. Komm, ich zeig ihn dir."

Hand in Hand gingen sie weiter, zum hinteren Teil des Burghofes, wo in den Häusern, soweit Toni das beurteilen konnte, noch nichts Hotel- oder Touristenmäßiges untergebracht war. Die Tür des kleinen Hauses, vor dem sie schließlich stehenblieben, bestätigte seine Theorie, denn Gregor musste sie erst mit einem Schlüssel von seinem enormen Schlüsselbund aufschließen.

Sie gingen einen engen Flur entlang, vorbei an einigen offenstehenden Türen und ein kurzer Blick zeigte Toni, dass in manchen von ihnen irgendwelches Zeug herumstand, das er aber aufgrund der Dunkelheit nicht näher identifizieren konnte. Das war jetzt wieder verdammt unheimlich und Toni war froh, dass Gregor weiter seine Hand hielt und sie das Haus nach nicht einmal einer Minute durch eine zweite Tür wieder verließen. Sie kamen in den Garten, der Toni ziemlich an den von früher erinnerte. Es gab die Rasenfläche, die Bank und die Stühle, die Blumenkästen, die Burgmauer und sogar das Windspiel.

Eng nebeneinander setzten sie sich auf die Bank und schwiegen eine Weile. Toni, der inzwischen eine ziemlich gute Vorstellung davon hatte, was gleich kommen würde, hätte die Situation zwar schon gerne hinter sich, aber er würde trotzdem nicht der Erste sein, der mit dem Reden anfangen würde.

Gregor spielte einen Moment, wie Toni es schien gedankenverloren, mit seinen Fingern, bevor er sich schließlich räusperte. "Das...das mit Lydia, das... ist das was Ernstes?"

Tonis erste Reaktion war ,Ja' zu sagen, eine Sekunde nach der Frage hatte das Wort sich schon auf seine Zunge gedrängt und verlangte, sofort ausgesprochen zu werden. Aber er konnte es grade noch zurückhalten und dann war es ihm peinlich, dass er beinahe so reagiert hätte. Denn was würde es ihm jetzt bringen, seine Scheinbeziehung mit Lydia vor Gregor zu verteidigen? Eigentlich nur, dass er sich danach ziemlich mies fühlen würde und Gregor bestimmt auch. Und was spräche dagegen, ihm die Wahrheit zu sagen? Im Grunde genommen gar nichts, denn Gregor kannte weder Lydia noch einen aus Tonis Freundeskreis, dem er es erzählen konnte. Was er auch überhaupt nicht machen würde, denn da würde er sich ja nur ins eigene Fleisch schneiden. Schließlich hatte er auch Toni geküsst und mit ihm Händchen gehalten... Toni merkte, wie seine Gedanken anfingen, sich zu verheddern und Gregor auf eine Antwort wartete.

Toni dachte daran zurück, wie er sich vorhin im Wald gefühlt hatte und das er das Gefühl gerne wiederhaben würde, was ihm aber nur gelingen würde, wenn er den Ballast, den er mitgebracht hatte, einfach hinter sich ließ. Und so entschloss er sich schließlich für die Wahrheit. "Das mit Lydia und mir, das ist eigentlich gar nichts," erwiderte er leise und entzog Gregor seine Hand, weil er die Berührung in diesen Moment nicht ertragen konnte. "Ich... ich hab einfach nur was mit ihr angefangen, damit niemand mitbekommt, dass ich eigentlich gar nicht auf Frauen steh. Weil... na ja es gibt Einige in meinem Freundeskreis, die mich dann mit dem Arsch nicht mehr angucken würden."

Er atmete einmal tief ein und in diesem Moment durchströmte ihn die Art von Erleichterung, die einen manchmal überkommt, wenn man endlich die Wahrheit sagen konnte. Toni merkte, dass Gregor etwas sagen wollte, aber er ließ ihn nicht zu Wort kommen. Denn jetzt, wo er einmal damit angefangen hatte, über die Dinge zu reden, die er seit Monaten mit sich herumschleppte, konnte er nicht mehr damit aufhören, die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus: "Es war so einfach, sie herumzukriegen weil wir uns schon so ewig kennen und uns gut verstehen. Ich weiß was sie mag und alles andere hab ich mir aus den Zeitschriften von meiner Mutter zusammengelesen.

Ok, mit dem Sex war es zuerst etwas schwierig und ich hab auch ein paar Anläufe gebraucht, aber dann hat es irgendwann geklappt. Wir haben es dann einfach auf ner Party von einem aus meiner Stufe getan und das war nicht nur super, weil ich es endlich hingekriegt hab, sondern auch, weil ich das Max erzählen konnte. Und das sind genau so Geschichten, die er gut findet und mit der ich ihm zeigen konnte, wie super das mit mir und Lydia läuft. Und es läuft immer noch gut, aber meine Mutter will das einfach nicht wahrhaben. Dabei hab ich echt alles versucht, sie davon zu überzeugen..."

Hier brach er abrupt ab. So gut es auch tat, endlich jemandem alles zu erzählen, war er sich doch sicher, dass es Gregor verletzen konnte, wenn Toni ihm von seinem Plan berichtete, den er vorgeschoben hatte, um hier herzukommen. Und Gregor in irgendeiner Art weh zu tun war das absolut Letzte, das Toni wollte. Deswegen verschränkte er die Hände im Schoß und schwieg.

Gregor schwieg auch und so saßen sie eine ganze Weile einfach nur da, eng nebeneinander, aber ohne sich zu berühren.

"Du hast also Lydia total ausgenutzt, nur, damit keiner darauf kommt, dass du nicht auf Frauen stehst," fasste Gregor dann das Gesagte zusammen und aus irgendeinem Grund provozierte er Toni mit der völlig leidenschaftslosen Art in der er das sagte.

"Was hätte ich denn machen sollen?" erwiderte Toni deswegen ziemlich angefressen. "Meinst du, ich will meine Freunde wegen... wegen sowas verlieren?"

"Wegen sowas?" wiederholte Gregor mit leicht erhobener Stimme. "Das ist doch absolut nicht einfach sowas, sondern etwas das du bist und auch nicht ändern kannst! Meinst du nicht, dass du dir da lieber andere Freunde suchen solltest, die dich auch genau so akzeptieren?!"

Jetzt wurde Toni richtig wütend und sprang auf. "Ich kenn Max und Lydia seit Jahren, denkst du, ich lass sie da so einfach fallen?! Und ist ja schön für dich, dass es dir so einfach fällt, Freunde zu finden, die dich so akzeptieren, wie du bist, aber bei mir sieht's da komplett anders aus!"

Es entstand eine Pause und auch, wenn Toni grade nicht zu Gregor hinüberblickte sondern zornig auf die Burgmauer starrte, konnte er sich doch gut vorstellen, dass er grade das Gesicht zu der Grimasse verzog, die er jetzt machte, wenn er eigentlich ausrasten wollte.

"Falls du dich erinnerst, war es absolut nicht einfach für mich Freunde zu finden," sagte er dann mit gefährlich ruhiger Stimme, hinter der Toni aber die geballte Wut heraushören konnte. "Und es ist wirklich gut zu wissen, was für ein eiskalter Manipulator du bist! Ich hab dich echt absolut falsch eingeschätzt!"

"Ach du hast doch absolut keine Ahnung, was bei mir abgeht!" schrie Toni ihn an und spürte zu seinem Ärger, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. Ein Teil von ihm wäre jetzt gerne davon gestürmt. Aber der Teil, der stärker war, wollte bei Gregor bleiben. Deswegen vergrub Toni nur das Gesicht in der rechten Hand und gab sich keinerlei Mühe, vor Gregor zu verbergen, dass er weinte, denn es wäre umsonst gewesen.

Sofort stand Gregor auf, nahm ihn in die Arme und zog ihn an sich. "Entschuldigung," sagte er reumütig an Tonis Ohr. "Ich sitz immer auf einem hohen Ross mit meinen toleranten Freunden, da vergess ich immer wieder gerne, dass der Rest der Welt alles andere als tolerant ist." Er streichelte seinen Rücken und diese zärtliche Berührung schaffte es, neben der Umarmung, ihn wieder runterzuholen.

"Schon gut," erwiderte Toni. "Meine Situation ist ja auch wirklich nicht die Tollste. Und ich hab ja auch eigentlich n schlechtes Gewissen, dass ich Lydia so ausnutze. Aber ich weiss nicht, was ich sonst machen soll."

"Du hast ja gemerkt, dass ich nur scheiß Ratschläge geben kann," meinte Gregor. "Deswegen sag ich dazu jetzt mal lieber nichts."

Toni lachte. "Ach was. Ich bin einfach nur ein hoffnungloser Fall."

"Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht," sagte Gregor. "Aber eigentlich war dieser Abend viel zu schön, um jetzt den Rest davon damit zu verbringen, über so ernste Sachen zu reden. Das können wir später auch noch machen."

"Mhm," murmelte Toni nur und legte den Kopf auf seine Schulter. Was ihn anging mussten sie auch später nicht mehr darüber sprechen, weil seiner Meinung nach sowieso alles gesagt worden war, aber die Aussicht, dass Gregor von der Zukunft gesprochen hatte, war sehr tröstlich.

"Na komm," sagte Gregor und zog Toni zurück auf die Bank. Dort legte er den Arm um ihn und Toni lehnte sich gegen ihn.

Eine Weile schwiegen sie wieder, aber sie waren zu ihrem angenehmen Schweigen zurückgekehrt.

"Weißt du eigentlich, dass du ganz schön vorhersehbar bist," sagte Gregor schließlich lachend. "Nicht nur, dass du ständig hinfällst und ich dich auffangen muss, nein, du küsst mich auch immer und rennst dann erst einmal weg."

"Und jedes Mal fühl ich mich danach richtig schlecht," erwiderte Toni und stimmte in Gregors Lachen ein.

"Als du dann danach mit mir reden wolltest, hab ich mich noch mieser gefühlt, weil ich mir sicher war, dass du ziemlich sauer gewesen bist. Aber stattdessen redest du dann nur über Alltagsscheiß. Da... hab ich gedacht, dass dir der Kuss total egal gewesen ist und du nur deswegen über Alltagsscheiß geredet hast, weil du mir damit zeigen wolltest, wie egal dir das gewesen ist."

"Und ich hab nur über Alltagsscheiß geredet, weil ich dich unbedingt sehen, aber nicht wieder verscheuchen wollte. Und ich war mir sicher, dass würde ich, wenn ich über den Kuss rede," erklärte Gregor, während er mit Tonis Haaren spielte. "Niemals wäre ich deswegen sauer gewesen! Es ist einfach nur schön, dich wiederzuhaben!"

"Es ist auch einfach nur schön, dich wiederzuhaben," sagte Toni leise und richtete sich auf für den Kuss, der jetzt folgte und er ihn für einen Moment alles andere vergessen ließ.

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