17. Dezember

Müde rieb Draco sich die Augen. Er hatte die ganze Nacht damit verbracht, die Klausuren seines Kurses zu korrigieren. Nicht, dass er das vorgehabt hätte, doch als er am gestrigen Abend in sein Haus zurück gekehrt war, waren seine Gedanken einfach nicht zur Ruhe gekommen, und so hatte er sich begeistert auf die erst beste Ablenkung gestürzt, die er gefunden hatte.

Was war das nur mit Granger? Hatte sie sich seit Hogwarts so sehr verändert, dass sie ihm plötzlich tatsächlich nett vorkam? Oder war sie schon immer so gewesen und er hatte sich selbst verändert? Zumindest äußerlich hatte sie sich verändert, denn er war sich sicher, dass er sie zuvor noch nie attraktiv gefunden hatte. Wobei das, wenn er ehrlich zu sich war, auch nicht ganz stimmte. Für den Ball anlässlich des Sieges über Voldemort hatte sie sich damals wirklich herausgeputzt und selbst Blaise, der sonst selten das Aussehen von Frauen lobte, war beeindruckt gewesen.

Ärgerlich schüttelte er den Kopf. Was interessierte es ihn, ob Granger gut aussah oder umgänglich geworden war? Sie war seine Schülerin und darüber hinaus hatten sie nichts miteinander zu tun. Er würde heute Abend die korrigierten Klausuren an die Klasse zurückgeben, ihr ein kleines Lob für die beste Note aussprechen, und dann den fehlenden Schlaf dieser Nacht nachholen.

oOoOoOo

Hermine konnte es nicht fassen. Die Klausur war wirklich leicht gewesen, entsprechend wunderte sie sich kaum über ihre volle Punktzahl. Ebensowenig erstaunte es sie, dass keiner durchgefallen war. Doch wie Lydia neben ihr es geschafft hatte, nur knapp mehr als die Hälfte der Punkte zu bekommen, ging ihr nicht in den Kopf. Es war schon beinahe ein Talent, so wenig zu wissen.

Andererseits, wenn man den Hundeblick, mit dem Lydia hinter Draco herstarrte, beachtete, war es vielleicht auch weniger mangelndes Wissen als vielmehr mangelnde Konzentration gewesen. Obwohl sie keinerlei Sympathien für das blonde Mädchen aufbrachte, kam Hermine doch nicht umhin, ihr einen mitfühlenden Blick zu schenken.

"Es ist einfach nicht fair!", jammerte Lydia leise, als sei Hermines Blick eine Aufforderung gewesen: "Er war derjenige, der mich auf ein Date eingeladen hat, er hat sich an mich rangeschmissen. Ich wollte doch nie etwas von ihm. Ich habe mich nur auf ihn eingelassen, weil er so aufrichtig interessiert und so wahnsinnig verliebt gewirkt hatte. Von alleine hätte ich mich nie für ihn interessiert. Wieso bin ich jetzt die Dumme?"

Hermine musste sich beherrschen, ihre Sitznachbarin nicht völlig entgeistert anzustarren. Lydia redete sich tatsächlich ein, von sich aus nie Interesse an Malfoy gehabt zu haben? Auch das war schon beinahe ein Talent, dass man sich so gut selbst belügen konnte. Ebenso leise erwiderte sie: "Ich hatte dich doch ganz am Anfang gewarnt."

"Woher hätte ich denn wissen sollen, dass du ihn tatsächlich kennst?", gab Lydia schnippisch zurück. Hermine nickte nur. Natürlich, es war völlig unmöglich, eine Verbindung zwischen ihr und Malfoy zu ziehen. Nachdenklich wanderte ihr Blick zu Malfoy nach vorne - und ganz rasch schaute sie woanders hin, als sie bemerkte, dass er sie schon wieder anstarrte. Ja, sie hatten gerade eine Textaufgabe zu lösen und ja, die Aufmerksamkeit der Schüler lag nicht auf ihm, trotzdem: Musste er sie ständig so anschauen? Es machte sie nervös.

"Weißt du, was ich vor allem nicht verstehe?"

"Was?"

"Wenn Draco mich tatsächlich ernsthaft nicht mehr will, wenn er wirklich nur die eine Nacht mit mir wollte ... warum starrt er mich dann immer wieder so an? Mit einem Blick, wie ihn nur ein Verliebter seiner geliebten Frau zuwirft!"

"Wie ein Verliebter ...?", fragte Hermine überrascht. Sie war sich im Gegensatz zu Lydia nur zu bewusst, dass die Blicke ihr galten und nicht dem der blonden Frau. Doch dass Lydia diesen Ausdruck als Verliebtheit interpretierte, warf sie aus der Bahn. Draco Malfoy würde doch sicherlich keine verliebten Blicke auf sie, Hermine Granger, werfen, oder? Es war schon lächerlich genug, dass sie selbst regelmäßig nervös wurde, wenn sie mit ihm alleine war, ein Malfoy würde sowas ganz gewiss nicht empfinden, richtig? Nicht für sie zumindest. Es reichte, wenn einer von beiden wahnsinnig wurde, Malfoy musste sich ihr da nicht anschließen.

"Na, worüber reden meine beiden hübschesten Schülerinnen denn so eifrig? Seid ihr fertig mit der Aufgabe?", erklang da die Stimme von Draco, der plötzlich direkt vor ihnen stand. Lydia lief sofort hochrot an und blickte auf ihre Fingernägel, während Hermine ertappt zu ihm aufschaute. Sie betete, dass er ihr Gespräch nicht gehört hatte. Oder ihre Gedanken gelesen. Letzteres war natürlich unmöglich, trotzdem hatte sie mit einem Mal das Gefühl, als müssten ihre Gedanken für alle offen lesbar sein.

"Ich bin fertig, Professor Malfoy", sagte sie leise, darum bemüht, seinem Blick standzuhalten. Wenn sie jetzt genauso wie Lydia den Kopf senkte, war doch für alle Anwesenden klar, dass sie unerlaubte Gefühle für ihren Professor hegte. Nicht, dass da wirklich etwas war, es war nur eine kleine Verunsicherung ob seines manchmal freundlichen Verhaltens. Aber sie wollte niemandem auch nur den Anlass eines Verdachtes geben, insbesondere ihm nicht. Und so biss sie die Zähne zusammen und hielt ihren Blick krampfhaft nach oben gerichtet.

Und wieder war es Malfoy, der als erster aufgab. Er schaute auf ihr Pergament und verlangte mit unsicherer Stimme: "Dann ... lassen Sie mich mal sehen."

Bereitwillig drehte Hermine ihr Blatt um, damit er lesen konnte, was sie geschrieben hatte. Natürlich war das eine völlig sinnlose Aufforderung von ihm, schließlich musste er aus Hogwartszeiten nur zu gut wissen, dass sie, wenn sie sagte, sie sei fertig, auch wirklich fertig war, doch offensichtlich hatte er einen guten Grund gesucht, seine Niederlage mal wieder zu überdecken. Und sie würde ihn gewiss nicht vor der Klasse bloßstellen. Seine Augen wanderten schnell ihre handgeschriebenen Zeilen entlang, bis er schließlich anerkennend nickte: "In der Tat, Sie haben die Aufgabe tatsächlich bereits gelöst und das auch noch vollständig korrekt."

"Als ob das ein Wunder wäre", murmelte Hermine so leise, dass nur Draco und Lydia es hören könnte. Während letztere ihr einen entsetzten Blick zuwarf, trat auf Dracos Gesicht ein Grinsen: "Nun, um die anderen Schüler ebenfalls zu Höchsteleistungen anzuspornen, entlasse ich Sie hiermit aus der Stunde, Miss Granger. Jeder, der fertig ist und dessen Lösung mich zufrieden gestellt hat, darf heute früher gehen. Ist das ein Angebot?"

Ohne Hermine eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte Draco sich wieder um und ging zu seinem Pult zurück. Er war stolz auf sich, dass er eine so elegante Lösung gefunden hatte, den unangenehmen Moment zu überbrücken und gleichzeitig dafür gesorgt zu haben, dass er an diesem Abend nicht wieder über Hermine stolperte. Irgendetwas sagte ihm, dass weitere Treffe außerhalb der Schule unangenehme Konsequenzen für ihn haben würden.

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