17. Revierkampf

Als ich in Jacks Haus eintraf, saßen die beiden vor dem Kamin. Alexander und mein ehemaliger Gefährte liebkosten sich vor dem Feuer. Sie schienen wirklich sehr verliebt zu sein. Ich hatte Magnus gebeten, im Freien auf mich zu warten, denn ich wollte die Konfrontation zwischen Jack und ihm vermeiden. „Hallo ihr beiden!“, platzte ich in die romantische Stimmung. Jack lächelte und stand auf: „Hallo Jessica! Schön, dass du wieder da bist.“ Ich entgegnete: „Nur nicht für lange. Ich wollte nur meine Sachen abholen.“ Jack sah mich fragend an: „Du willst uns verlassen? Aber ich will dich wegen Alex nicht vertreiben.“

„Nein, das ist es nicht. Ich habe einfach jemand Neues gefunden.“ Dabei betrat ich den Flur in Richtung Keller. Jack folgte mir: „Wer ist es? Er ist da draußen, stimmt‘s?! Ich spüre ihn.“ Ich suchte meine Kleider zusammen: „Ja, er wartet da draußen auf mich. Ich wollte nicht, dass ihr euch gegenüber steht.“

„Warum? Zumindest scheint er sehr mächtig zu sein.“ Sollte ich es sagen, aber er erfuhr es sowieso irgendwann: „Es ist Magnus.“ Jack glaubte, er hätte sich verhört. Entsetzt riss er die Augen auf: „Bist du jetzt völlig übergeschnappt! Das kann nicht dein Ernst sein. Wie hat er dich diesmal eingelullt?“

„Er hat mich nicht überzeugen müssen. Es war ein Missverständnis. Er hatte ihr nichts getan. Das war Ronaldo gewesen.“ Jack war total fassungslos: „Jessica, mach doch den gleichen Fehler nicht noch einmal. Mir ist der Kerl nicht geheuer. Ich habe Angst um dich.“ Ich klappte meinen Koffer zu: „Er tut mir doch nichts. Wir lieben uns einfach. Warum gönnst du mir mein neues Glück nicht?“ Er setzte sich: „Es kommt alles so plötzlich. Ich wünsche dir alles Gute. Wirklich! Aber Magnus ist gefährlich und unberechenbar.“ Ich ging vor ihm in die Hocke und strich über seine Wange: „Ach, Jack! Mach dir keine Sorgen.“ Dann umarmten und küssten wir uns zum Abschied. Jack sagte noch: „Pass auf dich auf!“ Man merkte, dass er mich ungern gehen ließ.

 

Magnus und ich suchten uns zuerst einen Schlafplatz für den kommenden Tag. Daran war ich ja bereits gewöhnt in einem unbequemen Unterschlupf zu ruhen. Wir würden am nächsten Abend selbstständig nach Amerika aufbrechen. Mein Prinz würde mich hinter sich herziehen, damit wir schneller wären. Mir war das weite Fliegen noch nicht ganz geheuer.

Das erste Ziel hieß Portugal. Dort musste ich auch trinken, um die volle Kraft für die nächste Etappe zu haben. Die Azoren. Aber zuerst überfiel ich einen Mann in Lissabon. Diese Stadt war unser Startpunkt für den Flug über den großen Teich. Magnus kannte die Reisestrecke bereits. Er hatte mit Magdalena diesen Weg genommen und war auch so zurück nach Europa gereist. Auf den Azoren verbrachten wir nur den Tag, um in der nächsten Nacht die längste Etappe über das Meer anzutreten. Der nächste Stopp waren die Bermuda- Inseln und der Flug dorthin würde fast die ganze Nacht dauern. Dort wollten wir uns dann eine weitere Nacht aufhalten, um uns Opfer zu suchen. Magnus musste dort dann auch trinken. Diese Art zu Reisen hatte ihre Vorzüge. Wir waren total unabhängig und es vermittelte ein starkes Gefühl von Freiheit. Mit dem Flugzeug war man doch gebunden. Natürlich war es komfortabler und es ging schneller. Aber seit dem Brand in seinem Haus in Florenz, war Magnus vorsichtiger, seinen Körper tagsüber irgendwelchen technischen Dingen zu überlassen.

Wir erreichten nicht lange vor dem Morgengrauen die Inseln. Mein Prinz beschloss, dass wir uns an einem Strand einfach eingraben, weil die Zeit zu knapp wäre, etwas anderes zu suchen. Begeistert war ich nicht davon, aber ich fügte mich. Da war mir der feuchte Sand doch lieber, als die Sonne zu spüren zu bekommen. Wir suchten uns eine Stelle zwischen Büschen und Palmen und Magnus begann sofort zu graben. Ich verscharrte zuerst meinen Koffer, bevor ich ihm half. Dann legte er sich in die Kuhle und zog mich auf sich. Ich bettete meinen Kopf auf ihn und schon spürte ich Sand auf meinen Rücken fallen. Er begrub uns mit seinem Willen. Der Sand fegte wie von einem Windstoß getrieben auf uns nieder, bis von außen nichts mehr zu sehen war. Unser Grab roch nach dem Meer und ich hörte das Rauschen der Wellen. Ich dachte an Cornelius und meine Fantasie von einem Strand. Das war immer sehr schön gewesen und nun lag ich mit Magnus hier. Würde es diesmal mit uns klappen?

 

Am nächsten Abend waren wir beide hungrig. Wir klopften uns den Sand von den Kleidern und schlenderten am Strand entlang. Der Abschnitt war nicht einsam. Hier würde sich sicher jemand finden lassen. Magnus suchte mit den Augen eine Felsengruppe ab. Vielleicht versteckten sich dort Liebespaare vor neugierigen Blicken. Nachdem er niemanden gesichtet hatte, befanden wir uns bald auf der Uferpromenade. Hier waren genügend Menschen unterwegs, aber wir konnten ja niemanden mitten in der Menge anfallen. Da müsste ich schon eine Person verfolgen, wenn ich meine Wahl getroffen hatte. Mein Gefährte blieb plötzlich stehen und fixierte eine Gruppe von jungen Mädchen. Das war wieder typisch und ich setzte meinen Weg fort, um jemanden für mich zu finden. Ich hatte auch keine Lust seinen Überredungskünsten zuzusehen, wenn er sie von diesem Platz weglocken würde. Ich holte mir schließlich einen jungen Schwarzen, die hier sowieso in der Überzahl waren. Er starb schnell und schmerzlos, denn ich konnte unschuldige Menschen nicht grob behandeln. Ich hätte Magnus noch darum bitten sollen, dass er sein Opfer nicht leiden ließ. Die jungen Frauen, die in seine Fänge gerieten, haben mir immer leid getan. Ich wartete auf der Promenade auf einer Bank.

Magnus erschien kurze Zeit später und war ausnahmsweise nicht blutverschmiert. Hatte er sich heute mal beherrscht?! Wir gingen zum Strand zurück, wo noch mein Koffer lag. „Fliegen wir morgen weiter?“ Magnus nickte: „Ja. So dachte ich mir‘ s. Ist das in Ordnung?“

„Ja, klar. Wir brauchen uns ja keinen Stress zu machen. Nur würde ich für den kommenden Tag, was anderes suchen. Ich mag nicht gern in der Erde schlafen.“ Er lachte und war einverstanden: „Also, suchen wir was.“ Wir quartierten uns in einem alten, verlassenen Boot, das im Yachthafen dümpelte, ein. Ich überzeugte mich jedoch genau, ob es wirklich nicht mehr benutzt wurde, aber anscheinend war schon lange niemand mehr drauf gewesen. Nachdem die Unterkunft geklärt war, erwachte das Verlangen. Wir beide gierten nach dem Trunk nach unseren Körpern. Mein Prinz erwiderte meine Annäherung stürmisch, drückte mich auf den Boden der Kajüte, wo wir uns leidenschaftlich wälzten. Ich zerrte ihm sein Hemd von den Schultern, leckte und saugte an seinen hellen Brustwarzen und er schob seine Hand in meine Hose und ließ sie über meinen Hintern wandern. Ich knurrte leise und meine Lippen liebkosten seinen Bauch, rutschten tiefer bis zu seinem Haaransatz und aus den blonden Haaren reckte sich schon sein weißer Traum hervor. Als ich ihn mit dem Mund umschloss, fauchte er kurz und krallte sich in meine Haare. Er genoss eine Weile den Blow-Job, aber er wurde ungeduldig. Das war mir gerade recht, denn ich wollte auch noch auf meine Kosten kommen. Ich setzte mich auf seine Lenden, kostete das Gefühl aus, wenn er mich mit jedem Stoß mehr ausfüllte. Schließlich hinterließen meine Nägel tiefe Kratzer auf seiner makellosen Brust. Er knurrte, zog die Lippen zurück, so dass ich seine kräftigen Zähne sah. Dieser Anblick machte mich noch mehr an und ich stellte mir vor, wie er seine langen Eckzähne in mein Fleisch schlug. Bildete ich mir nur ein, dass er die längsten Zähne von meinen einstigen Gefährten besaß? Als er seinen schlanken Hals nach hinten streckte, überkam mich selbst das Verlangen hinein zubeißen. Was ich auch ohne Umschweife tat. Magnus gefiel das sehr. So wie er gern grob war, so genoss er es seinerseits, wenn seine Bettgenossen nicht zimperlich mit ihm waren. Ich spürte seine Fingernägel in meiner Hüfte und unser Knurren wurde lauter. Dann trank ich von seinem Blut und es war jetzt erregender, als damals. Ich fühlte, dass er meinen Rücken zerkratzte und das Kribbeln der Heilung setzte ein. Es war alles wunderbar und noch besser, als Früher. Ich wünschte, dass wir für eine lange Zeit zusammenbleiben würden. Magnus wälzte sich auf einmal mit mir herum, so dass ich nun unter ihm lag. Er packte meine Kehle, umklammerte meine Handgelenke und bewegte sich sehr heftig. Bald war es bei mir soweit. Ich schrie und fauchte zugleich und schlug ihm meine Nägel in den Hintern. Nachdem ich mich bereits beruhigte, funkelten seine Augen auf und aus seinem Rachen entwich ein tiefes Grollen. Wir atmeten beide heftig und Magnus blieb noch kraftlos auf mir liegen, bis sein Körper sich einigermaßen gefangen hatte. Ich strich solange durch seine seidigen, hellblonden Haare und überlegte, wie er wohl mit kurzen aussehen würde. Ich kannte ihn nur mit seinem, bis zur Mitte des Rückens, reichenden Haars. Er war einfach ein Bild von einem Mann. Seiner Attraktivität hatte er die Unsterblichkeit zu verdanken und ich verglich seinen Körper immer mit Michelangelos David. So athletisch, einfach perfekt. Und dazu das markante, feingeschnittene Gesicht, die eisblauen Augen und das lange, wallende Haar.

Den Rest der Nacht verbrachten wir auf dem Bootsdeck und betrachteten das Meer, die Sterne und die Menschen. Ich lehnte mich an seinen Oberkörper und er hatte die Arme um mich geschlungen. Ach, das war schön! Aber er wollte weiter. Morgen würden wir bis zum Fuße der Rocky Mountains fliegen. Unangenehme Erinnerungen an die Drude wurden wach. Zum Glück hatte Magnus nicht frisch gejagt, wenn wir die Berge überflogen. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass meine einstige Herrin, mir nicht noch einmal das Gleiche antun würde. Mit Magnus hätte sie sicher mehr zu kämpfen, aber sie wäre immer noch um ein Vielfaches stärker. Kein Unsterblicher konnte die Kraft einer Drude erreichen. Von Antonio wusste ich ja, dass sie über uns standen. Unseren Schöpfern noch ähnlicher, als wir. Wie mächtig waren diese Wesen nur? Fast unvorstellbar. Der Weiterflug über die Rockies verlief ohne Zwischenfälle.

Wir erreichten schließlich Magnus Haus, und ich war froh endlich am Ziel zu sein. Zuerst begutachtete ich mein neues Domizil. Alles sehr modern. Ein Haus im Bungalow-Stil in Terrassenform an den Hügel gebaut. Die Böden waren alle gefliest und die Außenwände bestanden auf einer Seite aus riesigen Fensterfronten. Auch die Möbel waren der kühlen Atmosphäre angepasst. Schwarzes Leder, Chrom und Glas beherrschten das Bild. Magnus steuerte auf eine Aufzugstür zu: „Komm. Ich zeige dir unseren Schlafplatz.“ Ich folgte ihm und wir fuhren wohl einige Stockwerke tiefer nach der Zeit zu urteilen, die der Fahrstuhl brauchte. Die sich öffnenden Türen gaben den Blick auf einen langen Gang frei. Auf jeder Seite befanden sich einige Stahltüren. Mein Gefährte schritt ihn ein Stück entlang und stoppte vor einer. Dahinter tat sich ein gewöhnliches Zimmer auf mit Schränken und Regalen. Er öffnete eines der Regale, wie eine Tür und führte mich in eine Kammer, die er wohl selbst in den Felsen geschlagen hatte. Sie enthielt nichts als einige Decken und Kissen, mit denen er sein Lager polsterte. Er schlief einfach auf dem Boden. „Zu Florenz wohnst du hier recht spartanisch.“ Er lächelte: „Ja, aber es genügt. Ich habe eigentlich nichts von meinen Vorgängerinnen verändert. An der Einrichtung, meine ich.“ Ich erinnerte mich an seine Eroberungsgeschichte dieses Hauses und als ich später in den Garten hinaustrat, konnte ich mir ausmalen, wo die gepfählten Frauen verschmort waren. Es war schon grausam, unsereins bei vollem Bewusstsein diesen Qualen auszusetzen, aber in Magnus Fall hätte ich das vielleicht auch getan. Wenn ich so heimtückisch in eine Falle gelockt werden würde und mir meine Vernichtung blühte.

Der Pool zog mich an. Ich konnte diesem türkiseren Wasser einfach nicht widerstehen. Vor allem wenn es beleuchtet wurde. Schnell streifte ich meine verdreckten Kleider vom Leib und sprang ins Wasser. Ach, herrlich! Das Wasser war leicht kühl, über mir der Sternenhimmel und im Hintergrund hörte ich das Rauschen des Meeres. Jetzt fehlte nur noch er: „Magnus, komm! Wo steckst du?“

„Hier bin ich schon, meine Liebste.“ Er stand plötzlich am Beckenrand, ebenfalls nackt und glitt ins Wasser hinein. Ich schwamm auf ihn zu, umarmte ihn und wir küssten uns stürmisch. In uns brannte wieder die Lust und mein Prinz sank mit mir auf den Beckengrund. Die Beleuchtung ging aus, der Boden reflektierte das Mondlicht und die Spiegelungen der Wasseroberfläche tanzten darüber. Auch über unsere blasse Haut. Das erste Mal, dass ich es unter Wasser tat. Bis jetzt war ich dabei höchstens in einer Badewanne gewesen. Unsere Berührungen wurden durch das Wasser gedämpft. Es war nicht so wild, wie auf dem Trockenen. Eher wie ein Tanz.

Ich fühlte mich, wie in den Flitterwochen. Wir verließen das Grundstück nur, um zu jagen. Jeder für sich. Ansonsten stillten wir hauptsächlich unsere Begierde aufeinander. Magnus brauchte noch seltener Blut, als früher. Inzwischen alle zwei Wochen. Seine gestiegene Macht erkannte ich auch an den Dingen, die er fast beiläufig tat. Er betätigte keinen Schalter mehr mit den Händen und auch die Türen öffnete und schloss er mit seinem Willen. Er fixierte die Dinge nicht einmal dazu. Das konnte er im Vorbeigehen. Ich hingegen musste mich noch sehr darauf konzentrieren und das Objekt dabei ansehen.

Bis jetzt lockte er keine jungen Mädchen mehr in sein Haus. Tat er es mir zuliebe, um zu zeigen, dass er sich geändert hatte, oder hatte er eine neue Methode gefunden? Zurzeit war ich sehr glücklich hier. Hoffentlich hielt es noch lange an.

Eines Nachts spürte ich Gefahr. Magnus war auf Jagd und ich war noch nicht lange wach geworden. Barfuss tappte ich zur Terrassentür und überblickte vorsichtshalber den Garten. Es war nichts zu sehen. Dann fühlte ich auf einmal Schwingungen von anderen Vampiren. Sie kamen näher und es waren vier. Was wollten sie? Ich ahnte, dass sie nicht in friedlicher Absicht herkamen. Mist, und ich war ganz allein. Sie schienen schwach zu sein, aber sie waren in der Überzahl. So stark war ich nicht, mit vieren fertig zu werden. Ich rief stumm nach Magnus. Vielleicht erreichte ihn mein Ruf, wenn er nicht weit weg wäre. Oder ich floh einfach.

Ich öffnete die Tür und huschte hinaus, aber es war bereits zu spät. Sie waren schon hier und starrten mich an. „Was haben wir hier Schönes?“, sagte ein Blonder. Ich versuchte, noch wegzufliegen, aber zwei von ihnen bekamen mich zu fassen und zerrten mich in den Garten zurück.: „Du bleibst schön hier, meine Süße.“ Ich probierte, mich verzweifelt zu befreien, aber gegen zwei kam ich nicht an. Doch meine Gegenwehr machte es den Angreifern nicht leicht, mich im Zaum zu halten. Sie boten alle ihre Kräfte auf. „Lasst mich los, ihr Mistkerle!« Dabei biss ich einen in den Arm, der mir daraufhin seine Hand ins Gesicht schlug. Der andere lachte: „Kratzbürstiges Biest!“ Ich fühlte, wie mir das Blut übers Gesicht rann und das Kribbeln der Wunden. Die anderen beiden hatten damit begonnen Magnus Einrichtung zu demolieren. Ich hörte Glas zersplittern, ein Poltern und Krachen. Das war sicher eine dieser Banden, die über Reviere von Älteren herfiel, um sie zu erobern. Mich überkam bei diesem Gedanken fast Panik. Würden sie mich am Ende vernichten? ‚Oh Magnus, bitte komm!‘, schickte ich gen Himmel. Abermals wollte ich mich, aus ihren Umklammerungen befreien: „Was wollt ihr?“ Sie gaben mir keine Antwort. Ich bemerkte, dass wohl alle frisch getrunken hatten. So jung, wie sie waren, brauchten sie alle Energie für ihr Vorhaben. Nur einer von ihnen schien über hundert zu sein. Der Blonde. Er war sicherlich der Anführer dieser Gang.

Nachdem die anderen mit ihrer Zerstörung fertig waren, kamen sie wieder heraus. Der Blonde kam auf mich zu: „Und nun zu dir.“ Er riss mir mit einem Ruck mein Strandkleid entzwei und begann meine Brüste zu betatschen. Ich knurrte ihn bedrohlich an und zischte: „Nimm deine Dreckpfoten von mir!“ Er grinste nur: „Ich werde noch was ganz anderes mit dir machen. Ob es dir nun passt oder nicht.“ Die beiden, die mich festhielten, begannen mich zu Boden zu drücken, aber nur mit der Hilfe des Anführers gelang es ihnen schließlich. Drei waren eindeutig zuviel. Ich schlug mit den Beinen nach ihm, aber einer der anderen biss plötzlich in meinen Hals und saugte Blut. Viel würde er mich nicht rauben können, aber auch der Zweite schlug seine Zähne in mein Fleisch. Sie versuchten, mich zu schwächen, und der Dritte drückte meine Schenkel auseinander und stieß sich hinein. Eine nie gekannte Wut brauste in mir auf. Ich fauchte und schnappte um mich, aber ich erwischte keinen von ihnen. Dafür schlitzten sie im Eifer des Gefechts meinen Bauch und meine Schenkel auf. Überall kribbelte es und ich bemerkte die beginnende Schwäche in meinen Gliedern. Der Blonde war anscheinend fertig und nun machte sich der nächste über mich her. Ich wollte davon nichts mehr spüren, weil mein Körper nicht mit Abneigung reagierte. Ich verfluchte unseren Trieb und konzentrierte mich auf meine Wut. Doch vielleicht sollte ich lieber an mein nahendes Ende denken. Nachdem sie mich benutzt hatten, würden sie mir sicher den Kopf abschlagen. Ich betete, dass Magnus rechtzeitig hier wäre. Inzwischen ging der Dritte zu Werke und ich verlor immer mehr Blut. Beim Vierten war ich völlig kraftlos. Meine Glieder waren wie aus Blei und ich fühlte mich schrecklich. Meine Augen hatte ich schon beim Zweiten geschlossen. Ich wollte ihre erregten Fratzen nicht sehen und was blieb mir anderes übrig, als hinzuhalten. Als der Vierte abließ, steigerte sich meine Angst. Was würde jetzt kommen? Der Anführer fragte höhnisch: „Na, war’s schön?“ Ich schwieg und öffnete nicht einmal die Augen. Aber der Zorn tobte in mir. Am liebsten würde ich ihn anspringen, aber ich konnte mich sowieso kaum noch rühren. „Ich freue mich schon auf den Kampf mit deinem Gefährten. Richte ihm schöne Grüße aus.“ Dann verschwanden sie.

Irgendwie war ich sehr erleichtert, aber die erlittene Schmach trieb mir die Tränen in die Augen. Bevor Magnus sie tötete, würde ich ihnen am liebsten ihre Schwänze abreißen, aber wir spürten ja keinen Schmerz. Langsam wälzte ich mich auf die Seite und sah mich in einer großen Blutlache liegen. Mein Oberkörper war total zerkratzt und auch meine Beine. Ich sah furchtbar aus. Nicht lange nach ihrem Verschwinden kehrte mein Prinz zurück. Ich spürte ihn und kurz darauf kniete er neben mir und sah entsetzt auf mich nieder: „Liebling, wer hat das getan?“

„Es waren vier Männer. Sie wollen ein Duell.“

„Wann?“ Ich richtete mich auf: „Das haben sie nicht gesagt. Ich schätze, sie überfallen dich einfach.“ Sein Blick wanderte über meinen Körper, um das Ausmaß der Verletzungen zu begutachten: „Zum Glück verheilt alles wieder.“ Er strich seine Haare zur Seite und beugte sich zu mir: „Trink zuerst einmal.“ Das tat ich und ich schmeckte seine Wut heraus. Er zischte: „Das werden sie büßen. Ich werde deine Schmach rächen.“ Ich streichelte zärtlich über seine Wange: „Ach, Magnus. Sei bitte vorsichtig. Ich will dich nicht verlieren. Sie sind zwar sehr jung, aber sie sind zu viert.“ Er knurrte: „Mit diesem Gesindel werde ich schon fertig. Ich versuche, ihren Unterschlupf zu finden. Geh solange ins Haus und versuch das Blut abzuwaschen.“ Während mein Gefährte sich wieder in die Lüfte erhob, stieg ich in die Dusche. Dank seines Blutes konnte ich mich nun auf den Beinen halten. Ich hinterließ blutige Fußabdrücke bis ins Bad und als das Wasser an mir herunterlief, färbte sich die Duschwanne rot. Später begutachtete ich vor dem Spiegel meine Wunden. Als ich gerade mein zerkratztes Gesicht inspizierte, trat Magnus hinter mich. „Zum Glück bin ich kein Mensch mehr. Sonst müsste ich jetzt so entstellt weiterleben“, sagte ich. Er nickte nur. Dann meinte er: „Ich habe ihr Versteck gefunden. Sie hausen in einer Höhle nicht sehr weit von hier. Morgen werde ich früh aufbrechen und sie besiegen.“ Ich drehte mich zu ihm um: „Töte sie, wie du die Frauen getötet hast. Ich will, dass sie elend verrecken. Ich würde zu gern dabei zusehen.“ Magnus lächelte vielsagend: „Solche Worte von dir. Das überrascht mich!“

„Diese Typen verdienen keinen Gnadentod“, rechtfertigte ich mich. Er war der gleichen Meinung.

 

Ich schlief noch tief, als Magnus zu seinem Rachefeldzug aufbrach. Leider konnte ich nicht dabei sein, aber er würde sicher mit ihnen fertig werden. Ich betrachtete meine Verletzungen, von denen nur noch rote Striemen am Körper zu sehen waren. Zum Glück ging die Heilung verhältnismäßig schnell. Doch ich verspürte Hunger. Also, wollte ich mich für die Jagd anziehen, als es klingelte. Wer konnte das sein? Vorsichtig schlich ich zum Bildschirm der Kamera über dem Eingang und schaltete ihn an. Es zeigte einen Jungen mit einer Pizza auf dem Arm. Das war sicher Magnus gewesen. Wie rücksichtsvoll von ihm, mir mein Essen zu bestellen. Ich war noch nicht sicher, ob ich es tun sollte. Wieder betätigte der Mensch den Klingelknopf. Ich würde ihn reinlassen, denn ich fühlte mich noch zu schwach, um auf Jagd zu gehen. Also, drückte ich den Türöffner und empfing ihn an der Haustür: „Hallo!“

„Guten Abend! Ihre Pizza.“ Er streckte mir die Schachtel entgegen.

„Danke. Was macht es?“ Er starrte unverhohlen auf meinen knapp bekleideten Leib: „Sieben Dollar.“ Ich kehrte ins Haus zurück, um so zu tun, als ob ich Geld suchte: „Komm doch kurz rein. Ich muss mein Portemonnaie suchen.“ Er war leichte Beute, weil ihn mein Charisma schon eingelullt hatte. Ich fühlte seine Blicke auf meinem Hintern, als ich die Schubladen der Kommode aufzog. Dann wandte ich mich zu ihm um und setzte ein verführerisches Lächeln auf: „Kann ich das auch anders bezahlen.“ Dabei nestelte ich am Kragen meines Kimonos herum. Der Kleine fing zu schwitzen an, grinste verlegen und erwiderte: „Ich muss weiter.“ Dem Unschuldsengel fielen fast die Augen heraus, als ich den Mantel öffnete und er sah, dass ich darunter nackt war. Er war hin und hergerissen zwischen Weglaufen und seinem Verlangen. Da wollte ich ihm die Entscheidung schon leichter machen und strich sanft über seine Schulter und seine Brust: „Warum so schüchtern? Willst du mich nicht?“

„Doch ... doch. Du bist ... wunderschön“, stammelte er. Ich nahm ihn an die Hand und führte ihn in das Schlafzimmer: „Dann komm mit.“ Dort angekommen, begann ich ihn auszuziehen. Er ließ alles mit sich geschehen und so langsam berührte er mich ebenfalls. Oh, diese heißen Hände auf meiner Haut. Meine Lippen berührten seine stoppelige Wange und wanderten tiefer. Für was er die vielen roten Linien auf meiner Haut wohl hielt? Für Misshandlungen oder einen Unfall? Aber ich machte mir nicht die Mühe in seinen Gedanken zu lesen. Die Gier stieg in mir hoch. Sein Duft umnebelte mich, das Zerren wurde stärker und ich ritzte mit den Zähnen seine Haut an. Ein dünnes Rinnsal lief über seinen Nacken, das ich genüsslich ableckte. Dann saugte ich an dem Kratzer. Inzwischen war mein Sog so stark, dass ich auch aus kleinen Wunden genug Blut herausbekam. Ich wartete den Zeitpunkt ab, an dem er genug berauscht sein würde, um richtig zupacken zu können. Als es soweit war, rammte ich ihm mein komplettes Gebiss in die Halsseite und saugte schneller. Kurz darauf war er tot und ich kauerte neben der Leiche auf den Fliesen und lauschte dem pochenden Blut in meinen Adern. Allmählich erstarb es und nur ein schwaches Gluckern blieb übrig. Endlich war ich wieder im Besitz meiner ganzen Kraft.

Voller Elan stand ich auf, zog den Kimono wieder an und trug den Toten zu seinem Lieferwagen. Dort setzte ich ihn zuerst auf den Fahrersitz, verteilte ein wenig Blut auf dem Lenkrad und dem Sitz und begrub ihn dann in den Hügeln. Danach musste ich den Wagen entsorgen. Die kurvigen Straßen waren gefährlich und so täuschte ich einen Unfall vor. Ich schob den Wagen einen Abhang hinunter, wo er in den Büschen hängen blieb. Es sollte so aussehen, als hätte der verletzte Fahrer das Fahrzeug verlassen.

Wieder Zuhause musterte ich die Pizza in der Schachtel und ich versuchte mich, an den Geschmack zu erinnern, der so lange her war. Riechen tat ich alles daran, aber ich empfand nichts dabei. Nicht einmal Ekel, wie manche Artgenossen. Martin zum Beispiel waren Essensgerüche zuwider. Er führte es darauf zurück, dass er zu Anfang seines vampirmäßigen Daseins, sich einmal an blutigem Fleisch vergriffen hatte. Die Gier als Neugeborener war so groß gewesen, dass er es kurzerhand verschlungen hatte. Danach geschah zuerst nichts. Doch nach einigen Minuten befielen ihn schreckliche Bauchkrämpfe. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, wand sich am Boden und erbrach dann alles wieder. Damit waren seine Schmerzen noch lange nicht vorbei. Er dachte, es würde mit ihm zu Ende gehen, aber sein sterblicher Bruder hatte ihm schon Tierblut besorgt und erst, nachdem er das getrunken hatte, verschwanden die Krämpfe. Seither hatte er eine Abneigung gegen menschliche Speisen. Verständlich!

Ich schnupperte an dem Belag und dann leckte ich sogar vorsichtig über den Schinken. Es geschah nichts, aber ich schmeckte Salz, Oregano, Tomaten, den Käse. Das was ich auch gerochen hatte. Geschmack und Geruch waren für uns eigentlich dasselbe. „Was treibst du da?“, riss mich Magnus Stimme aus meiner Erkundung. Vor Schreck ließ ich die Pizza aus meinen Händen gleiten und sie klatschte mit der Oberseite auf die Fliesen. „Oh Gott! Hast du mich erschreckt“, sagte ich. Er stand in der Terrassentür und ich sah seine blutverschmierten, zerzausten Haare und seine zerfetzten Lederklamotten. Sie hatten ihm wohl ordentlich zugesetzt. Mein Prinz grinste teuflisch: „Ich habe eine Überraschung für dich. Draußen!“ Ich ahnte, was jetzt kommen würde. Ich spürte vier schwache Auren: „Sie sind hier?“ Er nickte: „Wie du es gewollt hast.“ Ich folgte ihm nach draußen und da hingen sie an ihren Pfählen. Magnus fragte: „Willst du dich noch persönlich von ihnen verabschieden?“ Ich starrte auf die nackten, zerfleischten Körper, die sich hilflos bewegten: „Nein. Aber ich werde versuchen so lange wie möglich wach zu bleiben, um ihr Verschmoren zu sehen.“ Mein Geliebter umarmte mich von hinten: „Ja, das solltest du tun.“ Er küsste mein Haar: „Wolltest du vorhin essen?“ Ich schüttelte lachend den Kopf: „Nein. Ich weiß, was es in uns anrichtet. Mich interessierte der Geschmack und ob ich irgendetwas dabei empfinde. Es war auf jeden Fall interessant.“ Er strich über meinen Arm: „Wie ich sehe, hat der Pizza-Junge geschmeckt.“

„Ja, hat er. Danke, dass du daran gedacht hast.“ Er wandte mich um: „Du weißt doch, dass ich alles für dich tue. Ich habe dir schon einmal gesagt, es soll dir an nichts fehlen.“ Dann küssten wir uns. Mein starker Beschützer!

Als der Morgen sich ankündigte, schloss Magnus die Jalousien. Ich setzte eine Sonnenbrille auf und spähte durch einen winzigen Spalt zwischen den Lamellen. Unsere vier Todgeweihten fingen nun zu jammern an. Nur der Anführer schien zu stolz dazu zu sein. Die Sonne war noch weit entfernt. Der Himmel war erst blau geworden und langsam färbte er sich heller. Es fiel noch kein Sonnenstrahl auf die Erde, als zwei von ihnen plötzlich zu schreien anfingen. Ihre Haut färbte sich in kürzester Zeit knallrot, warf Blasen und wurde dann langsam schwarz. Begleitet von furchtbaren Schreien, wie ich sie noch nie gehört hatte. Das ging mir durch Mark und Bein. Bei den anderen setzte dieser Prozess später ein und der blonde Anführer verschmorte als Letzter. Ihn musste dazu die Sonne treffen. Trotz der Brille war das Licht unheimlich grell für mich und ich fühlte, wie die Hitze gegen die Fensterscheiben schlug. Ich war froh im Schutz der Dunkelheit zu stehen. Die bleierne Schwere erfasste meine Beine und ich musste mich abwenden. Magnus stützte mich. Gerade so schaffte ich es zum Aufzug, aber er begleitete mich und unten angekommen, trug er mich in unser Schlafgemach. Ich verlor noch auf seinen Armen das Bewusstsein.

 

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beta
Fairy Dust

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