19. Das Erbe

Der Alak-See ist das Herz Arthergs und auch wenn er heute alleine im Gebiet Arthergs liegt, wird er für immer ein Zeichen alter Herrlichkeit bleiben, ist er doch der einzige Ort, welcher noch einen elbischen Namen trägt.

Aus „Die Überbleibsel der elbischen Kultur in Artherg“

 

 

Linovèn stand wie erstarrt da und blickte hinaus, bis Heled meinte: „Hilfst du mir?“.

Er hatte noch nie gerne um Hilfe gebeten, doch war es ihm alleine kaum möglich, seine Rüstung anzuziehen. Die Elbe runzelte nur die Stirn, protestierte jedoch nicht, als sie ihm die Kettenrüstung anzog. Mit sorgfältigen Bewegungen legte sie ihm ebenfalls die Beinschienen aus Leder und den Gürtel an.

„Woher hast du das? Die sind doch ziemlich teuer, oder?“, fragte sie mit zitternder Stimme und deutete auf die feinen Metallringe.“.

Heled grinste und erklärte: „Normalerweise kostet solch eine Rüstung mehrere Dutzend Rinder, aber ich habe es als Kriegsbeute aus Morliv mitgenommen. Das Kettengeflecht ist enger als bei den unsrigen und durch den Sarrock, der darunter getragen wird, bieten sie einen besseren Schutz, jedoch sind sie sehr mühsam zu fertigen.“.

Er deutete auf den Sarrock. „Es besteht aus mehreren Lagen Leinen und zusammen schützt diese Rüstung sogar vor Pfeilen.“.

„Doch bei deiner Wunde hat sie dir nicht geholfen.“. Linovèn hatte ihren Wiswal-Pelz angelegt und die Waffen gegürtet.

Mit grimmiger Miene sah sie ihn an. „Komm, jetzt.“.

Sie liefen die Treppe hinab, stockten jedoch, als sie einen Laut vernahmen. Jemand war unten in der Küche. Ihre Schritte waren langsamer, sie schlichen den Flur entlang und Heled stieß die Tür mit der Klinge in der Hand auf.

Doch war es nur Linovèns Vater, er war bewaffnet und schien etwas zu suchen. Scherben und Gewürze lagen auf dem Boden.

„Vater.“. Linovèn eilte zu ihm, während Heled im Hintergrund stehen blieb. Besorgt sah er aus dem Fenster, doch waren es nur dumpfe Schreie in der Ferne, die davon zeugten, dass der Frieden beendet war. In dem Dorf selbst war es ruhig.

„Müsstest du nicht bei der Wache…“.

Doch ihr Vater unterbrach sie.

„Hast du dein Armband noch?“, fragte er, „Das Erbstück deiner Mutter?“.

Die Elbe nickte und schob ihren Ärmel hoch, um das Gesuchte zu zeigen.

Der Anführer der Wache umfasste ihre Handgelenke und sah ihr in die Augen.

„Hör mir zu, Linovèn. Du musst fort hier. Gehe zu der Schwester deiner Mutter, sie wird dir hoffentlich erklären, was mir nicht möglich ist. Pass auf dieses Armband auf, denn es ist der Grund, aus dem wir angegriffen werden. Ich weiß, es ist nicht wertvoll, doch gibt es eine Geschichte…“. Er brach ab und starrte aus dem Fenster. „Deine Tante wird sie dir erzählen und jetzt geh.“.

Er umfasste den Knauf seines Schwertes und wandte sich dann Heled zu.

„Pass auf meine Tochter auf, Rittmeister Heled, aus dem Volk der Menschen. Es geht hier um mehr, als du ahnen kannst, um mehr als ich verstehen kann, um etwas, das die Welt verändern kann.“.

Heled wusste nicht, was für Macht in einem Armband liegen konnte, doch hatte diese Elbe ihm das Leben gerettet und er war niemand, der gerne Schulden machte. Er würde sie begleiten und dafür sorgen, dass sie Sicherheit fand.

„Was ist mit dir?“, fragte Linovèn grade und sah ihren Vater verzweifelt und doch vollkommen sicher an.

„Dies ist meine Heimat und der Ort, der meinem Vater, meinem Vatersvater und all den Generationen davor eine Heimat geboten hat. Ich kann und werde diesen Ort nicht aufgeben.“.

„Es ist auch meine Heimat, Vater.“.

„Das mag so sein, doch besitzt du eine weitere Heimat im Schattengebirge, die Heimat deiner Mutter und ihrer Eltern. Dieses Armband ist wichtig und es ist ein Erbstück deines Hauses, nicht vom meinem. Geh jetzt.“.

Mit einer letzten Umarmung verabschiedete Linovèn sich widerstrebend von ihrem Vater und Heled folgte ihr aus dem Haus.

Sie rannten zum Stall, wo sich neben einigen Ziegen auch Malèhlti und ein weiteres Pferd befanden. Mit fliegenden Fingern sattelte Linovèn die Tiere und ebenso eilig sprangen sie in die Sättel. Wortlos jagten sie durch die Straßen und Heled war froh, dass sich Linovèns Haus etwas außerhalb befand, denn weiter vorne durchstießen helle Flammen die hereinbrechende Dunkelheit. Es schien, als ob die ohnehin schon schwachen Verteidigungsanlagen durchbrochen worden waren. Rufe und schrilles Pferdewiehern waren zu hören, doch verschwanden sie rasch in der Ferne. In Heled wuchs die Sehnsucht herauszufinden, wer das Singende Tal angegriffen hatte, jedoch hatte er ein Versprechen gegeben und gedachte dieses zu erfüllen.

„Wohin…“. Wohin führst du uns, hatte er eigentlich sagen wollen, doch riss ihm der Wind die Worte aus dem Mund und trieb sie davon.

Linovèn erwiderte nichts, ob sie es einfach nicht gehört hatte oder nicht darauf antworten wollte, Heled wusste es nicht. Doch sah er sehr wohl die Tränen, die wie Tautropfen, rein und unberührt, in ihren Augen leuchteten. Sie ritten fort von dem Kampf, weg von der Zerstörung und dem Tod, der so urplötzlich über diese Oase des Friedens gekommen war.

Die Pferdehufe wirbelten Erdklumpen auf und hinterließen ihre Abdrücke in den Resten von Schnee, welche noch auf den Feldern lagen.

Linovèn stoppte ihre Stute und sprang ab. Kurz beugte sie sich über etwas am Boden, dann stieg sie kopfschüttelnd wieder auf.

„Es taut.“, meinte sie, „Doch gibt es hier nichts, was die plötzliche Wärme erklären kann.“.

Heled sah sich um. Die Sonne war untergegangen und es war merklich abgekühlt. In der Ferne erblickten sie zwar das bedrohende Leuchten des Feuers, doch war es zu weit entfernt.

Und dennoch…

„Vorsicht!“, schrie er und stieß Malèhlti die Fersen in die Flanke. Mit einem plötzlichen Satz sprang die Stute vorwärts und raste dann in einem wilden, unkontrollierten Galopp davon. Etwas zischte und als Heled zurückblickte, brannte eine Feuersäule dort, wo er eben noch gestanden hatte. Gestalten kamen auf sie zu und die Pferde stiegen panisch, um darauf einen anderen Weg einzuschlagen. Wie auch immer sie es machte, vermochte es Linovèn weiterhin ihr Pferd unter Kontrolle zu halten und die völlig wilde und panische Malèhlti folgte ihrer Artgenossin.

Das Gelände stieg an und anstatt über Felder zu reiten, durchquerten sie nun einen kleinen Wald. Schon bald blieben auch die Tannen hinter ihnen zurück und sie ritten nun durch ein völlig freies von Gras bewachsenes Gebiet. Ob die Gestalten ihnen folgten, vermochte er nicht zu sagen, doch legte er es nun auch nicht mehr darauf an, ihre Bekanntschaft zu machen.

Sie erreichten das Höhlensystem, ein anderes, als durch das sie gekommen waren, doch schienen diese Berge von Höhlen durchwuchert zu sein. Ein letztes Mal blickten sie zurück auf das brennende Dorf, dann verschwanden sie in der Dunkelheit.

 

 

Der alte Ástilos hatte sich als Netanja vorgestellt, doch schwieg er sich ansonsten über seine Vergangenheit und Herkunft aus, auch wenn Kesaj vermutete, dass er ein Veteran der Servina-Revolution war und in Kriegsgefangenschaft gelangt war. An sich war das ein Wunder, denn die Revolution war fünfzehn Jahre her und die Arbeit in den Minen war hart, abgesehen davon, dass der Kohlenstaub die Lungen zersetzte.

Im Dunkeln erzählten sie leise, Jismayig, Netanja und er selbst. In der Dunkelheit, so oft es sich während der Arbeit und sonst wo ergab.

„Wir müssen fort von hier.“, erklärte Netanja an einem Abend.

„Fort?“, fragte Kesaj überrascht, wollte Netanja doch einen Aufstand und keine Flucht.

„Wohin?“, wollte auch Jismayig wissen.

„In die benachbarte Grube weiter nordwestlich von dieser, dort arbeiten hauptsächlich Menschen meines Volkes, keine Kriegsgefangenen, sondern Familien. Die Kontrolle ist nicht so stark wie hier und ich könnte Kontakt zu jemandem aufnehmen, der uns mit Waffen versorgen wird, denn ohne Waffen haben wir keine Chance.“.

Kesaj nickte zustimmend, sie brauchten bessere Waffen als Spaten und Holzknüppel, sie benötigten geschmiedeten Stahl, scharf und tödlich.

„Und dein Kontaktmann ist vertrauenswürdig?“.

Netanja nickte nur. „Allerdings muss er die Waffen über den Pass von Dura schmuggeln und das dauert zum einen und ist zum anderen gefährlich.“.

„Dura? Ein Jorohn?“.

Der Ástilos lachte nur. „Deine Frau ist klug, Kesaj.“. Kesaj wies ihn nicht darauf hin, dass Jismayig nicht seine Frau war. Er hatte es schon so oft getan. Wahrscheinlich hätten sie geheiratet, wenn sie in einer anderen Umgebung gewesen wären, ihre Familien beisammen wären und die nötigen Zeremonien durchgeführt werden konnten. Er mochte Jismayig, wie er noch nie für eine Frau zuvor empfunden hatte. Doch wagte er es nicht, ihre Ehre zu beschmutzen und die Minen waren kein Ort für ein Kind.

Jismayig nahm seine Hand und Kesaj spürte die Wärme lodernd durch seinen Körper rinnen.

„Außerdem ist die Herkunft meines Informanten nicht von Belang. Es genügt, wenn er uns mit Waffen versorgt.“.

„Dann sabotieren wir also die Minen, um in die andere Grube zu kommen?“, überlegte die Tjarolerin.

„Richtig und diese Grube ist so tief, dass es einfach wird. Wir müssen nur die Mauern einreißen, die das Grundwasser zurückhalten, dann werden die Gänge überschwemmt und wenn wir Glück haben, kommt es zudem noch zu einer Grubengasexplosion.“.

„Was ist mit den Menschen? Nicht alle werden es rechtszeitig hinaus schaffen.“.

„Nicht alle.“, stimmte Netanja ihr zu, „Aber manchmal muss man ein kleines Übel zugunsten eines Größeren akzeptieren.“. Netanjas hellgrünen Augen waren kalt und vollkommen ruhig, kein Funken von Wärme lag in ihnen, als er diese Worte sprach.

Kesaj nickte dennoch zustimmend. Netanja hatte Recht.

„Und dann werden wir warten, bis die Revolution ausbricht und die Soldaten von den Minen abgezogen werden, um den Pass oder andere Festungen zu schützen.“.

„Glaubst du, dass die Revolution eine Chance hat?“, fragte Kesaj den Ástilos.

Dieser wiegte den Kopf nachdenklich hin und her und blickte dann in die Ferne.

„Das kommt darauf an, wer sie anführt.“, meinte er leise, „Wenn es nur ein einfacher Bauer ist, der meint sein Land gegen Plünderer schützen zu müssen, hat sie es nicht. Allerdings sind damals nicht alle Anführer des Revolutionsheeres gefangen oder getötet worden, einige wenige sind entkommen. Und wenn einer von ihnen an der Spitze steht, gibt es eine winzige Möglichkeit, dass wir gewinnen.“.

Mit neuem Interesse musterte Jismayig den Alten. „Du warst damals mehr als ein einfacher Soldat, nicht wahr?“, fragte sie.

„Und jetzt bin ich ein Gefangener.“, entgegnete er, „Es spielt keine Rolle mehr.“.

Es mochte gefährlich für den Gefangenen sein, seine wahre Identität zu offenbaren und so schwieg Kesaj.

Doch wenn es an der Seite von Netanja eine Möglichkeit gab, die Freiheit zurückzuerobern, dann würde er sie nutzen und Netanja wusste viel.

 

 

Staunend stand Hadassa an den Ufern des Alak-Sees. Die glänzende Wasserfläche nahm den ganzen Horizont ein und die Ufer verloren sich als winzige Striche in der Ferne. Wälder umgaben diesen Saphir des Lebens, doch war es das Wasser, das ihren Blick auf sich lenkte. So viel Wasser, mehr als es in ganz Ikantjey gab. Auch in ihrem Land gab es Flüsse, doch führte der überwiegende Teil von ihnen nur in der Regenzeit Wasser und diese gab es nur alle siebenunddreißig Jahre.

„Es ist das Meer.“, sagte sie völlig überzeugt und blickte zu Alechos und Mendechos zurück. Sie hatte Geschichten über diese endlose Wasserfläche gehört, der unbändigen Kraft, die sich gegen die Klippen warf und Schiffe in die Tiefe zog.

„Nein.“, entgegnete Alechos lächelnd, auch wenn der Schatten der Trauer blieb. „Es ist nur ein See.“. Er tauchte einen Finger in das Wasser. „Es ist Süßwasser, kein Salzwasser.“. Hadassa probierte von dem kühlen Nass und stellte fest, dass er Recht hatte.

„In früheren Zeiten nannte man es das Herz Anthars und in den alten Zeiten verliefen an diesem See die Grenzen der vier Reiche.“.

„Ikantjey, Ciyen, Nor und Varyny.“, murmelte sie. Doch waren diese Zeiten nur ein Gedanke, der nie mehr wahrhaftig werden würde. Ciyen war zerfallen und die Elben verstreut wie Blätter im Wind. Nor war ebenfalls in sechs Einzelstaaten zerfallen und der Staat, der den alten Namen trug, war nur noch ein Abbild verlorener Herrlichkeit. Varyny hatte zwei Drittel seines alten Gebietes verloren und war innerlich zerspalten und schwach, das große Wissen alter Zeiten vergegangen. Und Ikantjey war mächtiger als jemals zuvor, ein gewaltiger Staat auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die alten Zeiten waren endgültig vorbei und es blieb allein die Erinnerung.

Jetzt galt es die neue Zeit zu bewahren und vor dem zu beschützen, dass die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt hatte und einen Sphinx sich nicht hatte auflösen lassen.

 

 

 

Alsras Schritte waren leise und bedacht, als sie sich aus ihren Gemächern schlich. An ihrer Seite lief Yra, die Hündin war ebenso leise wie sie selbst. Die Treppenstufen knarrten leise unter ihren Füßen, doch die große Halle war leer. Nur der Geruch von erkalteter Asche verriet, dass sich hier vor Stunden noch Menschen aufgehalten hatten.

Es war dunkel und jeden Moment befürchtete das Mädchen, dass jemand hinter einen der hölzernen Stützpfeiler hervorspringen würde und ihrer Flucht ein Ende bereiten würde. Endlich erreichte sie das Ende der Halle und das große Tor, in dessen Holz Tiere eingeritzt waren, die Alsra scheinbar dabei beobachteten wie sie den Riegel anhob.

Die kühle Nachtluft schlug ihr schon entgegen und rotes Mondlicht ergoss sich über die Türschwelle, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Die Prinzessin fuhr herum und ihr Herz hämmerte wie verrückt. Warum hatte Yra nicht angeschlagen? Sie verstand es, als sie in Eliesers graue Augen blickte. Ein Lächeln lag auf seinem Mund, doch um seine Augen hatte sich ein dunkler Schatten der Sorge ausgebreitet.

„Ich kann nicht zulassen, dass Artherg dieses Land zerstört. Ich wollte freiwillig zu ihnen gehen, damit sie die Zwillingsreiche in Frieden lassen.“, erklärte sie ihre Flucht.

„Ich weiß.“, antwortete ihr Mann sanft. Er hob ihr Kinn an und blickte ihr in die Augen. „Doch lass dir gesagt sein, dass es nichts ändern würde. Der Krieg ist beschlossen und weder du noch ich können daran etwas ändern.“.

„Wirst du auch in den Krieg ziehen?“, fragte sie.

„Ich weiß es nicht. Mein Vater und mein ältester Bruder werden das Heer anführen, doch ich weiß nicht, wo mein Platz sein wird. Jedoch verspreche ich dir, dass egal was passiert, ich dich beschützen werde.“.

Sie nickte zögernd.

„Und wenn ich dich verliere?“.

„Das wird nicht geschehen.“, beruhigte er sie, doch wussten sie beide, dass es eine Lüge war. Dennoch war sie froh darüber, sie wollte keinen weiteren Verlust ertragen müssen. Sie mochte Elieser, seine Lebensfreude und seine Fürsorge. Doch lieben tat sie ihn nicht, wusste sie noch nicht einmal, was denn Liebe war.

„Pass auf dich auf.“, flehte sie.

„Das werde ich.“, versprach Elieser und lächelte.

Dann beugte er sich herab und schloss sie in die Arme.

Am nächsten Morgen erhielten sie die Nachricht, dass Artherg ihnen den Krieg erklärt hatte und die Truppen zusammenzog.

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