19. Dezember

„Mr. Malfoy?“

Überrascht drehte Draco sich um. Es kam selten vor, dass der Professor, der ihm als Mentor zur Seite gestellt worden war, ihn schon am frühen Morgen vor Schulbeginn ansprach. Eine ungute Vorahnung befiel ihn.

„Ja, Mr. Smith?“

Der ältere Professor schloss zu ihm auf und legte ihm seine Hand auf die Schulter: „Mir kam gestern eine unschöne Sache zu Ohren. Es geht anscheinend das Gerücht um, dass Sie sich ein wenig zu sehr auf Ihre Schülerinnen einlassen.“

Draco atmete tief durch. Wer hätte gedacht, dass ein kleiner Onenightstand solche Wellen schlagen würde? Er hoffte nur, dass sein Gesicht ihn bei der folgenden Lüge nicht verraten würde: „Ich habe mir schon gedacht, dass irgendjemand Sie informieren würde. Mir ist die ganze Sache auch wirklich unangenehm. Miss Bennet scheint meine Freundlichkeit als Zuneigung verstanden zu haben und wurde plötzlich sehr anhänglich. Aber glauben Sie mir, ich kenne die Grenze zwischen mir und meinen Schülern durchaus.“

Verwirrt schaute der andere ihn an: „Miss Bennet? Um die ging es hier doch gar nicht? Mir wurde zumindest der Name Hermine Granger genannt. Und da wir ja alle wissen, dass Sie sich noch aus Schulzeiten kennen …“

Nur entglitten Draco doch seine Gesichtszüge. Die kurze Affäre mit Lydia war unentdeckt geblieben, dafür hatte das Gerücht über seine nicht existente Beziehung zu Hermine die Runde gemacht? So ruhig wie möglich erwiderte er: „Ich dachte, das Gerücht gestern aus der Welt geschafft zu haben. Ja, Hermine Granger und ich sind aus Schulzeiten alte Bekannte, aber ganz gewiss nicht im positiven Sinne. Ja, ich habe mich hin und wieder mit ihr unterhalten, sicher öfter als mit anderen Schülern. Nein, da ist sonst nichts weiter zwischen ihr und mir.“

Der ältere Mann lächelte nachsichtig: „Sie müssen sich nicht so vehement verteidigen, Mr. Malfoy, ich habe keine Sekunde wirklich geglaubt, dass zwischen Ihnen und Miss Granger eine Beziehung existiert. Ich kenne Ihre Vergangenheit, wie ich eben sagte. Ich wollte nur sicherstellen, dass Sie sich bewusst sind, dass dieses Gerücht noch immer existiert. Heute ist der letzte Schultag für diesen Block, bringen Sie den achtsam hinter sich und bis zum nächsten Block wird dies alles vergessen sein.“

Mit einem letzten Klopfen auf seine Schulter verabschiedete Dracos Mentor sich. Er selbst blieb ratlos stehen. Obwohl der Professor freundlich, nachsichtig und verständnisvoll gesprochen hatte, war bei ihm ein unangenehmer Nachgeschmack geblieben. Er hatte das Gefühl, dass ihm gerade durch die Blume gesagt worden war, dass er unter Beobachtung stand. Sollte er Hermine warnen, dass die Lehrer ein Auge mehr auf ihr ruhen hatten? Oder sollte er besser jedes Gespräch mit ihr meiden, um gar nicht erst weiteren Verdacht zu erregen? Es war aber auch einfach lächerlich, was man ihnen da unterstellte. Sicher, er selbst konnte inzwischen vor sich nicht mehr leugnen, dass er gerne einmal ausprobieren würde, was passierte, wenn er Hermine einfach küssen würde. Aber es war immer noch Hermine Granger, von der sie hier sprachen, sie würde sich niemals darauf einlassen. Er kannte Frauen inzwischen gut genug, um zu wissen, wie sie reagierten, wenn sie Interesse an ihm hatten. Und bei Hermine, dessen war er sich sicher, war nichts davon vorhanden.

oOoOoOo

Langsam schlich Hermine auf den Ausgang der Berufsschule zu. Der letzte Tag war zu Ende gegangen, alle Klausuren für diesen Block geschrieben und insgesamt war es eine erfreuliche Erfahrung gewesen, nach über einem Jahr Pause einmal wieder intensiv lernen zu müssen. Trotzdem war sie unzufrieden. Und sie wusste auch, warum. Und der Grund für ihre Unzufriedenheit machte sie nur noch unzufriedener.

Den ganzen Tag über hatte Draco sie ignoriert. Es war nun wirklich nicht so, dass sie sonst sonderlich viel Interaktion gehabt hätten, doch ein kurzes Gespräch hier, egal, wie unfreundlich, hatte es bisher immer gegeben. Und wenn sie ehrlich zu sich war, die letzten Tage hatte sie sich beinahe schon auf jeden Schlagabtausch mit ihm gefreut. Was sie wiederum wütend auf sich selbst werden ließ. Der Elefant, den sie zwischen ihnen sah, existierte offensichtlich nur in ihrer Welt, Draco hingegen schien ebenso unbekümmert und herablassend wie eh und je. Dass sie tatsächlich schlecht gelaunt nach Hause ging, weil sie das Gefühl hatte, dass er sie mied, war beinahe schon peinlich.

„He, Granger!“

Sie erstarrte. Gegen ihren Willen fing ihr Herz an, schneller zu klopfen. Mit einem möglichst neutralen Gesichtsausdruck drehte sie sich zu Draco um, der gerade hinter ihr aus dem Gebäude trat.

„Was gibt es, Malfoy?“, fragte sie so kühl es ihr möglich war: „Ich hatte nicht den Eindruck, dass du heute mit mir sprechen möchtest.“

„Genau deswegen will ich mit dir reden“, erwiderte er rätselhaft: „Eigentlich könnte es mir ja egal sein, aber ich … äh … ich will nicht, dass du denkst, ich sei ein unhöflicher Professor. Jedenfalls … ich habe heute Morgen offiziell mitgeteilt bekommen, dass die übrigen Kollegen aufgrund der Gerüchte über dich und mich … nun, sagen wir, besonders aufmerksam geworden sind. Ich wollte nur verhindern, dem Verdacht irgendeine Nahrung zu geben.“

Hermine spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Der Gedanke, dass andere Menschen es tatsächlich für möglich hielten, dass sie und Draco Malfoy eine Beziehung haben könnten, war befremdlich und begrüßenswert zugleich. Sie musste schlucken, ehe sie entgegnen konnte: „Naja, das Ganze ist so lächerlich, dass sich das schon von alleine legen wird. Bis zum nächsten Schulblock ist die Sache sicher vergessen.“

„So sehe ich das auch“, stimmte er ihr zu. Betreten schaute Hermine zu Boden. Sollte sie noch irgendetwas sagen oder war es besser, dass jeder jetzt einfach seiner Wege ging? Sie hatte einfach zu wenig Erfahrung im Umgang mit Männern, die nicht gute Freunde waren, als dass sie gewusst hätte, was angemessen gewesen wäre. Fakt war – so ungerne sie das auch vor sich selbst zugab –, der Gedanke, Draco jetzt wochenlang nicht mehr zu sehen, war definitiv nicht erfreulich. Sollte sie es riskieren?

So beiläufig wie möglich sagte sie: „Ich hatte überlegt, morgen schon einige Bücher für den zweiten Unterrichtsblock zu holen. Falls das nicht zu viel verlangt ist, wäre es möglich, dass du mir dabei behilflich bist? Du kennst sicher deinen eigenen Lehrplan schon und ich würde gerne vorarbeiten. Oder wäre das unerlaubte Hilfeleistung?“

Mit angehaltenem Atem starrte Hermine auf ihre Zehenspitzen. Das war nun wirklich keine Einladung zu einem Date, es war eine ganz harmlose und vor allem berechtigte Frage einer Schülerin an ihren Professor. Warum antwortete er nicht? Was musste er so lange überlegen? Gerade, als sie die Frage zurückziehen wollte, regte Draco sich: „Ich denke, dass das in Ordnung ist. Ich hole dich morgen zum Mittagessen an deiner Wohnung ab, einverstanden?“

Mit großen Augen nickte Hermine. Mittagessen? Das war definitiv unerwartet.

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