19. Vierzehn

Damit seine Mutter nichts von seinem heftigen Weinkrampf mitbekam, zog Toni es vor, weiterhin aus der Heckscheibe zu schauen, auch, wenn er sich dafür wegen des Anschnallgurts ziemlich verrenken musste.

Sein Blick klammerte sich an der Burg fest, so lange sie noch zu sehen war und als sie verschwunden war an dem hohen Turm, dessen Anblick sie noch eine ganze Weile begleitete. Er spürte das unglaubliche Bedürfnis, einfach aus dem fahrenden Auto zu springen und zurückzulaufen und so lange er noch ein Stück der Burg sah, erschien es ihm so möglich, dass sein Herz heftig anfing zu klopfen und seine Hand sich ohne sein Zutun um den Türgriff klammerte.

Dann fuhren sie auf die Autobahn und es verschwand auch der Turm und Toni wurde klar, dass er natürlich nicht einfach zurückgehen konnte. Diese zwei Wochen, gegen die er sich am Anfang so gesträubt hatte und die jetzt eigentlich nie hätten zuende gehen dürfen, waren vorbei und sie würden nie wieder kommen. Bei diesem Gedanken fühlte er sich, als habe ihm grade jemand das Herz herausgerissen. Was natürlich dafür sorgte, dass er nicht aufhören konnte, zu weinen. Er biss sich auf die Lippe, um das Schluchzen, das sich ihm mit aller Macht aufdrängte, zu unterdrücken. Seine Mutter durfte absolut nicht mitbekommen, wie elend er sich grade fühlte.  Sie hätte ihn dann gefragt, was los wäre und eigentlich hätte er sich dann irgendeine Ausrede einfallen lassen müssen, weil sie sich von einem ,Ich will nicht darüber reden' oder einer ähnlichen Formulierung noch nie von weiteren Fragen hatte abhalten lassen.

Im Gegenteil, Toni hatte festgestellt, dass solche Sätze ihre Neugierde eigentlich nur noch mehr anstachelte und sie ihn dann gar nicht mehr in Ruhe ließ.

Und er wollte doch grade nichts anderes, als in Ruhe gelassen zu werden. Er wollte sich an irgendeinen dunklen Ort verkrichen, wo man nichts sehen und hören musste und dann wollte er da einfach nur liegen, in der Hoffnung, dass es ihm irgendwann besser ging.

Aber er war an keinem dunklen Ort, an dem er seine Ruhe hatte. Im Gegenteil, die Sonne schien mit aller Macht vom wolkenlos blauen Himmel direkt in sein Fenster hinein, sodass er die Augen zusammenkneifen musste, das Autoradio plärrte irgendwelche Nachrichten und neben ihnen drückte ein anderer Fahrer entnervt zweimal auf seine Hupe. Und dann drehte sich auch noch Tonis Mutter zu ihm um und er hatte keine Möglichkeit, sich eben noch die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, damit es nicht mehr ganz so offensichtlich war, dass er geweint hatte.  Also stellte er sich schon einmal auf nervige Fragen ein, auf die er keine ausweichenden Antworten wusste.

Sie lächelte ihn an: "Es tut mir Leid, dass wir grade so schnell losmussten, aber wir sind auf dem Hinweg eine Stunde im Stau gestanden, deswegen hatten wir jetzt etwas Zeitdruck. Aber du  hast doch bestimmt Hunger, wie wäre es, wenn wir zur nächsten Raststätte fahren und da eine Kleinigkeit essen? Mittagessen gibt es dann bei den Hofmanns."

Bei dem Gedanken an Essen zog sich alles in Toni zusammen. Er wollte nichts essen, am liebsten nie wieder. Aber wenn er das jetzt sagte, dann wären die Fragen, die bis jetzt wundersamerweise ausgeblieben waren, wirklich gekommen. Natürlich hätte er auch sagen können, dass er nichts essen wollte, weil er bei Gregor schon was gegessen hatte. Aber ganze Sätze zu bilden oder Gregors Namen zu benutzen, das ging einfach nicht. Deswegen sah er seine Mutter nur stumm an und nickte.

"Alles klar," sagte seine Mutter, bedachte ihn noch einmal mit einem liebevollen Lächeln und drehte sich wieder um.

An jedem anderen Tag wäre Toni ihr Verhalten absolut seltsam vorgekommen. Aber nicht heute. Heute hatte er andere Dinge, mit denen sich seine Gedanken beschäftigten. Wobei eigentlich waren es keine Dinge. Es war nur Gregor. Wie er redete, wie er lachte, wie er heute morgen ausgesehen hatte...

Er vergaß alles um sich herum, sah und hörte nichts mehr, während er seinen Kopf gegen die Autotür gelehnt hatte und blicklos aus dem Fenster starrte. In seinem kleinen Gedankekino wurden die letzten zwei Wochen noch einmal abgespielt und der Ruck, mit dem er da herausgerissen wurde, als seine Mutter die Tür öffnete, war beinah schmerzhaft.

"Da sind wir," rief sie gutgelaunt und hielt ihm die Hand hin. Toni schnallte sich ab und ließ sich von ihr aus dem Auto ziehen. Die anderen Leute auf der Raststätte, das Dröhnen der Motoren, das alles nahm er wie durch eine Blase wahr, während er hinter Peter und seiner Mutter zu dem Laden der Tankstelle trottete. Er schlenderte zwischen den Regalen herum, fand aber nichts, was ihn auch nur annährend interessierte.
Selbst die abgepackten Sandwiches, die er sonst tonnenweise hätte essen können, sorgten nicht dafür, dass er sich hungrig fühlte. Aber er nahm dann schließlich doch eins, weil es am wenigsten verdächtig wirkte.

Aber als sie weiterfuhren, saß er wieder da, starrte aus dem Fenster und hielt das immer noch verpackte Sandwich in der Hand. Und es war auch noch verpackt, als sie schließlich zwei Stunden später bei den Hofmanns ankamen.

Toni hatte keine Lust auf diese Leute. Er hatte keine Lust am Tisch zu sitzen, während sich um ihn herum alle unterhielten und erwartet wurde, dass er etwas aß. Er konnte aber einfach nicht, sondern stocherte nur auf dem Teller herum, um den Anschein zu erwecken, als würde er essen und war erleichtert, als er endlich vom Tisch aufstehen konnte.

Aber dann waren da ja noch Jana und Laura, die Zwillinge, die ihn danach nicht in Ruhe ließen, sondern ihm stolz ihre Pokale zeigten, die sie bei Tennistunieren gewonnen hatten, ihn mit Fotos von diesen Tunieren bedrängten und von beiden Seiten auf ihn einredeten, wobei jede versuchte, den Anschein zu erwecken, dass sie die bessere war.

Irgendwann konnte Toni nicht mehr. Wenn er noch eine Sekunde hierbleiben würde, dann würde er ausrasten, ohne Rücksicht auf Verluste. Deswegen gab er irgendwann vor, aufs Klo zu müssen, ging in den Flur, wo Peters Jacke an der Gaderobe hing und holte den Autoschlüssel aus der Tasche. Er schlich am Wohnzimmer vorbei, wo die Hofmanns und Peter und seine Mutter aber so ins Gespräch vertieft waren, dass er eigentlich gar nicht hätte schleichen müssen, aber es war trotzdem besser, vorsichtig zu sein. Deswegen schloß Toni die Haustür auch ganz leise hinter sich.

Dann lief er zum Auto, das auf der anderen Straßenseite stand und kroch auf die Rückbank. Dort rollte er sich zu einem Ball zusammen, vergrub das Gesicht in den Armen und konnte seinem Schmerz endlich freien Lauf lassen. Er weinte so heftig, dass er zitterte und das Polster unter ihm ganz nass wurde.

Obwohl er sich noch nie vorher in seinem Leben so elend gefühlt hatte, kam er schließlich zu einem Punkt, an dem er nicht mehr weinen konnte. Es kamen einfach keine Tränen mehr. Also lag er nur da und starrte in die Dunkelheit. Dass er schließlich einschlief, bekam er gar nicht mit. Das Geräusch der Autotür weckte ihn wieder. Er fuhr hoch und blickte direkt in Peters wütendes Gesicht.

"Also wirklich..." fing er an und in diesem Moment vergaß Toni für einen kurzen Moment seine Trauer und straffte die Schultern. Egal, was Peter jetzt sagen würde, er würde es nicht schweigend hinnehmen.

Aber da legte sich eine Hand auf seinen Arm und dann erschien das Gesicht seiner Mutter. Und sie lächelte. "Wie praktisch, dass du schon im Auto bist," meinte sie. "Dann können wir ja jetzt gleich losfahren."

"Aber Sonja..." stammelte Peter, aber wieder ließ sie ihn nicht ausreden: "Ja, Urlaub kann eben auch verdammt anstrengend sein. Also komm, es sind noch fast drei Stunden bis nach Hause und Toni gehört ja allem Anschein nach ins Bett."

Es war zwar nicht schön, wieder Zuhause zu sein, aber Toni war trotzdem erleichtert, als er endlich die Tür seines Zimmers hinter sich schließen und ins Bett kriechen konnte. Er war nicht müde, aber hier hatte er endlich das, was er die ganze Zeit hatte haben wollen: Ruhe, Dunkelheit und Einsamkeit. Er griff unter sein Kissen und zog seinen alten Stoffhund hervor.

Niemand durfte jemals von diesem Stofftier erfahren und Toni brauchte ihn auch nicht mehr so, wie er in früher gebraucht hatte, aber in solchen Momenten wie jetzt war es gut, dass er da war. Er spielte gedankenverloren mit den langen Schlappohren während er an die Wand starrte und sich fragte, was Gregor jetzt machte. Bestimmt saß er in seinem Zimmer und spielte auf der Konsole, genau, wie sie es gestern gemacht hatten. Oder vielleicht ging es ihm ja genau so schlecht wie Toni und er lag im Bett auf dem Dachboden. Und vielleicht dachte er ja auch grade an ihn,

Wieder spürte Toni einen Kloß im Hals aber jetzt war es ja kein Probleim, seinen Tränen einfach freien Lauf zu lassen.

Zurück zu sein fühlte sich absolut nicht gut an. Es war irgendwie zu eng geworden und zu gewöhnlich. Alles war da, wo es hingehörte und es gab keine Überraschungen, keine verstecken Ecken hinter irgendeiner Mauer, die Toni ohne Gregor niemals selbst gefunden hätte. Kein Erforschen von irgendwelchen Räumen, die vollgestellt waren mit altem Kram. Wenn er irgendeine Tür öffnete, dann war dahinter genau das, was er erwartete hatte und nicht irgendein anderer Raum oder ein Flur.

Es gab keine riesigen Wälder durch die man streifen konnte, kein Klettern, keinen Schotterweg. Kein Stimmengewirr, das Toni morgens aus dem Schlaf riß und vorallem keinen Gregor. Die ersten Tage waren grau und farblos und langweilig. Toni, der nicht mehr still sitzen konnte, streifte ein wenig durch die Gegend, ohne ein bestimmtes Ziel, aber da er hier groß geworden war, kannte er alles wie seine Westentasche. Aber das war besser, als im Zimmer zu sitzen.

Max und Lydia waren noch eine weitere Woche im Urlaub, aber als Toni mit sich und diesem Schmerz, den er die ganze Zeit mit sich herumtrug, nicht mehr alleine sein konnte, ging er auf den Spielplatz im Park, wo einige Leute von seiner Schule herumhingen. Toni gesellte sich zu ihnen, auch, wenn es nicht besonders spaßig war. Aber es würde sowieso nie wieder spaßig werden, weil Gregor ja nicht hier war.

Jetzt, wo Tonis Kummer zu dem dumpf pochenden Schmerz in seiner Brust zusammengeschrumpft war, konnte er sich auch über das komische Verhalten seiner Mutter wundern. Sie behandelte ihn wie ein rohes Ei, schimpfte nicht mehr, umarmte ihn häufiger und wenn ihr sein Herumgehänge auf die Nerven ging und sie ihm irgendwelche Aktivitäten vorschlug wie Museumsbesuche oder Bootsfahrten tat sie das stets mit liebevoller Stimme ohne ihn zu irgendetwas zu drängen.

Die Lösung des Rätsels fand er dann, als er am Freitag, der genau so langweilig und farblos war, wie die Tage davor, abends nach Hause kam, und auf seinem Kopfkissen ein Buch lag. Das war eigentlich nichts Ungewöhnliches wenn auch nichts, das regelmäßig vorkam. Aber seine Mutter schenkte ihm gerne einmal Bücher und äußerte sich auch hin und wieder wohlwollend darüber, dass er so viel las.

Aber dieses Buch war anders und als er den Titel auf dem bunt bedruckten Einband las wurde ihm plötzlich schwindelig. ,Schwul- und jetzt? Ein kleiner Ratgeber' schrien ihm die riesigen Buchstaben entgegen und er fühlte sich plötzlich, als habe man einen Eimer eiskaltes Wasser über ihm ausgeleert. Er starrte die sechs Buchstaben an und ihm wurde klar, dass das ganz genau das beschrieb, was Gregor und er miteinander gemacht hatten.

Diese Erkenntnis ließ ihm die Knie weich werden und er trat vom Bett zurück, um sich auf den Schreibtischstuhl zu setzen. Das zwischen Gregor und ihm, das hatte er nie im Lichte dieser sechs Buchstaben gesehen. Es war einfach immer nur komisch gewesen, dass er so für Gregor gefühlt hatte, weil er eben kein Mädchen war.

Aber von jetzt auf gleich war alles anders geworden. Toni konnte sich noch deutlich erinnern, wie Max einmal jemanden, den er absolut nicht leiden konnte, als schwule Sau bezeichnet hatte. Und nach diesem Vorfall fielen ihm noch eine ganze Reihe mehr ein. Und er wollte absolut nicht, dass ihm auch so etwas passierte!

Er schluckte einmal hart und erinnerte sich an Nadjas komischen Blick, mit dem sie Gregor und ihn angesehen hatte und dann hatte sie es seiner Mutter erzählt und die war deswegen die ganze Zeit so komisch gewesen. Und jetzt hatte sie ihm auch noch so ein Buch geschenkt.

Toni spürte, wie das Blut ihm heiß ins Gesicht stieg. Mit einem Schlag war der dumpfe Schmerz verschwunden und jetzt war das zwischen Gregor und ihm einfach nur noch etwas unglaublich Unangenehmes, das er sofort vergessen wollte.

Die ersten Tage zuhause hatte er sich gefragt, wieso er und Gregor nicht Telefonnummern oder Adressen ausgetauscht hatten, dann hätten sie vielleicht telefonieren oder sich zumindest Nachrichten schreiben können. Er hatte auch eine ganze Weile überlegt, das nachzuholen und irgendwie über Kamilla oder Thorsten Gegors Daten herauszubekommen. Aber der Gedanke an Nadja und die Tatsache, dass ihm kein vernünftiger Plan eingefallen war, sie sicher zu umgehen, hatten dem bis zum heutigen Tag im Weg gestanden. Aber jetzt war Toni heilfroh, dass es nicht dazu gekommen war.

Vordergründig hatte er also mit Gregor und seinen Erinnerungen an ihn abgeschlossen. Aber da war immer noch eine Stelle in ihm, die ihn daran erinnerte, wie unglaublich und richtig sich das alles angefühlt hatte und die er nicht verdrängen konnte.

Das einzig Richtige wäre jetzt natürlich gewesen, zu seiner Mutter zu gehen, sie wegen des Buches zur Rede zu stellen und dann gleich klar zu machen, dass er definitiv nicht schwul war und Nadja nur Unsinn erzählt hatte. Aber Toni konnte es nicht. Nie im Leben hätte er das Wort über die Lippen gebracht. Oder sich einer solchen Situation ausgesetzt. Stattdessen stand er auf und nahm das Buch mit spitzen Fingern hoch. Für einen Moment stand er vor dem Papierkorb und wollte es hineinwerfen, aber es ging nicht. Wenn seine Mutter das gesehen hätte, dann wäre er doch in diese furchtbare Situation gekommen.

Stattdessen stieg Toni auf den Schreibtischstuhl und schob es ins oberste Fach seines Bücherregals.

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