1996- Brotherhood

Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt, der soll mein Bruder sein.

                                                                                                          - William Shakespeare


Die Grashalme wogen sich im Wind und vollführten einen wilden, eigenartigen Tanz, während Blätter von den Ästen gerissen wurden und durch die lauwarme Luft wirbelten. Ein rothaariger, schmächtiger Junge stand auf der Veranda eines Bungalows und schaute dabei zu, wie sich der Tag langsam dem Ende neigte. Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf sein Gesicht und wärmten seine Haut. Er steckte die Hände in die Taschen seiner ausgeblichenen und an den Knien zerrissenen Jeans und genoss die Stille.

Nur, wenn er draußen war, konnte der Zwölfjährige sich konzentrieren und seine Gedanken treiben lassen. Drinnen, in dem baufälligen Bungalow, den er sein Zuhause nannte, herrschte das reinste Chaos, von morgens bis abends.

Michael Suffert, der von allen nur Mickey gerufen wurde, war das drittälteste Kind von sechs. Seine Eltern waren nach seiner Geburt von Wexford, einer Stadt im Südosten Irlands, nach Boston in Massachusetts ausgewandert und hatten sich im irischen Arbeiterviertel niedergelassen. Sein Vater Barry verdiente sein Geld als Metallbauer und war nur selten zu Hause. Seine Mutter Doreen kümmerte sich unterdessen um die Kinderschar, die ununterbrochen brüllte und weinte. Besonders die drei jüngsten Kinder, die allesamt unter zehn waren, verlangten ihre volle Aufmerksamkeit.

Mickey wurde daher häufig links liegen gelassen und musste sehen, wie er zurecht kam. Sein einziger Halt in diesem Geflecht aus Vernachlässigung und Ignoranz war sein großer Bruder Sean. Mit ihm spielte er Fußball, alberte herum und zog bis spät in die Nacht um die Häuser. Sie beide trennten zwar sechs Jahre, doch Sean behandelte Mickey wie einen Gleichaltrigen; sie waren auf Augenhöhe. Er versuchte ihn nicht zu bevormunden oder zu disziplinieren. Er machte ihm keine Vorschriften, ganz im Gegenteil, dank ihm hatte er bereits erste Erfahrungen mit Alkohol und Drogen gemacht, einige erfolgreiche Diebstähle hinter sich und gelernt, wie man sich schlug. Sein Bruder war sein Vorbild, vor ihm hatte er Respekt. Für Mickey war Sean seine eigentliche Familie, die ihn liebte und sich um ihn kümmerte. Er war dabei in die Fußstapfen seines kriminellen Bruders zu treten und dies erfüllte ihn mit Stolz.

Seine übrigen Geschwister interessierten ihn dagegen wenig. Loreena, die Erstgeborene, wohnte noch immer bei ihnen, obwohl sie bereits 22 war. Das lag daran, dass sie keinen Job hatte. Kein Wunder, bei so einem miserablen Abschluss, wie seine Mutter zu sagen pflegte. Also hing sie im Haus herum oder traf sich mit irgendwelchen Typen, für die sie auf den Rücksitzen ihrer Autos die Beine breit machte. Die drei Jüngsten, Liam, Kelly und Ryan, nervten nur und trieben ihn in den Wahnsinn. Es sah sie als nutzlos und störend an, als seien sie nur auf dieser Welt, um Mickeys Leben noch elender zu machen…

Hinter ihm hörte er die knarzende Fliegengittertür, die bereits seit Jahren schief in den Angeln hing, aber bisher nie repariert worden war. Ein ernüchterndes Lächeln legte sich auf seine Lippen. Diese Tür war das Symbol für die ärmlichen Verhältnisse, in denen die Familie hauste.

Mickey konnte nicht verstehen, wieso seine Eltern sechs Kinder gezeugt hatten, wenn sie diese nicht einmal vernünftig ernähren konnten. Vielleicht lag des Rätsels Lösung in der Religion. Seine Eltern waren Katholiken und nahmen die Bevölkerung der Erde wohl sehr ernst. Er hingegen konnte Gott, der Bibel und dem ganzen anderen Kram nichts abgewinnen. Der Zwölfjährige glaubte nicht an Gott; an keine höhere Macht, die Einfluss auf das Leben der Menschen nahm. Leute, die alles nach ihrem Glauben ausrichteten, waren in seinen Augen gehirnamputierte Sklaven der Kirche.

Er war der Überzeugung, dass jeder sein Leben in die eigene Hand nehmen und in die Bahnen lenken konnte, die er wollte. Dazu brauchte man bloß einen starken Willen, Durchsetzungsvermögen und Ausdauer. Man kann sich nur auf sich selbst verlassen und nicht auf Andere, besonders nicht auf Gott.

Hier bist du“, drang die monotone Stimme seines großen Bruders an seine Ohren und unterbrach seine Gedanken. Augenblicklich strahlte der Rothaarige über das ganze Gesicht, denn wenn Sean da war, dann vergaß er sein beschissenes Leben in Armut und war einfach glücklich.

„Suchst wieder Ruhe, hm?“ Sean wusste natürlich von seinem Drang, den Bungalow so oft wie möglich zu verlassen, um den restlichen Mitgliedern seiner Familie aus dem Weg zu gehen.

„Da drinnen hält man es nicht aus“, murrte er und zeigte demonstrativ auf das heruntergekommene Gebäude. „Bei diesem nervigen Geschrei könnte ich kotzen.“ Mickeys Laune war auf dem Tiefpunkt, aber Sean hatte so seine Art ihn aufzumuntern. Brüderlich legte er seinen linken Arm um seine schmalen Schultern, zog ihn an sich und wuschelte ihm durchs rote Haar.

„Ich weiß genau, was wir dagegen tun, kleiner Bruder. Lass uns irgendwas Lustiges machen“, flüstere er ihm düster zu. In Mickeys Fingern begann es zu kribbeln, denn das Wort Lustig benutzte er immer für illegale oder gefährliche Ideen, von denen tausende in seinem Kopf herumspukten.

„Du kennst doch den Hund von unserem Nachbarn, oder?“, fragte er und wartete auf das eifrige Nicken Mickeys. „Der Köter ist uralt und grottenhässlich, wie der klapprige Patterson“, gackerte er und schien sich in diesem Moment den Hund vor seinem inneren Auge vorzustellen. „So eine Kreatur hat es nicht verdient zu leben, meinst du nicht?“

Sein Blick wurde mit einem mal starr und eiskalt. Die Muskeln in seinem langen Gesicht spannten sich an und gaben ihm einen aggressiven und verbissenen Ausdruck. In diesem Moment spürte Mickey Suffert, dass sich etwas in ihm regte, was anscheinend schon immer in ihm geschlummert hatte.

Er hatte für seine zwölf Jahre bereits eine Menge auf dem Kerbholz, doch einem Lebewesen das Leben zu nehmen war bei seinen Taten bisher noch nicht dabei gewesen. Dementsprechend erfasste ihn eine Welle der Aufregung und Vorfreude, denn schon lange wartete er auf die Möglichkeit das erste Mal zu töten.

Sean bemerkte das intensive Glühen seiner grünen Augen und das leichte Zittern seines hageren, kleinen Körpers.

„Das wird ein Erlebnis, Mickey, das du niemals vergisst“, prophezeite er und löste den Griff um seine Schultern.

„Hast du das schon mal gemacht?“, fragte er seinen Bruder mit großen Augen.

„Na klar.“

„Und wie ist das?“ Seine Bewunderung für ihn wuchs jede Sekunde.

„Es gibt nichts Besseres, als ein Leben auszulöschen“, geriet er begeistert ins Schwärmen. „Das Blut, die Schmerzen und der letzte Atemzug…“ Er leckte sich begierig die Lippen und bekam eine Gänsehaut. Mickey konnte es kaum erwarten selbst dieses überwältigende und unbeschreibliche Gefühl in sich zu spüren.

„Hast du auch schon einen…einen Menschen umgebracht?“ Er schämte sich dafür, dass er ein leichtes Zittern seiner Stimme nicht verhindern konnte.

„Nein“, brummte er verstimmt und ging gar nicht auf Mickeys Verunsicherung ein. „Aber irgendwann wird es soweit sein. Irgendwann schlitze ich einem die Kehle auf.“ Sean fantasierte und war in seiner ganz eigenen Welt. Mickey beobachtete ihn, während seine Miene sich deutlich erhellte und er den Kopf schüttelte, als wolle er seinen Verstand klären.

„Vergessen wir das, Kleiner. Heute ist heute und morgen ist morgen.“ Sein Bruder schmunzelte.

„Und heute wird erstmal der Köter gekillt.“ Der Rothaarige schmunzelte ebenfalls. Er konnte es kaum noch erwarten.

„Dafür brauchen wir noch was. Warte hier.“ Sean eilte plötzlich hinter den Bungalow und verschwand aus seinem Sichtfeld, nur, um wenige Augenblicke später wieder aufzutauchen. In der rechten Hand hatte er das Jagdgewehr ihres Vaters, das er ungesichert in einem Schuppen in ihrem Garten aufbewahrte. Sean grinste wie ein Honigkuchenpferd, als er bei ihm ankam.

„Jetzt kann´s los gehen.“ Geschickt hob er das Gewehr, presste es fest gegen seine rechte Schulter und visierte einen verkümmerten Baum in zwanzig Meter Entfernung an.

„Ist das Ding geladen?“, wollte Mickey wissen, während er sich versuchte einprägte, wie man solch eine Waffe richtig zu halten hatte.

„Sicher. Dad hat immer Patronen drin, falls mal ein Junkie auf die Idee kommen sollte unser erbärmliches Zuhause auszurauben“, spottete er sarkastisch, bevor er das Gewehr senkte und breit lächelte. „Dad ist paranoid, aber das brauche ich dir ja nicht zu sagen.“ Sein Bruder zwinkerte ihm vielsagend zu, dann brach er in schallendes Gelächter aus.

Ja, ihr Vater war ein Mann, der glaubte, dass das Böse hinter jeder Ecke lauerte. Dumm nur, dass das Böse unter seinem Dach lebte, denn es hatte seine Söhne infiziert, was er nicht sehen konnte oder wollte.

„Der Wichser will alles kontrollieren, merkt dabei aber nicht, wie lächerlich er ist.“ Sean fuhr sich durch das struppige, schmutzig braune Haar, das er hinter lang, bis in den Nacken trug, und das an den Seiten komplett abrasiert war. Seine Frisur war eins seiner Markenzeichen, das ihm sein wildes, unbezähmbares Aussehen gab, um das Mickey ihn beneidete. Zwar waren seine Beine sichtbar kürzer, als sein Oberkörper (der mit zahlreichen Tattoos übersäht war), was merkwürdig aussah, aber daraus machte sich Sean nichts. Mickey wollte, er sei auch so cool und selbstsicher und wüsste, welche Art Mann mal aus ihm werden würde. In diesem Punkt beneidete er seinen Bruder, der über mehr Erfahrung verfügte und seinen Platz im Leben bereits kannte, den der Zwölfjährige noch verzweifelt suchte. Doch Seans Weg, den er eingeschlagen hatte, erschien ihm als der richtige, an dem er sich orientierte und der lohnenswert war ihm nachzueifern.

„Lassen wir das“, meinte Sean und trat an den Zaun, der ihr Grundstück von dem von Mr. Patterson trennte. „Wir haben noch etwas zu erledigen, also sieh nach, ob der Köter im Garten ist.“ Der Rothaarige folgte dem Befehl seines Bruders und lugte neugierig durch einen daumenbreiten Spalt im verrotteten Zaun, dessen Farbe im Laufe der Jahre abgeblättert war. Es brauchte nicht lange, bis er das alte, kranke Tier entdeckte. Der Beagle, mit dem ergrauten und zerzausten Fell, hatte ein lahmes Hinterbein, eine kaputte Hüfte und war fast blind. Tapsend und mühsam drehte er seine Runden im ungepflegten Garten seines Besitzers. Seine Nase bewegte sich dabei nahe am Gras, da sein Geruchssinn ihm die Orientierung erleichterte.

Minutenlang hing sein Blick an dem Hund, bis Sean ihn grob an der rechten Schulter fasste und vom Zaun wegzog.

„Und? Hast du ihn gesehen?“ Obwohl Mickey Ja sagte, überzeugte er sich selbst und guckte ebenfalls durch den Spalt.

„Da ist ja der abartige Köter“, quetschte er heraus und zog seinen Kopf zurück. „Der wird heute sein blaues Wunder erleben.“ Mickey Suffert sah dabei zu, wie sein Bruder das Gewehr schulterte und den Zaun entlang marschierte. Sogleich nahm er die Beine in die Hand und eilte Sean hinterher. Mickey war vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen, die ihn in andere Sphären hoben. Er befand sich in einer anderen, wunderbaren Welt, die die Realität verblassen ließ.

Die Brüder schritten auf das Grundstück des Rentners, der zu dieser Uhrzeit seinen Mittagsschlag hielt. Sie hatten nichts zu fürchten vor diesem gebrechlichen, durch die Arbeit in Sägewerken stark gehörgeschädigten Mann, der sich ohne seinen Rollator kaum fortbewegen konnte. Auch wenn er sie auf seinem Grund und Boden erwischte, würde er sie nicht aufhalten können.

Die Beiden wagten sich weiter vor, bis Sean ihn mit einer Geste zum Stehen brachte. Mit seinen schlammgrünen Augen fixierte er den Beagle, der plötzlich stehen geblieben war und aufgeregt in die Luft schnüffelte. Anscheinend hatte er ihre Anwesenheit bemerkt.

„Was jetzt, Sean?“ Fragend sah er zu ihm hoch.

„Weißt du, ich hab schon oft Tiere abgeknallt, Mickey. Ich kann dadurch verdammt gut schießen und deshalb ist heute…“, er übergab das schwere Gewehr seinem kleinen Bruder, in dessen Händen die Waffe riesengroß wirkte. „…dein Tag.“ Der Zwölfjährige war fasziniert und beeindruckt von Seans unerschütterlichen Glauben an sich und sein Können. Und natürlich war da noch das Gewehr…

Diese wunderschöne Waffe fühlte sich auf seiner Haut angenehm, ja fast vertraut an, als seien seine Hände dazu bestimmt zu töten. Es war pure Magie.

„Also zeig, was in dir steckt, Michael Suffert. Mach mich stolz!“

Beflügelt von den aufbauenden Worten seines Bruders zögerte er keine Sekunde. Beherzt setzte er das Gewehr an, wie er es bei Sean gesehen hatte und nahm sein Ziel ins Auge.

Mickey war die ganze Zeit über vollkommen ruhig. Er nahm einen festen, sicheren Stand ein, weil er bei der Größe des Gewehrs mit einem heftigen Rückstoss rechnete. Es war wichtig, dass er stark blieb und sich auf seine Aufgabe konzentrierte. Nichts würde ihn daran hindern Sean zu demonstrieren, wozu er in seinen jungen Jahren fähig war.

Er gönnte sich einen tiefen Atemzug, dann ging er noch einmal sicher, dass er den Hund in jedem Fall treffen würde und drückte kaltblütig ab. Es war ein kurzes, schmerzhaftes Jaulen zu hören, ehe unter einem lauten Knall der Schädel explodierte, als habe der Beagle plötzlich eine Granate verschluckt. Ein unfassbarer Blutschwall spritzte ins hohe Gras und in ein Beet aus Geranien.

„WOHOO!“, grölte Sean und warf euphorisch die Arme in die Luft. „Man, das ist der Wahnsinn.“ Wie ein verspieltes Kind sprang er freudig um ihn herum und lachte ausgelassen, während er das Gewehr langsam senkte und den leblosen Hund anstarrte.  

„Du hast es echt drauf, kleiner Bruder“, lobte er ihn, was Mickeys Herz in seiner Brust auf und ab springen ließ und emotional deutlich mehr in ihm auslöste, als das Erschießen des Nachbarhundes. Dessen Tod ließ ihn völlig kalt.

„Verdammt, du bist ein Naturtalent.“ Er klatschte in die Hände, bevor er Mickey auf die Schulter klopfte. Dieser war wie elektrisiert von Seans Anerkennung, der Macht verleihenden Waffe in seinen Händen und der Gewissheit, endlich getötet zu haben.

Während er gar nicht wusste wohin mit diesen vielen neuen Eindrücken, näherte sich Sean den Überresten des Hundes. Er umrundete den Körper (von dem Kopf war nichts mehr übrig), bevor er in die Hocke ging und Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand ins frische Blut tauchte. Wie gebannt starrte er auf die tiefrote Flüssigkeit, die sein Handgelenk entlanglief.

Sekunden verharrte er in dieser Position, bis er sich erhob und ihm gegenüber stellte. Wortlos strich er das noch warme Blut auf seine Wangen. Mickey Suffert fühlte sich plötzlich wie ein Krieger, der erfolgreich in seiner ersten Schlacht gekämpft hatte. Stolz und Macht überwältigten ihn und der fabelhafte Duft des Blutes machte ihn ganz schwummrig. Die Welt schien sich einzig und allein um ihn und seinen Bruder zu drehen. Der Rest verschwamm vor seinen grünen Augen und war nicht mehr existent.

„Jetzt trägst du das unverkennbare Zeichen für deine Stärke und deinen Erfolg“, erklärte Sean ihm ernst und strich sich dabei ebenfalls das Blut des Beagles ins Gesicht.

„Jetzt gehörst du zum Kreis der Mörder, wie ich.“ Er streckte seine Arme aus und legte sie auf Mickeys Schultern.

„Vielleicht bist du sogar der erste von uns, der einen Menschen umlegt“, schloss er an. Mickey Suffert nickte zustimmend. In ihm loderte ein Feuer, das er nicht kannte, doch ihm war klar, das es von nun an ein Teil von ihm war. Dieses Feuer war das Symbol seines Lebensweges; seiner zukünftigen Bestimmung: das Töten. Es gab ihm alles, wonach er sich sehnte und was er brauchte.

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