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Später überquerten sie einen Wassergraben und ritten in den Hof des befestigten Gutes ein, in dem sie Quartier genommen hatten. Knechte kamen, um ihnen die Pferde abzunehmen, und sie stiegen aus dem Sattel. Ein Diener bat sie herein, führte sie in das Wohngemach über der Halle und nahm ihnen die feuchten Mäntel ab.
In einem hochlehnigen Stuhl in der Nähe des Kamins saß eine Frau; ihre schlanken Hände ruhten auf der Stickarbeit in ihrem Schoß, die, wie es Rafael schien, seit dem Morgen nicht vorangekommen war. Sie nahm keine Notiz von den Ankömmlingen, auch nicht, als Roana sich vor ihrem Stuhl auf die Fersen hockte und ihre Hände nahm.
»Gwen?« Behutsam drückte sie ihre Lippen auf Gwenfrewis Handrücken. »Wir sind zurück, siehst du? Wie ich es dir versprochen habe.«
Die Angesprochene schwieg beharrlich. »Du könntest mich wenigstens ansehen, wenn ich mit dir rede«, sagte Roana und nahm die Unterlippe zwischen die Zähne.
Die Hausherrin und ihre Tochter hatten ihren Stickrahmen ans Fenster gerückt, um das wenige trübe Licht zu nutzen, das hereinfiel. Jetzt steckte Matilda die Nadel in den Stoff und lud ihre Gäste mit einem Wink ein, am Tisch Platz zu nehmen. »Isabella, schick nach Wein«, wies sie ihre Tochter an. Das Mädchen stand bereitwillig auf und ging zur Tür.
Die Hausherrin faltete die Hände im Schoß und sah Rafael erwartungsvoll an. »Wie kommt es, dass Gwens Tochter nicht bei Euch ist?«, fragte sie. »Waren wir nicht übereingekommen, dass Ihr sie herbringt?«
Rafael hob die Schultern. »Es ging nicht.«
Verwundert zog Matilda eine Braue in die Höhe. »Wie bitte?«
Roana ließ Gwenfrewis Hände fahren. »Man hat uns den Zutritt zum Kloster verweigert.«
Der Stuhl der Hausherrin fuhr polternd zurück. »Mein Herr, Ihr tragt den Siegelring des Markgrafen! Nie und nimmer hättet Ihr hinnehmen dürfen, dass man Euch abweist!«
Roana und Ahmad verharrten eigentümlich reglos. Sie wandten lediglich die Köpfe in seine Richtung, ansonsten blieben beide, wo sie waren: Roana hockend zu Gwenfrewis Füßen, die Schultern hochgezogen und den Kopf gesenkt, wie ein verschreckter Vogel. Ahmad an die Wand gelehnt, die Arme verschränkt, die Miene abweisend.
»Dame Matilda, sprecht nicht von mir, als wäre ich ein Verräter«, sagte Rafael. Es klang eher nachsichtig als gekränkt. Er trat zu Roana, ergriff ihre Hand und zog sie zu sich hoch. Für die Dauer weniger Herzschläge standen sie sich wortlos gegenüber und schauten sich an. In ihren blauen Augen erkannte Rafael Unmut, aber Roana fasste sich schnell, rang sich gar ein kleines Lächeln für ihn ab.
Rafael zog den Siegelring vom Finger und ließ ihn auf den Tisch fallen. »Ich schätze, die Kunde von Graf Richards Tod hat sich schneller herumgesprochen, als anzunehmen war«, sagte er. »Anders kann ich mir das Verhalten der Schwestern nicht erklären.«
Matilda seufzte leise. »Warum setzt Ihr Euch nicht hin und erzählt der Reihe nach?«, schlug sie vor.
Roana und Ahmad folgten ihrer Einladung. Auch Rafael kam an den Tisch, blieb aber hinter einem der Stühle stehen und stützte die Hände auf die Rückenlehne, zu rastlos, um Platz zu nehmen.
Ahmad schaute in die Runde. »Mein Herz zweifelt, dass dieses Haus für meine Herrin noch länger ein sicherer Ort ist. Richard, dieser Schaitan war bestimmt nicht ohne Eskorte unterwegs. Wer weiß, ob uns seine Bluthunde nicht längst auf der Spur sind.«
»Ich glaube nicht«, sagte Rafael.
»Aber wir müssen damit rechnen, dass es so kommt«, warf Roana ein. »Wer keine Skrupel hat, seine Ehefrau in einem Kerker verrotten zu lassen, schreckt auch vor schlimmeren Schandtaten nicht zurück.«
»Die da wären?«, fragte Matilda.
Rafael ließ sich auf einen Stuhl am Tisch sinken. Verstohlen rieb er sich mit Daumen und Zeigefinger der Rechten die müden Augen. »Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Ehemann seine Ehefrau und ihre Nachkommen wegen angeblicher Untreue aus dem Weg räumen lässt. Wir können von Glück reden, dass Gwenfrewi und ihrer Tochter noch nichts zugestoßen ist.«
»Gott sei gepriesen«, murmelte Matilda, »denn er wacht über die Schuldlosen und Schwachen.«
Rafael unterdrückte ein Seufzen. Wenn Ihr wüsstet, dachte er. Herrgott noch mal, de facto war Gwenfrewi eine Ehebrecherin und ihre Zwillinge Kuckuckskinder. Er hatte es schon seit längerer Zeit vermutet, aber nie gewagt, seinen Ziehvater darauf anzusprechen. Mit seinen letzten Atemzügen hatte Gandar die Herkunft der Zwillinge bestätigt und nicht nur Ahmad, sondern auch Rafael damit unentrinnbar die Hände gebunden. Die Konsequenzen daraus ließen sich noch nicht absehen, aber Rafael hatte nicht vor, das Thema mit irgendjemandem zu erörtern. Nicht einmal mit Roana.
Isabella kam zurück und setzte sich schweigend an ihren Platz. Kurz danach trat eine Magd ein und stellte zwei dampfende Krüge mit Würzwein und heißer Milch auf den Tisch. Nachdem sie wieder verschwunden war, schenkte Matilda ein und schob Rafael den ersten Becher zu. »Hier, stärkt Euch. Und dann seid bitte so gut, mir Euren Plan für Andaras Befreiung zu erläutern. Vielleicht kann ich etwas Nützliches beitragen.«
»Ich fürchte, es gibt keinen Plan, Herrin.«
Matilda winkte ab. »Graf Richard ist tot. Andara ist seine Erbin. Sie gehört nichts ins Kloster, schon gar nicht in einen Schweigeorden. Ihr seid der einzige männliche Verwandte, den das Kind jetzt noch hat und es ist an Euch, ihre Ansprüche durchzusetzen.«
»Und was sollen wir Eurer Meinung nach tun?«, gab Rafael mit unterdrückter Heftigkeit zurück. »Die Klostermauern mit faulen Äpfeln beschießen? Leere Drohungen ausstoßen und hoffen, dass die Nonnen sich davon einschüchtern lassen?«
»Aber es muss doch etwas geben …«, wandte Matilda ein.
Rafael zuckte ungeduldig mit den Schultern. »Ich bin für jeden Vorschlag dankbar.«
Roana hatte das Gespräch bisher kommentarlos verfolgt. Jetzt gesellte sie sich zu ihrem Mann und nahm neben ihm Platz. Sie ergriff seine Hand und drückte sie verstohlen.
Es war eine Weile still. Nur das leise Knacken und Knistern der Holzscheite im Feuer war zu hören. Schließlich murmelte Rafael: »Es tut mir leid, dolcezza. In der Regel bin ich nicht so leicht zu entmutigen.«
Roana nickte. »Ich weiß.«
Die Magd betrat erneut das Gemach, knickste und sagte: »Verzeihung, Herrin, es ist Zeit für den Medizintrank der Frau Gräfin.«
»Stell ihn einfach dort auf den Tisch«, antwortete Matilda. »Ich kümmere mich darum.«
»Ist recht, Herrin.«
Bevor Matilda sich erheben konnte, stand Roana auf und griff nach dem Trank, den die Magd gebracht hatte. Sie trat zu Gwenfrewi und hielt ihr den Becher an die Lippen. »Komm Gwen, trink das. Das wird dir guttun.«
Gwenfrewi runzelte ein wenig die Stirn, aber sie erhob keine Einwände, sondern schluckte den Trank, so als sei es ihr völlig gleichgültig, was sie tat.
Was vermutlich der Wahrheit entsprach, wusste Rafael. Die langen Wochen der Kerkerhaft hatten ihren Verstand beeinträchtigt. Sie aß und trank, was man ihr vorsetzte, sie erhob sich, wenn man sie weckte, und ging zu Bett, wenn man ihr sagte, dass es Zeit dafür war. Darüber hinaus zeigte sie kaum Interesse an ihrer Umgebung. Rafael war nicht einmal sicher, ob sie wusste, in wessen Obhut sie sich befand. In den ersten Tagen ihres Wiedersehens hatte Roana sich sehr um die Gräfin bemüht, hatte ihr behutsam von den Ereignissen auf der Glouburg berichtet, ohne dass es ihr gelungen war, Gwen eine Gemütsregung zu entlocken. Ihr Verstand war irgendwann unter der unsäglichen Last des Kummers zerbrochen, den ihr Ehemann ihr zugefügt hatte und es war fraglich, ob dieser Bruch jemals rückgängig gemacht werden konnte.
Plötzlich hielt Rafael es am Tisch nicht mehr aus. Den Weinbecher in der Hand stand er auf, ging zum Kamin und sah den sprühenden Funken zu. Seine Kehle war mit einem Mal wie zugeschnürt. Wie schade, dass er Richard von Glouburg schon getötet hatte. Sein Tod war viel zu schnell und zu leicht gewesen. Hätte er nur damals schon gewusst, was er jetzt wusste …
Er hatte den Gedanken kaum gedacht, da spürte er wieder diese brodelnde Wut, einen sinnlosen Zorn, der sich, wenn er nicht aufpasste, auf die nächstbeste Person entladen würde, die ihm zu nahe kam. Er hob den Weinbecher und stürzte ihn in einem Zug hinunter.
Roana seufzte und stellte Gwenfrewis leeren Becher beiseite. Sie machte Anstalten, sich wieder an den Tisch zu setzen, doch als sie seinen Unmut bemerkte, trat sie zu ihm, schlang von hinten die Arme um seine Brust und legte den Kopf an seinen Rücken. »Quäl dich nicht, Liebster.«
»Zum Teufel, Roana, versuchst du schon wieder, meine Unzulänglichkeiten schön zu reden?« Er ging zum Tisch, griff nach dem Krug und schenkte sich den zweiten Becher voll Wein ein. Diesmal trank er jedoch vorsichtiger, denn er wollte den Tag nach allem nicht auch noch mit einem Rausch beenden.
Roana sah ihn nachdenklich an. »Seltsam. Ich habe dich noch nie mehr als einen Becher Wein trinken sehen.«
»Du hast recht«, sagte er verlegen. »Ich glaube, ich bemitleide mich gerade selbst. Verzeih.«
Sie lächelte, aber ihre Augen blieben ernst. »Ich will nicht ungeduldig erscheinen, aber wir sollten eine Entscheidung treffen. Wir können Gwen nicht zurücklassen und es wäre nicht recht von uns, Dame Matilda bis zum Frühjahr zur Last zu fallen. Sie hat ohnehin schon viel mehr für Gwenfrewi getan, als es ihre Pflicht als guter Christenmensch gewesen wäre.«
»Oh, aber Ihr fallt uns nicht zur Last. Im Gegenteil. Wir sind froh, der Gräfin auf diese Weise ein wenig von ihrer Freundlichkeit und Güte zu vergelten, die sie uns in ihren besseren Zeiten entgegengebracht hat. Mein Haus steht Euch zur Verfügung, solange Ihr wollt.«
»Ich danke Euch, Dame Matilda«, sagte Rafael. »Trotzdem hat meine Gemahlin recht. Wir können die Entscheidung nicht länger aufschieben. Ahmad? Was denkst du?«
Der Sarazene hatte bisher stumm über seinem Becher gebrütet. Nun hob er den Kopf und sah Rafael direkt an. »Du willst aufgeben, junger Löwe. Hat Gandar sich geirrt?«
Rafael schaute auf seinen Becher hinab und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger der Rechten. »Schon möglich«, räumte er ein.«
Roana beobachtete ihn mit gerunzelter Stirn. »Du beliebst zu spaßen, mein Herr Gemahl. Wie kannst du daran denken, dein Wort zu brechen? Du würdest nie mehr in Frieden schlafen können.«
Darauf ließ er ein kurzes, hartes Lachen hören. »Weißt du denn nicht, dass Ehre nur in der Fantasie der Menschen existiert? Weil man sich so schöne Geschichten darüber erzählen kann?«
»Wir müssen etwas tun«, beharrte sie, den Tränen nahe. »Es muss einen Weg geben.«undefined
»Roana, ich kann dich ins Kloster bringen«, ließ sich Gwenfrewi unerwartet vernehmen. »Es gibt einen Geheimgang. «
Alle Köpfe fuhren zu ihr herum.
»Wie bitte?«, fragte Roana. »Woher weißt du das?«
»Ich bin ihn selber gegangen. Er verläuft zwischen der Burg und dem Kloster.«
Rafael beugte sich vor, nun mit angespannter Miene. »Sprecht weiter. Was ist mit dem Gang?«
»Die Herren der Glouburg waren von Alters her auf ihre Sicherheit bedacht. Der halbe Berg ist von Gängen ausgehöhlt, die sie von ihren Baumeistern graben ließen, als Fluchtwege. Einer dieser Gänge führt bis zum Kloster. Ich bin ihn einmal mit Gandar gegangen. Er endet in der Kapelle.«
  Roanas Augen blitzten. »Und wo beginnt er?«
Gwenfrewi fixierte Roana, ohne zu antworten. Das Licht in ihren Augen erlosch, ihr Blick wurde leer.
»Komm, sag es uns, Gwen«, drängte Roana. »Wo beginnt er?«
»Zu spät«, murmelte Rafael. »Mehr werden wir von ihr im Augenblick nicht erfahren.«
Roana rang die Hände. »Süßer Jesus, wir waren so nahe dran. So nahe ... Was tun wir jetzt?«
»Wir suchen den Geheimgang«, sagte Ahmad.
Rafael kniff die Augen zusammen. »Du glaubst, dass er tatsächlich existiert? Gandar hat mir nie davon erzählt.«
Ahmad schenkte ihm einen Becher Milch ein und stelle ihn vor ihn. »Gandar hat über vieles nicht gesprochen. Nicht einmal mit mir, der ich sein Seelenbruder war. Er hat einfach so getan, als wären manche Dinge nie passiert.«
Rafael sah einen Augenblick in den Becher, hob ihn dann und nahm einen ordentlichen Zug. »Mir fällt nicht viel ein, was ich dazu sagen könnte. Außer, dass es mir leidtut, zu spät gekommen zu sein.«
Ahmad zuckte gleichmütig die Schultern. »Du hast dir nichts vorzuwerfen. Wenn einer von uns Schuld trägt, dann bin ich es.«
Roana seufzte. »Könnten wir die Schuldzuweisungen vertagen und wieder zum Thema zurückkehren? Wir müssen Pläne machen. Dame Matilda, besitzt Ihr vielleicht eine Karte der Gegend?«
Matilda nickte, trat zu einer Truhe, entnahm ihr eine Rolle und brachte sie zum Tisch. Roana entrollte das dünne Leder und beschwerte die Ecken mit den Krügen und Bechern. Ahmad und Rafael beugten sich über die sorgfältig gezeichnete Karte und starrten schweigend darauf.
»Allah …« Ahmad schnalzte unwillig mit der Zunge. »Es ist unmöglich. Einen Tunnel von solcher Länge kann niemand graben.«
»Also was dann?« Roanas bange Frage traf Rafael. Die Angst vor dem unausweichlichen Moment ihrer Kapitulation begleitete ihn schon seit Tagen auf Schritt und Tritt. Er glaubte zu wissen, was passieren würde. Wahrscheinlich würden alle Anwesenden ihn verachten. Ahmad ganz gewiss, denn er hatte Gandar nahe gestanden wie ein Bruder. Das Beste, was er von Roana zu erhoffen hatte, war ihr Schweigen.
Mit dieser Aussicht konnte er nicht leben.
Roana hob den Kopf und sah ihm in die Augen. »Ist das hier das Ende, Rafael? Geben wir auf? Ist es das, was du mir zu sagen versuchst?«
Rafael richtete sich mit einer abrupten Bewegung auf. »Nein. Kampflos aufzugeben ist eines Rodéna nicht würdig. Wir reiten morgen früh zur Glouburg. Diesmal wird uns Dame Gwenfrewi allerdings begleiten. Ich werde alles versuchen, was nötig ist, um ihre Erinnerung zu wecken. Und wenn ich ihr dafür Gandars Leiche zeigen muss.«


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