2.

In ihrem Klassenraum angekommen lief sie schnurstracks zu ihrem Platz, der hinterste in der Türreihe, eng an der Wand und direkt neben dem großen Holzschrank, indem einige Arbeitsmaterialien verstaut waren wie Duden, Englische Wörterbücher, Formelsammlungen, Blöcke zum schreiben und einige andere Schreibmaterialien. Neben sie setzte sich Vincent und vor sie Stella, sie waren die einzigen drei in der Türreihe, da sich niemand gern in ihre Nähe gesetzt hätte, doch das fanden die drei völlig in Ordnung. So waren sie entfernter von den Mitschülern und isoliert, nur umgeben von denen, die sie halbwegs Freunde nennen konnten.

Lucy stellte ihre Tasche auf den Stuhl und packte ihre Deutsch Sachen raus, danach eine violette Mappe mit weißen Blättern darin und ihre Zeichenfedermappe, die mit allerlei bunten Gekritzel versehen war. Das Mäppchen hatte sie schon seit der vierten Klasse, bei Langeweile kritzelte sie etwas darauf herum. Behutsam legte sie ihre Materialien in die Mitte ihres Platzes und stellte ihre Tasche unter den Tisch bevor sie sich setzte. Dem Unterricht wirklich beiwohnen wollte sie nicht, sie wurde sowieso nur dran genommen, wenn sie etwas nicht wusste, damit sie als schlechtes Beispiel genannt werden konnte. Dafür aufzupassen und zu versuchen sich zu merken was für Stoff dran genommen wurde; fehlte ihr Platz und Kraft. Es war so schon sehr anstrengend, dafür zu sorgen, dass ihre Maske nicht fiel, da brauchte sie nicht Kraft für etwas zu verschwenden, dass sie eh nicht verstand.

Laute Gespräche erfüllten den Raum, Gemische aus billigen Rasierwasser der Jungs, teuren Chanel Parfüm der Mädchen und Vinnis Chipsgestank verpesteten den Raum. Insgesamt waren hier vierundzwanzig Schüler, davon vierzehn Jungen und zehn Mädchen, die Jungen waren also klar im Vorteil, doch bis auf zwei dieser Jungen war es ihr egal. Der eine war Vincent, ihr bester Freund seit Kindertagen, der andere war Luke, ein Austauschschüler aus England. Sie liebte seine gehobene Sprache, wie er manche Wörter falsch aussprach und sein Lächeln. Sie beschrieb es als einen strahlenden Sonnenaufgang, der alles erstrahlen ließ. Es war unschwer zu erkennen, dass sie ihn mochte. Sehr mochte. Und mit dieser Tatsache wussten Vincent und Stella umzugehen. Sie fanden es witzig. Lucy in der Schule damit zu ärgern, da er schräg vor ihnen saß fiel den Freunden das auch nicht schwer. Nur hatte sie damit ein Problem, innerlich. Sie wusste, dass sie nicht gut genug war. Wusste, dass es noch so viele Dinge gab, die sie voneinander trennte. Aber man kann weder das Herz noch den Kopf kontrollieren, nun gab es nur eine einzige Frage. Hatte sie dafür überhaupt Nerven? Liebe bedeutete Schmerzen, das hatte sie schon oft erfahren. Und ihre Angst versorgte das Schattenmonster mehr mit Kraft, es vergrößerte sich, wurde bedrohlicher, der Drang danach stärker, die Disziplin verschwand. Sie wollte nur noch eines. Nach Hause. Oder zu ihrem Hügel. Ihr war alles recht, nur wollte sie allein sein. Zumindest sagte sie, dass sie allein sein wollte.

So wartete sie noch den Unterricht ab und beeilte sich dann damit, nach Hause zu gehen. Sie rannte in ihr Zimmer, sah sich um. Die selben grauen Wände. Das selbe Bett, dieselbe bedrückende Stimmung und der selbe Gestank von verbranntem Holz und getrockneten Blut, den sich ihr Kopf zusammen spann. Schnell packte sie eine kleine, schwarze Umhängetasche mit Powerbank und Ladekabel, Handy, Kopfhörern und Schlüssel, Zeichenstifte und Papier. Sie würde erst spät abends wiederkommen, sie musste den Kopf klar bekommen. Zu viele Gedanken schwirrten darin herum, zu wenige davon konnte sie fassen, begreifen. Zu viele wichtige Dinge hatte sie im Kopf, zu viele davon vergaß oder verdrängte sie. Das sorgte immer für Ärger, ob in der Schule oder zuhause. Dass heute ihr Geburtstag war, die Eltern sicher was geplant hatten und sauer werden würden, interessierte sie nicht. Sie hasste ihren Geburtstag eh, sie lebte ein weiteres Jahr. Ein weiteres Jahr mit dem inneren Schmerz, ein weiteres Jahr mit Selbsthass, Narben, Provokationen, Mobbing und Unsichtbarkeit, wieso sollte sie den Tag genießen?

Schnell lief sie wieder in den grasgrünen Park, durch den sie heute morgen zur Schule gegangen war und atmete tief durch. Diese Atmosphäre gefiel ihr wesentlich besser. Stille durchzog den Park, hier und da ein paar zwitschernde Spatzen oder singende Amseln. Kein Auto zerstörte die Idylle, kein Haus zerriss die aus kleinen Bächen und weiten Wiesen Natur. Und am Horizont ihr Lieblingshügel, der ungefähr sechs Meter hoch war. Die steilen Wände unbewachsen, drohten herab zu rutschen und das Gestein zu verlieren. Doch das taten sie nicht, seit das Lucys Lieblingsort war, das war er seit sechs Jahren.

Sie nahm Anlauf und rannte ihrem Lieblingsort entgegen, in Gedanken schon abschaltend, den Gefühlen freien Lauf lassend, spürend, wie die Maske bröckelte. Mit einem von Tränen überfluteten Gesicht kam sie bei ihrem Hügel an und stützte sich am Stamm einer jungen Eiche ab, der am Fuße des Hügels wuchs. Dann kraxelte sie langsam die steile Wand hoch, rieb sich die Finger am losen Kiesel ab, rutsche ab, glitt wieder etwas zurück. Aufgeschürfte Knie und Handflächen waren so unvermeidlich. Doch waren das die kleinsten Schmerzen, der kleinste Kollateralschaden der für den Frieden in Kauf genommen wurde, den sie hoffte gleich zu finden.

Nach einigen Versuchen schaffte sie es auf den höchsten Punkt ihres Hügels und ließ die Beine über die mit spitzen Steinen belegten Kante hängen und holte ihren Zeichenblock und die Stifte heraus bevor sie in die Ferne sah. Dieser Hügel war ihre Inspiration für ihr Lieblingsbild gewesen, das Bild mit dem Drachen steigen lassenden Mädchen. Lucy musste lächeln, sie erinnerte sich daran, als sie das Bild gezeichnet hatte.

An dem Tag war sie der Emotionslosigkeit völlig verfallen, sie konnte sich nicht befreien. Versuchte Dinge die sie liebte, mit ihrem Bruder spielen, Musik, aß Schokolade, aber auch Dinge die sie hasste. Sie stritt sich kurzzeitig mit ihrem Vater, brach diesen jedoch ab und verschanzte sich in ihrem Zimmer. Dort holte sie ihre Zeichensachen hervor, dachte an den Ort der Ruhe. Stellte sich ihren Hügel vor, sofort erschien ihr das Bild mit dem Mädchen. Und sie versuchte es einige Male, bis ihr das Bild gelang, sie doch keinen Stolz oder sonstiges empfand. Außer Faszination. Sie war so sehr von ihrem eigenen Bild fasziniert, dass sie es sich stundenlang ansah, fixiert auf dieses Mädchen, fixiert auf diesen Drachen.

Lucy überlegte, ob ihr das nicht heute wieder gelingen könnte. So holte sie ihre Musik heraus, schloss die Kopfhörer an und stellte sich auf, um einen besseren Überblick über ihre Umgebung zu haben. Trotz des Dröhnens von Linkin Park auf ihren Ohren fühlte sie sich ruhig, ausgeglichen, für einen Moment friedlich. Ihr kam die Idee für eines ihrer Bilder. Wollte dafür Modell stehen und schritt langsam dem steilen Abhang entgegen um sich nur weniger Zentimeter vom Abgrund auf die Zehenspitzen zu stellen und die Arme langsam in der Waagerechten auszubreiten, wie diese Darstellerin es bei Titanic gemacht haben soll. Sie genoss das Gefühl, für einen Moment das Zentrum ihrer kleinen Welt zu sein, genoss die leichte Briese, die durch ihre Haare fuhr, den Geruch von frisch gemähten Gras in der Nase...

Sie machte einen eleganten Schritt nach vorn, spürte, wie ihr Fuß den Halt verlor, und ließ sich einfach fallen, wie im Lied von Panik."Lass mich fallen" beschrieben wurde.

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