2.5. - Ein Wespennest aus Gold und Silber

Misstrauisch sah Remy sich um, als er hinter Prinz Rowan durch das Schlosstor trat, die beiden Pferde an den Zügeln hinter sich herführend. Agrippa hatte dem jungen Mann zum Glück verziehen, dass er versucht hatte, ihm zuleibe zu rücken und trabte ruhig hinter ihm her.

Hinter der dicken Schlossmauer, die mehrere Meter über ihnen aufragte und auf deren Wehrgängen bewaffnete Soldaten Streife gingen, eröffnete sich ein vollkommen neuer Anblick für den Straßendieb aus Thalea. Er kannte die dichte und bedrückende Bauweise der Stadt, doch das hier - König Thedosios Hof - war etwas völlig anderes.

Vor ihm und seinem Herrn lag ein weitläufiger Platz, ordentlich gepflastert und zahlreiche Kübel mit winterharten Büschen gaben allem etwas Farbe. Beflissene Dienstboten und Handwerksleute eilten herum, aus den mit groben Steinen errichteten Gebäuden, die sich an der Schlossmauer aneinander reihten, drangen die Geräusche des täglichen Lebens - man konnte das Klingen und Klirren eines Schmiedehammers hören und das Singen von Waschfrauen, die in einem Nebenhof in großen Kübeln bergeweise Leinen und Kleidung wuschen. Ordentlich, aber einfach gekleidete Kinder rannten über den Platz und jagten einem Ball hinterher, andere versuchten, entflohene Gänse wieder einzufangen, die quakend aus ihrem Gatter ausgebrochen waren.

Hütten und Buden standen so, dass sie nicht im Weg waren und an diesen waren Waren aufgetürmt wie auf einem Markt.

»Was ist das hier?«, fragte Remy leise.

»Die Handwerker arbeiten nicht nur für den Bedarf des Königs, sondern auch für den des Gesindes. Sie bieten hier ihre Erzeugnisse feil.«

»Ich dachte, die Diener bekommen alles so?«

»Aber wo denkst du hin, Remy. Die Dienerschaft wird bezahlt, um sich Bedarfsgegenstände wie Kleidung, Stoffe, Haushaltswaren und Lebensmittel selbst zu kaufen, die hier hergestellt werden. Verköstigt wird nur das Hauspersonal, wobei Herrschaften und Gesinde, aus organisatorischen Gründen, oft zusammen essen.«

»In einem Raum?«

Rowan lachte leise. »Eher ein Saal. Ich weiß nicht, wie es hier ist, doch in vielen Schlössern ist es zu viel Aufwand, zweimal aufzutragen, also schafft das Küchenpersonal die Speisen in einen zentralen Saal und dort finden sich sowohl die Herren als auch die Hausdiener ein. Die Wege, die die Nahrung von der Küche in ein Esszimmer zurücklegen muss, sind manchmal ziemlich lang.«

»Ihr wollt mir sagen, dass Eure Familie mit der gemeinen Dienerschaft speist? Den Pferdeknechten und Stallmeistern, Waschweibern, Hirten und Färbern, Gerbern und Webern?«

»Nein, das sagte ich doch gerade«, der Prinz warf dem jungen Mann einen Blick zu, »In Annwyn haben die Hausdiener ihren eigenen Speisesaal, direkt angrenzend an die Küche, und der meiner Familie ist ein Stockwerk darüber. Über einen Lastenaufzug gelangt das Essen dorthin. Meine Vorfahren, die den Palast errichteten, waren es leid, dass Speisen wegen der langen Wege immer kalt waren, wenn sie serviert wurden und so wurde umgebaut. Das Gesinde, was du aufgezählt hast, Knechte und dergleichen, besorgen sich ihre Lebensmittel genau wie hier bei den Bäckern und Müllern am Hof. Dafür werden sie entlohnt.«

»Ihr habt mir gerade die Vorstellung ruiniert, dass es ein Paradies sein muss, an einem Königshof zu leben, weil man dort alles bekommt, ohne zahlen zu müssen«, der junge Dieb lächelte milde und wirkte etwas enttäuscht.

Rowan lachte und sah den Jungen einen Moment an. »Dafür musst du Hausdiener werden. Doch dafür fehlen dir die Manieren und arbeiten müsstest du überall.«

»Außer man ist ein Königssohn oder ein vornehmer Höfling?«

»Selbst dann, Remy. Du hast eine falsche Vorstellung vom Leben der Herrscherfamilien. Ich arbeite seit meinem siebten Lebensjahr, wurde ausgebildet, habe studiert, bin gereist, habe Kämpfen gelernt. Es mag nicht vergleichbar sein mit dem Leben eines Bauern und viele mögen denken, dass Reisen und Bildung anzuhäufen ein Traum ist. Ja, das ist es. Ich bin sehr privilegiert und hatte viel Glück, das kann ich nicht abstreiten. Aber es ist auch Arbeit. Harte Arbeit. Ich tue das, weil ich den Wunsch habe, eines Tages ein König zu sein, unter dem es meinem Volk gut geht, egal ob es ein Fürst oder ein einfacher Bauer ist.«

Remy betrachtete den Prinzen von der Seite. Rowan würde zweifellos ein Eindruck machender Monarch sein.

»Zustände wie in Thalea möchte ich in Annwyn unbedingt vermeiden«, murmelte der Kronprinz sehr leise, so dass es nur sein Begleiter hören konnte. Der junge Dieb nickte.

»Einverstanden. Doch erklärt Ihr mir die Aufgabe eines Höflings?«

»Meist sind das Gäste aus anderen Königreichen oder vornehmen Familien, zu denen irgendeine Verwandtschaft besteht. Höflinge machen im Grunde nur Urlaub im Palast. Andere wiederum, meist die Damen, sind Gesellschafterinnen von Königinnen und Prinzessinnen, so etwas wie bessere Zofen.«

»Muss furchtbar langweilig sein«, brummte Remy.

»Nicht, wenn du ein Junge bist«, lächelte Rowan und ließ neugierig seinen Blick über einige der Marktstände gleiten. »Ich brauche dringend ein Souvenir für meine Schwester«, murmelte er.

»Solltet Ihr über so etwas nicht nachdenken, wenn Ihr nach Hause zurückkehrt? In der Zwischenzeit verliert Ihr es sonst nur oder so. Außerdem kauft man die besten trallischen Erzeugnisse in Thalea, dorthin schaffen die Edelsteinschleifer ihre Schmuckstücke. Oder nach Lacuna, um sie von dort aus zu verkaufen oder zu verschiffen.«

»Ich wette, du könntest mir sogar etwas beschaffen, ohne dafür einen Heller zu zahlen, oder?«

Remy lächelte selbstbewusst.

»Du bist echt unglaublich«, lachte Rowan auf, wurde jedoch wieder ernst, als sich der pompös gekleidete Höfling Herr Gawen, der den Prinzen ins Schloss eingeladen hatte, ihm und seinem Diener näherte. Remy wischte sofort sein Lächeln aus dem Gesicht.

Er wusste nicht, wie das unter den Feinen und Reichen lief, doch er wollte nicht, dass Rowan in einem komischen Licht da stand, weil er mit einem Unterstellten Witze machte.

Herr Gawen hatte jedoch kaum einen Blick für den jungen Dieb übrig, als er mit gewichtiger Miene vor dem Kronprinzen stehen blieb und sich leicht verneigte, so huldvoll und hochmütig, als gehörte der Palast, der sich hinter ihm auftürmte und aus dem grauen trallischen Stein errichtet worden war, ihm.

»Eure Königliche Hoheit, es ist mir eine außerordentliche Freude, dass Ihr es habt einrichten können«, schmalzte er und Remys Augenbraue zuckte leicht nach oben.

Dieser Pfau hatte den Prinzen doch selbst eingeladen. Dachte der vielleicht, Rowan wäre dumm, dass man ihn dafür loben müsste, hier erschienen zu sein?

Dieser jedoch verzog keine Miene, sondern lächelte freundlich. Er war es gewöhnt, dass Höflinge und Untergebene des Königs solche Dinge taten. Sie schleimten sich ein.

»Nichts hätte mich hindern können.«

»Lasst mich Euch in Euer Gemach führen. Dem König ist sehr daran gelegen, dass Ihr Euch von den Strapazen des Ritts erholen könnt. Es erwartet Euch etwas später ein gutes Mahl mit Seiner Majestät.« Herr Gawen rief zwei Burschen heran, die an einem Brunnen herumgelungert hatten und wie Knechte gekleidet waren.

»Geht und versorgt die Pferde unseres Gastes«, bestimmte er harsch und jede schleimerische Freundlichkeit war aus seiner Stimme verschwunden.

Remy beeilte sich, die Reisesäcke von den Sätteln zu lösen und hielt diese in den Armen, unschlüssig, was er nun tun sollte. Doch als Rowan sich in Bewegung setzte, um den herausgeputzten Gockel zu folgen, deutete er dem Jungen an, ihm zu folgen.

»Du bist mein Diener, Remy, nicht vergessen. Wo ich hingehe, gehst du hin, außer ich weise dich an, fern zu bleiben. Du unterstehst mir und tust nichts, was dir hier irgendjemand sagt, außer ich gebe mein Einverständnis. Ich fühle mich hier genauso unwohl wie du und habe dich lieber an meiner Seite, als unter Tralliern, deren Gebräuche ich nicht kenne, allein zu sein«, murmelte der Prinz und der junge Mann nickte.

Er mochte nichts über das höfische Gebaren wissen, doch er kannte seine Leute und er verstand sie. Bisher hatten sich alle in der offiziellen Sprache der vereinigten Reiche Numantias unterhalten, doch jedes Land hatte seinen eigenen Dialekt und der trallische war für den Prinzen aus Annwyn fremd und wahrscheinlich schwierig zu verstehen.

Sie betraten den Palast hinter dem farbenfroh gekleideten Höfling, dessen Stellung in der Hierarchie sehr hoch sein musste, wenn der König ihn als seinen offiziellen Botschafter auftreten ließ. Womöglich war Herr Gawen ein Neffe oder anderweitig Verwandter des Herrscherhauses. Vielleicht sogar ein illegitimer Sohn des Königs. Rowan wusste von den strengen Regelungen der trallischen Thronfolge, dass weder eine Prinzessin noch ein unehelich geborener Sohn, auch wenn er der Erstgeborene wäre, Anrecht auf die Königswürde hatte. Selbst dann nicht, wenn der Herrscher keine weiteren Nachkommen außer einer Tochter oder einem Bastard hatte. Eine Prinzessin konnte höchstens heiraten und ihren Gemahl damit zum neuen König machen, doch das war Thedosio ein Gräuel. So zumindest hatte es Rowans eigener Vater ihm mal erzählt. Da der Prinz den Monarchen selbst nicht kannte, konnte er sich keine Meinung bilden.

Während Rowan von der überladenen Pracht der Palasteingangshalle unbeeindruckt blieb - allzu ungeniert zu starren war unhöflich - konnte Remy fast nicht an sich halten, sondern drehte sich einmal um sich selbst. Er hatte noch niemals, nicht einmal in seinen kühnsten Träumen, solche Schönheit und Herrlichkeit gesehen. Sein Verstand hatte sich so etwas nicht einmal vorstellen können.

Die weiß getünchten Steinwände waren mit vergoldeten Ornamenten und edlen Gemälden in reich verzierten Rahmen geschmückt, kostbare Porzellanvasen, auf die man bunte Fabelwesen gemalt hatte, standen in den Ecken oder auf Tischen aus glänzendem Holz. In ihnen blühten farbenfrohe Blumen, die man in einem Gewächshaus gezogen haben musste, denn das trallische Klima würde so etwas nie zustande bringen. Wertvolle Teppiche zierten den mit lackiert wirkenden Mosaikkacheln versehenen Fußboden und schlängelten sich elegant die ausladende und gebogene Treppe nach oben, wo sich die Pracht der Inneneinrichtung fortsetzte.

»Oh!«, platzte es aus dem jungen Dieb heraus, was ihm einen missbilligenden Blick von Herrn Gawen einbrachte.

»Deine Wertschätzung ehrt uns«, schnarrte er wenig freundlich.

»Ihr müsst meinem Knappen verzeihen. Er steht noch nicht lange in meinen Diensten.«

»Nein, offensichtlich nicht. Mir ist nie zu Ohren gekommen, dass Trallier für das annwynische Königshaus arbeiteten«, bemerkte Gawen honigsüß, doch man konnte die Spitze deutlich heraushören. Es war mehr als offensichtlich, dass es für den vornehmen Höfling ein Unding war, dass jemand seines Volkes sich jemand anderem außer den eigenen Herrschern unterordnete. Und Rowan bemerkte erneut, wie sehr er selbst optisch aus der Menge herausstach. Remy war auf den ersten Blick als Trallier zu erkennen, denn seine Haut war mindestens zwei Nuancen dunkler als die des Kronprinzen. Der junge Dieb wirkte gebräunt, während Rowan aussah wie Brot, das nicht lange genug gebacken worden war.

»Ich brauchte jemanden, nachdem mein Knappe sich verletzt hat und ich ihn nach Hause habe schicken müssen«, erwiderte der Prinz, nicht ganz die Wahrheit sagend. Er wollte nicht, dass der rattengesichtige Gawen wusste, dass Sero in einem Dorf im Herbacus von einem freundlichen Medicus gesund gepflegt wurde. Irgendwie meinte Rowan, dem Höfling nicht vertrauen zu können und es wäre auch unklug, das anzunehmen. Sich in Gesellschaft fremder Herrscher in die Karten sehen zu lassen, hatte in der Vergangenheit, lange bevor die Königshäuser so verbunden waren wie inzwischen, des Häufigeren zu Intrigen und auch Kriegen geführt. Der Kronprinz war in einer Atmosphäre der Freundschaft und Liebe unter den Herrscherhäusern aufgewachsen, doch dieses Vertrauen galt nicht für die Trallier. Man wusste einfach zu wenig über sie.

Und so kam es, dass Rowan eher einem schmutzigen Straßendieb, der nichts zu verlieren und keinen Grund zum Lügen hatte, sein Vertrauen schenkte als einem gepuderten Lackaffen, der für den trallischen König den Schoßhund gab.

»Das betrübt mich zu hören, Königliche Hoheit. Ich hoffe, Euer Knappe wird sich alsbald erholen. Soll ich Euch dann Euer Gemach zeigen? Und Eurem Diener die Gesinderäume?«

»Dieser Umstand wird sicher nicht nötig sein, wenn Ihr ein Sofa zur Verfügung habt, auf dem der Junge ruhen kann ...«

»Es stehen ausreichend Quartiere zur Verfügung, Königliche Hoheit. Ihr seid nicht gezwungen, das Gemach mit Eurem Diener zu teilen. Seine Majestät hofft, Ihr würdet vielleicht für einen längeren Aufenthalt bleiben wollen.«

»Oh«, Rowan zuckte unmerklich. Eigentlich war es ihm nicht recht, dass man Remy und ihn voneinander trennte, in einem Palast, in dem sich keiner von ihnen auskannte. Allerdings wäre es überaus unklug, würde man ihm in diesen Wänden etwas antun. Er sollte versuchen, sich etwas zu entspannen. Der Straßendieb hatte ihn mit seinen Verschwörungstheorien ganz irre gemacht.

»Das ist überaus freundlich«, setzte der Prinz hinter seinen Ausruf und der Höfling kräuselte seine wulstigen Lippen über den hervorstehenden Zähnen. »Dann bitte ich Euch, geht voran, ich folge Euch.«

Remy presste seinen Mund fest zusammen, als sie weitergingen. Er fühlte sich in diesem traumhaft schönen und doch irgendwie erdrückenden Schloss nicht wohl. Es kam ihm alles so unecht vor. Wofür brauchte eine einzelne Familie solchen Reichtum, während in Thalea und in den Docks von Lacuna so viele Menschen in Elend und Hunger lebten?

Wenn der Prinz von Annwyn keine Ahnung von den Zuständen in Trallien gehabt hatte, dann hatten es die anderen Königshäuser auch nicht. Remy fragte sich wirklich, ob auch deren Paläste so überbordend und voll waren mit Gold und Kostbarkeiten, oder ob nur König Thedosio alles an sich raffte wie ein alter Drache. Er würde es dem Monarchen zutrauen, dessen großspuriges Gebaren er zwar nur von den Solemfest-Paraden in Thalea kannte, doch ihm genügt hatte.

»Bitte sehr, Königliche Hoheit«, Herr Gawen hielt vor einer reich verzierten hölzernen Tür, deren schwere Klinke aus Gusseisen war und die Form eines Schwans hatte. Alle Türen des Korridors waren so aufwändig gearbeitet, ebenso zierten weitere Gemälde die Wände und ein wertvoller Flurteppich schluckte die Schritte ihrer Stiefel.

Der Höfling öffnete für den Prinzen und trat dann beiseite, um diesen und Remy in den Raum treten zu lassen.

»Richtet Euch ein und nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht. Solltet Ihr den Wunsch haben, ein Bad zu nehmen, um den Staub der Straße abzuwaschen, scheut Euch nicht, zu klingeln und eine Magd zu rufen. Ich werde Euch zum Abendessen abholen kommen, um Seine Majestät zu treffen.« Gawen verneigte sich leicht und wandte sich dann mit forderndem Blick zu Remy, der nicht wusste, was von ihm erwartet wurde. Rowan schaltete jedoch.

»Ah, Herr Gawen, lasst ihn mir hier. Ich würde gern ein Bad nehmen und brauche eine helfende Hand. Ich lasse eines der Mädchen ihm später die Gesinderäume zeigen, wenn es Euch recht ist?«

Der Höfling zog seine Lippe geringschätzend hoch, hatte sich aber sofort wieder im Griff, bevor er zwischen dem Prinzen und dem Trallier hin und her sah und schließlich nickte.

»Aber natürlich, Königliche Hoheit. Es ist ja Euer Diener. Ich verabschiede mich dann einstweilen.« Er verbeugte sich erneut etwas und schloss die Türe hinter sich. Remy wollte etwas sagen, doch der Prinz hob die Hand und hielt sein Ohr gegen das Holz.

»Gut, er ist weg. Ich traue diesem Wiesel nicht«, murmelte Rowan und drehte sich zu dem jungen Mann um, der die Reisesäcke mit einem Seufzen auf eine elegante Ottomane legte.

»Ist das ein hässlicher Vogel. Verzeiht, wenn ich so offen spreche, aber ... meine Güte.«

»Deine Offenheit ist sehr erfrischend.«

»Das siehst auch nur du so, Prinz«, murmelte Remy zu sich selbst, drehte sich herum und blickte in das lächelnde Gesicht des anderen Mannes.

»Ich denke nicht«, entgegnete Rowan, der das Gemurmel gehört hatte. »Und hab lieber Mitleid. Manche sind herausgeputzt wie Vögel, mit den feinsten Cremes und Pülverchen und erreichen doch niemals ihr optisches Ideal, weil sie einfach nicht zur Schönheit geboren wurden. Manch andere wiederum sind unter mehreren Schichten jahrealten Drecks verborgen und selbst das kann ihr Potential nicht verringern.«

»Wenn Ihr mich anmachen wollt, Königliche Hoheit, muss ich Euch sagen, ich mache für niemanden die Beine breit«, knurrte der Junge und drehte sich ruckartig wieder zu der Ottomane und den Reisesäcken. Er schnaubte verächtlich, als er Rowan hinter sich lachen hörte.

»Genau das hat Herr Gawen vermutet, als ich ihn bat, dich hier bei mir zu lassen. Ich konnte es förmlich in seinem Gesicht lesen.«

»Ugh«, presste der Dieb hervor, bevor er sich wieder herumdrehte. »Sagt mir eines: Warum tut Ihr das?«

»Was genau?«

»Ihr ... ich weiß nicht, Ihr macht den Eindruck, als kämt Ihr nicht allein zurecht. Dieser Fatzke hat Euch gelobt, weil Ihr hergefunden habt. Ist das normal? Verhält man sich so den Mitgliedern der königlichen Familie gegenüber? Feiert man sie, weil sie allein aufs Klo gehen können? Noch etwas mehr und er würde Euch ein Kissen zum Sitzen anbieten, wie einem alten Mann oder einem dummen Kind.«

Rowan lehnte sich auf der kleinen Bank zurück, die vor dem ausladenden Himmelbett stand, dessen Pfosten mit der gleichen Sorgfalt und Liebe geschnitzt worden waren wie die Türen, und schlug vornehm die Beine übereinander. Er schenkte Remy einen Blick, den dieser an ihm noch nicht gesehen hatte. Jetzt war Rowan ein Prinz, die Arroganz und die Herrschaftlichkeit sprangen ihm geradezu aus dem Gesicht, als er die Finger ineinander verschränkte und die Lippen kräuselte. Es wirkte hochmütig.

»Dies, mein lieber Junge, ist das Verhalten, das ich von Untergebenen gewöhnt bin. Ich könnte mitten auf dem Teppich mein Geschäft verrichten und die Lakaien und Höflinge hätten mir zu applaudieren. Sie würden mich hassen, doch sie müssten es tun.«

Remy verzog den Mund, während der Prinz für einen Moment die Augen schloss und dann leise zu lachen begann.

»Nur ein Scherz. Ich will nur sagen, dass ... hm ... verstehst du nun, warum ich es so erfrischend finde, dass du nicht das Geringste darauf gibst, mit wem du es zu tun hast? Ich glaube, ich könnte lachend in mein Unglück rennen und niemand würde mich aufhalten. Außer dir. Du würdest mir sagen, dass ich ein Trottel bin. Und das ist ... angenehm.«

»Also, klar ausgedrückt, ist das das Verhalten, das Ihr als Angehöriger der königlichen Familie einfordern könntet? Eine Gruppe von Speichelleckern und Ja-Sagern, die euch den Hintern pudern und euch nach dem Mund reden und die jede noch so große Dummheit von Euch feiern würden? Auf der Straße würdet Ihr so keine Woche überstehen, ohne dass Euch irgendjemand das Maul oder den Arsch stopfen würde, das verspreche ich Euch.«

»Das ist mir bewusst. Deswegen hast du meinen Respekt. So ein Dasein zu meistern, von Kindesbeinen an, ist auch eine Leistung. Ich würde mich schwer tun, auf all das, was ich mein Leben lang gewöhnt gewesen bin, von jetzt auf gleich zu verzichten.«

»Ihr würdet verrecken. Ich gäbe Euch einen Monat in den Straßen von Thalea, ohne Geld, ohne Status und ohne Eure feinen Kleider, um Euch warm zu halten. Ihr wärt ein Niemand und könntet nichts einfordern. Ihr müsstet stehlen, kämpfen und würdet vielleicht sterben. Entweder unter den Knüppeln der Büttel, an Hunger und Kälte, in einem der Kerkerlöcher oder ... weil jemand Euer Nachtlager abfackelt ...« Remy drehte sich von Rowan weg und setzte sich mit gesenktem Blick auf die Ottomane.

»Erzähl mir davon«, murmelte der Prinz leise.

»Nein. Es gibt nichts zu erzählen. Jemand hat Feuer gelegt, meine Freunde sind gestorben. Ich hab versucht, Euren Gaul zu klauen, landete im Kerker und da sind wir nun. Fertig.« Der junge Dieb wischte sich über die Nase. »Also ... was lässt Euch glauben, ausgerechnet ich würde Euch vor Dummheiten bewahren?«

»Du bist der Einzige, der da ist.«

»Ah ... also habt Ihr zuhause in Annwyn nur solche Leute, die Euch feiern, weil Ihr der Prinz seid und sie sich an Euch bereichern können oder habt Ihr auch echte Freunde? Die nicht nachfragen, was Euer Stand für sie tun könnte, sondern die für Euch in den Tod gehen würden, einfach weil Ihr es seid? Rowan. Nicht der Kronprinz.«

Das versetzte den Angesprochenen in Schweigen. Er sagte lange nichts, weswegen Remy ihn schließlich grübeln ließ und begann, aus dem Reisesack des Prinzen einige frische Kleider zu entnehmen und zurechtzulegen, ebenso wie das Gastgeschenk, das in hübsche Gaze eingewickelt war.

»Soll ich eine Magd rufen für das Badewasser?«

»Ana«, erwiderte Rowan unzusammenhängend und der junge Dieb zuckte verwirrt.

»Was?«

»Ana. Die Antwort auf deine Frage. Wen ich habe, der für mich als Mensch alles geben würde, ohne zu fragen und ohne an die Folgen zu denken. Ana.«

»Eure Verlobte?« Remy musterte den Prinzen einen Moment und fast tat dieser ihm leid. »Und bei Eurer eigenen Familie seid Ihr Euch nicht sicher?«

»Von Familie hast du nicht gesprochen.«

»Aber diese Ana ist doch auch ... also ... sie ist Eure Cousine, oder habe ich das falsch verstanden?«

Rowan seufzte und erhob sich. Er blieb vor dem Jungen stehen, der ein Stück kleiner und nur halb so massig war wie er selbst und blickte ihm in die unerschrockenen braunen Augen.

»Was soll ich dir sagen?«

»Das weiß ich nicht. Ich wollte Euch nicht ... beleidigen oder so. Ich habe nur eine Frage gestellt. Ihr habt angefangen mit den Speichelleckern und denen, die von Euch profitieren, indem sie lügen. Ich wollte nur wissen, ob Ihr Freunde habt, für die Ihr Euer Leben geben würdet und ob diese dasselbe auch für Euch tun würden.«

Rowan wendete den Blick nicht ab und schüttelte schließlich den Kopf. »Nein. Nein, ich glaube nicht. Ich würde für meine Familie alles geben. Und ich weiß, dass sie es auch für mich täten. Aber jenseits davon ... selbst mein Knappe Sero, der mir treu ergeben ist, ist durch einen Eid zur Treue verpflichtet, aber Pflichterfüllung ist nicht dasselbe wie Hingabe aus einem Gefühl der Verbundenheit, nenn’ es von mir aus Liebe, heraus. Er ist im Grunde ein Diener, den ich bezahle. Genau wie du.«

Remy verschränkte die Arme vor der schmalen Brust, kräuselte die Lippen und lachte dann leise. »Liebe dürft Ihr von mir nicht erwarten, Prinz. Ich glaube nicht, dass es so etwas tatsächlich gibt. Die Menschen sind viel zu egoistisch dafür. Doch ich kann versprechen, dass ich niemals in Euren Hintern kriechen werde. Ich werde Euch immer sagen, wenn etwas, das Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt, Scheiße ist, und ich werde Euch immer meine ehrliche Meinung sagen, auch wenn Euch das nicht gefällt. Ist das nach Eurem Geschmack? So lange, wie Ihr in Trallien seid und mich als Euren Diener an der Backe habt, werde ich mir die größte Mühe geben, kein Speichellecker zu sein.«

Lächelnd legte Rowan dem jungen Dieb die Hand auf die Schulter und nickte dann. »Ja, das klingt nach einer fairen Abmachung.«

»Gut ... dann könnt Ihr ja wieder die Hände von mir nehmen«, murmelte Remy und wand sich aus der unverfänglichen Berührung. Der Prinz musterte den jungen Mann einen Moment lang. Für ihn, der sein Leben lang vor Leuten davon gelaufen war, die allerhand unaussprechliche Dinge mit ihm hätten anstellen können und der so viele Kinder gesehen hatte, die sich verkauften, musste es furchtbar unangenehm sein, wenn ein praktisch fremder Mann ihn anfasste.

»Verzeih’ mir. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.«

»Passt schon. Aber so was wie neulich, dass Ihr mir beim Baden zuseht, wird nie wieder vorkommen.«

Rowan lachte leise. »Du überschätzt deine Wirkung auf mich, Remy.«

»Das sagen sie alle und hinterher kaufen sie sich einen kleinen Jungen für Sex.«

»Ich tue das nicht.«

Der junge Dieb brummte nur und wanderte in dem Zimmer herum, als Rowan den Klingelstrang zog, um ein paar Diener wegen Badewasser zu rufen. Er drehte sich herum, als Remy die Tür zu einem angrenzenden Raum öffnete und einen Laut der Überraschung ausstieß.

»Was ist das?«

Rowan war ihm gefolgt und lachte leise. »Ein Badezimmer. So muss man den Zuber nicht immer ins Gemach schaffen und wieder hinaus. Schau, das Wasser, das man einfüllt, kann durch diese Öffnung hier abgelassen werden, was noch weniger Schleppen bedeutet. Die Mädchen in dem Gasthaus in Thalea hatten an deiner Brühe nämlich ganz schon zu Tragen.«

»Ist auch ihre Arbeit«, murmelte der Junge und stutzte. »Und das ... ist der Abort?«

Nickend ging der Prinz darauf zu. Der Palast von König Thedosio verfügte also bereits über ein Abwassersystem.

»Bevor es diese Entwicklung gab«, drehte sich Rowan grinsend zu Remy um, »hingen die Aborte in Schlössern an der Außenseite der Mauern und ihre Türen mussten immer von der Flurseite aus verriegelt sein, wenn man sie nicht nutzte, damit Eindringlinge nicht durch sie in die Burg gelangen konnten. Im Grunde waren es Kammern, wo man mit dem Hintern in der Luft auf ein paar starken Holzbohlen über einen Loch saß und die Exkremente fielen dort hindurch und landeten im Wassergraben.«

»Wie vornehm ...«

»Früher ja. Noch weiter davor verrichtete jeder, ob Bauer oder Edelmann, seine Notdurft einfach in einen Eimer und kippte diesen dann auf die Straße.«

»Agh«, schnaufte der junge Dieb und wandte sich ab.

»So empfindlich?«

»Ich habe genug Scheiße in meinem Leben gesehen und gerochen, dass mir dieses Thema einfach stinkt. Verbringt Ihr doch mal einige Nächte in der Kanalisation dieses Rattenlochs Thalea und ich schwöre Euch, Euch würde es genauso gehen.«

Rowan lachte. »Vermutlich hast du Recht.«

»Ganz sicher sogar. Ein Wunder, dass es meine Nase noch nicht weggeätzt hat.« Remy machte kehrt und ging in das helle Schlafzimmer zurück, wo er zweifelnd stehen blieb.

»Sag’ mir, was dich stört.«

»Nichts, es ... es ist so schön, ich hätte nicht mal gewagt, von solch einer Pracht zu träumen, doch ... es kommt mir so ... ungerecht vor. Hier gibt es sicher etliche, hunderte solcher fantastischen Zimmer, die nie jemand nutzt und ... ich frage mich, hätte man das Gold und die Reichtümer, die man hier investiert hat ... ich meine, hier drin steckt sicher genug Geld, um jeden einzelnen Menschen in Trallien für sein ganzes Leben lang satt zu machen. Und ich weigere mich, hinzunehmen, dass manche Menschen, weil sie mehr Glück hatten als andere, automatisch besser sein sollen.«

»Du hast Recht.«

»Ach, was wisst Ihr schon, Prinz. Ihr seid einer der Glücklichen.« Der junge Dieb schnaubte und schüttelte den Kopf. »Verzeihung. Mich macht dieser Ort krank. Bei all der Schönheit ist mir, als läge ein Pesthauch hier drauf. Es stinkt. Und ich kann nicht atmen.«

»Setz’ dich einen Moment. Du bist vielleicht ein bisschen überfordert, es strömen gerade sehr viele Veränderungen auf dich ein.« Der Kronprinz drückte Remy auf die Ottomane und als dieser wieder aufspringen wollte, hielt er ihn fest. »Bleib’ sitzen. Nicht dass du mir hier noch ohnmächtig wirst oder auf den Teppich spuckst.« Er nahm die Hand wieder von dem Jungen, der sich beruhigte und mit seinen Fingern durch die Haare fuhr.

»Sagt mir nicht, dass Euer Palast in Annwyn auch so ein Protzbau voller Gold und Geschmeide ist«, murmelte er und Rowan lachte leise.

»Nein. Mein Vater findet solche goldenen Verzierungen furchtbar, sondern hat es eher mit Wandteppichen, Schilden und Streitwaffen. Er mag es ... archaisch und robust. Die Türen bei uns sind so dick und schwer, dass mein kleiner Bruder sich zu Anfang mit all seinem Gewicht dagegen stemmen musste, um sie aufzubekommen. Es ist anders als hier. Von außen hell und freundlich, innen aber viel weniger prunkvoll. Dort würdest du nicht davon erschlagen werden.«

Pochen an der Tür unterbrach das Gespräch und nachdem Rowan Remy klar gemacht hatte, dass er sitzen bleiben sollte, öffnete er die Tür und fand eine Magd vor sich, ordentlich und sauber gekleidet, mit einer bescheidenen Frisur.

»Ihr habt geläutet, Königliche Hoheit?« Offenbar hatte der Höfling Wort gehalten und ihn bei dem Gesinde angekündigt.

»In der Tat. Herr Gawen sagte mir, dass ich heißes Wasser für ein Bad haben könnte.«

»Aber ja, Königliche Hoheit. Ich schicke sofort nach meinen Mädchen, es wird nur einen Augenblick dauern.«

»Vielen Dank.« Rowan lächelte und schloss dann verwundert die Tür wieder. Die junge Frau hatte ihn mit einem Blick angesehen, als wäre ihm soeben ein zweiter Kopf gewachsen, nachdem er sich bedankt hatte. Was konnte das nur bedeuten?

»Leg’ einen Moment die Beine hoch, Junge. Du siehst aus wie hammonischer Käse.«

Remy erhob sich und rief sich zur Ordnung. »Nein. Ich bin hier der Diener, Hoheit. Ich kann nicht auf Euren Möbeln herumliegen, wenn das Gesinde des Königs hier herumläuft. Ich denke, das würde kein gutes Licht auf Euch werfen, egal welche perverse Fantasie dieses Rattengesicht von Höfling haben mag.«

»Dann öffne das Fenster und schnapp’ etwas Luft. Tu’ mir den Gefallen. Dein Unwohlsein macht mich ganz nervös.«

»Ihr seid der Erste, der sich seit Jahren Sorgen um mich macht. Ich weiß nicht, ob ich mich geehrt fühlen soll, oder ...«

»Tu’ es nicht«, lächelte der Prinz. »Ich sagte doch, ich sorge für meine Leute. Das ist eine Selbstverständlichkeit, wo ich herkomme.«

Remy wandte den Blick ab und betrat den kleinen Balkon des Zimmers. Offenbar hätte er größeres Glück gehabt, wenn er in Annwyn geboren worden wäre.


Comments

  • Author Portrait

    Da habe ich das vorläufige Ende erreicht... Ganz bestimmt werde ich jedes weitere Kapitel mit Spannung erwarten. Ich mag die Dynamik der Hauptfiguren und den sozialkritischen Ansatz. Die Welt, die du hier erschaffst ist sehr anschaulich dargestellt mit ihren Figuren, Städten, Lebensumständen. Man kann vieles förmlich sehen, riechen oder würde es gern greifen. Da steckt viel Liebe drin und ich hoffe, du findest Zeit und Gelegenheit, hier weiter zu machen:)

  • Author Portrait

    Was für eine Geschichte! Sag mal, Phoby, gibt es eine Fortsetzung?

beta
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