2. Dezember

Seine Hände zitterten. Er konnte nicht glauben, was seine Mutter getan hatte. Natürlich, jetzt machte es endlich Sinn. Jetzt verstand er endlich, warum Snape ihn immer und immer wieder bedrängte. Warum nur hatte sie gedacht, dass das eine gute Idee wäre? Sah sie nicht, worum es hier eigentlich ging?

Schwer atmend las er den Brief, den er gerade erhalten hatte, ein zweites Mal durch.

Mein geliebter Sohn,
wie du weißt, war ich von Anfang an nicht begeistert davon, dass du diesen Auftrag angenommen hast. Ich glaube deinem Vater, wenn er sagt, dass du keine andere Wahl hattest, dennoch... ich bin eine Mutter und ich sorge mich um meinen Sohn.
Bitte glaube nicht, dass ich dich unterschätze oder deine Fähigkeiten klein reden möchte. Nichts läge mir fernen. Ich weiß, wie hart du arbeitest, um in der Schule gut zu sein und nicht nur dein Wissen, sondern auch deine magische Stärke zu erweitern. Ich bin so stolz auf dich. Und doch, ich kann nicht anders, als zu befürchten, dass du diesem Auftrag nicht gewachsen bist. Dein Gegner ist stark, stärker als ich, stärker als dein Vater. Alleine bist du machtlos.
Wir wissen beide, was geschieht, wenn du versagst. Ich möchte es gar nicht aussprechen, ich möchte noch nicht einmal daran denken, doch der Gedanke ist bei jedem Schritt, den ich tue, in meinem Kopf.
Ich habe deine Tante Bellatrix um Rat gefragt und sie stimmt mir zu, dass du ihm unterlegen bist. Du kennst sie, sie kann solche Dinge nicht ernst nehmen, doch wenn selbst sie so spricht...
Sie hat mich abbringen wollen von meiner Idee. Sie meinte, dein Auftrag sei eine Strafe für Lucius. Ich verstehe nicht genau, was sie damit meint, doch es kümmert mich nicht. Lucius ist ein erwachsener Mann, er kann sich selbst helfen und er hat seine Misere seiner eigenen Unfähigkeit zu verdanken. Denke nicht, dass ich ihn verachte, denn das tue ich nicht. Ich liebe deinen Vater noch immer, doch dich liebe ich mehr, du bist mein Kind.
Severus wird dir helfen. Weise ihn nicht ab, wenn er sich an dich wendet. Ich habe lange gezögert, dir davon zu erzählen, doch als mir zu Ohren kam, dass du dich ihm verweigerst, konnte ich nicht länger schweigen. Er hat mir geschworen, dir zu helfen. Er hat einen unbrechbaren Schwur abgelegt, verstehst du, Draco? Bellatrix hat ihn dazu gebracht, hat ihn auf ihre typische Weise provoziert. Ich hätte es nicht von ihm verlangt, doch nun weiß ich, dass du einen sicheren Verbündeten an deiner Seite hast. Weise ihn nicht erneut ab, Draco. Er kann nicht anders, er muss dir helfen.
Ich vermisse dich und sorge mich um dich,
deine dich liebende Mutter

Er war froh, dass er den Brief nicht in der Großen Halle geöffnet hatte, sondern erst jetzt, am Abend, alleine im Schlafsaal in seinem Bett. Es wäre nicht auszudenken, wenn irgendjemand mitbekommen hätte, dass Snape einen unbrechbaren Schwur geleistet hatte, um ihm bei seinem Auftrag zu helfen. So sehr er vor Pansy und Blaise auch geprahlt hatte im Hogwarts-Express, die Realität hatte ihn mehr als eingeholt.

Niemand durfte wissen, dass er Dumbledore umbringen sollte. Selbst bei seinen besten Freunden konnte er nicht wissen, ob sie nicht doch den falschen Leuten gegenüber etwas sagen würden.

Entschlossen ging er zu der Feuerstelle, legte den Brief samt Umschlag hinein und zündete ihn an. Wusste seine Mutter denn nicht, dass jegliche Art von Post dieses Jahr durchleuchtet wurde? Was, wenn jemand den Brief geöffnet und gelesen hatte? Sicher, sie hatte keine Details verraten, aber alleine die Tatsache, dass Snape einen unbrechbaren Schwur geschworen hatte, wäre genug, um Verdacht zu erregen.

Verstand sie denn wirklich nicht?

Wenn er ehrlich zu sich war, konnte er es ihr nicht einmal verübeln. Im Sommer hatte er noch gedacht, dass er aufgrund seiner überlegenen Fähigkeiten für den Auftrag ausgewählt worden war, doch sehr schnell schon war ihm klar geworden, dass das nicht der Fall sein konnte. Zwei Monate waren bereits rum und er hatte noch immer nichts erreicht. Es war unmöglich. Zumindest für ihn. Sein Vater hatte selbst auch davon gesprochen, dass dies seine Strafe war, doch erst vor kurzem hatte Draco verstanden, was damit gemeint war.

Voldemort hatte ihm einen Auftrag gegeben, bei dem er nur versagen konnte. Wenn er versagen würde, würde das seinen Tod bedeuten. Das war die schlimmste Strafe, die man einem Vater antun konnte. Und im Gegensatz zu seiner Mutter wusste er nur zu gut, wenn nicht er Dumbledore tötete, sondern Snape, würde ihm das dennoch als Versagen ausgelegt. Er durfte Snapes Hilfe nicht annehmen.

Erneut spürte er Übelkeit in sich aufsteigen. Voldemort würde ihn töten. Nie in seinem Leben hatte er so eine Angst verspürt. Sie war schleichend gekommen. Jeder Tag des Schuljahres, der verging, jeder Tag, an dem ihm bewusster wurde, wie unmöglich sein Vorhaben war, ließ die Angst steigen. Vor einer Woche hatte er sich übergeben, alleine, in der Abgeschiedenheit eines nicht mehr genutztes Mädchenklos, nur beobachtet von einem Geist. Danach hatte er versucht, sich abzulenken, hatte sich in seine Arbeit am Verschwindekabinett gestürzt und nur noch nebensächlich an seinem Plan zur Ermordung Dumbledores gearbeitet.

Vielleicht, wenn es ihm gelang, das Kabinett zu reparieren, vielleicht wäre der Dunkle Lord dann beeindruckt genug, um ihm zu vergeben. Vielleicht würde er ihn nicht töten. Niemandem war es bisher gelungen, das Kabinett zu reparieren, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ihm das gelang, war immer noch höher, als Dumbledore umzubringen. Es musste einfach klappen.

Es musste.

Kalter Schweiß stand auf Dracos Stirn. Seine Begegnung mit Granger gestern hatte ihn zurück in die Wirklichkeit geholt, hatte ihn daran erinnert, dass er in einer Schule war, umgeben von Schülern, deren größte Sorgen im Moment Liebe und Eifersucht zu sein schienen. Für einen Moment hatte er seine Angst vergessen können. Doch mit dem Brief seiner Mutter heute war alles wieder da. Die Wirklichkeit von Hogwarts, seiner Mitschüler, des Unterrichts, alles war wieder zurückgetreten und erschien verschwommen im Gegensatz zu der realen, übermäßig präsenten Angst vor seinem Tod.

Es war beinahe zum Lachen, dass ausgerechnet jetzt Weihnachten bevorstand, das Fest der Liebe und Freude und Geborgenheit.

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