2. Kapitel

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Die kleine Erhebung am Ortsausgang von Fenthworth End, kam einer natürlichen Empore gleich, auf dessen Scheitelpunkt man vor über hundertfünfzig Jahren die hölzerne Kirche der hiesigen Gemeinde errichtet hatte. Allem Anschein nach, waren hier wie da im Land die Geldmittel der öffentlichen Hand beschränkt, denn der letzte Anstrich des Gotteshauses löste sich langsam aber sichtbar vom Witterungsgeplagtem Untergrund.

Das Hinterzimmer der kleinen Kirche war nur spärlich möbliert, außer einem Tisch mit vier Stühlen, einem zweitürigen Schrank, ein schon arg in Mitleidenschaft gezogenes Chaiselongue und einer Anrichte, bereicherte ein in der Ecke befindlicher Metallständer mit einer emaillierten Waschschüssel unter der sich eine Seifenschale und eine Karaffe aus Keramik befanden den Raum. Das Mobiliar, dessen Gebrauchsspuren man nicht von der Hand weisen konnte, war aus hellem, einfachen Kiefernholz gefertigt, dass im Laufe der Jahre stark nachgedunkelt war. Gegenüber der Waschgelegenheit hatte man, vermutlich Nachträglich, eine provisorische Kochnische eingerichtet auf der ein Elektrokocher mit zwei Kochfeldern seinen Platz gefunden hatte.                                                                       Drei Leute hatten sich zu dieser vorabendlichen Stunde, am hiesigen Tisch versammelt, während die alte wurmstichige Wanduhr aus Nussbaum neben der Anrichte gerade sieben Uhr schlug. Es galt noch die letzten Einzelheiten des morgigen Begräbnisses von Richard Hensley, dem ehemaligen Mayor a. D. zu besprechen, das schon im Vorfeld für einigen Trubel in der politischen Szene gesorgt hatte.

Father Jason Willoughby, er war das geistliche Oberhaupt dieser kleinen englischen Gemeinde, Edward Norton, langjähriger Ministrant und persönlicher Freund des Fathers, sowie die liebenswerte, ein wenig zerbrechlich wirkende, ältliche Mistress Abigale Clancy, hatten sich hier zusammen gefunden. Miss Clancy betätigte  sich nicht nur als Organistin, sondern war dem Kirchenmann zusätzlich bei seiner Schreibarbeit behilflich. Eine gute halbe Stunde später gesellte sich noch Mia Bridges, die ehrenamtliche Mitarbeiterin des hiesigen Kirchenvereins dazu, für deren aktive Unterstützung ihr Father Willoughby sehr verbunden war.

Der Geistliche, war kaum einen Meter siebzig groß, hatte gütige bernsteinfarbene Augen, einen schmalen Mund und einen minimalen Rettungsring um die Hüften der aber unter seiner Soutane fast gänzlich verschwand. Sein Haar war weiß und licht, nur seine hohen Wangenknochen verrieten die slawische Herkunft seiner Eltern. Der Father war nicht nur das einzige geistliche Oberhaupt der kleinen englischen Gemeinde in Fenthworth End, er war auch nicht mehr der Jüngste. Das oft unbeständige Wetter machte ihm an kalten sowie regnerischen Tagen schwer zu schaffen und sein daraus entstehendes Rheuma quälte den immerhin schon dreiundsechzig jährigen an besagten Tagen sehr. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich seinen immer wiederkehrenden täglichen Aufgaben zu stellen, die nicht in jeder Hinsicht die eines katholischen Priesters waren.

Gleich einem selbstständigen Geschäftsmann verwaltete der Geistliche die Pfarrei. Er führt das Sekretariat, war verantwortlich für die Korrespondenzen mit dem Bischöflichen Ordinariat und überwachte die Finanzen, wobei ihm Mistress Clancy, als Sekretärin zur Hand ging. Die maßgeblichen Obliegenheiten seines Priestertums standen jedoch vorne an, er kümmerte sich um die Spendung von Sakramenten, erledigte die anstehenden Gottesdienste, war Beichtvater und Beauftragter für Jugend- und Seniorenarbeit, übernahm die Seelsorge der Gläubigen, organisiert Hochzeiten, Begräbnisse, Taufen, Kommunionen und, und, und.

Ein immer wieder gern bevorzugter Spruch von Jason Willowghby lautete: Die Arbeit eines Pfarrers endet nie.

Offiziell galt Fenthworth End als Nachbargemeinde der englischen Grafschaft Essex Hall und so kam es vor, dass sich an manchen Tagen eines der nachbarlichen Schäfchen in seine Gemeinde verlor. Das hatte natürlich Auswirkungen auf das ohnehin schon ausgefüllte klerikale Arbeitspensum von Father Willoughby und er war stets froh, wenn ihn in solchen Situationen Mistress Bridges mit helfender Hand unter die Arme griff.

Mia Bridges war nicht nur ehrenamtliche Mitarbeiterin der hiesigen Kirchengemeinde, ihre vornehmliche Tätigkeit fand in der Stankt Mary Steward Townschool statt, an der sie als Religions-, und Englischlehrerin fungierte. Die äußerst attraktive Mistress Bridges war neunundzwanzig Jahre alt, einen Meter zweiundsiebzig groß, hat eine schlanke Figur, grüne Augen, eine helle Haut und unzählige Sommersprossen. Sie trug eine schmale achteckige Brille mit einem dünnen Goldrand und hatte ihr schulterlanges rotblondes Haar, was die irische Abstammung ihrer Mutter Martha deutlich machte, zu einem Zopf nach hinten geflochten. Morgen würde sie sich um die Ausschmückung der Kirche kümmern.

Mistress Abigale Clancy der das Ganze schon etwas schwer fiel sollte ausschließlich für den musikalischen Ablauf der Beerdigungszeremonie zur Verfügung stehen, während Ministrant Edward Norton der diesen Nebenjob aus innerer Überzeugung zu seinem Glauben und natürlich aus persönlicher Sympathie und Freundschaft zu Jason Willoughby machte, sich nur auf seine üblichen Aufgaben zu konzentrieren brauchte. Der mit 33 Jahren jüngste Direktor des Städtischen Kinderheims war fast einen Meter achtzig groß, hatte männlich markante Gesichtszüge, trug einen kleinen gepflegten Menjou, sowie eine schwarze Hornbrille. Mr. Norton legte steht’s Wert auf ein elegantes Äußeres, niemals sah ihn jemand ohne Anzug, Weste und Krawatte. Sein dunkelbraunes, welliges Haar pflegte er mit einem Hauch von Gel zurückgekämmt zu tragen.

Jetzt nachdem alles besprochen und sich jeder seiner Aufgabe bewusst war, trennten sich die vier. Father Willoughby kam noch seinen schriftlichen Verpflichtungen nach und nahm sich im Anschluss noch einmal seine zehn Uhr Predigt und die für vierzehn Uhr festgesetzte Grabrede des ehemaligen Mayor a. D. vor, um diese auf eventuell verbesserungsfähige Formulierungen zu überprüfen.

Abigale Clancy, Edward Norton und Mia Bridges verließen den Raum. Sie gingen vorbei am Altar, vor dem die drei sich kurz bekreuzigten, schwenkten in den Mittelgang der kleinen Kirche ein und passierte das vordere Tor das hinaus in den Pfarrgarten führte.

Die knapp bemessene Freizeit die Father Willoughby zur Verfügung stand und die er letztendlich noch für sich beanspruchen konnte, verbrachte er hier. In diesem kleinen von ihm selbst erschaffenen Refugium. Hier konnte er entspannen, hier fühlte er sich wohl und entledigte sich seiner Arbeit Last. An erster Stelle standen seine Rosen, üppige Kletterrosen aus eigener Züchtung die nicht minder prachtvoll waren als die unzähligen Solitärpflanzen, die er voller Stolz jedem interessierten präsentierte. Einige davon stammten sogar aus der Sammlung des berühmten englischen Züchter David Austin und trugen so prunkvolle Namen wie Miss Alice, Benjamin, Hyde Hall, Lady of Sharlott oder auch Ambridge. Gleich danach kamen die Gartenkräuter aus denen er Tinkturen, Extrakte, Essenzen und Salben herstellte, was ihm den heimlichen Namen The Herbal Witcher eingebracht hat.  

Schnellen Schrittes überquerte das ungleiche Trio den Garten, sie schlossen die Pforte hinter sich und befanden sich auf dem angrenzenden Gemeindefriedhof, in dem ihnen die parallel zum Weg stehenden Grabsteine, ihre bizarren Schatten vor die Füße warfen. Der Mond in seiner zunehmenden Phase, es war Ende Oktober und ein für diese Jahreszeit verhältnismäßig milder Abend,  versuchte sein Bestes um in den vom Abendwind getriebenen Wolken das verschleierte Gelb und Ocker gefärbte Licht zu emittieren.

An der ersten Wegkreuzung verabschiedeten sich die drei und gingen getrennter Wege, da jeder in eine andere Richtung musste.  

Mia Bridges schaute auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass es Mittlerweile zwanzig nach acht war, was sie ein wenig beunruhigte. Nicht weil sie zu dieser Zeit über den Friedhof gehen musste, der bereitete ihr keine Angst – nein, sie dachte an Othello. Othello war ihre ganze Liebe. Ein fünfjähriger pechschwarzer Kater den sie seinerzeit von ihrem Mann zum Geburtstag bekommen hatte. Vom ersten Augenblick an hatte sie den damals gerade sechs Wochen jungen Kater in ihr Herz geschlossen und sie hoffte inständig, dass ihr Vater dafür gesorgt hatte, ihren kleinen Liebling zu versorgen. Mia Bridges benutzte den Hauptweg der bis hinunter in das Zentrum der Gemeinde Fenthworth End führte, von wo aus sie zwanzig Minuten später zum Cumberland Park Drive gelangen würde, der als  Ausfallstraße für den auflaufenden Verkehr in der Rush Hour gedacht war, beziehungsweise ihn entlasten sollte. Für die letzten achthundert Meter zu ihrem Haus in der Mulberries Road benötigt Mia noch einmal zirka zehn Minuten und während sie sich auf den Weg machte, konnte sie einem gedanklichen Rückblick nicht entfliehen.

Fünf Jahren waren ins Land gegangen, seit Mias Mann Kyle bei einem Unfall ums Leben kam. Ein unter Alkoholeinfluss stehender Brummifahrer hatte eine rote Ampel missachtet und Kyle James Bridges, der an diesem Samstagmorgen mit dem Fahrrad zum Brötchen holen unterwegs war, überfahren. Gerade mal zwei Jahre waren sie Verheiratet, die aktuelle Erweiterung ihrer Familie noch in Planung, ganz zu schweigen von dem Haus, dessen erste Ratenzahlung keine drei Wochen zurück lag. Der Schock wirkte bei Mia Bridges wie eine seelische Fessel, erst nach über einem Jahr löste sie sich davon und bekam langsam wieder einen klaren Kopf. Sie fing wieder an zu leben, half wo sie nur konnte und angergierte sich im Städtischen Altenheim, im Kinderheim und letztendlich im katholischen Kirchenverein – in letzterem ehrenamtlich.

Ihr Job als Pädagogin nahm die Bank zum Anlass die Raten fürs Haus herabzusetzen und die Laufzeit zu verlängern. Und dann war da noch ihr Vater, Joseph Cameron, dessen Ehefrau Martha, Mias Mutter, gleich nach der Geburt starb. Dem Alleinsein sich widersetzend, holte sich Mia ihren Vater nach Kyle James Bridges Beerdigung zu sich ins Haus. Er erwies sich als tatkräftige Unterstützung, denn er half ihr beim Umbau, sowie bei den Reparaturarbeiten des immerhin fünfundvierzig Jahre alten Backstein Hauses. Eine neue Beziehung stand bei beiden nicht an. Ja klar, bei Mia gab es hier und da eine lockere Verbindung, die sich aber jedes Mal am Vergleich mit ihrem verstorbenen Mann verlor. Die Hälfte des Weges zum Cumberland Park Drive, hatte sie geschafft.

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