3: TANYA (29..09.1515, Di.)

Der Dienstagmorgen war schlimm. Einer der schlimmsten Tage meines Lebens, wenn ich so darüber nachdenke. Ich wachte erst auf, als der Weckruf ertönte, die Tage zuvor war ich immer eher wach gewesen. Das war schon beschämend, aber viel schlimmer war, was dann passierte. Ich war schon mit einem miesen Gefühl aufgewacht; mir ging es irgendwie schlecht, ich war müde und als ich dann versuchte mich zu bewegen, war mein Körper schwer wie blei. Jede Bewegung schmerzte, das Ziehen in meinen Muskeln erschien mir kaum zu ertragen. Und dann fing ich an zu weinen. Es war kein haltloses Weinen mit heftigen Schluchzern; nein, mir kullerten einfach dicke Tränen die Wangen hinab, während ich jedoch (zumindest bemüht) ruhig weiteratmen konnte. Schnell zog ich mir die Decke über den Kopf und drehte mich zur Wand, damit Zora und Arisa, die bereits aufgestanden waren, nichts bemerkten.

Ich hörte wie Arisa die Fenster öffnete und als Zora das elektrische Licht einschaltete, wurde es hell. Ein gequältes Stöhnen und das Geraschel einer Bettdecke zeigten an, dass Nytra typischerweise noch weiterschlafen wollte. Ich musste lächeln und beruhigte mich so langsam. Als ich hörte wie Arisa Nytra die Decke wegriss und sagte: „Nytra, aufstehen. Ich schüttel deine Decke für dich aus, aber du verlässt jetzt das Bett“, konnte ich ein leises Lachen nicht unterdrücken. In dem Moment wurde mir jedoch von einer genervten Nytra die Decke vom Kopf gerissen. „Was ist da so witzig? Steh doch selbst auf“, motzte sie mich an und ging dann ans Waschbecken, um sich zu waschen. An ihren steifen Bewegungen erkannte ich, dass sie genau solchen Muskelkater hatte wie ich. Scheinbar konnte sie jedoch mit den Schmerzen besser umgehen und das ärgerte mich.

Ich stand auf und machte mein Bett, während ich darauf wartete, dass Nytra am Waschbecken fertig wurde. Gereizt spritzte ich mir das kalte Wasser ins Gesicht und schüttelte mich. Ich vermisste das warme Wasser von Zuhause. Ich vermisste es erst spät aufzustehen. Aber am schlimmsten war, ich vermisste meine Familie. Und Erika... Ich schüttelte den Kopf und trocknete mich ab. Genervt von den ewigen Schmerzen zog ich mich an und ging dann mit den anderen in den Speisesaal. Am Tisch setzte sich Nytra neben mich, doch da auch sie vor Schmerzen schlechte Laune hatte, ließ ich sie gewähren. Wir errichteten eine Mauer des Schweigens um uns herum, die nicht einmal Zora und Arisa trotz vielfacher Versuche durchbrechen konnten.

Ich schaute mich in der Halle um, die meisten schienen die Schmerzen mit Fassung zu tragen, wenn sie denn überhaupt welche hatten. Die meisten hatten sogar trotzdem gute Laune. Ein paar Erstklässler jedoch hatten auch ihre Probleme und waren eher still wie wir. Gerade betrat ein eher kleines blondes Mädchen die Halle. Ihre hellbraunen Augen waren angstvoll geweitet und sie stand unsicher in der Tür. Nytra neben mir schaute ebenfalls hin und winkte ihr zu. Befreit lächelte das Mädchen und kam zu uns herüber. Ich schaute verwundert nach links, so etwas hätte ich Nytra gar nicht zugetraut... „Das ist Sukira. Sie hat dasselbe Problem wie wir“, flüsterte sie mir zu, damit die anderen das nicht so mitbekamen. Ich nickte nur, immer noch überrascht.

„Guten Morgen, Nytra“, grüßte Sukira als sie an den Tisch kam. „Oh, und natürlich allen anderen auch einen guten Morgen...“, fügte sie verlegen hinzu. Arisa und Zora lächelten sie freundlich an und auch ich bemühte mich. „Setz dich doch zu uns“, bot Arisa ihr an. „Wirklich? Ich meine... normalerweise sitzt ihr ja mit den Jungs zusammen...“ Sich sichtlich unwohl fühlend blieb Sukira vor dem Tisch stehen und schaute uns abwechselnd an. „Klar, ist schon in Ordnung. Die können sich auch woanders Plätze suchen. Komm einfach neben mich“, grinste Nytra und klopfte neben sich auf die Bank. Glücklich nickte Sukira und setzte sich dann.

Natürlich stürzte Zora sofort mit Fragen auf sie ein. „Und wie heißt du? Woher kommst du? In welchem Zimmer bist du nochmal?“ Damit war Sukira zuerst sichtlich überfordert, riss sich dann aber zusammen und antwortete. „Ähm... also... ich heiße Sukira Tranner. Ich bin in Zimmer 4-a, dem Sechserzimmer hinten links... Und ich komme aus einer großen Stadt... ähm... mit der Kutsche habe ich eine Woche hierher gebraucht...“ Bei dem Namen Tranner hatte ich aufgehorcht. Irgendwo hatte ich ihn schon einmal gehört. „Und was ist mit deiner Familie?“, fragte Arisa jetzt neugierig. „Ähm... meine Familie ist sehr reich und ich habe viele Geschwister. Ich bin die jüngste von sieben...“, lächelte sie verlegen. Tranner... reich... eine Stadt eine Woche von hier... „Liegt eure Stadt am Meer?“, hakte ich nach. „Ja, genau. Warum fragst du?“ „Dann hab ich schon von euch gehört. Mein Vater treibt Handel mit euch. Ich bin Tanya Akiraka“, stellte ich mich dann vor. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand hier mein Schicksal teilte. Die jüngeren Kinder reicher Familien waren entbehrlich. Man konnte sie verheiraten oder zur Akademie schicken. Das Geschäft ging meistens an den ältesten Sohn über.

„Ach, wirklich? Tut mir leid, aber ich muss zugeben, dass mir der Name nicht wirklich bekannt vorkommt... Aber ich habe auch keine Ahnung von Vaters Geschäften. Als Nesthäkchen und noch dazu als Mädchen bekommt man nicht viel mit...“, sagte sie entschuldigend. „Macht nichts. Deine Familie ist schließlich noch viel erfolgreicher als meine. Verglichen mit euch sind wir beinahe arm...“, gab ich ehrlich gemeint zu. „Du und arm? Dass ich nicht lache“, sagte Nytra aufbrausend. „Wirklich arm ist Arisa. Also mach hier nicht einen auf bescheiden!“ Wütend schaute ich sie an. Was war denn jetzt schon wieder ihr Problem? Ich hatte eindeutig gesagt 'im Vergleich'! Sie sollte sich nicht so anstellen. „Ist schon in Ordnung, Nytra. Mir macht das nichts“, versuchte Arisa sie zu beruhigen. Sukira schaute verschreckt drein und murmelte jetzt: „Tut mir leid, ich wollte nicht, dass ihr euch streitet... Ich hätte mich nicht dazu setzen sollen...“ „Unsinn!“, ging Zora jetzt dazwischen. „Alles ist gut, Nytra und Tanya streiten sich immer und heute sind beide wegen des Muskelkaters besonders gereizt. Das hat wirklich nichts mit dir zu tun.“ Sukira nickte, wirkte aber nicht wirklich überzeugt.

Zum Glück kamen jetzt die Jungs und retteten die Situation. „Jo, was soll die miese Stimmung?“, fragte Zeo unbeschwert wie immer. Arisa schaute ihn gleich genervt an und drückte damit auch meine Gefühle ihm gegenüber aus. Er war so ein Idiot... wie konnte man nur sitzenbleiben... Und überhaupt seine ganze Art, als wäre nichts je wichtig und alles nur ein Spaß... Er passte besser zu Nytra als zu Arisa... sie war schließlich genauso albern. „Frag nicht. Lenk uns lieber davon ab...“, sagte Arisa und ließ ausnahmsweise ohne Protest zu, dass er sich neben sie setzte. Sogleich wandte er sich an Sukira. „Hi, dich kenne ich ja noch gar nicht. Ich bin Zeo, Arisas Freund“, stellte er sich grinsend vor. „Das wärst du wohl gerne...“, murmelte Arisa nur. „Glaub ihm kein Wort, was das angeht. Ansonsten ist er ganz in Ordnung, abgesehen von seiner offensichtlichen Dummheit...“ „Hast du gehört, Zeo, sie mag dich bis auf deine Dummheit“, stichelte Jiro, der sich jetzt neben Zeo setzte. „Und wen haben wir hier?“, Gawen setzte sich neben Sukira zu uns auf die Bank, sodass jetzt unsere üblichen Plätze besetzt waren. Naro, der sich jetzt einen neuen Platz suchen musste, setzte sich der Einfachheit halber neben mich, woraufhin ich ungewollt ein bisschen rot wurde. „Das ist Sukira Tranner. Eine neue Freundin“, erklärte Nytra und lächelte Sukira freundlich an. Klar, bei ihr hatte sie nichts dagegen, dass sie reich und verwöhnt war... Das Verhalten dieses Mädchens ergab einfach keinen Sinn...

„Was schüttelst du so den Kopf?“, fragte Naro von rechts und ich zuckte zusammen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich den Kopf geschüttelt hatte. „Ach, nichts... Ich ärgere mich nur mal wieder über Nytra...“ Die anderen unterhielten sich jetzt mit Sukira, stellten sich vor und machten die üblichen Späße. Komisch, keiner schien auf uns zwei zu achten... „Und warum genau? Keine Sorge, keiner von denen achtet auf uns“, lächelte er und ich drehte mich zu ihm. Leise, da Nytra ja immer noch direkt neben mir saß, sagte ich: „Wir haben uns vorhin gestritten. Deshalb auch die schlechte Stimmung. Du kennst doch als Nikera sicher auch die Tranners. Ich habe nur erklärt, dass im Vergleich zu denen selbst meine Familie arm sei, da ist sie vollkommen ausgerastet...“ Naro stammte ebenfalls aus einer wohlhabenderen Familie. Sie war zwar nicht so groß wie meine und spezialisierte sich eher auf Waffenherstellung und -handel, aber ich hoffte, dass er mich trotzdem verstehen könnte.

„Hm... Naja, das war wirklich keine besonders gute Wortwahl von dir...“, entgegnete er jedoch nachdenklich. „Wahrscheinlich wollte sie einfach nur Arisa verteidigen und fühlte sich etwas von deinen Worten angegriffen...“ Ich schaute ihn zweifelnd an. „Ich glaube nicht, dass das alles ist. Sie kann mich einfach nicht ausstehen. Sukira gegenüber ist sie total freundlich, obwohl die noch reicher ist als ich.“ „Und das stört dich?“ „Nicht wirklich... Ich meine ich kann ja ihre kindische Art selbst nicht ausstehen, aber... ich weiß nicht. Es ärgert mich schon, sie weiß doch gar nichts über mich und verhält sich trotzdem so feindselig...“ Zu meiner Überraschung lachte Naro jetzt, woraufhin ich ihn wütend anfunkelte. „Was ist daran so witzig?“ „Ihr seid euch ähnlicher, als ihr euch selbst eingestehen wollt. Du tust doch genau dasselbe oder nicht? Du weißt doch auch nichts über sie und denkst, du hast das Recht sie abzulehnen.“ „Das ist nicht dasselbe. Sie spricht ja nie über sich selbst. Sie will ja gar nicht, dass andere etwas über sie wissen!“ „Tanya“, sagte er jetzt unerwartet streng. „Du verhältst dich gerade selbst kindisch. Es ist ihre Entscheidung, ob sie dir oder euch allen irgendetwas erzählen möchte. Dazu kann sie keiner, nicht einmal du, zwingen. Hier an der Akademie ist jeder frei und darf zu nichts gezwungen werden. Ich dachte, du würdest das verstehen...“ Enttäuscht wandte er sich ab und ich schaute ihn erschreckt an. Verdammt, so hatte ich die ganze Sache noch nie betrachtet... „Tut mir leid, du hast recht... Ich bin heute einfach etwas gereizt...“, gab ich demütig zu und hoffte, dass er mir verzeihen würde. „Schon in Ordnung...“, murmelte er jedoch nur noch, wandte sich mir aber nicht wieder zu.

„Hey, Naro, du hast dich noch gar nicht vorgestellt!“, erinnerte Zeo ihn und er lächelte. „Stimmt, verzeih mir, Sukira. Ich bin Naro Nikera und komme aus einer größeren Stadt etwa drei Wochen zu Fuß von hier. Ich habe noch einen kleinen Bruder und meine Familie entwickelt, schmiedet und handelt mit Waffen. Selbst einige Waffen der Akademie stammen von uns.“ „Wirklich? Das ist ja faszinierend!“, strahlte Sukira. Ich spürte wie Wut in mir hochkochte. Wie blöd die ihn angrinste... 'Oh, ist das faszinierend!' Die hatte doch bestimmt gar keine Ahnung von Waffen und würde sich beim bloßen Anblick eines Schwertes in die Hose machen... Warum musste Nytra auch noch diese blöde Kuh anschleppen? Die machte hier schön einen auf unschuldiges kleines Mädchen, mit ihrer niedlichen Figur und ihren Rehaugen...

„Entschuldigt mich, mir geht es nicht so gut. Wir sehen uns heute Mittag“, sagte ich und stand auf. Ich konnte es nicht mehr ertragen mit den anderen an einem Tisch zu sitzen. Ich brachte mein Geschirr weg und verzog mich auf die Toilette. Dort konnte man sich wenigstens einschließen und mal ganz für sich sein. Ich wusste gar nicht, was mit mir los war. Ich war doch sonst nicht so gereizt... oder so weinerlich. Lag das wirklich nur an der körperlichen Erschöpfung? Stöhnend ließ ich meinen Kopf auf die Knie sinken. Ich hatte Heimweh. Ich wollte, dass meine Mutter mich umarmte, ich wollte mit meinen Geschwistern spielen, ich wollte mit Erika reden... Wieder begann ich zu weinen. Verdammt... ich musste mich doch zusammen reißen. Ich wollte doch eine der besten werden und in den dritten Jahrgang kommen... Da konnte ich doch nicht jetzt schon aufgeben!

Ich wischte mir die Tränen ab, wusch mir draußen am Waschbecken das Gesicht und ging dann in unser Zimmer. Zu meiner Überraschung wartete dort Arisa auf mich. „Hey“, sagte sie leise. „Hi...“, murmelte ich, blieb aber im Zimmereingang stehen und packte meine Schulsachen. „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie nach und schaute mich besorgt an. Ich wollte erst 'Klar' antworten, um sie abzuwimmeln, doch irgendwie brachte ich das nicht über mich... „Es geht schon...“, sagte ich dann und schaute angestrengt in meinen Schrank; ich wollte Arisa nicht ansehen. „Wenn du reden möchtest... ich weiß ihr findet das bestimmt aufdringlich, aber so haben wir das eben immer gemacht... Wenn wir Zuhause Probleme hatten, haben wir darüber geredet. Und ich finde, dass es hilft...“, stammelte sie sich zusammen. Wir waren wohl heute alle nicht so auf der Höhe... „Ist schon gut, Arisa. Keiner findet dich aufdringlich. Wir wissen, dass du uns allen nur helfen willst. Aber jetzt gerade ist mir einfach nicht danach... Tut mir leid.“ „Das macht nichts“, lächelte sie und schüttelte den Kopf. „Na dann, viel Spaß im Unterricht, wir sehen uns heute Mittag.“ Ich nickte nur stumm und verließ dann das Zimmer.

Der Schulhof war ein einziges Schlammfeld. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber die Sandplätze waren trotzdem noch matschig. Wer hatte sich den Blödsinn überhaupt ausgedacht? Ungeschützte Trainingsplätze aus Sand... Im Sommer würde es furchtbar stauben und dann durften wir bestimmt den ganzen Dreck wieder in die Begrenzung zurückfegen... Im Schulgebäude war noch beinahe alles dunkel. Nur in meiner Klasse C brannte bereits Licht. Das sah Raiga ähnlich, so früh schon da zu sein. Er war wirklich sehr zuverlässig und diszipliniert. Anders als diese furchtbare Risa... Arisa tat mir leid, diese Klasse war perfekt für Zeo und Nytra, aber sie hatte doch wirklich etwas besseres verdient...

Das Schulgebäude war wie alle anderen Gebäude, die nicht in die alte Mauer hinein gebaut waren, aus Fachwerk. Die Wege zwischen den Klassenräumen waren dunkel, doch die Klassenräume hatten große Fenster aus denen man auf den Hof sehen konnte. Vorsichtig klopfte ich an die Tür unseres Klassenraumes, woraufhin Raiga leise „Herein“, rief. Ich öffnete die Tür und trat ein. „Oh? Guten Morgen, Tanya. Was bringt dich so früh hierher?“, fragte er erstaunt. Es waren noch etwa zehn Minuten bis zum Beginn des Unterrichts. „Nichts besonderes. Ich wollte nur früh genug hier sein...“, murmelte ich. „Ich darf doch schon hier sein, oder?“ Er lachte und seine gelben Augen funkelten. „Natürlich.“ Eine Weile herrschte Stille, ich setzte mich an meinen Platz und starrte aus dem Fenster. Dann jedoch sprach Raiga mich wieder an.

„Nimm dir die Sache von gestern Nachmittag nicht so zu Herzen. Es gibt hier einige, die körperlich nicht so fit sind. Aber das kommt mit der Zeit. Den dritten Jahrgang kann man so zwar nicht erreichen, aber...“ „Was?!“, entfuhr es mir und ich schaute ihn entsetzt an. „Aber das geht nicht!“ Jetzt schaute auch er überrascht und sagte: „Natürlich geht das. Wenn die Noten zu schlecht sind, kann man den dritten Jahrgang nicht erreichen. Außerdem sind für diesen die physischen Noten besonders wichtig.“ Mir rutschte das Herz in die Hose. Toll, kaum hatte alles angefangen, war es auch schon wieder vorbei. Entmutigt ließ ich den Kopf sinken und gab mir alle Mühe nicht in Tränen auszubrechen. „Alles in Ordnung?“ 'Nein, natürlich nicht! Du hast gerade alle meine Träume zerstört!', hätte ich am liebsten geschrien, blieb aber still. Stattdessen nickte ich nur und schaute wieder aus dem Fenster. So leicht würde ich nicht aufgeben. So leicht konnte ich nicht aufgeben!


Die anderen Schüler strömten in den Klassenraum und der Unterricht begann. Gestern hatten wir gelernt die Buchstaben und unsere eigenen Namen zu lesen und zu schreiben. Heute ging es damit weiter. Das ganze war langweilig und unterforderte mich. Genervt schaute ich aus dem Fenster. Die Sonne schien wieder und es war ein schöner Tag, aber heute hätte ich lieber Regenwetter gehabt... Zu meinem Muskelkater gesellten sich jetzt auch noch Magenkrämpfe... Toll. Als wäre dieser Tag nicht schon schlimm genug...

Irgendjemand zupfte an meinem rechten Ärmel und so setzte ich ein Lächeln auf und drehte mich um. „Ja?“, flüsterte ich dem Mädchen zu, das neben mir saß. Sie hieß Annika und hatte scheinbar Probleme damit das Alphabet richtig aufzuschreiben. Ich half ihr dabei und lächelte, als sie sich mit einem angestrengten Gesichtsausdruck auf die Aufgabe stürzte. Sie hatte schulterlanges dunkelbraunes Haar und blau-violette Augen. Damit erinnerte sie mich sehr an Erika, was mich natürlich sofort wieder traurig machte... Unwillkürlich entfuhr mir ein Seufzer, woraufhin Annika mich zweifelnd anschaute. „Hab ich es schon wieder falsch gemacht?“ „Nein! Nein, hast du nicht. Tut mir leid, ich bin heute nicht so gut drauf“, gab ich ungewöhnlich offen zu. „Ach, du auch? Der Anfang ist schwierig, nicht wahr? Ich war heute Morgen auch kurz vor dem Verzweifeln...“, grinste sie verlegen. Ich musste lachen. „Ich auch!“ „Wie schön, dass ihr euch so gut versteht, aber vielleicht könntet ihr jetzt wieder leiser sein und auf den Unterricht achten“, unterbrach Raiga uns und wir senkten schnell schuldbewusst die Köpfe. Als Annika mir jedoch trotzdem noch grinsend zuzwinkerte, musste ich lächeln. Vielleicht würde ja doch alles gut werden...

Nachdem Raiga unsere Lösungen kontrolliert hatte, ging es mit den Zahlen weiter. Zählen konnten die meisten sprachlich schon, jetzt musste man sich nur noch die dazugehörigen Zeichen merken. Das war immer noch sehr einfach, doch natürlich gab es auch hier wieder Leute, die Schwierigkeiten hatten. Annika schien diese Übung leichter zu fallen als die vorherige, sodass wir schon bald wieder leise tuschelten. „Und, wie sind deine Zimmergenossinnen so?“, fragte sie neugierig. Annika war in Zimmer 1-b, direkt neben uns. „Sie sind ganz in Ordnung. Arisa und Zora sind sehr nett und ordentlich, aber Nytra geht mir auf die Nerven...“ „Das kann ich verstehen. Sie scheint wirklich wie jemand, der auf Dauer sehr anstrengend werden kann...“, stimmte sie mir zu. Sie hatte seit ihrer Ankunft sicher einiges mitbekommen, Nytra war ziemlich verhaltensauffällig... „Ich bin froh, dass meine Zimmergenossinnen alle ruhig sind.“ „Sag mal, ist bei euch immer noch ein Bett frei?“, fragte ich dann interessiert. Sonntagabend hatte die letzte aus dem Zimmer immer noch gefehlt. Annika nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ja... ich frage mich, wo sie bleibt... oder ob sie den freien Platz dann wohl anders vergeben werden?“

„Wenn die betreffende Schülerin bis Ende der Woche nicht auftaucht, rückt jemand aus den Zweigstellen nach. Wie es scheint, langweilt euch der Unterricht, wenn ihr immer wieder quatschen müsst...“, Raigas Blick war bedrohlich... „So ist das nicht, wir sind nur schon fertig mit den Aufgaben“, erklärte ich. „Das stimmt“, fügte Annika hinzu. „Schön. Solange ihr leise bleibt und keine anderen stört, dann redet meinetwegen. Aber sobald ihr stört, fliegt ihr raus.“

Wir grinsten uns noch ein mal an und setzten dann unser Gespräch fort. „Hmm... das ist ziemlich unzuverlässig, mehrere Tage zu spät zu kommen... Eigentlich sollte so jemand gar nicht angenommen werden“, stellte ich nachdenklich fest. Die ganze Geschichte war etwas komisch. Eigentlich hieß es doch, alle Schüler hätten bis Sonntagabend spätestens da sein müssen... Wenn das Mädchen im zweiten Jahrgang wäre, könnte ich es verstehen, aber auf jemanden zu warten von dem man gar nicht wusste, ob diese Person jemals herkommen würde? Annika nickte nur und so fragte ich: „Und, wie sind deine Zimmergenossinnen sonst so? Du hast ja gesagt, sie seien eher ruhig.“ „Oh, sie sind natürlich auch sehr nett. Wir verstehen uns soweit alle ganz gut. Dorina ist ja mit Zora in einer Klasse, die beiden scheinen sich gut zu verstehen. Dorina kann manchmal auch etwas übermütig sein...“, vergnügt lächelte sie und fuhr dann fort. „Inaga ist so etwas wie die große Schwester unseres Zimmers, weißt du? Sie wiederholt auch. Sie hat versucht uns schon einmal etwas beizubringen, aber es hat nicht so gut geklappt...“ Wieder mussten wir beide lachen. „Ich habe dasselbe versucht, aber da die anderen auch Lust hatten, ging es. Naja, bis auf Nytra; die konnte schon lesen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich das nicht erwartet hätte...“ „Was? Die kann schon lesen? Wo hat sie das denn gelernt? Sie wirkt ja jetzt nicht sonderlich... sagen wir lernfreudig...“ Ihr zweifelnder Blick drückte in etwa das aus, was ich fühlte. „Keine Ahnung. Sie erzählt nie etwas über sich...“ „Hm...“

Die Abwechslung von Unterricht zu Gespräch setzte sich den ganzen Vormittag lang fort. Annika war mir wirklich sympathisch, auch wenn unsere Familien sehr unterschiedlich waren. Ihre war mehr wie Zoras, also eher durchschnittlich was das Geld anging, dafür hatte sie aber auch nur einen kleinen Bruder. Das hatte sie mir gerade erzählt, als es auch schon zur Mittagspause klingelte. „Als Hausaufgabe guckt ihr euch bitte alles noch einmal an. Ich möchte morgen mal etwas weiter kommen, dafür sollte jeder zumindest die zehn Ziffern und das Alphabet können“, wies Raiga uns noch an, ehe er uns entließ. Einige stöhnten laut auf. 'Tja, wer nicht bereit ist, etwas zu tun, ist hier falsch...', dachte ich mir nur mit einem gehässigen Lächeln. „Hey, lahme Tanya! Du brauchst gar nicht so zu grinsen. Was wir hier nicht hinbekommen, holen wir im Training auf!“, machte mich einer der Jungen dumm von der Seite an. Drei andere, die hinter ihm standen, lachten überheblich. Wütend, aber beherrscht trat ich ihnen entgegen. „Fitness und Stärke sind nicht alles, worauf es ankommt! Wenn du zu dumm bist, einen Angriff vorherzusehen, kann dich selbst jemand töten, der kleiner, schwächer und langsamer ist als du. Außerdem sind wir hier, um zu lernen und zu trainieren.“ „Den dritten Jahrgang wirst du aber trotz deiner Intelligenz nicht erreichen. Dafür bist du einfach zu lahm!“ Er gab immer noch nicht auf und wieder lachten sie alle. „Ich will nicht mit dir streiten, auch wenn du das vielleicht willst“, sagte ich ganz ruhig. „Eigentlich möchte ich gerne mit allen hier gut auskommen. Aber eine Sache muss ich dir noch dazu sagen“, ich machte eine dramatische Pause und schaute ihm fest und wütend in die Augen. „Ich werde den dritten Jahrgang erreichen. Hier hat schließlich jeder eine Chance.“

Danach wandte ich mich ab und ging. Die anderen blieben zunächst sprachlos zurück, dann aber hörte ich wie sie wieder lachten. Ich ballte die Hände zu Fäusten und verfluchte mich dafür, dass ich meiner Wut doch freien Lauf gelassen hatte. Ich würde es nie in den dritten Jahrgang schaffen. Das wussten die Jungs und sie wussten auch, dass ich das selber wusste. Ich biss die Zähne zusammen und stapfte wütend über den Hof bis mich jemand an der Schulter packte. Ich erwartete Annika, doch als ich mich umdrehte sah ich, dass sie mit Zora und Dorina zusammen noch vor dem Gebäude stand. Ob sie sich auch lustig machten?

Erst jetzt schaute ich mir an, wer mich denn nun festhielt und erkannte zu meinem Erschrecken Naro. Missmutig schaute ich ihn an. „Was willst du? Ich weiß, du bist sicher noch sauer auf mich, aber ich habe jetzt keine Nerven dafür, mir noch irgendwas negatives anzuhören...“ Er jedoch lächelte nur und ließ mich los. „Du und keine Nerven? Kann ich mir nicht vorstellen. Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass mich deine kleine Rede gerade ziemlich beeindruckt hat. Und ich wollte mich für heute morgen entschuldigen. Spätestens jetzt weiß ich ja, dass ich falsch lag“, er zwinkerte und mein Herz schlug ungewollt etwas schneller. „Ist schon in Ordnung. Ich habe aber auch Blödsinn von mir gegeben. Soll Nytra doch schweigen soviel sie will, ich habe ja selbst Dinge, die ich nicht erzählen will.“ Ich zuckte die Schultern und ging weiter in Richtung Wohngebäude. Naro ging wie selbstverständlich neben mir her und ich musste mich davon abhalten nicht immer zu ihm rüber zu sehen.

„Ist bestimmt auch nicht leicht für dich, hm?“, fuhr er dann fort, doch ich wusste nicht, worauf er hinaus wollte. Als ich ihn verwirrt anschaute, erklärte er: „Naja, das Leben hier unterscheidet sich sehr von dem Luxus den wir gewohnt sind. Ging mir am Anfang nicht anders. Dann vermisst man morgens schon mal das warme Wasser, tagsüber die Familie und abends das vertraute warme, weiche Bett...“ Ich hörte an seinem Tonfall, dass er es wirklich so meinte. Ein warmes Gefühl machte sich in mir breit. Heute morgen war ich noch so verzweifelt gewesen, doch den Vormittag über hatte ich schon zwei Leute gefunden, die mich verstanden. Zusätzlich zu den anderen Freunden, die ich schon längst hatte... Ich verdrückte mir die Tränen, die bei diesem Gedanken aufkamen. „Da hast du verdammt recht“, grinste ich stattdessen. Naro schaute mich erst erstaunt an und lachte dann. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich jemals ohne Nytras Zutun fluchen hören würde!“ Sein Lachen war ansteckend und so fiel ich mit ein.


Im Gebäude fragte ich: „Sollen wir schon einen Platz suchen?“ „Können wir machen. Die anderen müssten eigentlich auch gleich kommen.“ Also setzten wir uns an unseren üblichen Tisch. Zu meiner Freude setzte er sich direkt neben mir auf die lange Bank. Glücklich schaute ich zur Tür rüber und konnte sogar Nytra und Sukira zulächeln. Nytra schaute erst verwirrt, grinste dann aber ebenfalls und Sukira winkte. Die beiden kamen zu uns herüber und setzten sich zu meiner Überraschung direkt neben mich. „Keine Sorge, Sukira wollte dir heute morgen deinen Naro nicht wegnehmen...“, flüsterte Nytra mir verschwörerisch ins Ohr, woraufhin ich rot wurde und sie wütend anschaute. „Reg' dich nicht schon wieder auf. Ein kleiner Spaß muss ja noch erlaubt sein“, wehrte sie jedoch ab, bevor ich mich wieder über sie aufregen konnte. Also knuffte ich sie nur in die Seite.

Danach kamen Arisa und Zeo und Zora mit den beiden anderen Mädchen. Arisa und Zeo setzten sich noch auf unsere Seite, während die anderen jetzt die gegenüberliegende Bank füllten. „Und schon wieder schleppt ihr neue Gesichter an... Wer sind denn diesmal unsere liebreizenden Neuzugänge?“, fragte Jiro, als er und Gawen ebenfalls auftauchten. „Annika und Dorina, die beiden sind eigentlich mit in meinem Zimmer“, meldete sich ein mir unbekanntes Mädchen zu Wort. Sie war groß, hatte langes dunkles Haar und dunkelviolette Augen. Selbstbewusst drängte sie sich zwischen die Jungs und Dorina. „Halt dich fern von ihnen, Jiro. Ich kenne dich“, warnte sie mit einem angriffslustigen Lächeln. „Oh... hi, Inaga...“, stammelte Jiro und Gawen grinste. „Sie hat ihn letztes Jahr fertig gemacht, nachdem er sich über die Mädchen an der Schule lustig gemacht hat.“ Sofort wandten sich ihm alle weiblichen Blicke zu und man spürte die Spannung in der Luft. „Äh... das war ganz am Anfang vom letzten Schuljahr, okay?“, verzweifelt schaute er sich nach Hilfe um. Inagas Lachen durchbrach letztendlich die Stille. „Ist schon gut, der hat seine Lektion gelernt. Zumindest was das angeht.“


Der Mittag wurde noch sehr lustig und eine Zeitlang konnte ich sogar meine Angst vor dem Nachmittag vergessen. Doch irgendwann mussten wir dann in unser Zimmer zurück. Mit einem unwohlen Gefühl im Bauch zog ich mich um. Ich hatte Angst davor wieder nach draußen zu gehen. Ich hatte Angst davor wieder alleine um die Mauer zu gehen, während die anderen an mir vorbeizogen. Aber da musste ich nun einmal durch. Ich richtete mich auf und hob den Kopf. Ich würde ihnen meine Angst nicht zeigen. Mein Ziel stand noch immer fest. „Seid ihr fertig?“, fragte ich die anderen. „Jup“, grinste Arisa und ging mit Zora an mir vorbei. Nytra schlurfte äußerst demotiviert hinter den beiden her. „Ich weiß, du hast Schmerzen, aber vielleicht solltest du das nicht so raushängen lassen...“, flüsterte ich ihr zu. Es war ein gut gemeinter Rat, doch sie funkelte mich wütend an. „Kümmer' dich um deinen eigenen Kram!“ Trotzdem richtete sie sich etwas auf und machte zumindest ein halbwegs neutrales Gesicht. Ob sie dasselbe dachte wie ich?

Meine Klasse stand schon auf dem Platz. Ich ging zu Annika und stellte mich neben sie. „Hey. Mach dir keinen Kopf wegen der ganzen Sache. Wir können zusammen laufen“, bot sie mir lächelnd an. Doch ich merkte, dass sie das aus Mitleid machen wollte und schüttelte den Kopf. „Ist schon in Ordnung. Du brauchst keine Rücksicht zu nehmen.“ Raiga kam und ging einmal durch die Zweierreihe, um die Kleidung von allen zu kontrollieren. „Gut. Lauft los, 10 Runden wie gestern.“ Anders als andere Lehrer lief er nicht mit.

Als wir aus dem Tor liefen, sah ich wie Klasse A immer noch auf dem Platz stand. Risa war mal wieder spät dran, sie kam in dem Moment erst aus dem Lehrergebäude. Ich schüttelte den Kopf und hielt mit den anderen Schritt. Dann lief alles wie gestern, nur dass die Schmerzen heute noch früher einsetzten. Es war so schon schwer gewesen loszulaufen, der Muskelkater, den ich den Rest des Tages erfolgreich verdrängt hatte, kam jetzt noch stärker zurück. Nach nur einer Runde war ich heftig am Keuchen und meine Knöchel taten weh. Die anderen hatten mich lange hinter sich gelassen und waren zum Teil schon bei der dritten Runde. Ich schlang die Arme um die Schultern und ignorierte alles um mich, während ich mich zwang weiter einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Eine Hand auf meiner Schulter riss mich aus meiner Trance. „Jo, lahme Tanya. Lust mit uns anderen Versagern zu gehen?“, grinste Nytra mich ironisch an. Ich sah den Schmerz und die Erniedrigung in ihren Augen. Dann war der blöde Name 'lahme Tanya' wohl schon bis zu ihr durchgedrungen... andererseits hatte sie sich selbst auch als Versagerin bezeichnet. Ich ließ ihr den dummen Spruch durchgehen und nickte. „Klar.“ So schlossen sie und Sukira sich mir an. Zu dritt variierten wir dann immer, die kurzen Seiten der Wand liefen wir, die langen Seiten gingen wir. Anders war es einfach noch nicht möglich. „Nicht aufgeben!“, rief uns ein Mädchen aus dem dritten Jahrgang, das Wache hielt, zu. Nytra wurde rot und ich rief: „Tun wir nicht!“ Sukira lachte ein wenig.

Selbst von uns dreien war Nytra mit Abstand die mit der schlechtesten Kondition. Nach wenigen Metern fing sie an unterdrückt zu keuchen und hatte sichtlich Probleme mitzuhalten. „Nytra?“, wandte ich mich also irgendwann an sie. „Hm?“, presste sie hervor. „Entspann dich. Atme richtig ein und aus. So kriegst du doch keine Luft“, riet ich ihr. Als sie nach einer weiteren Runde jedoch immer noch nichts geändert hatte, fuhr ich sie an: „Meine Güte, Mädchen! Jetzt atme gefälligst vernünftig, das ist ja so nicht auszuhalten. Warum machst du denn so einen Scheiß?!“ „Weil... es so... laut ist... wenn ich... richtig... atme...“, brachte sie zwischen den einzelnen Atemzügen hervor. „Ist doch scheißegal. Außer uns ist keiner mehr hier, der es hören könnte“, genervt schaute ich sie an. Was sie für Probleme hatte... Zum Glück mussten wir nur noch eine Runde hinter uns bringen.

Nach den Laufübungen ging es mit denselben Übungen wie gestern weiter. Stärkung der Muskeln, dann Kampfübungen. Die Kampfübungen machten sogar richtig Spaß, auch wenn mir schon längst alle Muskeln brannten und ich am ganzen Körper zitterte. Zum Teil machte es auch Spaß, weil ich sie mit Annika zusammen machen konnte.

Als die Stunden vorbei waren, gingen wir zusammen rein und dann direkt unter die schönen warmen Duschen. Zum Glück hatten wir noch welche gekriegt, die meisten mussten erst warten, da es nur zwanzig gab. Das hieß, es konnten immer nur die Mädchen einer Klasse gleichzeitig duschen. Ich genoss wie das warme Wasser mich aufwärmte. Es war ein bisschen wie Zuhause. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich mir sogar vorstellen, ich wäre dort. Auf einmal setzten jedoch die Bauchkrämpfe wieder ein. Genervt öffnete ich die Augen. Und schlug mir im nächsten Moment die Hand vor den Mund. Da war Blut. Da war verdammt nochmal Blut auf meinen Beinen...

Nur mit Mühe unterdrückte ich einen Schrei. Annika neben mir, hatte jedoch etwas mitbekommen und klopfte nun gegen die Wand zwischen uns. „Tanya? Alles in Ordnung?“ Einen Moment blieb ich still und starrte einfach weiter auf das Blut, dann erst sagte ich leise: „Nein...“ Sofort flog meine Tür auf. „Tanya?“ Erschreckt schaute Annika nach mir und ich schaute sie mindestens genauso erschreckt an. „Annika...“, ich brach beinahe in Tränen aus. Ich hatte Angst, ich hätte irgendetwas falsches getan. Mich überanstrengt und würde jetzt verbluten...

Doch Annika verdrehte zu meiner Überraschung nur die Augen und lachte. „Das ist dein Problem? Sag mir jetzt nicht, du weißt nicht, was das ist?“ Ich schüttelte nur verzweifelt den Kopf, woraufhin sie noch mehr lachte. „Mach dir erstmal keine Sorgen, ich helfe dir nachher. Wasch dich erstmal fertig. Es ist auf jeden Fall nicht gefährlich.“ Dann verschwand sie wieder in ihre Dusche und ließ mich allein zurück. Nach etwa zehn Minuten gab ich es auf, da immer neues Blut nachlief und machte mir einfach das Handtuch um. Vorsichtig stelzte ich zu Zimmer 1-b und klopfte an die Tür. Annika machte sofort auf und ließ mich rein. „Die anderen sind nicht da. Ich habe dir schon mal alles rausgesucht. Das sind Binden, die machst du einfach in deine Unterwäsche, okay? Die musst du alle paar Stunden wechseln. Du müsstest selbst auch welche bekommen haben, da kümmert sich eigentlich die Schule drum. Frag einfach die anderen in deinem Zimmer.“

Ich nickte nur, dann schickte sie mich auch schon wieder raus. Ich ging weiter zu unserem Zimmer und öffnete die Tür. Zum Glück war keiner da. In Ruhe ging ich zu meinem Schrank, suchte mir frische Sachen raus und machte alles so, wie Annika es mir gesagt hatte. Danach fühlte ich mich zwar ein bisschen besser, aber es war immer noch ein unangenehmes Gefühl. Ein paar Minuten später kam Arisa ins Zimmer. „Hey“, begrüßte sie mich kurz und ich nickte stumm. Apathisch saß ich mit angezogenen Knien auf dem Bett. „Ist irgendwas passiert?“, fragte sie beunruhigt und setzte sich mir gegenüber auf Zoras Bett. Ich erinnerte mich an Annikas Reaktion und lief rot an. „Tanya? Ist schon okay, du kannst mir alles sagen...“, sagte sie verwundert. Ich wusste, dass sie es nur gut meinte und Annika hatte auch gesagt, ich solle mit den anderen darüber reden. Also sagte ich leise: „Ich blute...“ Arisa runzelte die Stirn. „Wie, du blutest?“ Dann schien bei ihr der Groschen zu fallen. „Oh... ach, du ärmste. Zum ersten Mal?“ „Ja.“ „Und du wusstest nichts?“ „Nein.“ Kurze Antworten zu geben war in meiner peinlich berührten Stimmung einfacher.

„Wie blöd... da hast du sicher einen ganz schönen Schrecken gekriegt“, lächelte sie mitfühlend. „Aber jetzt ist alles in Ordnung? Hat dir jemand geholfen?“ „Ja, Annika. Sie hat mir alles gezeigt. Aber woher wisst ihr alle darüber Bescheid?“ Jetzt lachte auch sie laut auf. „Na, wir haben das alle schon. Und Lumina hat mir schon alles erklärt, als ich zehn geworden bin. Es ist ganz normal, alle Mädchen kriegen das in dem Alter. Aber ich hätte nicht gedacht, dass du es noch nie hattest... du bist doch die älteste von uns, nicht wahr?“ Ich nickte. Toll, das machte das ganze noch peinlicher. In diesem Moment verfluchte ich meine Mutter und Erika, weil keiner mir etwas gesagt hatte. „Arisa, sag bitte den anderen nichts davon...“, bat ich sie dann. Zora war ja noch in Ordnung, aber ich wollte nicht, dass Nytra herausfand, dass ich von etwas keine Ahnung gehabt hatte. „Klar. Kein Problem. Dann lass uns lieber über etwas schöneres reden“, lachte Arisa und streckte sich auf dem Bett aus.

„Wie war es heute bei euch? Nytra hat erzählt, dass ihr zusammen gelaufen seid?“ „Ja. Mit Sukira. Das war ganz nett. Es war schön, nicht alleine zu versagen...“, gab ich zu. „Aber Nytra hat wirklich ein Problem mit dem Laufen. Sie atmet nicht richtig und hält immer die Luft an. Macht sie das bei den anderen Übungen auch?“ „Zum Teil. Wenn sie entspannt und konzentriert ist, nicht. Aber wenn sie sich beobachtet fühlt oder etwas falsch macht, dann verkrampft sie sich. Aber ich weiß auch nicht, warum sie so nervös ist...“ „Dabei tut sie sonst immer, als könne sie sich alles erlauben...“ Genervt dachte ich daran wie sie immer anstatt die Treppe zu benutzen, einfach aus dem zweiten Stock heruntersprang. Wie sie es schaffte, sich dabei nicht jedes Mal die Knöchel zu brechen, war mir immer noch ein Rätsel.

„Und du? Läufst du mit Zora zusammen?“ „Nein. Sie ist zwar fitter als ihr, aber ganz so schnell ist sie auch nicht. Meistens bin ich alleine, wenn dann gibt es ein paar Jungs, die mithalten können. Aki zum Beispiel. Er wirkt zwar nicht so, er ist relativ klein, aber dafür echt schnell.“ Jetzt kamen Nytra und Zora gemeinsam rein. „Hallöle“, grinste Zora glücklich. Nytra schaute nur wie immer missmutig, was mich schon wieder nervte. Ständig dieser Wechsel von kindisch-glücklich zu absolut demotiviert. Ich verdrehte die Augen, was ihr natürlich nicht entging. „Was hast du denn schon wieder? Was hockst du da überhaupt so verhuscht?“, fragte sie jetzt ebenfalls genervt. Dann kletterte sie wie üblich hoch auf ihr Bett und ließ die Beine über die Umrandung baumeln. Ich reagierte gar nicht darauf. „Und, Zora, wie war das Training bei dir so?“, fragte ich stattdessen mit einem Lächeln.

„Oh, es war total gut. Ich bin zwar schon wieder furchtbar müde, aber es hat auch sehr viel Spaß gemacht. Ich hatte ja zum Glück nur Muskelkater in den Armen. Aber wie war es denn bei euch? Muss doch mit den Schmerzen furchtbar gewesen sein...“ Sie setzte sich neben Arisa und schaute mitfühlend auf unsere Seite. „Es ging. Das Laufen war hart, aber die Kampfübungen haben echt Spaß gemacht“, antwortete ich. Von oben kam nur ein undefinierbares Grummeln. „Na, immerhin eine von euch hatte noch Spaß. Mach dir keine Sorgen, Nytra. Du bekommst das auch noch hin“, versuchte Arisa die Angesprochene aufzumuntern. Doch statt eines 'Danke' oder ähnlichem kam nur ein weiteres Brummen. „Nytra, das ist undankbar und unhöflich. Du kannst wenigstens 'Danke' sagen“, motzte ich und trat von unten gegen ihre Matratze. „Was ist dein Problem?! Ich kann antworten, was ich will  und wann ich will. Mir ist aber jetzt nicht danach. Schon gar nicht, wenn du dabei bist!“, fuhr sie mich ebenso wütend an. „Kümmer' dich um deine eigene Scheiße!“

Erschrocken schauten alle zu ihr hoch. Sie drehte sich nur zur Wand und blieb danach still. „Ist ja gut... Wollen wir gleich in den Speisesaal gehen? Vielleicht können wir helfen, die Tische zu decken oder so etwas...“, schlug Arisa beschwichtigend vor. „Können wir machen“, stimmte ich zu und stand auf. Ich musste hier raus, sonst würde ich Nytra noch an die Gurgel gehen. Sie blieb natürlich als einzige im Zimmer, was mich noch rasender machte. „Was bildet die sich eigentlich ein?! Beim Training macht sie nur scheiße und lässt jetzt ihre schlechte Laune raushängen! Dann hätte sie auch da bleiben können, wo sie her kommt!“, regte ich mich im Flur auf. Die anderen beiden zuckten jedoch nur die Schultern. „Sie zweifelt wahrscheinlich auch an sich. Nur ist sie dann eher wütend auf sich selbst. Dir ging es doch heute morgen genauso, oder nicht?“, sagte Arisa ruhig. „Lass sie einfach in Ruhe, dann wird sie sich schon wieder einkriegen.“ Es war erstaunlich, wie sie so einfach beschreiben konnte, was jemand anderen beschäftigte. Wie sie so einfach eine einleuchtende, einfühlsame Erklärung fand. Bewundernd schaute ich zu ihr herunter.

„Tut mir leid. Ich bin heute einfach auch etwas reizbar...“ In Wirklichkeit bedauerte ich meine Worte nicht. Ich hatte alles genau so gemeint, aber ich hätte es nicht laut aussprechen sollen. Über solche Personen ärgerte man sich am besten still. „Du bist entschuldigt. In dem Zustand sind wir alle reizbar“, lächelte Arisa und Zora schaute verwundert. „Welchem Zustand?“ „Mädchenkram“, erklärte Arisa und hob einen Zeigefinger. „Ahh... deswegen bist du heute so emotional“, meinte Zora dann. „Davon kommt das? Und ich hab mich schon gefragt, was mit mir los ist...“, entgegnete ich verwundert. War das alles also so einfach zu erklären? Arisa lachte. „Klar. Emotionale Ausnahmezustände, Stimmungsschwankungen, Bauchkrämpfe... das sind normale Begleiterscheinungen.“ „Dann muss Nytra das ja dauerhaft haben...“, murmelte ich und die anderen lachten über den fiesen Scherz.

Fröhlich betraten wir den Speisesaal und stellten überrascht fest, dass wohl einige dieselbe Idee gehabt hatten. Überall liefen Schülerinnen mit teis noch nassen Haaren zwischen den Tischen herum und verteilten Besteck und Teller. Als wir dann zur Ausgabe herübergingen, um zu fragen, ob wir noch helfen könnten, wies der Junge uns lachend ab. „Nein. Wie ihr seht, ist schon so gut wie alles fertig. Euer Jahrgang ist echt eifrig. Nur falls ihr schon Hunger habt, muss ich euch enttäuschen. Bis zum Essen dauert es noch eine halbe Stunde.“ In dem Moment knurrte Arisas Magen laut und sie schaute gequält. „Noch so lange...?“ Lachend zogen wir uns auf unsere üblichen Plätze zurück.


Um zehn Uhr machten wir uns schweigend auf den Weg zum Jungsteil. Nachts wirkte der Speisesaal dunkel und verlassen. Kaum vorstellbar, dass an diesem Ort sonst solche Fröhlichkeit herrschte. Keiner der Jungs war mehr auf dem Flur. Es war dunkel und alle Türen waren bereits geschlossen. „Ich bleib unten. Du kannst oben machen“, erklärte Nytra zu meiner Überraschung. Eigentlich hätte es ihr ähnlich gesehen, mich nach unten zu schicken. Entweder damit ich Naro nicht noch einmal sah oder damit die Jungs aus meiner Klasse mich noch einmal ärgern konnten. Dass sie genau das nicht tat, war verdächtig. „Was guckst du so blöd? Wir können es auch andersherum machen, wenn dir das lieber ist“, motzte sie dann. „Nein, ist schon gut...“

Also kletterte ich nach oben und klopfte an die erste Tür. Einer der Jungs öffnete und hielt sich zwinkernd einen Finger an die Lippen. „Die schlafen alle schon, aber danke.“ Ich nickte nur, lächelte ihm noch einmal zu und ging dann weiter. Daneben lag Naros Zimmer. Er öffnete die Tür und grinste mich an. Im Hintergrund saßen Gawen und Jiro auf ihren Betten und grinsten mir ebenfalls zu. Nur Keiro, der vierte in dem Zimmer, der aber scheinbar nichts mit uns zu tun haben wollte, hatte sich demonstrativ zur Seite gedreht. „Ich wollte nur sagen, dass jetzt Nachtruhe ist“, ratterte ich meinen Text herunter und wollte schon weitergehen, als Naro mich zurückhielt. „Gute Nacht, Tanya. Bestell das auch den anderen“, lächelte er. Schuldbewusst antwortete ich: „Ach, ja... natürlich. Euch auch eine gute Nacht...“

Mit hochrotem Kopf ging ich weiter. Er schaffte es aber auch immer wieder. Die anderen waren zum Glück einfach, doch kurz bevor ich fertig war, hörte ich von unten laute Stimmen. „Aki, halt den Mund. Es ist Nachtruhe, also sei leise!“ Das waren Jungsstimmen. Musste wohl Zimmer 1-b sein. Aki war aus mir vollkommen unerfindlichen Gründen begeistert von Nytra und ihrer lauten, nervigen Art. Naja, er war selbst ziemlich laut und nervig. Die beiden würden ein gutes Paar abgeben... Andererseits sollte es jetzt wirklich still sein. Es bestand offiziell Nachtruhe und ich hatte keine Lust, dass er diejenigen, die schon schliefen wieder aufweckte. „Nytra!“, rief ich also leise herunter.

„Aki, ich werde heute nicht rufen. Die meisten anderen schlafen schon und das solltest du auch tun. Also geh mir nicht auf die Nerven und lass mich meine Aufgabe erledigen!“, hörte ich dann jedoch Nytras energische Stimme und merkte, dass meine Sorge überflüssig war. „Ist ja schon gut. Ich wollte dich nicht sauer machen...“, sagte Aki noch leise. „Er ist nur so glücklich mit dir in einer Klasse zu sein“, stichelte dann einer seiner Mitbewohner. Nytra entgegnete jedoch nur: „Ach ja? Ist mir nicht aufgefallen...“ Dann hörte ich wie sie zum nächsten Zimmer weiterging. Schnell machte auch ich weiter. Ich wollte nicht, dass sie merkte, dass ich gelauscht hatte.

Schweigend kehrten wir zum Zimmer zurück und gingen ins Bett. Arisa lag schon in ihrem und schlief friedlich. Auf einmal fiel mir der gestrige Abend ein. Wir waren alle eingeschlafen, dann hatte Arisa sicher die Nachtwache alleine gemacht... Ich bekam ein furchtbar schlechtes Gewissen, dass mir das nicht eher eingefallen war und nahm mir fest vor, mich morgen dafür zu entschuldigen. Immerhin hatte Zora dran gedacht und sie heute schlafen lassen. Ich bekam noch mit wie Zora sich ein wenig später ins Zimmer schlich, doch dann sank ich in einen tiefen traumlosen Schlaf.

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  • Author Portrait

    Dieses Kapitel ist echt Lang und entsprechend langatmig zu lesen. Geschuldet womöglich eher meinem kleinen Display. Du erklärst recht informativ, was die jungen Protas vorfinden und durchleben. Bin gespannt, was sich in der Akademie noch ergibt und ob die Lehrerin wirklich so verstrahlt ist, wie sie sich gibt.

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