2: NYTRA (27.09.1515, So./28.09.1515, Mo.)

Die zwei Tage bis zum Schulbeginn vergingen wie im Flug. Wir redeten, spielten, verbrachten Zeit zu viert und lernten auch schon einige der anderen Schülerinnen und Schüler kennen. Samstag und Sonntagmorgen kamen die letzten Schüler an, denn am Sonntagabend mussten alle Schüler da sein. Nach dem Abendessen öffneten sich die Tore der Cafeteria und die dreizehn Lehrer der Akademie betraten, angeführt vom Leiter und begleitet von einem kalten Wind, die große Halle. In dem freien Bereich vor der Küche stellten sie sich auf und alle Aufmerksamkeit wandte sich ihnen zu. Leiter Granik trat vor und begann zu sprechen.

„Liebe Schüler und Schülerinnen, ich möchte euch zu diesem neuen Schuljahr begrüßen. Ob ihr nun zum ersten Mal hierhergekommen seid oder euch schon auskennt, ob ihr nun dem ersten oder dem zweiten Jahrgang angehören werdet, ich hoffe, dass dieses kommende Jahr eine wertvolle und auch schöne Erfahrung für euch sein wird. Was jetzt noch kommt, richtet sich hauptsächlich an unsere Neuzugänge in beiden Jahrgängen, doch ich möchte den Rest bitten ruhig zu bleiben.

Ihr kamt hierher, einer Einladung der Akademie folgend. Diese Einladung ist eine große Chance für die meisten von euch und sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden.“ Ich verzog das Gesicht. 'Gleich mal schön Druck aufbauen, hm? Wir sind hier die Elite, Normalos unerwünscht', dachte ich genervt. Ich hatte gehofft, es würde hier anders sein. Aber das war es nicht. All die Geschichten von wegen an der Akademie sei es egal, wer du bist und woher du kommst, waren nur Lügen gewesen, wie immer. Es gab auf dieser Welt keinen Ort, an dem man einfach man selbst mit all seinen Schwächen sein konnte...

„Damit beziehe ich mich jedoch lediglich auf das Einhalten der Schulregeln“, lenkte er ein, als wüsste er, was ich gedacht hatte. Das war natürlich unmöglich, doch es überraschte mich. „Diese möchte ich zunächst nennen, ehe ich fortfahre, euch den Alltag hier zu erklären.

1. Es ist verboten, das Schulgelände nach Schließen des Tores zu verlassen.

2. Es ist verboten, sich ohne Erlaubnis weiter als Sichtweite vom Schulgelände zu entfernen.

3. Es ist den Schülern der ersten beiden Jahrgänge strengstens untersagt, die Zimmer der Schüler des dritten Jahrgangs aufzusuchen.

4. Es ist den Schülern aller Jahrgänge verboten, auf dem Schulgelände Alkohol zu trinken.

5. Es ist verboten, die Schülerunterkunft nach Eintreten der Nachtruhe zu verlassen. Dies gilt natürlich nicht in Notfällen.

Missbrauch der letzten oder ein Verstoß gegen eine dieser fünf Regeln kann im schlimmsten Fall mit einem Schulverweis bestraft werden.

Nun zum Alltagsleben hier an der Akademie. Mit dem üblichen Tagesablauf sollten die meisten von euch ja bereits vertraut sein. Um die wichtigsten Daten noch einmal zu nennen: Geweckt wird unter der Woche um 6 Uhr, Unterrichtsbeginn ist einmal um 8 und einmal um 14 Uhr und das Tor wird um 21 Uhr geschlossen. Eine Uhr hat jeder von euch zusammen mit Kleidung und Schulausrüstung bekommen. Diese zu lesen werdet ihr spätestens morgen im Unterricht lernen, es gibt jedoch auch zu jedem Anlass eine Klingel. Damit wäre alles organisatorische erledigt. Nun möchte ich gerne noch ein paar allgemeine Worte an euch richten, die euch hoffentlich in dem bestätigen, was ihr über diese Akademie gehört habt.“ Er ließ den Blick einmal durch die Reihen der Schüler schweifen.

„Ihr alle, die ihr heute hier sitzt, seid auf verschiedensten Wegen aus den verschiedensten Gegenden und Verhältnissen hierhergekommen. Ob ihr tagelang gelaufen oder gefahren seid, ob ihr ein paar Tage oder ein paar Wochen gebraucht habt, das alles ist hier egal. Es ist egal, wer ihr seid oder woher ihr kommt. Alles, was hier zählen wird, sind die Leistungen, die ihr erbringen werdet und die Motivation, die dahinter steckt. Ob ihr nun hergekommen seid, um grundlegende Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben zu lernen“, ich sah, wie Arisa neben mir nickte und lächelte. „Oder ob euer Ziel das Erreichen des dritten Jahrganges ist“, Tanya machte ein entschlossenes Gesicht, das mich schmunzeln ließ. „Oder aber, ob ihr gar kein bestimmtes Ziel habt“, überrascht schaute ich wieder zu Granik. „Das ist vollkommen egal, solange ihr euer bestes gebt und euch gegenseitig unterstützt.

Wann immer ihr noch Fragen habt, könnt ihr euch an einen von uns oder an jemanden vom dritten Jahrgang wenden. Solltet ihr irgendwelche persönlichen Probleme haben über die ihr nicht mit euren Freunden sprechen könnt oder bei denen ihr nicht weiter wisst, wendet euch gerne an eure Klassenlehrer oder an Frau Risa Kazu. Sie ist die Vertrauenslehrerin der Akademie. Das wäre dann alles, was ich euch soweit mitgeben möchte.“

Er nickte uns einmal zu und dann verließen die Erwachsenen den Speisesaal wieder. „Das war toll...“, murmelte Zora beeindruckt. Ich zuckte als Antwort nur die Schultern, obwohl ich genauso beeindruckt war. „Ich bin schon total gespannt auf morgen“, sagte Arisa dann. „Endlich fängt die Schule an. War einer von euch schon mal in einer Schule?“ Mit großen Augen schaute sie in die Runde. Zora und ich schüttelten den Kopf und auch Tanya zuckte nur mit den Schultern und meinte: „Ich hatte Privatlehrer, also Lehrer, die zu uns nach Hause kamen.“

„Es ist ganz einfach“, meldete sich da eine männliche Stimme von hinten. Naro, Zeo und zwei andere Jungs kamen zu uns rüber. Letztes Jahr waren die vier im selben Zimmer gewesen und bis auf Zeo waren sie es immer noch. „Morgen früh werden die Namen an einem Plan draußen ausgehangen. Es gibt vier Klassen mit je zwanzig Schülern, zehn Jungs und zehn Mädchen. Jede Klasse hat einen Klassenlehrer, dieser wird die Klassenliste für die, die noch nicht lesen können vorlesen und alle Schüler der Klasse so einsammeln“, erklärte Naro. „Also alles wirklich ganz einfach“, stimmte ihm Gawen, einer der anderen Jungs zu. „Wir werden aufgeteilt?!“, fragte Arisa erschrocken. „Natürlich, dachtest du, alle 80 Schüler unseres Jahrgangs hätten gleichzeitig Unterricht?“, lachte Zeo. „Du hast damals dasselbe gedacht“, mischte sich Jiro, der vierte im Bund, jetzt ein und grinste fies. Sofort fuhr Zeo zu ihm herum und sagte in gespielt ärgerlichem Tonfall: „Das hättest du ihr aber nicht sagen müssen!“ „Das konnte ich mir so denken, ich bin vielleicht nicht die Klügste, aber dich kenne ich gut genug...“, antwortete Arisa nur. „Hoffentlich kommen wir trotzdem in eine Klasse, meldete sich Zora nun zu Wort. „Mir ist das egal. Wir sollen eh mit allen hier klarkommen, also...“, Tanya zuckte die Schultern und schaute an die Decke.

„Ist auch besser so. Nach dem einen Jahr werden die Klassen zum Teil noch einmal gemischt. Wenn jemand versetzt wird oder von der Schule fliegt oder aber wenn jemand sitzen bleibt“, stichelte Jiro erneut gegen Zeo und fand sich kurz darauf in dessen Schwitzkasten wieder. „Was bedeutet das, 'wenn jemand versetzt wird'?“, fragte Tanya misstrauisch. „Das bezieht sich darauf, dass die Akademie noch an anderen Orten solche Schulen besitzt. Die sind zwar noch kleiner als diese hier, aber egal. Auf jeden Fall kann es vorkommen, dass Schüler zwischen diesen Zweigstellen und der Haupteinrichtung hier versetzt werden. Es kommen dann neue Schüler von dort hierhin und Schüler von hier wechseln an diese anderen Schulen“, Naro schaute in die Runde, als ob er sich fragte, ob das auch alle verstanden hatten. „Und wann passiert das?“, Tanya klang immer noch äußerst misstrauisch, wahrscheinlich sah sie ihre Pläne, den dritten Jahrgang betreffend in Gefahr. „Das hängt vom Talent ab, kann aber unter besonderen Umständen auch bewusst beeinflusst werden. So können einflussreiche Eltern schon mal dafür sorgen, dass ihre Kinder entweder in die Haupteinrichtung oder eben in eine bestimmte nahe gelegene Zweigstelle kommen, andersherum können Kinder, die Probleme in ihrer Heimat haben eine Sondererlaubnis bekommen, dass sie nicht in die Nähe ihrer Heimat versetzt werden können. Diese Versetzungen kommen allerdings ziemlich selten vor, also macht euch darum erst mal keine Sorgen. Wenn ihr gut genug seid, besteht sowieso keine Gefahr.“

„Woher weißt du soviel darüber, Naro?“, fragte ich jetzt. „Das weiß grob eigentlich jeder, aber für mich ist es auch eine besondere Pflicht. Ich war letztes Schuljahr Sprecher der ersten Stufe. Das heißt ich war der Ansprechpartner für alle Fragen die Schule betreffend und der Vermittler zwischen dem Jahrgang und den Lehrern.“ „Sowas gibt’s?“, staunte Zora. „Das war sicher eine ziemlich große Verantwortung oder?“, fragte ich und er lächelte. „Ja, aber ich habe es gerne gemacht. Wenn ich dieses Jahr wieder gewählt werde, dann würde ich es gerne noch einmal machen.“ „Du wirst garantiert wieder gewählt. So beliebt wie du bist“, lachte Gawen. „Vor allem bei den Mädchen“, fügte Zeo mit einem anzüglichen Grinsen hinzu, was Naro leicht erröten und Tanya aus ihrer Starre erwachen ließ. Auch wenn sie es sich nicht anmerken lassen wollte, war mir ihr kurzer Blick in Naros Richtung nicht entgangen.

„Wie wird man denn zum Jahrgangssprecher gewählt?“, fragte sie dann. „Also im ersten Jahrgang finden die Wahlen erst nach einem Monat statt, damit auch alle sich ein bisschen kennengelernt haben. Du kannst ja schlecht jemanden bestimmen, von dem du nur den Namen kennst. Der Rest ist eigentlich ganz einfach. Ein paar Schüler werden vorgeschlagen und wenn sie diese 'Nominierung' annehmen, wird gewählt. Jeder Schüler schreibt einen Jungen und ein Mädchen auf einen Zettel, die werden alle eingesammelt und ausgezählt. Die zwei, die die meisten Stimmen haben, gewinnen.“ „Und da darf jeder einfach so mitbestimmen?“, hakte ich verwundert nach. Bisher war in meinem Leben immer alles einfach so gewesen, von irgendjemand anderem für mich entschieden. „Natürlich. Wie Waro gesagt hat, wir sind hier alle gleich und so hat auch jeder das Recht zu entscheiden, wen er als Sprecher haben möchte“, erklärte Gawen mir. Er hatte nicht ein Mal, seitdem sie rübergekommen waren, aufgehört zu lächeln. Das kam mir ziemlich komisch vor, aber jetzt gerade war ich viel zu beeindruckt, um darüber nachzudenken. Dass man uns Kinder einfach so etwas selbst bestimmen ließ, war für mich unvorstellbar gewesen.

Wir redeten noch eine Weile weiter über den Schulalltag und die Klassen bis es letztendlich wieder Zeit war, die Nachtruhe durchzusetzen. Heute begann sie bereits wieder um 22 Uhr, da ja Morgen der erste Schultag war. Ich fragte also Arisa, ob sie mit mir wieder die Jungs machen wollte und sie stimmte zu. Glücklicherweise fragte sie auch nicht nach, als ich vorschlug alles wie an ihrem ersten Abend zu machen. Ich wollte nämlich Naro unbedingt noch etwas fragen. Kurz bevor er mit den anderen in sein Zimmer verschwand, zupfte ich an seinem Ärmel und bat ihn um ein kurzes Gespräch unter vier Augen.

„Ich muss dich noch ganz kurz etwas fragen“, begann ich und schaute zu Boden. „Ich kann's mir schon denken“, nahm er es mir ab, die Frage auch zu stellen. „Du willst wissen, wie man die Sondererlaubnis bekommt, richtig?“ „Ja“, antwortete ich tonlos. Ich versuchte mit aller Macht ein Zittern zu unterdrücken. „Ich gehe morgen mit dir zu Waro. Das ist überhaupt kein Problem.“ „Ich möchte nicht, dass die anderen das mitbekommen...“, fügte ich noch hinzu. „Wäre das irgendwie möglich?“ „Bestimmt. Wir haben sowieso bis kurz vor sechs Training und du bekommst es doch sicher hin dann irgendwie für fünf Minuten zu verschwinden, oder?“, meinte er mit einem Lächeln. Ich nickte eifrig: „Sicher. Vielen, vielen Dank.“ „Kein Problem. Dafür bin ich hier. Aber eine Sache möchte ich dir dazu noch sagen: Du solltest früher oder später mit den anderen darüber reden. Wenn du jemanden gefunden hast, dem du vertraust, natürlich. Nur bitte, friss das nicht in dich rein. Ich weiß nicht, was dir passiert ist und ich werde dich auch nicht ausfragen. Aber hier ist der perfekte Ort, um jemanden zu finden, mit dem du über alles reden kannst.“ Ernst schaute er mich an und ich sah, dass er das vollkommen ehrlich meinte. Aber ich konnte nicht anders als abzublocken. Ich nickte zwar wortlos und schaute zur Seite, doch innerlich entschloss ich mich mit niemandem darüber zu sprechen. Ich wollte das alles einfach nur vergessen und jemand anders werden. Ich wollte das alles hinter mir lassen.

„Gut. Wenn das alles ist, will ich dich nicht weiter aufhalten. Gute Nacht. Bestell das bitte auch den anderen dreien“, zwinkerte er mir noch zu und ging dann ins Zimmer. „Gute Nacht!“, rief ich ihm hinterher und ging dann meiner eigentlichen Aufgabe nach. Kurze Zeit später war alles erledigt und ich ging mit Arisa zurück zu unserem Zimmer. „Und, wieder Stress mit Zeo gehabt?“, fragte ich mit einem Grinsen, um die Stille zu durchbrechen. Sie war mir unangenehm und verleitete zum Nachdenken. Sofort verzog Arisa das Gesicht. „Natürlich. Wie immer. Ich hab ihn dann einfach ignoriert und die Tür zugeknallt...“ „Oh, ja, den Knall hab ich gehört“, log ich, obwohl ich nichts mitbekommen hatte. Sie schien mich jedoch zu durchschauen und sagte: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, ich werde dich nicht fragen, was los ist. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich immer für dich da bin. Falls du jemals mit mir reden möchtest, meine ich.“ Zum Schluss lächelte sie, woraufhin ich mich abwandte. „Ist schon okay...“, gab ich nur zurück. Ich wollte nicht dauernd gesagt bekommen, dass jemand für mich da sei. Ich wollte keine Hilfe. Ich wollte damit abschließen. Darum war ich hier.


Am nächsten Morgen mussten wir das erste Mal früh aufwachen. Der dritte Jahrgang war für das Wecken verantwortlich und so klopfte es um 6 Uhr an unserer Tür und ein Mädchen rief: „Aufstehen!“. Während Tanya und Arisa genau das taten, brummten Zora und ich erst mal ein bisschen rum. Während Zora jedoch bald zu ihrer alltäglichen Energie zurückfand, blieb ich einfach liegen und drehte mich zur Wand. Als Tanya das bemerkte, versuchte sie mir die Decke wegzunehmen, aber ich hielt sie zu fest, sodass sie aufgeben musste. Zora hatte sich wärenddessen das Gesicht gewaschen und legte mir nun urplötzlich ihre eiskalten Hände an die Wangen, was mich schreiend hochfahren ließ. Die anderen lachten und ich hätte sie am liebsten erwürgt.

Arisa öffnete die Fenster und ließ einen Schwall kalte Morgenluft herein, draußen war nun richtiges Herbstwetter; es war dunkel und regnete. „Wolltest du wirklich einfach weiterschlafen?“, grinste sie mich an. „Natürlich nicht! Aber noch ein bisschen... Wer steht denn um diese Zeit auf?!“, empörte ich mich. Eigentlich hatte ich nur an meinen Schlaf gedacht und hatte überhaupt nicht vorgehabt aufzustehen... „Also ich bin mein ganzes Leben lang schon viel früher aufgestanden“, lachte Arisa. 'Natürlich bist du das. Mit deiner supertollen Lumina in deiner Traumwelt...', dachte ich bitter. Alles, was sie erzäht hatte, klang doch viel zu schön, um wahr zu sein. Das konnte sie nur erfunden haben...

Während ich das gedacht hatte, hatte ich sie verständnislos angeschaut und ließ mich nun mit den Worten: „Du bist doch krank... Ihr seid alle krank...“, rückwärts wieder auf das Bett fallen. „Jetzt steh schon auf. Oder willst du kein Frühstück?“, versuchte Zora mich zu überreden und fand genau die richtigen Worte. Ich hatte einen Riesenhunger. Widerwillig stand ich auf, wusch mich und ging mit den anderen Frühstücken. Die Jungs waren noch nirgendwo zu sehen und auch unter den Anwesenden schien ich nicht die einzige zu sein, der das frühe Aufstehen Probleme bereitete. Selbst Tanya, die super-disziplinierte Tanya, musste sich einmal ein Gähnen verkneifen. Als ich sie daraufhin angrinste, schaute sie sauer. „Was ist eigentlich dein Problem? Du bist doch selbst nichts besser!“, fuhr sie mich gereizt an. „Ich hab gar nichts gesagt...“, grinste ich weiter. Schön, dass es auch Dinge gab mit denen das großartige, reiche Fräulein aus der großartigen, reichen Familie nicht klarkam. Das war verdammt gehässig von mir, aber damals konnte ich Tanya einfach nicht ausstehen.

Nach einem ansonsten eher schweigsamen Frühstück, packten wir unsere Sachen für die Schule und gingen hinaus auf den Platz. Zum Glück war der innere Rand der Mauer überdacht, sodass man trocken zum Schulgebäude kam. Davor befanden sich zwei große Tafeln vor denen sich bereits einige Schüler und Schülerinnen drängten. Dank Tanyas Unterricht konnten die anderen wenigstens ihre eigenen Namen lesen und so konnte ich beruhigt nach meinem eigenen suchen. Ich fand ihn direkt in Klasse A. Am Ende der Liste fand ich dann Yurasa Arisa und freute mich. „Hey, Arisa, wir sind in einer Klasse gelandet!“ „Ja, das ist toll“, freute sie sich ebenfalls, oder tat wenigstens so. „Zu schade, dass wir nicht alle zusammen sind“, fügte sie jedoch noch hinzu. „Macht doch nichts. Ich bin in der B gelandet und Tanya in der C. Wir finden bestimmt noch andere Freundinnen dort, oder?“, sagte Zora und stieß Tanya den Ellenbogen in die Seite. Tanya lächelte gequält und antwortete: „Natürlich. Das ist ja auch der Sinn der Sache.“

Ich las mir die Listen noch ein bisschen weiter durch und fand heraus, dass Zeo in der D und Naro in der 2C war. Arisa atmete hörbar auf, als Tanya ihr sagte, dass sie nicht mit Zeo in einer Klasse sei, ich hatte ihr das natürlich enttäuscht verschwiegen. Aus Tanya konnte ich jedoch ein schönes Erröten herausholen, als ich ihr sagte, dass Naro in der Klasse direkt neben ihrer war. Lange währte mein Spaß leider nicht, da dann die acht Lehrer der ersten und zweiten Jahrgänge über den Platz geschlendert kamen. Die meisten unterhielten sich noch untereinander und ich hörte eine Frau ziemlich laut lachen. Dann stellten sie sich jedoch entlang des Platzes auf und die Frau, die von der Tafel aus gesehen ganz links stand, begann zu sprechen.

„Guten Morgen, liebe Schülerinnen und Schüler! Mein Name ist Risa Kazu; wie Herr Granik euch gestern bereits gesagt hat, bin ich die Vertrauenslehrerin. Darüber hinaus bin ich jedoch auch die Klassenlehrerin der Klasse 1A“, verkündete sie laut und lachte. Sie war die Frau, die bereits zuvor laut gelacht hatte und ich schaute etwas genervt. 'War ja klar, dass ich in der Klasse der Vertrauenslehrerin lande...', dachte ich bitter. 'Und Arisa mit ihrer Traumwelt ebenfalls...' „So, ich werde jetzt die Namen derer vorlesen, die in meine Klasse kommen. Ihr stellt euch dann in Zweierreihen vor mir auf.“

Gesagt, getan. Ich landete neben einem komischen ziemlich kleinen und nervös wirkenden Mädchen, das mir vorher nie aufgefallen war und wurde mit jeder Sekunde etwas genervter. Es war kalt, wir standen im Regen und dass das Mädchen neben mir nicht stillstehen konnte, machte alles noch schlimmer. Wir waren die ersten gewesen, die in den Regen vortreten mussten, da Klasse 1A logischerweise anfing und so mussten wir jetzt die ganze Zeit warten. Bis zur Klasse 1D verlief alles reibungslos, doch dann hörte ich ein verzweifeltes Kreischen von rechts.

„Nein! Nein, nein, nein... Warum bist du denn bei mir gelandet?! Hätte es denn nicht eine andere Klasse sein können...?“, brabbelte eine Frau weinerlich (aber ziemlich laut) vor sich hin. Ehe ich aufseufzen konnte, hörte ich ein lautes Stöhnen von vorne, welches ausgerechnet von Frau Kazu kam. Kurzerhand stapfte sie davon. „Was ist denn jetzt schon wieder, Andra?!“, fuhr sie vermutlich die weinende Frau an. „Das ist ER! Du weißt schon, der der sitzen geblieben ist, der Alptraum aller Lehrer...“, stammelte diese vor sich hin ohne wirklich einen Namen zu nennen, doch ich konnte mir gut denken, um wen es ging. Grinsend drehte ich mich zu Arisa um, doch diese schaute nur demonstrativ unbeteiligt zur Seite.

„Meine Güte, Andra! Das ist wahrscheinlich genau der Grund, warum er bei dir gelandet ist! Damit du endlich mal lernst, dich durchzusetzen. Du kannst nicht dein Leben lang alles auf mich abwälzen!“, hörte man jetzt wieder Risa. Jetzt schaltete sich eine dritte, männliche Stimme ein. „Wo genau ist das Problem?“ „Oh, Raiga... Ich kann das nicht! Warum ist dieser Junge ausgerechnet in meiner Klasse? Das ist mein erstes Jahr als Lehrerin und dann so etwas... Kann man da nicht irgendwas machen?“, flehte Andra. „Aber natürlich. Das muss ein Fehler gewesen sein“, ich konnte ihn zwar nicht sehen, aber der Blick den er Zeo in diesem Moment zugeworfen hatte, muss so kalt wie seine Stimme gewesen sein. „Risa, du übernimmst ihn. Schick ihr irgendeinen Erstklässler rüber“, ordnete der Mann an. „Aber-“, versuchte Frau Kazu noch zu protestieren, hielt dann aber den Mund. Sie kam zurück und rief: „Na gut, da meine unfähige kleine Schwester nichts selbst auf die Reihe bekommt, wird einer von euch Erstklässler-Jungs jetzt in die Klasse D rüber gehen! Zeo Yurasa, du stellst dich ganz nach hinten!“

Jetzt war der Name gefallen auf den ich so lange gewartet hatte. Mit Mühe unterdrückte ich ein lautes Auflachen, als ich sah wie Arisa wütend die Hände zu Fäusten ballte, aber versuchte sich sonst nichts anmerken zu lassen. Die restlichen Klassen konnten ohne weitere Probleme gebildet werden und so kamen wir endlich ins trockene Schulgebäude.

Im Klassenraum befanden sich vier Fünferreihen. Ich schnappte mir Arisa und zog sie mit mir in Richtung der letzten Reihe. Die anderen verteilten sich ebenfalls und so landeten neben uns das nervöse Mädchen, Zeo und irgendein Junge, an dessen Namen ich mich nicht erinnern konnte. „He! Du dahinten!“, rief auf einmal Frau Kazu. Habe ich schon einmal erwähnt, dass sie eine unheimlich laute Stimme hatte? „Zeo Yurasa! Nur damit du es weißt, das hier ist mein Klassenraum und im Gegensatz zu Andra lasse ich mir von niemandem auf der Nase rumtanzen! Das gilt für euch alle. Solange ihr euch ruhig verhaltet und nicht stört, könnt ihr machen, was ihr wollt. Wer jedoch den Unterricht stört, fliegt raus. Nachdem das geklärt ist; wenn ich auf euch zeige, nennt ihr euren Namen, damit ich ihn in den Sitzplan eintragen kann, verstanden?“, ihre blauen Augen sprühten noch immer praktisch Funken und ich lachte leise in mich hinein. Diese Lehrerin war wenigstens nicht langweilig.

„Nytra“, war alles, was ich sagte als sie nach meinem Namen fragte. „Nytra und weiter?“, hakte sie nach ohne aufzuschauen. „Nichts weiter. Ich habe keinen Nachnamen“, antwortete ich fest und sie schaute mir in die Augen. „Gut. Die nächste“, machte sie dann einfach weiter, wofür ich ihr verdammt dankbar war. „Arisa Yurasa.“ „Yurasa? Seid ihr Geschwister?“, fragte sie nach. „Nein“, antwortete Zeo statt Arisa, diese jedoch stöhnte im selben Moment: „Ja...“ „Was denn nun?“, Frau Kazu war sichtlich amüsiert. „Wir sind nicht blutsverwandt, wurden aber von derselben Frau aufgezogen“, stellte Arisa mit einem wütenden Blick auf Zeo klar. „Interessant. Dann kümmer dich trotzdem darum, dass er nicht stört“, grinste Frau Kazu fies, während sie gleich auch Zeos Namen aufschrieb. Dann kam der Junge, der sich als Aki Niban vorstellte. Der Name kam mir bekannt vor, aber das lag vermutlich daran, dass mein Bruder genauso hieß... Das nervöse Mädchen war Sukira Tranner.

Der Untericht an sich zog sie ziemlich in die Länge, da wir nur das Alphabet, die zehn Ziffern und dann unsere Namen lernten. Ich konnte eh schon lesen und schreiben und auch Arisa hatte genau das schon von Tanya gelernt. Also starrten wir aus dem Fenster und beobachteten wie die Sandplätze auf dem Hof sich in riesige Schlammpfützen verwandelten. Das Klingeln zur Mittagspause war eine echte Erlösung. „Haaa... Das war unerwartet langweilig“, stöhnte ich beim Rausgehen, was Frau Kazu natürlich nicht überhörte. „So ist das am Anfang. Nytra, ich möchte, dass du noch einen Moment bleibst.“ „Soll ich draußen auf dich warten?“, fragte Arisa besorgt, doch ich schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Ich komme sofort nach“, grinste ich, um sie zu beruhigen. Hinterher belauschte sie uns noch.

Als alle weg waren, drehte ich mich mit verschränkten Armen zu Frau Kazu um. „Also, was wollen Sie?“ „Nichts besonderes, du musst nicht so abwehrend reagieren. Du bist mit einem Nachnamen angemeldet, möchtest diesen aber ablegen, richtig? Ich gehe mal davon aus, dass du demnach familiäre Probleme hast. Dafür sprechen auch die Geschichten, die ich über deine Ankunft hier gehört habe. Wenn du möchtest, besorge ich dir die Sondererlaubnis. Dann musst du nie wieder dorthin zurück“, bot sie mir überraschend ruhig an. „Das wäre sehr freundlich von Ihnen...“, war alles, was ich antwortete. Ich musste mir auf die Unterlippe beißen und nach unten schauen. Die Aussicht nie wieder an diesen Ort zurück zu müssen, war zu ergreifend. „Kein Problem... Ich weiß, das haben dir bisher sicher einige gesagt, aber wenn du mal reden möchtest, kannst du immer zu mir kommen. Das bleibt auch alles unter uns.“ Wütend schaute ich wieder hoch. Ich hatte die Schnauze voll davon, dass alle reden wollten. Reden änderte nichts und machte nichts besser! Ich hatte erwartet, dass sie mich mit einem dieser ekelhaften 'Vertrau-mir'-Lächeln anstarren würde, doch stattdessen schaute sie gedankenverloren aus dem Fenster. „Du denkst dir jetzt, dass das alles Blödsinn ist und dass du mit niemandem reden willst. Das ist auch in Ordnung. Ich weiß wie das ist...“, sie strich sich über die Arme, als wäre ihr kalt.

„Du kannst jetzt gehen, wenn du willst“, wandte sie sich dann wieder lächelnd an mich, ging um das Pult herum und fing an ihre Sachen zu packen. „Vielen Dank...“, murmelte ich noch einmal. Sie hatte mich beeindruckt. Sie war nicht wie die anderen, die sich nicht einmal im entferntesten vorstellen konnten, wie es mir ging. Auch ihr war irgendwas Schlimmes passiert. Ohne ein weiteres Wort verließ ich das Klassenzimmer und ging hinüber zum Speisesaal.


Die anderen hatten sich schon einen Tisch gesucht und saßen mit den Jungs zusammen. Arisa winkte mir fröhlich zu und hoffte wahrscheinlich, dass ich mich neben sie setzen würde. Diesen Gefallen würde ich ihr nicht tun... Grinsend schlenderte ich herüber und setzte mich als dritte neben Tanya und Zora. „Jo. Und wie war's bei euch so?“, wandte ich mich an die beiden, Arisas verzweifelten Gesichtsausdruck ignorierend. „Oh, bei mir war alles super. Unser Lehrer, Hiko, ist total toll und ich habe schon einige neue Freundinnen gefunden. Da sind Jinya, Dorina, Klaris und auch einige nette Jungs“, plapperte Zora fröhlich drauf los, woraufhin Arisa sich beruhigte und ihr zuhörte. Als Zora fertig war, wollte sie schnell aufstehen, vermutlich, um zu mir herüberzukommen, doch da fing auch schon Tanya an zu erzählen. Aus Höflichkeit setzte Arisa sich wieder hin und genau dann kamen die Jungs. Ich grinste ihr zu, doch sie schaute nur wütend in Zeos Richtung.

„Hey, Süße, hast du mich schon vermisst?“, war seine sehr passende Begrüßung. Ich sah wie Arisas Auge begann ein wenig zu zucken. „Nein. Nicht im geringsten“, sagte sie entschieden und drehte sich weg. Doch dank mir war der Platz neben ihr frei, sodass sie Zeo so schnell nicht loswerden würde. „Wieso schon?“, fragte Gawen verwundert. „Hast du das Theater nicht mitbekommen? Die Lehrerin der 1-D wollte ihn nicht ertragen, da ist er in dieselbe Klasse gekommen wie sie“, erklärte Jiro. „Und die beiden sitzen auch noch nebeneinander“, fügte ich stolz hinzu. „Schön und gut, aber die Frage jetzt gerade ist, wie man den Aufstand heute Morgen nicht mitbekommen konnte?“, versuchte Arisa abzulenken, woraufhin Gawen verlegen lachte. „Naja, ich musste noch mal ins Zimmer zurück, weil ich meine Sachen vergessen hatte...“

Als das folgende Gelächter abgeklungen war, setzten sich die restlichen Jungs, sodass neben mir jetzt Naro saß. „Und wie hat euch der erste Tag gefallen?“, grinste er in die Runde. „Ganz gut, aber etwas langweilig“, antwortete Tanya. „Ja, der Anfang ist verdammt langweilig, aber es wird anspruchsvoller.“ „Sonst wäre selbst Zeo nicht sitzen geblieben“, stichelte Jiro jetzt. „Sicher? Ich glaube selbst das heute war für ihn zu hoch...“, sagte Arisa betont gelangweilt. „Autsch. Aber nein, die Grundlagen kenne ich. Ich bin nicht wegen Dummheit sitzen geblieben, sondern wegen Faulheit“, verteidigte Zeo sich und Arisa grinste. „Das nennt man Dummheit...“

„Und, habt ihr schon Angst vor heute Nachmittag?“, wechselte Gawen das Thema und die Jungs fingen an fies zu grinsen. „Warum sollten wir?“ Tanya verschränkte abwehrend die Arme. „Naja, die ersten Stunden des Ausdauertrainings sind für die meisten ziemlich hart...“, antwortete Naro und klang nicht nur schadenfroh, sondern auch ein kleines bisschen besorgt. „Ach, das wird schon!“ Zoras Grinsen war so optimistisch wie immer, obwohl ich ein wenig das Gesicht verzog. Wenn die Jungs so einen Wirbel darum machten, konnte es nur wirklich schlimm werden... Und ich war nicht gerade die fitteste... „Wir werden ja sehen“, stellte Tanya nur angriffslustig fest und Arisa nickte. „Wenn du nachher müde bist, kannst du ruhig zu mir kommen. Dann verwöhne ich dich...“, ein hasserfüllter Blick ließ Zeo verstummen. „Äh... mit... mit einer Massage! Genau!“, versuchte er sich zu retten. „Nein, danke“, entgegnete Arisa knapp.

Die Diskussion setzte sich noch ein paar Minuten fort, dann klingelte es und wir gingen ins Zimmer, um uns umzuziehen. „Sag mal, was von den ganzen Sachen sollen wir denn jetzt anziehen?“ Arisa legte einen Zeigefinger an die Lippen und runzelte die Stirn. „Ist ganz einfach, ich zeig dir, was“, grinste Zora hilfsbereit. Während sie ihre Sachen aus dem Schrank kramte, schaute nicht nur Arisa genau zu, sondern auch ich. Ich wunderte mich, woher Zora und Tanya so genau wussten, was man anziehen sollte... Vielleicht kannten sie solche Sachen einfach von Zuhause? Nun, bei Tanya konnte ich mir das auf jeden Fall vorstellen. Naja, immerhin standen wir gleich nicht als Idioten da. Grinsend zog ich mir die leichten aber warmen Sportsachen an. Überrascht stellte ich fest, dass man sich darin viel besser bewegen konnte, als in den normalen Sachen... „Was ist mit Jacken?“, fragte Arisa noch, doch Tanya schüttelte den Kopf. „Auf gar keinen Fall. Dafür ist es noch zu warm.“


Draußen auf dem Hof erwarteten uns erneut die Lehrer. Risa bekam erst mal einen Lachkrampf wofür sie einen abschätzigen Blick von Raiga, dem Lehrer der C, erntete. „Okay, also erst mal ziehen jetzt alle, die ihre Jacken anhaben, diese aus. Es ist noch lange nicht kalt genug für die. Ich werde mir jetzt bei jedem einzelnen angucken, was ihr anhabt; sollte das nicht in Ordnung sein, geht ihr in euer Zimmer zurück und zieht euch um, verstanden?“ Allgemeine Zustimmung. Wie schön, dass sie uns nichts über eine Kleiderordnung gesagt hatte... Genervt schaute ich zu den anderen Klassen rüber. Da schien alles in Ordnung zu sein, sie begannen bereits mit dem Unterricht. Erleichtert dachte ich daran, dass uns diese unnötige Verzögerung ein wenig Unterrichtszeit ersparte. „Falls einige von euch sich jetzt freuen und denken, sie wären um ein paar Minuten Training herum-gekommen, falsch gedacht. Ihr werdet diese Zeit später nachholen, also sollten die, die sich nochmal umziehen müssen, sich beeilen“, grinste Risa jetzt und ich sah ihre sadistische Freude.

„Ach, und Zeo, du kannst dich deiner alten Klasse anschließen. Im Gegensatz zum geistigen Unterricht hast du den Anfängern in diesem Fall einiges voraus.“ Ohne auf die Beleidigung zu reagieren, grinste Zeo nur, strich Arisa mit den Worten: „Bis später“ über den Kopf und rannte dann seinen Freunden hinterher. Arisa verschränkte nur wütend die Arme und kochte still vor sich hin, während ich ein Lachen zurückhalten musste. Der legte es aber auch immer drauf an. „Nytra und Arisa, bei euch ist auch alles in Ordnung“, erklärte Risa auf einmal und ich schaute erschreckt hoch. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass sie schon bei uns angekommen war...

„So, jetzt müssen wir nur auf die wenigen warten, die sich nochmal umziehen müssen...“, murmelte sie vor sich hin und schaute zum Gebäude hinüber. Irgendwie schien sie peinlich berührt und mir kam der Verdacht, dass das ganze nicht geplant gewesen war. „Frau Kazu?“ „Was ist, Nytra? Und du kannst Risa sagen, das wisst ihr doch.“ Abwesend schaute sie immer noch auf das Gebäude. „Warum hast du uns nicht gesagt, was wir anziehen sollen?“, stellte ich die Frage, die mir auf der Zunge gelegen hatte. Einen Moment blieb sie still. „Um zu prüfen wie die Gemeinschaften in euren Zimmern sind. In den anderen Klassen wurde gesagt, was ihr anziehen sollt, nur in meiner nicht. Dadurch wollen wir herausfinden, welche Zimmergenossen vielleicht ausgeschlossen werden.“ Ein zufriedenes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit, als wäre sie stolz, dass ihr diese Erklärung eingefallen war. „Ach so. Also haben sie nicht einfach nur vergessen uns etwas davon zu sagen...“, mischte sich jetzt Arisa scheinheilig ein, woraufhin Risa uns endlich anschaute. „Aber natürlich nicht... Ahaha...“ Sie konnte ein verlegenes Lachen nicht unterdrücken.

Bevor wir weiter nachbohren konnten, ging sie wieder ans andere Ende der Reihe. Die, die sich noch hatten umziehen müssen, kamen auch wieder dazu und Risa verkündete: „So, für den Anfang werdet ihr 10 Runden außen um die Mauer laufen. Macht euch keine Sorgen, dass andere schneller sind als ihr oder wenn ihr nicht mehr könnt. Notfalls dürft ihr auch gehen, Hauptsache ihr übertreibt es nicht und keiner verletzt sich. Und jetzt, mir nach!“ Sie lief los und wir folgten ihr durch das Tor, welches jetzt offen stand.

Die ersten paar Meter waren noch in Ordnung, aber schon nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass ich nicht mehr mit Arisa mithalten konnte. Während sie also immer näher an Risa herankam, fiel ich immer weiter zurück. Wir kamen an den ersten aus den anderen Klassen vorbei, die ja schon ein paar Runden hinter sich hatten. Einige schauten sehnsüchtig denen hinterher, die noch ohne Probleme das hohe Tempo der Lehrer halten konnten, andere warfen uns abgehängten mitfühlende Blicke zu und bildeten mit uns eine Gruppe. Doch auch hier bildete ich bald das Schlusslicht... Mir war nie klar gewesen wie schlecht meine Kondition war...

Seufzend ging ich vom Laufen zum Gehen über, ich hatte heftige Seitenstiche und atmete schwer. Es war frustrierend zu sehen wie die anderen vorbeizogen. Immer wieder lief ich ihnen ein kleines Stück hinterher, doch dann musste ich erschöpft und frustriert wieder abbrechen. Nach einigen Runden, als die meisten schon wieder im Innenhof waren, traf ich ausgerechnet auf den letzten Menschen, den ich in dieser Situation sehen wollte. Tanya ging ebenfalls; als ich an ihr vorbeiziehen wollte, schloss sie jedoch immer wieder zu mir auf. „Wir können auch zusammen gehen. Dann kann man sich wenigstens unterhalten...“, sagte sie nach einer Weile genervt. Ich zuckte nur die Schultern, ich hatte keine Lust zu reden, schon gar nicht mit ihr.

„Wie viele Runden hast du schon?“, fragte ich dann doch, weil mir die Stille auch dumm vorkam. „Neun. Ist meine letzte. Und du?“ „Hab noch zwei vor mir. Dank der Verzögerung...“, grummelte ich. In diesem Moment war ich echt sauer auf Risa. Sie hatte uns diesen ganzen Scheiß nur aus Dummheit eingebrockt. Tanya lächelte mir gequält zu. „Oh, das tut mir leid. Warum habt ihr denn erst so spät angefangen?“ „Unsere Blitzbirne von Lehrerin hat vergessen uns zu sagen, was wir genau anziehen sollen und wir konnten das dann ausbaden.“ „Ernsthaft? Diese Kazu-Schwestern sind wohl beide unfähig. Gut, dass ich nicht bei einer von denen in der Klasse bin...“, stöhnte sie. Raiga war streng, genau und konnte sich durchsetzen. Klar, dass Tanya das gefiel. Ich zuckte nur erneut die Schultern und begann wieder ein Stück zu laufen.

Tanya verließ mich nach dieser Runde und so war ich mit meinen Gedanken allein. Naja... bis ich neue Gesellschaft bekam. Das Mädchen, das heute Morgen neben mir gestanden hatte und in der Reihe bei uns saß, war ebenfalls zurückgeblieben und ging jetzt neben mir her. „Sukira, richtig?“, fragte ich und sie lächelte. „Ja. Und du bist Nytra“, antwortete sie. Ich nickte und wartete darauf, dass sie vielleicht ein Gespräch anfing, schließlich hatte sie zu mir aufgeschlossen. Als sie jedoch still blieb, fragte ich: „Und wie gefällt es dir bisher so?“ Sie schien erst zu überlegen und antwortete dann: „Hm... ich weiß noch nicht. Es ist anders als ich es mir vorgestellt habe. Der Unterricht ist aber einfacher als ich dachte, dafür ist das Training viel härter... Und die meisten sind nett... aber meine Zimmergenossinnen haben mir nichts von der Kleiderordnung gesagt... Ich hatte noch meine normalen Sachen an...“ Etwas verlegen lächelte sie, doch ich merkte dass sie in Wirklichkeit ziemlich niedergeschlagen war. „Vielleicht haben sie es ja vergessen? Es war sicher keine Absicht. Ich finde es eher nervig von Risa, dass sie uns das Schlamassel eingebrockt hat. Sie hat einfach nur vergessen uns etwas davon zu sagen.“ Erschrocken schaute sie mich an. „Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht...“

Damit war das Gespräch beendet. Sie begann kein neues und ich hatte mein Soll an sozialem Verhalten für heute erledigt. Schweigend kamen wir als letzte durch das Tor auf den Hof. Die anderen waren bereits dabei Kampfübungen durchzuführen. Risa schaute uns entgegen und lächelte. „Macht euch nichts draus. Das wird schon. Morgen seid ihr sicher schon ein bisschen schneller. Jetzt macht ihr fünfzig Liegestütz und danach fünfzig Sit-ups. Haltet euch gegenseitig die Füße fest. Wenn ihr fertig seid, kommt zu mir, dann könnt ihr dasselbe machen wie die anderen.“ Sie wandte sich wieder ab und stöhnend machten wir uns an die Übungen. Und das sollte jetzt jeden Tag so weitergehen? Ich verdrehte die Augen. Verdammt, ich war ja jetzt schon fast tot...


Mit zitternden Armen und Beinen schleppten wir uns nach den mehr als drei Stunden zum Wohngebäude. Wir kamen gerade rechtzeitig zum Essen, doch bei der Ausgabe wies eine Drittklässlerin uns zurecht: „Ihr müsst euch erst waschen. Vorher gibt es nichts. Tut mir leid, aber es geht darum, dass ihr nicht krank werdet. Naja... und um Hygiene.“ Noch einmal seufzte ich. „Komm, Sukira, wir beeilen uns...“ Sukira war noch etwas kleiner als ich und wirkte sozial noch unbeholfener, sodass ich sie ein wenig als kleine Schwester betrachtete.

Als ich schließlich doch was zu essen bekam, waren die anderen schon fertig. Netterweise blieben sie noch sitzen und unterhielten sich, während ich still das Essen herunterschlang. Es ging um das Training, die anderen wirkten auch etwas erschöpft, aber natürlich auch um morgen. „Dienstage sind die schlimmsten“, erklärte Jiro gerade. „Stimmt“, fügte Gawen grinsend hinzu. „Montags nach zwei freien Tagen der Entspannung und Erholung, holt man sich immer wieder einen richtig schönen Muskelkater...“ „Und das findest du witzig? Hätte nicht gedacht, dass du Schmerzen magst“, warf ich zwischen zwei Bissen ein und die anderen lachten. „Das nicht, aber es ist ein erfüllendes Gefühl. Da weiß man, dass man etwas getan hat“, erklärte er, woraufhin die meisten zustimmend nickten. „Deswegen ist der Dienstag ja so schlimm, dann tut es nämlich richtig weh.“ Jiro schaute gequält, streckte sich und gähnte. „Da hilft nur Schlaf“, sagte er dann und legte den Kopf auf die Arme. „Du willst ja wohl nicht jetzt und hier einschlafen?“, fragte Naro belustigt. „Doch. Das ist eine gute Idee“, stimmte Zeo zu und tat dasselbe. „Ihr habt in den Ferien wirklich jede Disziplin verloren...“ Naro schüttelte den Kopf und lächelte. „Naja, dafür können wir dann heute Nacht alle gut schlafen...“, sagte Tanya und lächelte ebenfalls.

Ich merkte wie sich meine Lippen unwillkürlich auch zu einem Lächeln verzogen. Diese ganze Szene war so friedlich. Ich musste mir endlich mal keine Sorgen machen, dass sich von einer Sekunde auf die andere alles änderte und die Stimmung ins Gegenteil umschwang. „He, Nytra, nicht beim Essen einschlafen...“, murmelte Arisa schläfrig. Auch Zora gähnte jetzt und ich beeilte mich aufzuessen. Danach ging es schnell ins Zimmer und beinahe ins Bett, wäre uns nicht rechtzeitig noch eingefallen, dass wir ja Nachtwache hatten.

„Oh verdammt...“, quengelte ich. Ich war müde genug, um im Stehen einzuschlafen und doch mussten wir noch eine Stunde wachbleiben. „Gut, dass es dir noch eingefallen ist, Tanya...“, murmelte Zora, die ebenfalls beinahe einzuschlafen schien. „Legt ihr euch ruhig ein wenig hin. Ich wecke euch, wenn wir losmüssen“, schlug Arisa, die mittlerweile wieder ziemlich wach wirkte vor. „Wie machst du das?“, fragte ich verwundert, während ich auf mein Bett kletterte. „Ich fand das alles nicht so anstrengend wie ihr. Ich bin es gewohnt von morgens bis abends auf den Beinen zu sein“, erklärte sie lächelnd. Das war das letzte, was ich noch mitbekam, dann schlief ich ein.

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  • Author Portrait

    Dieses Kapitel ist echt Lang und entsprechend langatmig zu lesen. Geschuldet womöglich eher meinem kleinen Display. Du erklärst recht informativ, was die jungen Protas vorfinden und durchleben. Bin gespannt, was sich in der Akademie noch ergibt und ob die Lehrerin wirklich so verstrahlt ist, wie sie sich gibt.

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