20


                                                                   MARIE

Obwohl mich Seth’s Arme umschlingen, fühle ich den dumpfen Aufprall. Fest. Hart. Aber geschützt. Für einen kurzen Moment nimmt mir der Aufprall den Atem, bevor ich ihn keuchend in meine Lungen ziehe und die plötzliche Leere auf meinen, noch immer heißen Lippen mich aus meiner Trance reißt. Ich lebe. Wir sind in den Abgrund gefallen und ich lebe noch.

Seth richtet sich schnell auf und zieht mich an meiner Hüfte, wo noch immer seine Arme um mich geschlungen sind, nach oben. Ich stehe vor ihm und wage nicht, ihm in die Augen zu blicken. Das, was wir hier gerade gemacht haben, hätte nicht passieren dürfen. Ich darf mich nicht zu ihm hingezogen fühlen. Ich darf einfach nicht. Also presse ich meine Hände auf seine, zu meinem Bedauern, starke Brust und drücke mich von ihm. Er hingegen zieht mich ohne Mühe wieder näher an sich und streift mit seinen Lippen mein Ohr, als er flüstert „Warum kämpfst du dagegen an? Ich könnte dir unendliches Vergnügen bereiten.“

Dann löst er sich von mir. Die Stelle, an der er mich berührt hat, brennt, als hätte man Flammen darauf entfacht. Jetzt kann ich nicht anders und sehe ihn an. Blicke in seine dunklen Augen, die mich belustigt mustern und er mir daraufhin zu zwinkert. Die Röte schießt in meine Wangen und lässt mich für einen Moment vergessen, wo wir hier sind. Dann erst kommt der Gedanke an diese Kreatur zurück und mein Verlangen wird von Panik abgelöst. So krank es auch klingen mag, aber die Panik ist mir willkommener als dieses Verlangen, das ich auf keinen Fall spüren sollte.

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, hier sind die Wesen noch nicht eingenommen. Hier gehören sie noch sich selbst.“

„Was?“

Verwirrt blicke ich ihn an und in die dunklen Augen, die mich interessiert betrachten. Dann drehe ich meinen Kopf und nehme die Umgebung wahr. Wir stehen zwar ebenfalls auf großen Felsen, doch um uns herum herrscht nicht mehr die karge, trockene Umgebung. Wir sind umgeben von Bäumen und saftigem Gras.

„Wir sind bereits in Wisconsin und die Wächter sind hier frei. In Armenien und ein paar anderen Ländern, stehen sie bereits unter dem Einfluss der Gefallenen. Sie beschützen die Portale, damit kein Mensch oder dunkle Mächte die Portale benutzen. Darum haben sich auch die Gefallenen einige Portale zu ihren Eigen gemacht, denn ansonsten könnten sie ihre Macht nicht so sehr ausbreiten.“ Er räuspert sich und die dunkle Stimme verstummt für einen Augenblick, bevor er beiläufig weiterspricht.

„Und solltest du es wissen wollen, der Kuss war dazu da, um deine Gedanken zu leeren, damit wir hier ankommen und du nicht an einem anderen Portal ausgespuckt worden wärst. Aber ich konnte fühlen, dass es dir gefallen hat.“

Er zwinkert mir erneut zu und hüpft vom Stein, als hätte er sich gerade mit mir über das Wetter unterhalten. Wütend verharre ich auf dem Stein und würde mich am liebsten auf ihn stürzen und ihn schlagen. Er macht mich wütend und wahnsinnig zugleich. Er reicht mir seine Hand, doch ich hüpfe ohne seine Hilfe vom Stein und sein Grinsen, dass daraufhin auf seinen Lippen erscheint, macht mich noch wahnsinniger. Ein verärgertes „Ich weiß nicht, wen ich von euch beiden mehr hassen möchte.“

„Du hasst keinen von uns wirklich. Das weiß ich. Das weiß Tobias und das weißt du.“

Ein wütendes Schnauben kommt über meine Lippen, während ich ihm trotzig hinterher stapfe.

Nach einer Weile, in der wir durch Wiesen und zwischen Bäumen entlanggehen werden die Schmerzen in meinen Beinen immer schlimmer. Mein Magen knurrt und ich bin müde. Einfach nur müde. Was auch Seth zu bemerken scheint, denn er hält an und betrachtet mich besorgt. Ich hätte nicht gedacht, dass Seth sich um jemanden Sorgen machen kann.

„Du musst dich ausruhen.“

Auch, wenn ich ihm die Genugtuung nicht geben möchte, so nicke ich dennoch und lasse mich an einem Baumstamm erschöpft zu Boden gleiten. Ich kann einfach nicht mehr. Bin am Ende meiner Kräfte. Ich winkle meine Knie an und stütze meine Ellbogen darauf ab. Meine Handflächen presse ich auf meine Augen und schließe diese, weil meine Lider einfach schon zu schwer sind. Ich höre langsame Schritte, die sich auf mich zubewegen. Dann spüre ich Arme, die sich unter meinen Körper schieben und mich nur wenige Sekunden darauf hochheben. Ich bringe ein müdes „Was machst du da?“ über meine Lippen und blicke in Seth’s Augen, die mich betrachten, als würde er meine Schmerzen selbst spüren. Doch dann lächelt er.

„Wie du siehst, trage ich dich.“

Er bewegt sich vorwärts, doch ich will ihm nicht zur Last fallen.

„Lass mich runter. Bevor du mich trägst, laufe ich lieber selbst, bis mir die Beine abfallen.“

Sein Lächeln wird noch breiter und seine tiefe Stimme dringt erneut in mein Ohr.

„Du bist eine wirklich sture Frau. Schlaf jetzt.“

„Du kannst mich nicht wieder mit deinen Kräften zum Schlafen bringen. Das...funktioniert...so...nicht.“

Und dann ist da diese Wärme, die auf mich ausstrahlt. Seine Wärme. Meine Lider schließen sich und auch, wenn ich dagegen ankämpfe, so verliere ich diesen Kampf und falle in einen tiefen Schlaf.

***

„Hey, Marie. Wach auf.“

Die vertraute Stimme redet immer wieder auf mich ein. Etwas berührt sanft meine Wange. Doch meine Lider sind so schwer. Es kostet mich viel Kraft, sie endlich zu öffnen und dieser Stimme zu folgen. Doch ich tue es und blicke daraufhin in grüne Augen mit diesen grauen Sprenkeln. Meine Stimme ist rau, als ich seinen Namen über meine Lippen bringe.

„Tobias?“

Er nickt und ich komme langsam wieder zu mir und blicke mich um. Doch von diesem Wald ist nichts mehr zu sehen. Ich liege auf einer weichen Matratze in einem Bett. Das Zimmer ist nicht zu groß aber auch nicht zu klein. Der rote Teppichboden, die grauen Vorhänge und die Minibar lässt vermuten, das wir uns in einem Hotel befinden. Aber wie bin ich hier hergekommen? Tobias folgt meinem Blick und beantwortet meine stumme Frage.

„Ich...also Seth hat dich getragen. Er ist bis in dieses kleine Städtchen gelaufen und hat mir dann Platz gemacht. Ich habe uns ein Zimmer organisiert, damit du dich erholen kannst. Morgen früh machen wir uns auf den Weg zu Baal.“

„Wie?“

„Was, Wie?“

Ich schüttle meinen Kopf, hebe meine Hände und zucke mit den Schultern, während ich eine ausladende Geste auf das Zimmer mache.

„Na das? Wie hast du ein Zimmer organisiert ohne Geld. Wie sollen wir morgen zu Baal kommen ohne Wagen? Verdammt. Und wo sind meine Klamotten?“

Erst jetzt überkommt mich Panik. Mit meinen Händen fahre ich an meiner Seite entlang. Es liegt zwar eine Decke über meinem Körper, aber darunter bin ich nackt. Bei einem Blick auf Tobias entdecke ich sein Grinsen und werde wütend.

„Keine Sorge, ich habe deine Klamotten gewaschen. Sie sind im Bad. Das Zimmer und den Wagen habe ich uns mit meiner Gedankenkontrolle beschafft.“

„Ich weiß echt nicht, wer von euch beiden mir lieber ist. Ihr seid beide Idioten.“

Er lacht. Herzhaft. Ein stilles, tiefes, kräftiges Lachen dringt aus seiner Kehle und es macht mich so rasend wütend, obwohl ich bei diesem Anblick fast schon automatisch mitlachen muss, obwohl ich es nicht will.

„Und du magst beide Idioten, wie es scheint. Außerdem habe ich dich schon oft genug nackt gesehen. Putz dir die Zähne, nicht das Seth’s Speichel noch an deinen Mundwinkeln klebt. Ich hole etwas zu essen.“

„Ahh. Du machst mich wahnsinnig. Es ist auch dein Speichel du Idiot.“

Meine Hand wandert automatisch zu dem Polster neben mir und wirft ihn nach Tobias oder Seth oder wer er auch immer ist. Aber beide sind verdammte Idioten.

Dann lächelt er auch noch, als ich ihm den Polster an den Kopf werfe. Er dreht sich nochmal um und zwinkert mir zum Abschied nochmals zu, bevor er durch die Tür verschwindet und mich alleine zurücklässt. Für einen langen Augenblick bleibe ich auf dem Bett sitzen und wundere mich über den Tobias, der hier gerade aus dem Zimmer gegangen ist. Er hat gelächelt, als wäre es einfach für ihn. Als würde er für eine Sekunde zulassen, dass man hinter seine Fassade blickt.

Langsam stehe ich auf und wickle die Decke um meinen Körper. Eine Dusche könnte mir wirklich nicht schaden. Also mache ich mich auf den Weg zu der anderen Tür in diesem Zimmer. Meine Klamotten liegen frisch gefaltet auf dem kleinen Hocker, der neben der Dusche steht und ich frage mich, ob Tobias das wohl so gefaltet hat?

Ich genieße das warme Wasser, wie es über meine verspannten Muskeln fließt und mich ein klein wenig entspannt. Erst als ich die Tür höre, drehe ich das Wasser ab, hüpfe aus der Dusche, trockne mich ab und schlüpfe in die frisch gewaschenen Sachen. Es ist ein gutes Gefühl, endlich wieder den ganzen Schmutz von mir zu waschen. Nicht nur den Dreck, sondern auch diese ganzen Erlebnisse werden ein Stück weit damit wieder weg gewaschen.

Mit nassen Haaren öffne ich die Tür und gleich darauf dringt der Duft von Essen in meine Nase. Mein Magen knurrt laut und ich ernte dafür erneut ein Lächeln von Tobias, der die Papiertüte gerade auf dem kleinen Schreibtisch abstellt.

„Ich hoffe, du magst Fastfood.“

Ich nicke, da mir eigentlich egal ist, was ich jetzt gerade zu essen bekomme, da ich einen riesigen Hunger habe. Also setze ich mich und schiebe mir ein paar Pommes in den Mund, um daraufhin zu Seufzen. Erst als ich den ersten Hunger besiegt habe, blicke ich auf Tobias, der mich belustigt anstarrt.

„Du hattest wirklich großen Hunger.“

Nochmals nicke ich, da ich meinen Mund voll habe. Dann will ich ihn etwas fragen, dass jede Sekunde in meinen Kopf herumschwirrt, auch, wenn ich weiß, dass er gesagt hat, dass ich sie erst sehen kann, wenn diese Sache vorbei ist.

„Kannst du mir sagen, wie es Alina geht? Gibt es irgendeine Möglichkeit sie zu kontaktieren?“

Fast schon bahnen sich erneut Tränen aus meinen Augenwinkel. Ich vermisse sie und jedes Mal, wenn ich ihren Namen erwähne, will ich sie einfach nur in meine Arme ziehen und sie nie wieder gehen lassen. Ich weiß, dass das was wir gemacht haben, sie mit Rema zu schicken, das Beste war um sie zu schützen. Doch ich weiß nicht, wo genau sie ist. Weiß nicht, wie es ihr geht. Es macht mich fertig.

„Eine Möglichkeit gibt es.“

Aufgeregt nicke ich und freue mich, dass er mir helfen will. Ich würde alles dafür tun, sie sehen zu können.

„Es ist kompliziert und du wirst sie nur sehen können. Nicht mehr. Du kannst nicht mit ihr reden.“

Ich bringe ein unsicherer „Okay“ über meine Lippen und nicke.

„Ich werde meinen Verstand nach Eden schicken und sie dort suchen. Aber ich kann weder mit ihr sprechen noch auf uns aufmerksam machen.“

Wieder nicke ich, denn ich bin über die kleinste Information, die ich bekommen kann froh. Als er mir bedeutet ihm zu folgen, tue ich es ohne zu zögern. Er macht sich auf den Weg ins Bad und dreht das Wasser in der Dusche an.

„Es tut mir leid, aber du musst da jetzt wieder rein. Dein Körper würde überhitzen, wenn ich meinen Verstand mit deinem teile. Du würdest es nicht ertragen und damit dein Körper nicht aufgibt, musst du ihn kühlen.“

Ich nicke. Auch wenn ich gerade unter der Dusche war, so stört es mich nicht. Denn was ist schon dieser kleine Aufwand, um meine Alina zu sehen und zu erfahren, wie es ihr geht. Also steige ich aus meiner Jeans und ziehe das Shirt über meinen Kopf. Als ich wieder aufblicke, sehe ich Tobias Blick auf mir. Er brennt sich förmlich in meine Haut und auch wenn ich Scham verspüre, so versuche ich mir klar zu machen, dass er mich vorhin ebenfalls nackt gesehen hat und ich ihn nicht auf diese Weise reize. Er will mich nicht. Das hat er mich spüren lassen. Also versuche ich so selbstbewusst wie möglich in meiner Unterwäsche unter den Wasserstrahl zu steigen. Ein zischender Laut kommt über meine Lippen, als das eiskalte Wasser auf meine Haut trifft. Für einen Moment kann ich nicht atmen, bevor sich mein Körper an die Temperatur gewöhnt hat. Tobias bleibt draußen, vor der Dusche stehen und hält mir seine Hand entgegen. Er greift nach einem Messer, dass er aus seinem Stiefel zieht und legt die kalte Klinge in seine Handfläche.

„Es tut mir leid, aber ich muss dein Blut mit meinem vereinen.“

Es ist krank, aber ich werde es machen, da ich ihm in dieser Hinsicht vertraue. Also halte ich ihm meine Handfläche nach oben gedreht entgegen und nicke. Er nimmt die Klinge und ritzt ein komisches Zeichen in seine Handfläche, dann greift er nach meinem Handgelenk und setzt die Klinge an meine Haut.

„Das wird jetzt weh tun.“

Ich nicke erneut und mache mich für den Schmerz bereit, der gleich darauf zu spüren ist, als Tobias, die Klinge des Messers in meine Haut gleiten lässt. Ich presse meine Zähne aufeinander und unterdrücke ein Stöhnen. Blut strömt aus meiner Wunde und bevor ich es näher betrachten kann, blickt er in meine Augen und bringt ein „Bereit?“ über seine Lippen.

„Ja.“

Und dann geht es schneller als gedacht. Er schließt seine Augen und ich tue es ihm gleich, dann presst er seine Handfläche an meine und ein elektrisierendes Gefühl durchfährt mich. Keine Sekunde später taucht ein Bild vor meinem inneren Auge auf. Ein blauer Himmel. Grüne saftige Wiesen. Wälder. Tierherden, die über weite Flächen fliegen. Alles wirkt so, als würden wir über diese Welt fliegen, die nichts als Frieden ausstrahlt. Wir fliegen zwischen Felsen entlang, bis wir zu einem, mit kleinen Häusern umzingelten Garten gelangen. Dort sinkt unser Blick. Wir bewegen uns auf den Grund zu und schon kann ich ihre Stimme hören, die mein Herz dazu bringt, schneller zu schlagen. „Alina.“ Wir bewegen uns weiter auf den Garten zu und ich kann sie sehen. Sie wirkt wie ein kleiner Engel. Eingehüllt in Licht. Rema sitzt neben ihr im Schneidersitz und ein kleiner Junge steht Alina gegenüber. Sie lachen und das ist das schönste Geschenk, das ich erhalten kann. Sie wirkt glücklich. Vor allem kann ich jetzt sehen, was sie mit ihren Händen macht. Sie lässt ein grünes Blatt in die Lüfte schweben. Der Junge hat ebenfalls seine Hände auf ein Blatt gerichtet und die zwei Blätter tanzen im Wind durch ihre Kraft. Der Drang sie zu umarmen steigt ins Unermessliche. Was würde ich jetzt alles geben dafür? Ich glaube Tränen an meiner Wange zu spüren und plötzlich richtet sich Rema´s Blick in unsere Richtung. Ich dachte, dass sie uns nicht sehen können, doch Rema lächelt mich direkt an. Oder, aber auch Tobias. Oder, sie lächelt einfach ins Nichts. Aber sie lächelt und wirkt glücklich, so wie unsere Tochter. Doch genauso schnell wie sich dieses Bild vor meinem Auge aufgebaut hat, so schnell verschwindet es auch wieder. Ich öffne meine Augen und spüre Hitze, obwohl das Wasser eiskalt ist, fühle ich mich, als würde ich Fieber haben. Langsam öffne ich meine Augen und blicke in die von...Seth. Sie sind dunkel. Das Grün ist verschwunden und wurde wieder erfüllt von schwarz und Silber. Doch dieses Mal steht Verwunderung in seinem Blick. Fast schon würde ich glauben, dass es Glück ist, dass sich in seinen plötzlich so glasigen Augen spiegelt.

„Sie ist wunderschön. So wie du.“

Und dann kann ich es nicht stoppen. Meine Beine geben nach. Meine Sicht verschwimmt für einen Moment. Doch Seth fängt mich mit seinen starken Armen auf. Drückt mich an sich und nimmt mir meinen Kummer. Er gibt mir Kraft, obwohl ich es nicht annehmen will. Aber in diesem Moment brauche ich sie. Ich brauche ihn. Tobias und Seth.

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beta
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