20. Dezember

Hermine fühlte sich miserabel. Sie hatte Harry und Ron belogen, um ausgerechnet Draco Malfoy dabei zu helfen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Ihm gegenüber hatte sie sich selbstbewusst und voller Vertrauen gezeigt, aber in Wirklichkeit war sie viel unsicherer und voller Zweifel. Der einzige Grund, wenn sie ehrlich war, aus dem sie ihm vertraute, war, dass er sie mehr als einmal geküsst hatte. Sie hatte sich geschworen, ihm nie wieder Glauben zu schenken, nachdem sie das Gespräch mit Snape belauscht hatte, doch der verzweifelte Mensch, den sie danach in Malfoy gefunden hatte, hatte wieder ihr Herz zum Schmelzen gebracht. Sie konnte einfach nicht glauben, dass irgendjemand von Grund auf böse war. Vielleicht jemand wie Voldemort. Oder Umbridge. Aber nicht ein Draco Malfoy.

Doch es war so schwer, diese Unsicherheit auszuhalten. Nicht zu wissen, woran sie wirklich war, brachte sie beinahe um den Verstand. Als sie ihn gestern wieder darauf hingewiesen hatte, dass er zu Dumbledore gehen könnte, hatte er sie sofort mit einer zärtlichen Geste zum Schweigen gebracht. In dem Augenblick hatte sie nachgegeben, hatte einfach die intime Berührung genossen und ihm vertraut. Doch jetzt, hier ganz alleine in der Bibliothek, kroch der Zweifel in ihr wieder hoch. Umgarnte er sie, um sie auszunutzen? Durfte sie diesen Verdacht überhaupt haben, immerhin war es von Anfang an sie selbst gewesen, die ihre Beziehung gefördert hatte. Sie hatte nach dem Quidditch-Spiel auf ihn gewartet. Sie hatte nicht aufgehört, ihn zu bedrängen und ihre Hilfe anzubieten. Er hatte sich immer zögernd gezeigt, hatte ihr deutlich gemacht, dass er nicht dachte, dass sie ihm vertrauen sollte. War es wirklich fair, ihn anzuzweifeln?

Auf der anderen Seite konnte sie nicht anders, als zu denken, dass es naiv wäre, ihre Zweifel einfach zu unterdrücken. Er hatte tatsächlich versucht, einen Menschen zu ermorden. Er hatte sie genutzt, um an Slughorn ranzukommen.

Frustriert ließ sie ihr Gesicht auf die Tischplatte sinken. Sie drehte sich im Kreis und es war bei Weitem nicht das erste Mal, dass sie genau über diese Dinge nachdachte und nie kam sie zu einem eindeutigen Ergebnis.

„Ist das eine neue Methode, schneller zu lernen?“, schreckte sie da die spöttische Stimme von eben jenem Draco Malfoy auf. Unwillig verzog sie das Gesicht und richtete sich auf: „Nein, das ist meine Ich-hasse-alles-Pose.“

„Ich dachte, das wäre meine Aufgabe“, erwiderte Draco mit einem schrägen Lächeln auf den Lippen. Ohne auf ihre Einladung zu warten, ließ er sich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder und stützte sein Kinn auf einem Arm ab. Mit hochgezogenen Augenbrauen starrte Hermine ihn an: „Was ist deine Aufgabe?“

„Alles zu hassen.“

Amüsiert schnaubte Hermine. Sie hätte nicht gedacht, dass Draco über sich selbst lachen konnte, insbesondere in dieser Situation. Sie legte den Kopf schräg und erwiderte sein Lächeln: „Du hast einen schlechten Einfluss auf mich.“

„Oh, fraglos. Ich plane insgeheim schon lange, dich vollkommen zu korrumpieren. Ich bin beinahe am Ziel.“

Schlagartig lief Hermine rot an, doch sie brauchte einen Augenblick zu begreifen, warum seine Worte sie so reagieren ließen. Dann, als ihr die zweideutige Bedeutung seiner Worte bewusst wurde, richtete sie sich indigniert auf: „Du flirtest mit mir.“

Er lachte laut auf: „Bravo, du hast mich durchschaut. Ich verneige mich vor deinem Verstand.“

Verwirrt vergrub Hermine das Gesicht in ihren Händen. Sie verstand ihn einfach nicht. Und sich selbst auch nicht. Sie wusste, ihre Beziehung, der sie nicht einmal mehr einen Namen geben konnte, würde nicht lange halten. Früher oder später mussten sie beide ihre Karten offen legen – oder besser: Er musste seine Karten offen legen! – und dann würde sich zeigen, dass sie immer noch auf unterschiedlichen Seiten standen. Was sie die letzten Tage von Draco gesehen hatte, hatte ihr mehr als deutlich gezeigt, dass er ein gutes Herz hatte, aber sich nicht traute, seine Loyalitäten von einer zur anderen Seite zu verschieben. Und wenn das so blieb, war alles zwischen ihnen von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

„So schweigsam heute?“

Seufzend blickte Hermine ihn wieder an. Ihr Verstand hatte sich so tief im Labyrinth ihrer Gedanken und Gefühle verlaufen, dass sie tatsächlich nichts zu sagen hatte. Sie wünschte, er würde sie einfach wieder küssen und sie vergessen lassen, dass die Welt kompliziert war. In den Momenten, in denen er sie einfach küsste, als sei sie die begehrenswerteste Frau der Welt, schrumpften ihre Sorgen zu einem winzigen Ball zusammen und alles erschien so einfach.

„Was machst du an Heilig Abend?“

Sie konnte sehen, dass Draco mehr als überrascht war über ihren plötzlichen Themenwechsel, aber ganz offensichtlich war er selbst ebenso froh, in diesem Moment nicht über ihre Beziehung sprechen zu müssen. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und erwiderte nach einem Moment des Nachdenkens: „Da ich nicht zu Hause feiere, habe ich nichts geplant. Ich bin auch nicht der größte Fan von kuscheligen, übermäßig feierlichen Weihnachten. Vielleicht trinke ich mich einfach im Eberkopf besinnungslos.“

„Du bist minderjährig, sie würden dir nie genug Alkohol verkaufen“, widersprach Hermine in ihrem besten Lehrerton. Draco schnaubte nur: „Du warst nicht oft genug im Eberkopf.“

Hermines Blick verfinsterte sich, doch sie beschloss, für heute mal nicht die humorlose Streberin zu sein und nicht näher auf den Eberkopf einzugehen. Mit einem leichten Rotschimmer auf den Wangen schlug sie vor: „Wir könnten auch gemeinsam… im Raum der Wünsche feiern. Einfach nur zusammen… Tee trinken oder so. Ich bin ja auch alleine hier.“

Ein wölfisches Grinsen trat auf Dracos Lippen: „Tee trinken, mh? Sicher, gewiss, wir können zusammen Tee trinken im Raum der Wünsche.“

Hermines Wangen glühten, doch sie zwang sich, ihm in die Augen zu sehen: „Ich meine das durchaus ernst.“

„Ich auch.“

Das Grinsen war von Dracos Gesicht verschwunden und seine Stimme klang dunkler, als er ihr leise antwortete. Hermines Magen zog sich zusammen vor nervöser Anspannung. Sie wusste genau, was er mit seinen Worten implizierte, und sie wusste ebenso genau, dass sie sich in der Situation, sollte er wirklich einen Schritt weiter gehen, ihm vermutlich nicht verschließen würde. Beschämt blickte sie auf ihre Finger. Ron hatte nie diese Nervosität, dieses Herzklopfen in ihr ausgelöst – und bei Draco wusste sie nicht einmal, woran sie wirklich war. Bei Ron wusste sie genau, wo sie standen, auch wenn er manchmal blind und taub war. Bei Draco hingegen… es war so lächerlich. Sie wusste nicht einmal, ob sie nicht in einem halben Jahr im Krieg versuchen würden, sich gegenseitig zu töten.

„Entspann dich, Granger“, unterbrach Draco die Spirale in ihrem Kopf, die gerade wieder einmal drohte, außer Kontrolle zu geraten: „Wir können einfach gemeinsam Tee trinken. Ich wollte dich nur aufziehen.“

Stumm nickte sie. In sehr naher Zukunft würde ihr zerbrechlicher Friede zerfallen. Doch sie würden mit allem, was sie hatte, darum kämpfen, dass sie nie wieder Feinde sein würden. Und für den Augenblick, für diese friedlichen Weihnachtstage, würde sie einfach die Welt da draußen ignorieren.

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Fairy Dust

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