20. Erbe des Lichts

„Heißt das, ich werde kein Wolf?“ Meine Stimme klang enttäuscht.
„Nein, das heißt das wir große Probleme haben.“ Gideon setzte sich geistesabwesend in den Sessel zurück. Sam kam zu mir rüber und zog mich fort von dem Messer.
„Was soll das? Probleme? Sam, wegen mir?“ Er war nicht in der Lage zu denken. Mein Verstand zog sich mit jeder Sekunde zurück. Der Tag war bisher schon anstrengend gewesen, doch nun? Ich konnte die angespannten Gesichter kaum ertragen, da sie mir auf eine unangenehme Weise vermittelten, das ich das Problem war, allein ich.
„Du bist ein Nachkomme.“ Dante hob die Hände und legte sie auf seinen Hinterkopf.
„Von?“
„Von William.“ Ich kannte den Namen irgendwoher. Ich war mir sicher den Namen erst vor ein paar Stunden gehört zuhaben ... Doch die Truppe von aufgewühlten Männern verunsicherte mich so sehr, das mein Verstand ganz zu streiken begann.
„Nida, was weißt du über deine Familie?“, fragte Dante. Sam sah mir sprachlos in die Augen, sorge lag in seinen dunklen grünen Blick, der sonst so hell erschien. Wollte nur Dante mit mir reden? Hatte es wirklich allen anderen die Sprache verschlagen?
„Es würde einiges erklären“, warf Ian ein.
„Erklären? Wer zur Hölle ist William?“ Der Name kam mir so bekannt vor ... „Sam bitte redet mit mir!“, bat ich ihm verzweifelt.
„Unser Gott.“
Jetzt war ich an der Reihe zu schweigen, als hätte ich meine Zunge verschluckt. Hatten sie noch alle Tassen im Schrank!? Das konnte schon nicht mehr Real sein.
„Es ist real!“, lachte Dante auf. Es schien ihn als Einzige zu freuen, was auch immer ich sein sollte.
„Da gibt es nichts zu lachen.“ Gideon war mächtig angepisst.
„Überleg mal Gid, was da auf uns zukommt! Was das für unsere Zukunft bedeutet. Sie ist ein Nachfahre Williams, wie oft passiert das? Ihr Blut könnte der Schlüssel sein.“ Es überforderte mich, weshalb ich Abstand suchte und mich an die Wand lehnte. Es wurde immer verrückter. Was auch immer die Männer sich da zusammensponnen, sie hatten unrecht.
Mir wurde schwindelig, es wurde einfach zu viel. Schon das ich ein Wolf wurde, was mein ganzes Leben umgekrempelte, war zu viel. Doch diese Mutmaßung überspannte den Bogen um Längen.
Sam nahm mich bei der Hand und führte ich hinaus. Ich hörte noch wie Gideon und Dante begannen, lautstark zu diskutieren.
Draußen angekommen führte er mich die Treppe hinab und hinaus in den Wald. Als wir aus der Tür traten, war es gerade mal später Mittag, ich war schon hundemüde und hätte mich am liebsten Schlafen gelegt. Doch die frische Luft tat mir gut und belebte meine Sinne, sodass ich mich ein wenig mehr in der Lage fühlte, den Tag doch noch zu überleben.

Eine Weile lang, gingen wir einfach nur durch den Wald. Der Wind, der mir um die Ohren flog, agierte als Durchzug und Lüftung. Es kühlte mich ab, denn ich schien neuerdings eine Heizung zu sein. War ich fiebrig? Vielleich durch den Stress.
„Was bedeutet das.“ Er sah mich an. „Für uns?“
Ich musste es einfach wissen. Er war so in sich gekehrt, so kalt.
Sam blieb stehen, er zog mich an sich und sah mir tief in die Augen. Seinen Ausdruck konnte ich nicht deuten.
„Es wird sich nichts zwischen uns ändern. Nida ich will dich und ich liebe dich.“ Mein Herz setzte einen Schlag aus. Er hatte wieder gesagt! Diese einfachen Worte erfüllten mich so sehr, auf eine Weise, die mich zutiefst berührte.
„Ich will dich nur nicht verlieren.“
„Niemals.“
„Dann sag mir, dass ich kein Problem für euch werde.“ Ich würde es nicht ertragen. So nah am Ziel und doch so fern. Wenn Sam meinetwegen leiden musste, wollte ich lieber die Hölle ertragen, als mit anzusehen, wie er wegen mir litt. Er schien zu begreifen, worauf ich hinauswollte.
„Wir gehören zusammen. Was bedeutet das egal was passiert ich an deiner Seite bleiben werde.“ Und genau das, war das Problem. Ich konnte ihn mittlerweile gut genug einschätzen, um zu wissen, dass er alles tun würde, um die zu beschützen, die er liebt. Ich hatte es selbst erlebt. Wie würde es dann erst werden, wenn es um mich ginge? Ein Schauer überviel mich und Angst überkam mich. Ich wollte nicht, dass irgendjemand wegen mir verletzt wurde und noch weniger wollte ich, dass er meinetwegen in Gefahr Gerit.
„Wer genau ist William?“ Ich sollte seine Gene tragen, wie kamen sie nur auf die absurde Idee? War er nicht ein ... Licht?
„Gale hatte dir vom Schöpfer der Wandler erzählt.“
„Ja.“
„Er ist William.“ Ich blickte ihn genau an, um die Lüge zu finden. Ich fand nur keine.
„Das Licht, William.“ Er nickte.
Ich wollte sie nicht als verrückt darstellen, nur legten sie es wirklich darauf an, dass ich es tat. Ich fuhr in mich. Meine Familie hätte pelzig sein müssen, doch niemand in ihr, hatte die Eigenart sich mal in ein Tier zu verwandeln, das hätte ich doch bemerkt?
Plötzlich entwich mir die Farbe. Es war absurd. Meine Mutter hätte es mir nie ... Ich hielt inne. Meine Beine wurden schwach. Denn was wusste ich schon, über meinen leiblichen Vater?
Sie hatte kaum von ihm erzählt, andererseits hatte sie ihn auch nie verflucht. Immer wenn ich glaubte, dass sie an ihn dachte, lächelte sie. Es lag dann immer eine Sehnsucht in ihren Augen, die mich zutiefst traurig machte.
Unmöglich.
Es konnte einfach nicht sein. Durfte nicht sein. Mein Vater, ein Wolfswandler? Hätte er es nicht wissen müssen? Meine Mutter zumindest warnen? Andererseits war ich ein Mensch, genau wie sie. War er deswegen gegangen? Wäre seine Familie zu sehr in Gefahr gewesen, sodass er gehen musste?
„Wieso seid ihr euch so sicher?“
„Nur seine Linie, seine Nachfahren, sind immun. Nur sie kann das Silber berühren.“
„Kann es denn keine andere Erklärung geben?“ Langsam verneinte er. Das war unmöglich. Hätte ich dann nicht Eigenschaften eines Wolfs zeigen müssen? Sie mussten sich irren, vielleicht wollten sie es so sehr, dass sie keine andere Lösung sahen.
„Wieso seid ihr euch so sicher, dass es ihn gibt?“
„Es gibt Beweise.“
„Jetzt nenn bitte kein Buch.“
„Kein Buch. In seltenen Fällen, wenn man ihn wirklich braucht, dann kommt er.“ Mir wurde schwindelig. Durch meine erhöhte Temperatur fühlte ich mich wie in der Wüste. Bemerkte er das nicht? Oder kam das alles nur von meinem Kopf? Überhitzte ich durch diese absurde Idee?
Sam nahm mich in deine Arme und hielt mich fest an sich gedrückt.
„Es ist ein Teil von dir Nida. Ich weiß, du willst es nicht wahrhaben. Doch erklärt es so einiges, was dich betrifft.“ Er wusste nichts. Rein gar nichts!
Mein Vater hatte durch Abwesenheit geglänzt, meine Mutter im Stich gelassen. Sicherlich war er kein wichtiger besonderer Nachkomme. Er war einfach das grausamste Geschöpf, was je existierte! Fertig.
„Wie lange noch?“ Er wusste genau, was ich meinte.
„Unterschiedlich. Bei dem einen dauert es eine Woche, bei einem anderen Stunden. Bei dir scheint es schnell voranzuschreiten.“
„Also kommt daher das Glühen in mir?“ Er nickte.
„Dein Körper verändert sich, er erzeugt Energie um die Veränderung zu überstehen. Viele gewandelte Wölfe befinden sich in der Zeit im Delirium, können nicht gehen nicht sprechen. Der Körper kämpft gegen die Veränderung an, die er nicht besiegen kann.“
„Wie eine Krankheit.“
„Im Grunde genommen ja. Geborene Wölfe erleben diesen Teil nie, sie kennen es nicht anders, weil es zu ihnen gehört, doch du wurdes infiziert, gewandelt.“
„Bin ich dann nicht anders wie ihr?“
„Ein wenig und nein. Wir machen keine Unterschiede. Wir sind alle gleich, wenn wir den Wolf in uns tragen.“
„Also sind Wölfe schon mal nicht rassistisch.“
„Nicht alle. Es gibt auch hier Ausnahmen.“ Ich schnaubte und legte meinen Kopf an seine Brust. Dort durfte ich seinem kräftigen Herz beim Schlagen zuhören. Die regelmäßigen Schläge beruhigten mich. Er wusste, dass ich an die Wandlung dachte und wann es vielleicht sein würde.
„Es ist unberechenbar.“ Eine kure Stille setzte ein, in der man die Vögel zwitschern hörte und ein gleichmäßiger Hauch durch das Blätterdach über und zog. Es war ein wahnsinnig schöner Tag, weshalb es deprimierend war, dass Sam und ich nicht einfach jetzt auf der Veranda sitzen konnten und den Tag genießen.
„Bald.“ Seine Arme lagen schützend um mich, hielten mich fest. Seine Wärme tat gut, auch wenn ich mich selbst wie ein Wärmebeutel fühlte.
Ein leichter Gedanke flackerte in mir auf, er wurde so stark, dass ich ihn nicht zurückhalten konnte, auch wenn ich bereits wusste, dass er Sam nicht gefallen würde. Eh ich mich versah, hatte ich ihn schon ausgesprochen.
„Wie finde ich ihn?“
„Nida.“
„Sam.“ Ich löste mich von ihm. „Wenn es stimmt, muss ich es wissen. Wie kann ich ihn rufen?“
„Er wird ...“
„Nicht kommen? Dann werden wir Gewissheit haben, dass dies alles ein Fehler ist, ein Irrtum, in den ihr euch verrannt habt. Wenn er kommt ...“ Ich wagte es nicht, zu glauben. „Dann wissen wir es.“ Ich wusste nicht, was es zu bedeuten hatte Williams Nachfahrin zu sein. Im Grunde war es mir sogar egal, wenn es nicht verhinderte, dass ich mit Sam zusammen sein konnte. Ich wollte, für uns Sicherheit und vielleicht, wenn er kommen würde, konnte William uns dies im schlimmsten Fall ermöglichen.
Bei dem Gedanken einen Gott treffen zu können, bekam ich Gänsehaut.
Ich erinnerte mich an die wenigen Male, die ich Mutter angefleht hatte, mir etwas über meinen Vater zu erzählen. Doch niemals war mehr über ihre Lippen gekommen, als das er ein guter Mann sei und er mir sehr ähnelte. All die Jahre hatte sie mich allein durchs Leben gebracht. Als ich zu klein war, um zu sehen, wie sie unter diesem Thema litt, habe ich fast jeden Tag gefragt und ihre verweinten Augen am Morgen nicht gesehen. Irgendwann verstand ich und fragte nie wieder nach ihm, hatte sogar gelernt diesen Mann zu hassen, für das, was er ihr angetan hatte.
Er war der Grund für ihr Leid, ihre Einsamkeit. Sie liebte ihn noch immer, ich wusste es. Ich konnte es spüren. Deswegen knechtete sie ein Leben in Einsamkeit, für sich allein. Nie hatte sie einen anderen Mann nur angeschaut, ein Thema, dass uns schon das ein oder andere Mal aneinander gebracht hatte. Denn es war unübersehbar, wie sie unter der Einsamkeit litt, sie jedoch nicht einsah, dass es noch andere Männer auf der Erde gab, als den Mann der uns einfach verlassen hatte.
Sam schwieg. Er wollte es nicht sagen, wollte nicht diesen Weg beschreiten, doch ich würde es, ob er wollte oder nicht. Das wusste er. Denn wenn es die Wahrheit war, konnte William mich vielleicht zu meinem Vater führen, einem Mann den ich schon lange, die ein oder andere Wahrheit um die Ohren hauen wollte.
„Es gibt einen Ort ...“, begann er zögerlich. „An dem er dich erhören könnte.“
„Bring mich hin.“
„Nein Nida. Es ist gefährlich.“
„Sam, ich muss ihn sehen“, bestand ich. Ich würde nicht aufgeben. Niemals.
Er kämpfte mit sich, sah zu Boden. Es dauerte eine Minute, doch dann ...
„Na schön Weib.“
„Danke.“ Ich wusste, dass sich alles in ihm dagegen sträubte und Gideon sicherlich an die Decke gehen würde, wenn er davon erfuhr. Wenn er es nicht schon wusste.
„Es ist weit. Wir werden dafür unser Revier verlassen. Fühlst du dich gut genug dafür?“ Er wollte mich abbringen. Allerdings wäre nichts auf der Welt in der Lage mich davon abzubringen, so gering die Chance auch war.
Ich nickte, er atmete tief durch. Sein Widerwille, schien nicht gebrochen, würde er wohl auch nicht. Es machte mir klar, dass er es nur mir zuliebe tat. Am liebsten hätte ich den Mann geküsst und nie wieder losgelassen, nur war dafür keine Zeit ...
„Diesmal musst du dich besser festhalten, es wird holprig.“ Ich nickte. „Gideon wird toben.“
„Sein Zorn gilt mir.“
„Wer es glaubt.“ Das tat ich, dafür würde ich sorgen.

Egal was ich gedacht hatte, wie schnell Sam war, er war schneller. Der dunkler werdende Wald rannte an uns vorbei. Ich spürte seinen Herzschlag an meiner Brust. Der Wind rauschte an uns vorbei, ich klammerte mit aller Kraft an ihn. Es war schwer die Position zu halten, trotzdem schaffte ich es irgendwie, nicht hinabzufallen.
Er lief wie der Wind, entwisch Hindernissen und sprang über kleine Flüsse. Es war wunderschön, wie die Umgebung sich in ein Verlauf aus Grüntönen verwandelte. Die Zeit, die wir brauchten, half mir dabei, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Ich steckte einfach vieles, in die „Akzeptieren Kiste“ in meinen Kopf. Ich würde ein Wolf werden, einem Rudel beitreten, hatte den Mann meiner Träume gefunden und war die Verwandte eines mächtigen Wesens.
Voraussichtlich.
Langsam fühlte sich das Ganze nicht mehr so abwegig an, es begann bereits jetzt, ein normaler Teil meines Lebens zu werden. Wie sollte ich das Ganze nur meiner Mutter erklären? Ich musste tief durchatmen, hoffentlich durfte ich ihr überhaupt davon erzählen.
Nach einer halben Stunde war der Spaß vorbei. Die Grenzen des Rudels hatten wir weit hinter uns gelassen. Was die ganze Sache noch gefährlicher machte. Langsam fühlte ich mich schuldig es Sam zuzumuten, doch der Drang es zu wissen, war größer. Wann hatte man schon die Chance einen Gott zu treffen, der auch noch vom eigenen Blut sein sollte?
Samuel ließ mich hinab. Als er sich verwandelte, hatte ich die Chance mich genau umzusehen. Etwas enttäuscht stellte ich fest, dass wir nicht vor einem Tempel standen. Graue Trümmer lagen verteilt auf dem Waldboden, waren mit Moos bedeckt und gehörten schon zum umliegenden Wald. Durch einen schmalen unebenen Weg ging es zu einem schwarzgewordenen zerfallenen Gemäuer. Es ähnelte einer Kirche. Marode und gruselig stand sie da. Der Wind rauschte durch die Löscher, was ein tiefes Pfeifen, wie einen Schrei löste. In der werdenden Dunkelheit, sah es fast beängstigend aus.
„Zehn Minuten.“ Mehr gab er mir nicht. Ich erkannte gleich den Wächter in Samuel, befehlerisch und angriffsbereit.
Ich nickte und folgte dem Weg. Dicht gefolgt von meinem Mann. Schnell waren wir in dem eingefallenen Monument. Ich sah mich genau um. Innen war es dunkel, kalt und es roch stark nach Schimmel. Ein gruseliger Ort.
Wir kamen an einem helleren Fleck Boden an, der einen perfekten Kreis zog. Einen Meter weiter, erstreckte sich ein großer schwarzer Teich. In ihm schillerten orangefarbene Fische. Es ergab einen unwirklichen Kontrast.
„Wird er kommen?“ Ich fragte mich ernsthaft, ob es wirklich eine gute Idee war. Es war kindisch zu glauben, das es ausgerechnet für mich kommen würde. Vielleicht war es das verlassene Kind in mir, das den Strohhalm nicht loslassen wollte. Immerhin gab es eine Chance, dass er mir den Weg weise, wo auch immer ich ihn finden konnte, meinen Vater.
„Das wissen wir nicht, wenn du ihn nicht rufst.“ Rufen? Was sollte ich tun, seinen Namen schreien? Es kam mir blöd vor.
Ich atmete tief ein, beobachtete die Fische, als ich meinen Blick plötzlich nicht mehr von ihnen nehmen konnte. Mir kam der Gedanke einfach wieder zu gehen, Angst überkam mich. Wenn er nun doch kam? Würde er nicht. Beschloss ich. Millionen ausreden türmten sich in meinem Inneren.
„Ach verflucht! Gehen wir!“ Ich wendete mich um. Doch Sam war fort.
Es war gefährlich still geworden.
„Sam?!“ Panik kam auf. Wo war er!? Ich horchte in mein Inneres, er war da, nur wo?
„Sam!“ Ich ging in Richtung Ausgang.
„Es geht ihm gut.“ Mein Herz raste. Erneut wendete ich mich um, doch diesmal veränderte sich bei meiner Drehung die Umgebung. Sie wurde hell, strahlend, das Marmor wurde weiß, die Wände die Decke. Alles war vollkommen errichtet.
Mein Körper zitterte, nein, bebte.
Ich kannte diese Stimme.
Ich kannte diesen Mann.
Er hatte mir einst das Leben gerettet.

Der Mann kniete auf einem Stein in der Mitte des Teichs.
„Bist du?“ Er grinste. „William“, stellte ich fest. Er nickte. Dieser Mann war gerade mal in den Dreißigern. Wie ein Gott sah er wirklich nicht aus. Eher wie der nette Nachbar von nebenan.
„Du hast Fragen.“
„Wo ist Sam?“ Mehr wollte ich nicht Gerade nicht wissen.
„Genau hier.“
„Wo bin ich?“
„Bei mir.“ Der Raum war hell erleuchtet, schillernde Farben durch das Farbige Glas zierten den Boden.
„Hol ihn her.“
„Das geht nicht.“ Ich horchte noch einmal in mich hinein. Er machte sich keine Sorgen, er war einfach da. Ich verstand es nicht.
„Er ist in Sicherheit, genau wie du.“
„Bin ich das?“ Er kam hinab von dem Stein und auf mich zu. Ich blieb standfest und wich keinen Zentimeter zurück. Irgendwas sagte mir, bei einem Gott sollte man keine Schwäche zeigen, auch wenn er es wusste. Denn er war ein Gott, Götter wussten doch alles?
„Ich werde dir Nichts tun.“ Ich glaubte ihm, vorerst.
„Du warst dort.“Ich erinnerte mich, als wäre es gestern gewesen.
Ich sah ihm genau in die Augen, ein bekanntes Muster war zu erkennen. Ein helles Grün, das nach innen heller verlief. Es waren meine Augen, oder besser, seine.
Ich schluckte schwer. Also war es wahr, ich war seine Nachfahrin und dies eine seiner Hinterlassenschaften.
„Ich war dort, an dem Tag, als du mich riefst.“ Gerufen hatte ich nicht, eher geschrien.
Gemeint war ein dunkler Tag meiner Kindheit, als Mutter und ich in einen schweren Autounfall verwickelt wurden. Ich war erst sieben gewesen, als ein Betrunkener nachts in das Auto meiner Mutter raste. Er hatte die Fahrerseite erwischt, und uns gegen einen Laternenmast gedrängt. Ich hatte so unter Schock gestanden, dass ich aus der Windschutzscheibe geklettert war, die man einfach mit der Hand hatte aufdrücken können. Meine Mutter geblutet stark regte sich kein Stück, aus Panik war ich weinend rückwärts auf die Straße gelaufen. Den Blick auf meiner Mutter geheftet.
Damals hatte ich geglaubt, sie sei Tod. Ein anderes Auto kam vorbei und war wohl zu abgelenkt von dem Unfall, wodurch er mich wohl übersehen hatte. Wäre er nicht dort gewesen, wäre ich überfahren worden. Er hatte mich von der Straße gezerrt und mir gesagt, dass alles gut werden würde. Ich hatte ihm geglaubt und so war es auch passiert. Es kamen Autos vorbei, die uns halfen, andere hilfsbereite Meschen, die Hilfe anforderten und meine Mutter wecken konnten.
Im Endeffekt waren die körperlichen Schäden nicht so schlimm, wie sie aussahen. Meine Mutter war mit einer Gehirnerschütterung und einer Platzwunde davongekommen. Der Betrunkene hatte nicht mal einen Kratzer. Das einzige Drama wäre mein Tod gewesen, wenn mich das Auto erwischt hätte.
Ich erinnerte mich noch genau, an das Gesicht was mir befohlen hatte, bei meiner Mutter zu bleiben. Bis sie wieder aufwachen würde. Nach dieser Nacht hatte ich ihn nie wieder gesehen, den blonden Mann mit den grünen Augen. Das schlimme, er sah haargenau so aus wie damals. Weshalb ich mich wie das kleine siebenjährige Kind von damals fühlte. Hilflos und allein.
„Wer bist du?“ Meine Atmung beschleunigte sich. Ich wusste nicht, wie ich die Frage sonst stellen sollte, andererseits, musste ich wissen, wie wir zueinanderstanden.
„Glaubst du nicht, dass du es nicht bereits weißt?“ Ich verschränkte die Arme.
„Deine Nachfahrin, also stimmt es?“
„So in etwa.“
„Was soll das heißen ... also nicht ganz?“ Hoffnung keimte auf.
„Wieso glaubst du, habe ich dich gerettet?“
„Weil ich deinen Genpol teile? Auch wenn ich nicht weiß, wie das mit einem Licht möglich ist.“ Vielleicht war seine wahre Form eine Wolke, wer wusste das schon.
„Ich habe mich nie in den Verlauf eingemischt.“
„Sag mir nicht ich sei etwas besonderes, dann dreh ich durch.“
„Wieso rettet ich dich Nida.“
„Was weiß ich sag du es mir!“ Ich schmiss die Hände in die Luft. Der Mann glaube, ich würde mehr wissen, als ich zugab, doch was sollte ich wissen!?
„Ich kenne deine Mutter.“ Mir viel so schnell die Farbe aus dem Gesicht, dass ich die Befürchtung hatte, sie nie wieder zu finden.
„Nein.“ Damit war auch schon alles gesagt. „Tust du nicht“, wehrte ich mich kindisch. Er kam auf mich zu, weshalb ich zurückwich. Es durfte nicht sein, konnte nicht sein! „Nimm das zurück, sag mir, wo mein Vater ist!“, schrie ich, tränen rannten mir die glühenden Wangen hinab. Darauf war ich nicht vorbereitet.
„Ich bin hier.“ Damit brach für mich die Welt zusammen. Ich hatte nicht die Augen eines Lichts, ich hatte die Augen meines Vaters. Ich fragte mich wirklich, wieso gerade mir das passieren musste. Wo war mein schönes friedliches Leben hin? Es gab so viele Milliarden Menschen auf der Erde und ausgerechnet ich war die eine, der solch ein Mist wiederfahren musste. Es war ein Fluch.
Ich erinnerte mich genau an Gideons Worte. Schwierigkeiten. Nichts anderes bedeutete diese Tatsache.
„Was bin ich?“
„Zur Hälfte wie ich.“
„Ich habe nie, du hast nie, sie hat nie, das kann nicht sein!“ Ich war dabei einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Immerhin habe ich nie wie eine Lampe geleuchtet, geschweige denn wurde pelzig, das passierte erst jetzt! Wut begann in mir aufzubrodeln, Wut gegen Sam. Es war seine Schuld, dass ich aus meinem idyllischen Leben gerissen wurde und nun vor meinem übernatürlichen Vater stand, der mir komischerweise so ähnlich sah.
„Du wirst es auch sein.“
„Die Wandlung.“ Ich würde durch die Wandlung anders werden? Sogar anders wie Sam? Er nickte. Sie setzte also alles in Gang, damit wurde ich wie er. Zumindest zur Hälfte, was das wieder zu bedeuten hatte, konnte ich wohl nur wissen, wenn es so weit war.
„Was bist du?“ Mein Verstand versuchte gerade jetzt, nach plausiblen Erklärungen für seine Existenz zu suchen. Selbst als Samuel mir sein Wolf offenbarte, war ich nicht so unwillig zu glauben, wie jetzt vor ihm.
Es musste eine andere Erklärung geben, schrie mein Verstand. Er war kein Gott, das kein anderer Ort. Ein Schlaganfall? Ein Traum? Koma? Hunderte Idee schossen mir durch den Sinn. Eine besser als die andere. Jede von ihnen verwehrte die Tatsache, was meine Augen wirklich sahen.
„Es gibt viele Bezeichnungen. Energie, Macht, Magie, Seelen. Ein Licht von vielen trifft es wohl am besten.“
„Damit bin ich, ein Halblicht?“ Das war mir zu hoch.
„Ein Halbgott, Halblicht, wie auch immer du willst. Für uns selbst gibt es keine Bezeichnung, wir sind wie sie, nur älter.“ Ich hielt die Luft an. Mein Herz raste, Sodas schnell Sternchen vor meinen Augen tanzten und ich gezwungen war, das Atmen wieder aufzunehmen. Auch wenn ich gerne in Ohnmacht gefallen wäre, um dem zu entgehen.
Ich wollte es nicht, Himmel wie sehr wehrte sich alles in mir gegen diese Offenbarung. Nun waren meine Vorstellungen, mein Vater sei ein Agent, ein Lebensretter, ein Soldat oder eine politische Führungskraft, gar nicht mehr so abwegig.
Noch bevor ich überhaupt zum Wolf wurde, war meine Welt komplett in sich zusammengebrochen, wodurch ich mich fragte, wie viel ich noch ertragen könnte. Ich sehnte mich inständig nach den einfachen Tagen zurück, in denen ich von nicht mehr wusste als den langen Tagen der Arbeit. Den Wochenenden mit Freunden und Familie, die Zeit im Haus am See.
„Es muss nicht heißen, dass du dich veränderst.“
„Wirklich. Bei meinem Glück?“
„Du trägst viel von deiner Mutter.“
„Still“, fauchte ich ihn an. Sein Ausdruck veränderte sich nicht, er war noch immer wissend mit einer gewissen Zurückhaltung. „Kein Wort über die Frau.“ Ich ertrug es nicht. Wollte nicht wissen wieso er ging, wieso er uns zurückließ. Zugegeben, er hatte wahrscheinlich mächtige Gründe ein Halblicht wie mich zurückzulassen. Trotzdem ertrug ich den Gedanken nicht, wie er sich in das Leben meiner Mutter geschlichen hatte und uns dann verließ, ohne ein Wort über seine Abstammung zu verlieren. Wenn er es getan hätte, wäre ich vielleicht etwas wie vorbereitet auf dieses Treffen gewesen, dass mir nun das Hirn verbrannte. Oder wär es die Wandlung?
Ich brodelte vor Wut, die sich all die Jahre angestaut hatte. Er durfte vieles, nur nicht von ihr reden. Zu viel der Schmerzen ging auf sein Konto, zu viele Momente waren nur durch ihn trübe. Mit jedem meiner ereignisreichsten Tage war meine Mutter einen Teil trauriger geworden, dass sie ihn nicht mit ihm teilen konnte. Und nun, nach den Jahren, hatte er kein Recht von ihr zu sprechen.
Ich ertrug den Gedanken kaum, was er ihr angetan hatte. Wie sehr sie litt, bis heute. Es gab einfach keine andere Frau, die es weniger verdiente als sie. Gerade weil sie nur als Spielzeug von etwas Mächtigerem gewesen war. Mit folgenschweren Konsequenzen.
Er widerte mich an. Wie oft hatte ich gelesen, wie Götter die sterblichen benutzten. Wie es schien, entsprang dies sogar der Wahrheit.
„Es ist nicht, wie du denkst.“
„Du hast sie verlassen, obwohl sie dich geliebt hat!“ Mein Verstand hatte sich längst abgeschaltet, ich war nur noch das traurige Kind von damals, das voller Wut seinen Vater verteufelte. Flammender Zorn breitete sich in meiner Brust aus, die mir das Gefühl gab, ich müsste an ihr ersticken. Schweiß perlte mir die Stirn hinab.
„Gib mir Zeit -“
„Wir werden dir nie Zeit geben! Ich stelle die Fragen und du beantwortest sie. Haben wir das beendet, ist auch unsere gemeinsame Zeit abgelaufen. Für immer.“ Nun konnte ich etwas wie Trauer in seinen Augen wahrnehmen. Tiefe Trauer, die ich schon Jahre lang in anderen Augen ertragen hatte.
Die Wut machte mich blind, ich wollte sogar, dass er litt. Das Kind in mir übernahm. Das Kind, dass all die Jahre verfluchte, die er nicht bei ihm war und es in den Armen hielt, wenn es weinte.
„Stimmt es. Bin ich ein Problem für sie?“
„Setzt die Verwandlung ein, werden dich andere Wesen wahrnehmen. Dunkle Wesen. Die ihren Nutzen aus dir ziehen wollen. Niemand kann sagen, wie viel von meiner Seite auftreten wird. Vielleicht wirst du die Wölfin, die du so gern sein willst.“
„Klar. Also Hexen und Vampire?“ Ich glaubte nicht an Glück, nicht mehr. Ich konnte nur hoffen vorbereitet aus diesem Treffen hervorzugehen.
„Nicht direkt.“
„Das kann nicht wahr sein“, brummte ich und rieb mir das Gesicht. „Was denn dann?“
„Es gibt so viel auf der Welt, was du nicht greifen kannst. Uralte Wesen, die darauf warten zu erwachen, die auf etwas wie dich warten. Heutige Hexen musst du weniger fürchten, es sind die Alten, die dich aufsuchen werden, die Schatten der alten Zeit.“ Ich erinnerte mich an Gales Worte. Licht und Schatten, der alt bekannte Kampf.
„Dämonen.“
„Schatten. Verzerrte Seelen. Schwarze Hexen, Minotauren, Upire, Sirenen, Incubus, Ghuls, Harpyien. Um nur einen Teil zu nennen.“ Wunderbar. Ich war Freiwild!
„Du nimmst mich doch auf den Arm. Bitte lass es so sein.“
„Doch deine größten Feinde, werden die anderen deiner Art sein.“
„Andere wie mich?“
„Sie wollen zu einem vollwertigem Licht aufsteigen, weshalb sie andere Lichter verschlingen müssen.“
„Das ist doch ein Scherz!? Ich meine Hallo!? Wo sind die Kameras?“ Ich musste mir die Frage stellen, wie weitläufig die Welt wirklich war. Wenn das alles sich vor unseren Augen verbarg, was musste es denn noch alles dort draußen in der Tiefe der Dunkelheit geben. Angst ließ mich frösteln.
Es wurde still um mich. Ich begann, alles in Frage zu stellen. Katholisch, evangelisch, muslimisch, buddhistisch. Waren wir denn alle so verschieden? Glaubten wir alle dann nicht an das Richtige? Wenn es sie gab, die Lichter.
Was war noch Real? Meine ganze Existenz begann zu schrumpfen. Wie klein war ich im Vergleich und wie ignorant mein Leben. Nannte man so etwas eine Glaubenskrise?
„Kann ich es entfernen?“ Ich wollte es nicht. Wollte das alles nicht. Er sah mich einige Minuten nur an. Sein Ausdruck war bedrückt, ich spürte Enttäuschung.
Mein Leben würde ein Hürdenlauf werden. Schon jetzt hörte ich in meinem Kopf ein Ticken, das mir signalisierte, dass mir die Zeit ablief. So wollte ich nicht leben. Konnte es nicht.
„Nein.“ Das klang nicht überzeugt. Wollte er mir etwas verschweigen?
„Wenn es eine Möglichkeit gibt ...“
„Du willst ihn schützen?“
„Natürlich will ich das, sie alle. Sie sollen nicht wegen mir sterben.“
„Dann komm mit mir.“ Ich riss meine Augen auf, das war nicht sein erst! Hatte ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt? Ich wollte ihn vorerst nicht wiedersehen, zumindest für eine sehr lange Zeit.
„Nein.“
„Hier, wirst du ihnen ausgeliefert sein. Sie werden kommen, sie alle, um dich zu verschlingen oder zu benutzen. Deine Freunde, werden nichts gegen die schlimmsten von ihnen ausrichten können. Wenn sie es versuchen, werden sie sterben. Nur du kannst dich ihnen wiedersetzten, wenn du stark genug sein solltest. Der einzige Weg sie zu schützen, ist das du mit mir kommst.“
„Wohin? In den Himmel? Nein, ich verlasse ihn nicht. Niemals. Das du überhaupt die Eier hast ...“
„Er wird sterben.“ Ich verschluckte mich an meinem eigenen Satz. Sagte er die Wahrheit? Oder Log er, damit ich ihm folgen würde? Ein Frösteln überkam mich. Wenn er die Wahrheit sagte? Würde ich Samuel auf dem Gewissen haben, den Mann den ich liebte. „Wenn er stirbt, wirst du eingehen, vorausgesetzt eure Bindung ist so stark, wie du behauptest.“ Fassungslos starrte ich ihn an, wie konnte er es wagen, dies anzuzweifeln!
„Natürlich ist sie das!“
„Wenn dem so ist“, unterbrach er mich, bevor ich ihm mit dem Sturm meiner Wut bedecken konnte. „Werdet ihr trotz eures Ablebens, nicht zusammen im Nachtland verweilen.“ Plötzlich war ich ganz kleinlaut. Ich wusste das es Samuel viel bedeutet, so wie er davon erzählte.
Für immer.
Für uns wohl nicht die erhoffte Ewigkeit zu zweit.
„Du bist ein Licht, wenn auch nur ein halbes. Es wird sich von deiner sterblichen Seite lösen und zu uns aufsteigen.“
„Und es gibt nicht die Möglichkeit dies zu verhindern?“
„Wenn du diese Tür verlässt. Nein.“ Es fühlte sich eher wie Erpressung an als Hilfestellung. Wieso wollte er mich so sehr bei sich haben? Sicher nicht um meinetwillen. Denn ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, das dieser unterkühlte Kerl selbstlos war.
Sein Blick verharrte intensiv auf mir. Als wüsste er um meine Gefühlswelt. Wahrscheinlich war es so, dass er gerade jetzt, jeden Gedankengang verfolgte.
Ich entschied das Thema erst einmal beiseitezulegen, denn ich sah wirklich keinen Ausweg, und da es noch hunderte Fragen gab, wollte ich die Zeit nutzen.
„Was könnten die Fähigkeiten sein, die ich entwickeln könnte?“ Ich sollte auf alles vorbereitet sein, einen Überblick zu bekommen, was es da so gab, würde dabei vielleicht helfen.
„Angesichts deiner Abstammung? Alles.“
„Details bitte.“
„Deine Größe und Stärke, zum einen. Die ersten Wölfe, der alter Zeit waren schneller und stärker. Die meiner Linie, noch größer.“
„Ich werde also zu einem riesigen Tier?“
„Vielleicht. Es gibt auch andere Möglichkeiten.“ Als Gott wusste man anscheinend doch nicht alle. Eine Genugtuung, die mir verriet, dass sie vielleicht doch nicht so übermächtig waren. Andererseits konnte dies bedeuten, dass es noch eine Ebene höher ging. Ein Thema, worüber man sich schnell den Kopf zerbrechen konnte. Im wahrsten sinne des Wortes.
„Du könntest innerliche Kräfte entwickeln. Die Zukunft sehen, Heilen, Gedankenlesen, Sinne manipulieren oder in andere Reiche übertreten.“
„Also Roulett.“ Eine Überraschung bis zum Schluss. „Anderes Reich? Das Nachtlicht?“
„Ja.“
„Meisterleistung. Tolle Arbeit, mit wie vielen Geschwistern werde ich mich da rumschlagen können? Verzeih mir, wenn ich dir nicht auf die Schulter klopfe.“
„Falsch.“ Ich zog die Augenbrauen hoch. „Ich habe nur einen Halbling geschaffen.“
„Halbling?“ So sah er mich also. Ein Zwerg. Ein Außenseiter, etwas Minderwertiges. „Wer sorgt sonst für so viele halbe Sachen?“ Ich erinnerte mich an Gales Erzählung. Lichter es gab viele wie William. Ich wollte nicht wissen wie viele. Gab es denn da oben keine Regeln? Wie vermehre dich nicht mit dem Fleischklumpen!
„Nicht von Belangen.“
„Ach, weil ich ein Halbling bin?“
„Nein.“
„Woran liegt es dann?“ Er schnaubte.
„Ich habe viele Brüder und Schwestern.“ Wandler also. Im Himmel. Tiergötter. Ich konnte mir den Gedanken nicht verkneifen, mir den Mausegott vorzustellen. Ich musste schmunzeln.
„Gestern Nacht. Diesmal warst du nicht da.“ Woher der Gedanke plötzlich kam? Und wieso klang meine Stimme so vorwurfsvoll?
„Du warst nie in Gefahr.“
„So ein Schwachsinn! Ich wäre beinah ausgesaugt worden, gestorben an einem äußerst gewalttätigen Blutsauger. Du kannst mir nicht ...“ Ich verstummte. Außer ... er wusste es, ja wollte es sogar, dass mich Samuel rettet. Auf die eine Art. Mich in das zu verwandeln, was ich sein sollte. Mein Bauchgefühl schrie Vorwürfe um Vorwürfe. Der Mann hatte es gewusst, hatte mich erwartet.
„Ich habe dich nie aus den Augen gelassen Nida.“ Womit er mein Gedanken bestätigte. Ich hätte vor Wut toben sollen. Stattdessen fühlte sich diese Aussage wie Honig an, der sich um meine Seele legte. Ich hasste mich dafür, denn es war zu menschlich. Der Mann hatte gewollt, dass ich am Boden zerstört vor ihm steh, nur damit ich dann mit ihm ging.
„Ich werde mit Sam zusammenbleiben und wir werden das schaffen, gemeinsam.“ Er antwortete nicht. Sagte nichts.
„Ich kann verstehen, dass es schwierig ist loszulassen.“
„Du verstehst nichts! Ist das überhaupt dein Körper oder benutzt du jemanden für diesen Auftritt? Wie willst du verstehen, was ein Mensch durchmacht?!“, spottete ich. Ein Klos setzte sich in meinen Hals. Sollte ich ihn hassen oder lieber weinen? Ich wusste nicht mal mehr, wie ich reagieren sollte.
„Wie du willst, Tochter der drei Gestirne.“
„Jetzt kommts.“ Der absolute Knaller, der mir ein K. O Schlag geben würde. Die Standpauke des Vaters, den ich nie hatte.
„Dort oben herrschen Regeln, für die unseren.“ Wieso tanzten Lichter dann mit den Damen hier unten Samba?
Ein Stechen in meinen Schläfen, begann das Denken zu erschweren.
„Und ein Halblicht stellt definitiv eine Grauzone da.“ Als hätte ich ihm den Wind aus dem Flügeln genommen verstummte er. „Du sagtest drei Gestirne? Wer denn noch?“
„Wir schufen die Wandler nach dem Abbild von uns. Meine Brüder und ich.“
„Brüder? Und du bist der Alpha.“ Er nickte. Langsam verstand ich. Drei Gestirne, eine Pyramide, eine Wolfsfamilie, Lichter, die so mächtig waren wie Sterne. „Der, der seine kleinen Lichter auf die Erde schickte, um die Menschen von der Pein der Schatten zu erlösen“, wiederholte ich grob Gales Aussage.
„Um für Gleichgewicht zu sorgen.“ Ich ging zum Teich, sah hinein. Die Fische leuchteten nun, wie kleine lebendige Glühbirnen in den schillernden warmen Farben. Ein schöner Anblick. Auf dem Nachttisch würde sowas sicherlich gut kommen.
„Du hast also ein Rudel dort oben.“ Ich wollte wissen, wo der Hund begraben lag. „Mit Alphaweibchen, Wächtern und Kindern.“
„So ist es.“
„Und deine Brüder haben tüchtig hier unten gewildert, wodurch die Halblinge entstanden?“ Er nickte. So viel zu der ewig Binden Theorie, wenn selbst die obersten sich nicht daran hielten.
„Wie viele laufen denn hier rum?“
„Drei.“ So viele, wie es Brüder gab.
„Verstehe und du hast eine Frau.“ Du treulose Tomate! Hätte ich ihm am liebsten ins Gesicht geschrien, doch ich ließ mein Ärger im Bauch weiter vor sich hin rumoren. Dabei hatte ich das blöde Gefühl, er wusste genau, was ich sagen wollte. Dieses Gedankenleserding kam wohl auch irgendwie von ihm.
„Ja.“ Das Klang nicht glücklich.
„Mit ihr hast du Kinder.“ Er nickte, um mich zu bestätigen. Seine Mine hatte sich verändert, sie war angespannt, genervt. Irgendwie unglücklich.
„Hast du meine Mutter geliebt?“ Meine Stimme klang zerbrechlich, weich, wie die eines Kindes. Sein Blick suchte meinen. Seine härte schmolz dahin, übrig blieb die eines leidenden Mannes. Er antwortete nicht.
Ich räusperte mich. Schön dann auf eine andere Art.
„Liebst du deine Frau?“
„Nein.“ Ich blinzelte. Er hatte keine Anstalten gemacht, nicht gezögert. Er sprach die Wahrheit. Je mehr ich fragte, desto weniger pasten die Pusselteile zusammen.
„Bist du glücklich?“ Er begann auf und ab zu laufen, durch den Saal zu Tigern wie ein Löwe. Bis er zu mir zum Teich kam und abwesend hineinblickte. Vielleicht ging es grade viel zu sehr in die private Schiene ... Es ließ mich nur einfach nicht los. Er liebte seine Frau nicht, ob seine Brüder es taten, wusste ich nicht. Doch treu, waren sie alle samt nicht.
„Was ist Glück? Eine Aneinanderreihung guter Tage?“ Poetisch und todtraurig, hofendlich löste ich keine Depression bei einem Lichtwesen aus.
„Spielt Zeit bei euch eine Rolle?“
„Nein.“
„Dann nicht.“ Dieser Mann sah verdammt einsam aus. Vielleicht tat ich ihm unrecht und er durfte nicht zu meiner Mutter. Durfte nicht zu der Familie, die ihn liebte. Ich schluckte schwer. „Wie viele Kinder hast du?“
„Du bist das Letzte von Zweien.“ Wie er dies betonte, das Letzte. Er würde also nie wieder Kinder bekommen? Oder einfach bis jetzt das Letzte. Ich hatte also ein Geschwisterkind. Ein Vollwertiges, vielleicht sogar sein Liebling. Wer weiß das schon.
„Und die anderen?“
„Hunderte. Ich dachte, du bist wegen deinen Freunden hier?“ Ein Schlag in die Magengrube.
Ich war wegen einfach allem da. Wegen ihm, mir, meiner Mutter, Sam und dem Rudel. Alles spielte eine Rolle, denn ich musste es verstehen, um es überwinden zu können.
„Wirst du mir helfen?“
„Wie kommt es zu deinem Meinungswechsel?“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Du bist ein alter verbitterter Mann, bei dem nichts so läuft, wie es sollte. Außerdem ... braucht jeder mal eine zweite Chance.“ Ich stupste ihn mit dem Ellenbogen an, blickte dann grinsend zu ihm hoch. Er tat es mir nach und es war als würde ich in den Spiegel blicken. Diese Grüppchen erkannte ich genau wieder. „Ich weiß nicht, was auf mich zukommt“, gestand ich.
„Wenn du mich brauchst, werde ich da sein.“ Damit war er fort und alles wie es zu beginn war. Verwirrt starrte ich ins Nichts.
„Nida.“ Ich wendete mich augenblicklich um. Sam sah sehr angespannt aus.
„Wir - wir bekommen Probleme.“

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