20. Türchen

Das erste, was Hermine beim Aufwachen spürte, war das wundervoll samtige Gefühl von Bettwäsche, die definitiv nicht ihre eigene war. Verwirrt schlug sie die Augen auf und starrte an die Decke, die sich wie ein Zelt mit Sternen über ihr wölbte. Es war ganz offensichtlich die Überspannung eines riesigen Himmelbettes, das deutlich luxuriöser war als alles, was sie zuvor gekannt hatte.

Augenblicklich kehrten die Erinnerungen an die Nacht zurück.

Was hatte sie nur geritten, sich nicht nur zum Sex mit Draco Malfoy überreden zu lassen, sondern sogar noch die Nacht mit ihm zu verbringen. Langsam glitt ihr Blick zu der schlafenden Gestalt neben ihr im Bett. Er sah richtiggehend friedlich aus, wie er so da lag, auf dem Bauch, einen Arm unter dem Kopfkissen, während der andere von der Bettkante hing. Doch sie wusste, dieser Mann war alles andere als friedlich. Er hatte sie am vorigen Abend solange in Bewegung gehalten, bis sie völlig erschöpft auf dem Teppichboden eingeschlafen war. Nur vage erinnerte sie sich daran, dass er sie hochgehoben und in sein Bett gelegt hatte.

Bei Merlin.

Sie hatte nie vermutet, dass sie so voller Energie steckte. Jedenfalls nicht von dieser Art von Energie. Errötend vergrub sie ihr Gesicht in den Händen. Wo Ron stets auf seine Befriedigung bedacht gewesen war und Harry dazu neigte, zu viel Zeit mit der Vergötterung ihres Körpers zu verbringen, hatte Draco sie einfach verschlungen wie ein ausgehungertes Tier. Und sie hatte sich ihm nur zu willig als Mahlzeit präsentiert, ebenfalls unersättlich, ebenfalls von animalischen Instinkten getrieben.

Ein leises Grunzen gefolgt von dem Rascheln der Bettdecke neben ihr, ließ ihre kreisenden Gedanken innehalten. Draco wachte gerade auf und sie wusste nicht, ob sie bereit war, sich einem Gespräch mit ihm zu stellen. So leise wie möglich, um ihn nicht vollends aufzuwecken, schlängelte sich Hermine unter der Bettdecke hervor, um nach ihrer verstreuten Kleidung zu suchen.

Sie war gerade dabei, ihren BH zu schließen, da ertönte plötzlich hinter ihr eine kalte Stimme: „Und was wird das, wenn es fertig ist?“

Flammend rot und beschämt drehte Hermine sich zu ihm um: „Malfoy… ich sollte gehen. Wirklich, ich sollte gehen.“

Trotz des Zwielichts, das in seinem Schlafzimmer herrschte, konnte sie den unendlich wütenden Ausdruck auf seinem Gesicht sehen. Schneller, als sie es einem gerade noch schlafenden Menschen zugetraut hätte, erhob er sich aus dem Bett und baute sich vor ihr auf: „Warum? Warum willst du gehen?“

Sie wusste nicht, wo sie hinschauen sollte, also beschloss sie, mit dem Anziehen fortzufahren: „Die Nacht … das war ein Fehler. Es tut mir wirklich leid, falls du … irgendwie hoffst, dass da mehr draus wird … aus uns. Aber es kann kein Uns geben. Es tut mir leid.“

Hart packte er sie an beiden Schultern und unterbrach sie damit darin, ihre Hose anzuziehen: „Fehler? Du nennst das einen Fehler? Granger, das kann nicht dein Ernst sein. Du bist wie ein wildes Tier über mich hergefallen und jetzt nennst du es einen Fehler?“

Empört und peinlich berührt schlug sie seine Hände weg: „Du warst das wilde Tier. Ich hatte dem ja gar nichts entgegen zu setzen.“

„Verarsch mich nicht!“, sagte Draco und seine Stimme war gefährlich leise. Seine große Hand umschloss ihr Kinn, nicht unsanft, aber bestimmt, und zwang sie, ihm direkt in die Augen zu schauen: „Du willst weglaufen. Immer willst du weglaufen. Du bist so ein Feigling.“

Wütend wollte Hermine sich befreien, doch sein anderer Arm schlängelte sich um ihren Rücken und hielt sie an Ort und Stelle. Sie fauchte beinahe, als sie ihm antwortete: „Du weißt nichts über mich! Gar nichts! Wage es bloß nicht, mich einen Feigling zu nennen, nur weil ich einen gesunden Menschenverstand besitze! Du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich jetzt in romantischer Liebe versinke, bloß weil du zufällig gut im Bett bist?“

„Zufällig?“, entgegnete Draco mindestens ebenso aufgebracht: „Zufällig? Ich kann dir gerne jetzt hier sofort beweisen, wie zufällig das ist!“

Er beugte sich zu ihr runter und küsste sie, ehe Hermine wusste, wie ihr geschah. Und wie am Abend zuvor konnte sie nicht anders, als sich dem Kuss hinzugeben. Es steckte so viel Leidenschaft darin, dass es unmöglich war, nicht weiche Knie zu bekommen. Viel zu schnell ließ er wieder von ihr ab: „Siehst du?“

Ein nervöses Lachen entfuhr ihr. Warum nur reagierte sie so auf Draco, wo sie doch Harry hatte? Harry, der für sie da war, ihr Essen kochte und Gesellschaft leistete. Harry, mit dem sie stundenlang eine gemeinschaftliche Stille ertragen konnte, während sie beide in ihren Büchern lasen. Harry, der sie ebenfalls stundenlang im Bett wachhalten konnte, ohne einzuknicken. Harry, den sie schon ihr Leben lang gekannt und geliebt hatte. Was stimmte mit ihr nicht, dass sie im Angesicht von Draco Malfoy reagierte wie eine Motte vor dem Licht?

Stur schüttelte sie den Kopf: „Das geht nicht. Malfoy, versteh das doch. Ich leite gerade Ermittlungen gegen dich. Gegen deine Familie. Da kann ich einfach nicht …“

„Zum Teufel mit dem Ministerium“, fuhr er sie an und diesmal war sich Hermine sicher, dass seine Stimme einen gefährlichen Tonfall angenommen hatte: „Zum Teufel mit all der Politik! Ich lasse mir doch von sowas nicht vorschreiben, mit wem ich meine Zeit verbringe.“

Schweren Herzens wandte Hermine sich aus seiner Umarmung und er ließ sie gewähren. Schweigend zog sie sich zu Ende an, während Draco sich erschlagen zurück auf sein Bett sinken ließ. Sie wünschte, er würde es nicht so ernst mit ihr meinen. Es würde ihr so viel leichter fallen, ihm den Rücken zu kehren, wenn sie wüsste, dass es auch für ihn einfach nur ein heißer Onenightstand gewesen war. Sie hatte sich auf seine Nähe eingelassen, um den Fall mit der Vase voranzutreiben, aber sie hatte nicht vor, ihm dabei das Herz zu brechen. Sie spielte nicht mit den Gefühlen anderer Menschen, auch nicht mit denen einen Draco Malfoys. Es war besser, jetzt die Notbremse zu ziehen, ehe aus dieser einmaligen Sache mehr wurde.

Es war an der Zeit, dass sie zu Harry zurückkehrte. Er würde bestimmt schon ungeduldig und wütend auf sie warten, um zu erfahren, wo sie die Nacht über gewesen war. Ihr graute vor dem Gespräch mit ihm.

Sie trat vollständig angezogen noch einmal auf Draco zu, der noch immer auf seinem Bett saß. Sie streckte die Hand nach ihm aus, um ihm durch sein wirres Haar zu fahren, doch sie besann sich eines Besseren und ließ die Hand wieder sinken. Unfähig, die Traurigkeit aus ihrer Stimme rauszuhalten, sagte sie: „Es tut mir leid, falls ich Hoffnungen auf mehr in dir geweckt habe. Das war ein Fehler und ich hätte es gar nicht erst soweit kommen lassen dürfen.“

„Verschwinde einfach“, presste Draco zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er rührte sich nicht, schaute nicht zu ihr hoch. Er starrte einfach weiter vor sich hin.

Verletzt, aber mit dem Wissen, dass sie hier nichts mehr tun konnte, verließ Hermine sein Zimmer und das Anwesen, um zurück in ihre Wohnung zu apparieren.

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