2002- Sins Of The Fathers

Je größer die Macht, desto gefährlicher ihr Missbrauch.

 

                                                                                                                 -Edmund Burke

 

Es war kurz nach halb drei in der Nacht. Die Dunkelheit hatte die Stadt noch fest im Griff, aber das würde sich in wenigen Stunden ändern. Die Sonne würde aufgehen und einen neuen Tag ankündigen. Dann hieß es wieder früh aufstehen und den Pflichten des alltäglichen Lebens entgegentreten. Auch das fünfzehnjährige, dunkelhaarige Mädchen musste heute die Schulbank drücken, doch das interessierte sie momentan relativ wenig.

Ophelia Monroe versuchte sich lautlos in ihr Haus zu schleichen, bevor ihr Vater Nathaniel bemerkte, dass sie nicht in ihrem Bett lag. Um halb elf, um diese Zeit schlief ihr Vater bereits tief und fest, hatte sie ihr Zimmer verlassen und sich auf dem Weg zu Garrett Carmichaels Party gemacht.

Garrett war 23 Jahre alt und besuchte das College. Daher waren die Partygäste, von denen sie keinen gekannt hatte, alle älter gewesen, aber das hatte sie nicht gestört. Ganz im Gegenteil. Für sie war es ein Vorteil, denn so war sie der Gefahr entgangen Jemandem aus ihrer Schule zu begegnen.

Außerdem war sie nur wegen Garrett zur Party gegangen, da hatten ihr die anderen Studenten gänzlich gestohlen bleiben können. Auch er hatte sich nicht mehr um seine Gäste gekümmert, als Ophelia in seiner Wohnung aufgetaucht war. Natürlich. Schließlich kannten beide den Grund, warum er sie eingeladen hatte und sie dieser Einladung gefolgt war: Sex.

Seit sie sich vor zwei Monaten kennengelernt hatten, schliefen sie miteinander. Nicht, weil sie sich symphatisch waren oder gerne Zeit miteinander verbrachten. Nein. Sie brauchten einfach unverbindlichen und emotionslosen Sex. Daher war die Party für sie beide ein willkommener Grund gewesen, zu Ficken. Ophelia hatte sich dementsprechend in Schale geworfen.

Mit einem kurzen weißen Kleid, das eher einem Neglige ähnelte, einer blauen Lederjacke und schwarzen High Heels war sie unterwegs gewesen. Verführerischer Zusatz waren die feinen schwarzen Strümpfe, die sie mithilfe von Strapsen zum Halten gebracht hatte.

Garrett waren beinahe die Augen rausgefallen, als sie sich ihm hüfteschwingend genähert und ihn leidenschaftlich geküsst hatte. Er hatte sie an seinen muskulösen Körper gepresst und ihren Hintern begrabscht.

Danach war alles ganz schnell gegangen. Ophelia hatte sich bloß drei große Schlucke Wodka genehmigen können, bevor der brünette Student sie in sein mickriges Schlafzimmer geschoben und die Tür abgeschlossen hatte. Nachdem er sich seines T-Shirts entledigt und seine Hose geöffnet hatte, war er mit einem lüsternen Grinsen auf sie zugekommen. Sie hatte währenddessen auf dem Bett gesessen, ihre Lederjacke ausgezogen und ihn mit einem gierigen Blick angesehen.

Garrett hatte nicht viel Zeit verloren. Er hatte ihr das Spitzenhöschen runtergezogen, sich zwischen ihre Schenkel gelegt und war quälend langsam in sie eingedrungen. Dann hatte er seinen Penis immer wieder rein und raus bewegt; schneller und schneller und…

Die Gedanken an den Sex der heutigen Nacht zauberten ihr ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen. Dafür hatte es sich gelohnt, sich den Regeln ihres Vaters zu widersetzen und heimlich abzuhauen.

Plötzlich verschwand jedoch ihr Lächeln, als ob es Jemand weggewischt hätte. Ohne ihren Willen dachte sie daran, was passieren würde, wenn ihr Vater sie doch erwischte. Ihre Eingeweide verkrampften sich und ihr wurde speiübel. Obwohl sie kein kleines Mädchen mehr war und sich nicht alles von ihm gefallen ließ, hatte sie furchtbare Angst vor ihm und seiner unberechenbaren Wut. Für sie war Nathaniel Monroe ein blutrünstiges Monster aus der Hölle, das ihr Leben; das ihre Seele zerstörte.

Mit zittrigen Knien ging sie zur Eingangstür der luxuriösen Villa. Helles Mondlicht, das sich durch die dichten Wolken kämpfte, fiel auf ihr engelsgleiches Gesicht und verwandelte sie in eine Statue. Um sie herum herrschte eine unheimliche Stille, die nur von dem Klackern ihrer High Heels unterbrochen wurde.

„Scheiße“, fluchte sie und trat mit den Fußballen auf. Hoffentlich hat er mich nicht gehört. Hoffentlich habe ich ihn nicht geweckt.

Leise suchte sie in ihrer Tasche nach dem Hausschlüssel. Als sie ihn endlich in den Händen hielt, schloss sie die Tür vorsichtig auf und trat in die imposante Eingangshalle. Ophelia Monroe hielt den Atem an und spitzte die Ohren. Nichts.

Ihrer Kehle entfleuchte ein erleichterter Seufzer. Jetzt muss ich nur noch in mein Zimmer kommen, dann habe ich es geschafft…

Auf einmal ging der Kronleuchter über ihr an. Das grelle Licht brannte ihr unangenehm in den Augen. Reflexartig senkte sie ihren Kopf und schaute auf den Marmorboden.

„Guten Abend, Ophelia“, zischte seine kalte, schneidige Stimme, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Nein. Nein. Nein. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein.

„Wo bist du gewesen?“ Der Ton wurde aggressiver. Sie wagte es nicht, ihm zu antworten oder ihn anzusehen. Dabei war ihr bewusst, dass ihr Verhalten ihn zur Weißglut brachte, aber das spielte keine Rolle. Sie würde ihre Strafe bekommen. Sie war bereits verloren.

Und als ob er die Gedanken seiner Tochter gelesen hätte, schoss Nathaniel Monroe schnaubend auf sie zu, schnappte sich ihr rechtes Handgelenk, zerrte sie durch die Halle und stieß sie, ohne Rücksicht auf Verluste, ins Esszimmer.

Ophelia taumelte, doch im letzten Moment fand sie ihr Gleichgewicht wieder und verhinderte einen Sturz auf das harte Parkett.

„Setz dich.“ Das dunkelhaarige Mädchen reagierte nicht. Es war wie gelähmt.

Ihr Vater knurrte wie ein wildes Tier, als er sie brutal am linken Oberarm packte und sie auf den Stuhl am Kopfende des Tisches bugsierte.

„ICH HABE GESAGT, DASS DU DICH SETZEN SOLLST!“, brüllte er und Speichel flog durch die Luft. Ophelias Körper versteifte sich. Sie konnte den harten Alkohol riechen, den er zu sich genommen hatte.

„Hände auf den Tisch. SOFORT!“ Sie tat, was er verlangte. Sie wollte ihn nicht weiter reizen. Wenn er getrunken hatte, war er noch grausamer und zorniger, als sonst.

„Ich will wissen, wo du gewesen bist“, wiederholte er seine Frage. Erneutes Schweigen.

Grob griff er mit einer Hand in ihren Nacken und drückte ihre rechte Gesichtshälfte auf die gläserne Tischplatte. Der silberne Rosenkranz um ihren Hals klimperte.

„Glaubst du wirklich, dass ich mir deine Respektlosigkeit gefallen lasse, du wertloses Miststück?“ Gnadenlos bohrten sich seine Finger in ihre Haut. Ein stechender Schmerz schoss durch ihr Rückgrad.

„Ich habe das Sagen. Ich bestimme, wann du dich wo aufzuhalten hast. Und du antwortest gefälligst, wenn ich dir eine Frage stelle. Ist das klar?“ Wie mechanisch nickte Ophelia. Sie hatte keine andere Wahl.

„Ich frage dich also zum letzten Mal: Wo bist du gewesen?“ Ihr Vater trat in ihr Sichtfeld. Sein Blick war abwertend und hasserfüllt. Sie bekam eine Gänsehaut.

„Ich…ich war auf einer…einer Party“, stammelte das Mädchen und sah in die blauen, seelenlosen Augen ihres Vaters. Dieser ließ ihren Nacken los, vergrub seine Hand in ihren langen Haaren und riss den Kopf seiner Tochter gewaltsam nach oben.

„Eine Party, ja?“, raunte er ihr ins Ohr, ehe er ihren Kopf auf den Tisch knallte. Ophelias Schädel explodierte. Rote Sterne tanzten vor ihren Augen, während sie vor Schmerz stöhnte.

„Du schleichst dich aus dem Haus und vergnügst dich, statt auf deinem Zimmer zu sein, wie ich es dir befohlen habe?“ Ein weiteres Mal machte ihr Kopf Bekanntschaft mit der Tischplatte. Das Mobiliar fing an sich zu drehen. Sie stand kurz davor ihr Bewusstsein zu verlieren, aber ihr Vater kannte kein Erbarmen.

„NIEMAND SETZT SICH ÜBER MEINE REGELN HINWEG!!!“ Rumpfs. Rumpfs. Rumpfs.

Warmes Blut lief zwischen Ophelias Zähnen hindurch, floss aus ihrem Mund und tropfte auf das Glas. Als ihr Vater von ihr abließ, kippte sie beinahe vom Stuhl. Mit letzter Kraft klammerte sie sich mit schneeweißen Händen an der Tischplatte fest.

„STEH AUF!“

„Ich…ich kann nicht, Sir“, keuchte sie und kämpfte mit den Tränen.

„Du kannst also nicht aufstehen?“, fragte er mit falschem Mitleid und legte den Kopf schräg.

Minutenlang starrte er seine verängstigte Tochter mit regungsloser Miene an.

In seinem Blick lag eine Mischung aus Verachtung und grenzenlosem Hass. Ophelia bewegte sich keinen Millimeter.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, zog er sie vom Stuhl und verpasste ihr eine deftige Ohrfeige, die sie auf den Boden beförderte. Ihre Knochen knackten und ihr blieb die Luft weg.

„Aufstehen kannst du nicht, aber Feiern und gegen meine Regeln verstoßen schon.“ Es folgten zwei gezielte Tritte gegen ihre Rippen, die sie aufschreien ließen. Das höllische Brennen, das sich in ihrem Brustkorb ausbreitete, kannte sie nach neun Jahren täglicher Misshandlung nur zu gut. Ihr Vater hatte ihr eine Rippe gebrochen.

„Du haust ab, gehst zu Partys und läufst herum wie eine billige Schlampe“, warf er Ophelia vor und beäugte abfällig ihre Kleidung. Sein Spott war für sie kaum zu ertragen.

„Du bist noch nicht mal sechzehn Jahre alt, trotzdem trinkst und rauchst du und machst für jeden Kerl die Beine breit.“ Nathaniel Monroe rümpfte angewidert die Nase, ehe er seiner Tochter voller Abscheu ins Gesicht spuckte. Als sie spürte, wie sein widerlicher Speichel ihre linke Wange herunter lief, verspürte sie schlagartig flammenden, alles einnehmenden Zorn.

„Ich bin keine Schlampe, nur, weil ich mache, was ich will“, fauchte sie ihn, trotz ihrer misslichen Lage, an.

Die Gesichtszüge ihres Vaters entgleisten. Der sonst so attraktive, blonde Mann wurde zu einem hässlichen, furchteinflößenden Dämon. Hart schluckte sie, denn sie machte sich auf einen gewaltigen Wutausbruch gefasst.

Lange musste Ophelia nicht warten. Blitzschnell schnappte Nathaniel Monroe sich seine Tochter, zog sie zu sich nach oben und schleuderte sie gegen die nächste Wand.

„AHHHHHHHHH!!!“ Ihr kreischender Schrei machte das Mädchen fast taub. Wimmernd und geschwächt sackte sie auf dem Boden zusammen und kämpfte mit den überwältigenden Schmerzen, die ihren Körper in Besitz nahmen. Bei jedem Atemzug drückte sich ihre gebrochene Rippe gegen ihre Haut und schien sie zerreißen zu wollen.

Doch das war ihrem Vater nicht genug. Hastig kam er auf sie zu, packte sie am Kragen ihrer Lederjacke und presste sie gegen die Wand.

„DU WAGST ES, MIR WIDERWORTE ZU GEBEN, DRECKSSTÜCK?!“, donnerte er, während er mit einer Hand Ophelias Kehle umfasste und sie nach oben schob, sodass sie keinen Boden mehr unter ihren Füßen spürte. Augenblicklich strömte kein Sauerstoff mehr in ihre Lunge und sie konnte nur noch qualvoll röcheln.

Er wird mich töten. Mein Vater wird mich töten, dachte sie panisch und brach in Tränen aus. Verflogen waren ihr Zorn und Mut. Sie hatte keine Chance gegen ihn. Er war zu stark.

Wieso habe ich ihn auch provoziert? Wieso? Wieso? Wieso? Jetzt werde ich für meinen Fehler bestraft.

Ophelia machte ihren letzten Atemzug. Keine Sekunde später umhüllte sie Schwärze und ihr Herz hörte auf zu schlagen. Es war soweit. Der Tod machte sich bereit…

Urplötzlich wurde der unerträgliche Druck von ihrer Kehle genommen und sie landete auf dem edlen Holzboden. Die Haut an ihren Knien platzte auf, aber das war nur Nebensache, denn die Schmerzen in ihrer Luftröhre und ihrem Kopf überstiegen alles, was sie jemals zuvor erlebt hatte.

Ein bellender, lauter Husten brach aus ihr heraus, der an den hohen Wänden widerhallte. Jeder Atemzug; jeder Schluck tat weh. Das dunkelhaarige Mädchen fasste sich an den geschwollenen Hals und schluchzte.

„Hör auf zu heulen“, schnauzte Nathaniel Monroe seine Tochter an und trat ihr mehrmals in den Magen. Ophelia schrie wie am Spieß, als sie zur Seite kippte. Ihr war speiübel und sie zitterte am ganzen Körper. Am Liebsten hätte sie sich an Ort und Stelle übergeben, doch sie riss sich zusammen.

„Stell dich nicht so an!!!“

Kurzerhand zog ihr Vater sie zu sich nach oben, was für sie, mit ihren Verletzungen und Schmerzen, die reinste Folter war, doch dies interessierte ihn nicht. Er war unerbittlich.

„Du bist an dieser Bestrafung selbst Schuld, Ophelia“, zischte er und verpasste ihr einen Schlag ins Gesicht. Sie jaulte. Blut sprühte wie Nebel aus ihrem Mund und landete in seinem Gesicht.

„Wenn du auf mich gehört und dich mir nicht widersetzt hättest, dann wäre all das nicht nötig.“ Es folgte ein heftiger Tritt gegen ihr linkes Knie. Beinahe wäre Ophelia erneut zu Boden gestürzt.

„Aber von dir habe ich auch nichts anderes erwartet. Schließlich tust du nie das, was ich dir sage“, warf er ihr vor und durchbohrte sie mit einem eiskalten Blick.

„DU BIST ZU NICHTS ZU GEBRAUCHEN!“, brüllte ihr Vater, stieß sie zurück aufs Parkett und rastete völlig aus. Wie im Wahn schlug und trat er kaltblütig auf sie ein. Minutenlang.

Mit der Zeit breitete sich ein metallener, penetranter Gestank nach Blut aus, der den Verstand des Mädchens vernebelte. Licht und Schatten wechselten sich vor ihren Augen ab und führten sie in einen tiefen Abgrund. Ophelia Monroe wandelte zwischen Leben und Tod. Sie war bereits unzählige Male von ihrem Vater verprügelt worden und hatte heftige Schläge und Tritte einstecken müssen, aber heute war es anders. Heute kannten seine Wut und sein Hass keine Grenzen. Heute wusste sie nicht, ob sie überlebte.

„Ich werd´s dir zeigen, du dreckige, kleine Nutte“, erniedrigte er sie weiter. Seine Worte konnte sie kaum verstehen, sowie das grausame Gelächter, in das er ausbrach. Es schien, als sei ihr Vater meilenweit entfernt.

Auf einmal spürte sie einen ziehenden Schmerz, der durch ihre Kopfhaut schoss. Nathaniel Monroe hatte sich die langen, dunklen Haare seiner Tochter geschnappt, an denen er sie über den Boden schleifte. Ihr ohrenbetäubendes Kreischen und Schluchzen brachten ihn jedoch nicht dazu, Gnade walten zu lassen und aufzuhören. Erst, als er die Tür der Abstellkammer, die mit meterhohen Regalen voll gestellt war, geöffnet hatte, ließ er Ophelia los und beförderte sie in die enge Kammer.

Blutend, keuchend und zitternd schleppte sich das Mädchen in eine Ecke und kauerte sich zusammen. Sie war mit ihren Kräften am Ende.

Während sie sich bemühte bei Bewusstsein zu bleiben, stand ihr Vater unverändert im Türrahmen. In diesem Moment wirkte er riesengroß, bedrohlich und übermächtig. Seine stechend blauen Augen blitzten angriffslustig.

„Die nächsten Stunden bleibst du hier drin und denkst darüber nach, wie du dich aufgeführt hast.“

Das hatte Ophelia bereits befürchtet. Ein weiteres Mal musste sie den halben Tag schwerverletzt in der engen, stickigen Abstellkammer verbringen. Ein weiteres Mal musste sie um ihr Leben kämpfen.

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