2007- ...And The Brunette Shadow.

Denn Dunkelheit stellt wieder her, was das Licht nicht reparieren kann.

                                                                                                                  

                                                                                                      - Joseph Brodsky

 

Patton Massey III klammerte sich an sein Whiskeyglas wie ein Ertrinkender an ein rettendes Stück Holz, das im Meer trieb. Verzweifelt suchte er Halt im Alkohol, um den Anblick zu ertragen, der sich ihm bot.

Seine arktischen Augen hingen an Ophelia, die engumschlungen mit James Roddick tanzte und ihm all ihre anbetungswürdigen Reize präsentierte. Schnell gelang es ihm jedoch den kleinen Jungen auszublenden und sich ausschließlich auf sie zu konzentrieren. Er sah bloß sie, eine Göttin unter der Masse an Betrunkenen, hässlichen Fratzen und Totalversagern. Die bildschöne Brünette strahlte ein Leuchten aus, das einfach überirdisch war, nicht von dieser Welt. Sie bewegte sich auf der Tanzfläche mit einer beneidenswerten Grazie und Leidenschaft. Verzaubert von Ophelias Einzigartigkeit verfiel er in Fantasien über ihren nackten Körper, der sich unter seinen Händen lustvoll räkelte. Patton berührte in seiner Vorstellung ihre straffen Brüste und strich über die glatte Haut ihrer schwindelerregend langen Beine. Ophelia flehte ihn an, nicht aufzuhören…

Seine Aufmerksamkeit wurde erneut auf das Tanzpaar gelenkt, als die Realität zuschlug. Sie war knallhart, schonungslos und holte ihn gewaltsam auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Dunkelhaarige war nicht bei ihm, sondern bei James, der gerade in den Genuss eines heißen Kusses kam. Der Ex-Soldat fletschte die Zähne und ballte seine Hände zu Fäusten, die zu allem bereit waren.

Patton Massey war eifersüchtig. Erstes Indiz dafür war der brennende Zorn in seiner Brust, der unbezwingbare Aggressionen hervorrief und ihn innerlich toben ließ. Zweites Indiz, und dies war mit Abstand das Schlimmste, war der quälende Gedanke, dass Ophelia Monroe ihm nicht alleine gehörte. Wie kann Roddick es wagen sie mir wegzunehmen? Er begrabscht sie, küsst sie und glaubt ein Mann zu sein. Er will sie besitzen, aber das werde ich verhindern.

Dann konzentrierte sich seine Verachtung auf die Brünette. Zornig verengte er seine Augen zu Schlitzen.

Wie kann sie es wagen ihn zu küssen und mich vorzuführen? Keine Frau erniedrigt mich, ohne Konsequenzen. Ich werde ihr zeigen, was es heißt mich zu hintergehen.

Patton wartete auf den passenden Moment, um sie zur Rede zu stellen und zu bestrafen. Das Schicksal meinte es gut mit ihm, denn Ophelia flüsterte James gerade etwas ins Ohr, bevor sie sich lächelnd von ihm löste und die Tanzfläche verließ. Der blonde Killer verlor keine Sekunde.

Er setzte sich gleichsam in Bewegung und nahm eiligen Schrittes die Verfolgung auf. Wie ein Schatten folgte er seiner Kollegin, deren langes, dunkles Haar sanft von einer Seite zur anderen schwang, ebenso ihre erregenden Hüften. Als sie um die nächste Ecke bog, nutzte Patton seine Chance und fing sie im Gang zu den Toiletten ab. Roh packte er sie am rechten Oberarm und beförderte sie gegen die Bachsteinwand. Im ersten Moment war Ophelia völlig perplex, doch als sie ihn erkannte, zeichnete sich ein süffisantes Grinsen auf ihren Lippen ab.

„Was läuft da zwischen dir und Roddick?“, fragte er ohne Umschweife und stützte sich mit der linken Hand an der Wand ab, direkt neben ihrem Kopf. Gelassen verschränkte sie die Arme vor der Brust und hielt seinem zornigen Blick stand.

„Was soll da schon laufen?“

„Das frage ich dich, Prinzessin, denn auf der Tanzfläche hättest du es beinahe mit ihm getrieben.“

„Du übertreibst maßlos, Massey.“

„Ach, ja? Wie du dich an ihn rangeschmissen hast, war einfach abartig.“

„Bist du eifersüchtig?“, hauchte sie und schob ihre Unterlippe vor. Sie sah aus wie ein unschuldiger Engel, aber der Ex-Soldat wusste es besser.

„Nein! Ich frage mich nur, was du von so einem kleinen Jungen willst.“

„Dieser Junge hat seine gewissen Vorzüge“, äußerte Ophelia vielsagend und lächelte anzüglich. Bei Patton brannten die Sicherungen durch, als er eins und eins zusammenzählte.

„Fickst du etwa mit ihm?“, brüllte er aufgebracht und sah sie entgeistert an. Köpfe drehten sich in ihre Richtung, aber das war ihm scheißegal. Er wollte eine Antwort. Ophelia hüllte sich jedoch in Schweigen, was ihn zur Weißglut brachte. Brutal umfasste er ihr Kinn und kam ihrem Gesicht ganz nahe.

„REDE ENDLICH, MISTSTÜCK!!! Seine Aggressivität ließ sie scheinbar kalt, denn es dauerte noch weitere Sekunden, bis sie etwas erwiderte.

„Du hast recht, ich ficke mit ihm seit über einem Jahr.“ Nach Ophelias Geständnis klappte ihm die Kinnlade herunter. Er spürte, wie Zorn, aber auch Hass und Ekel in ihm aufstiegen.

„Das kann unmöglich dein Ernst sein, Monroe“, raunte er und bohrte seine Finger in ihre weiche Haut.

„Das ist mein Ernst, Massey! James ist charmant, heiß und er bettet mich an. Er würde alles für mich tun, ohne mit der Wimper zu zucken“, erklärte sie ihm voller Eifer und riss seine Hand von ihrem Kinn.

„Außerdem befriedigt er mich.“ Diese Worte brachten das Fass zum Überlaufen. Wutentbrannt ballte Patton seine rechte Hand zur Faust und schlug mit voller Wucht gegen die Wand.

„Roddick ist ein naiver 15-Jähriger, der keine Ahnung hat, wie man eine Frau ordentlich fickt. Er ist ein Versager; ein Schwächling, der mir, einem erfahrenen Mann, nicht ansatzweise das Wasser reichen kann. Und trotzdem wagst du es mit ihm zu vögeln, während du was mit mir am Laufen hast?“ Der Gedanke, dass seine Kollegin nackt im Bett dieses unerfahrenen Jüngelchens lag, nachdem sie bei ihm gewesen war, steigerte seine Wut in Raserei. Er packte sie an der Kehle und knurrte wie ein wildes Tier. Der Ex-Soldat fühlte sich gedemütigt und vorgeführt, doch das mit Abstand Schlimmste war der unsagbare Schmerz in seiner Brust. Ophelia hatte ihn verletzt, sein Ego und Selbstbewusstsein mit Füßen getreten und dafür musste er sie bestrafen.

Augenblicklich drückte Patton zu und würgte sie. Überlegenheit und Macht durchströmten ihn und verliehen ihm ungeheure Kräfte. Er fühlte sich übermächtig, aber das hielt nicht lange an. Zu seiner Verwunderung geriet seine Kollegin weder in Panik, noch hatte sie Angst. Stattdessen schob sie verärgert ihre schön geschwungenen Augenbrauen zusammen und fletschte die Zähne.

„Ich treffe meine eigenen Entscheidungen, Massey, und wenn ich Lust habe, sowohl mit dir, als auch mit James zu ficken, dann hast du das zu akzeptieren“, spie sie ihm entgegen, bevor sie ihm einen heftigen Tritt gegen sein rechtes Knie versetzte. Der spitze Absatz ihres schwarzen High Heels bohrte sich tief in sein Fleisch. Reflexartig löste er den Griff um ihren Hals und machte einen Schritt zurück. Als er sah, wie die ersten Bluttropfen durch seine Jeans drangen, verlor er völlig den Verstand.

„Du kannst nicht immer tun, was du willst, Ophelia! Und weißt du auch warum?“, schrie er wie von Sinnen, während er sie gewaltsam schüttelte. „Weil du mir gehörst. Hast du das verstanden? DU GEHÖRST MIR!!!“… Urplötzlich stoppte er seine Bewegungen und hielt inne, als er in das wutverzerrte Gesicht seiner Kollegin sah. Ihm wurde bewusst, dass er eine Grenze überschritten hatte.

„Ich gehöre niemandem, weder meinem Vater, noch James, noch dir. Verstehst du das?!“ Ophelias Augen explodierten vor Hass und Zorn. Strähnen ihres langen Haares fielen ihr ins fahle Gesicht, das von einem kaum merklichen Zucken heimgesucht wurde.

Er erwiderte nichts. Dies schien ihm momentan das Vernünftigste, wenn er sie nicht weiter verärgern wollte.

„Erinnerst du dich noch daran, wie du mich einst als Kind bezeichnet hast?“ Ihre Frage verwirrte den blonden Killer.

„DU bist das Kind, Patton, DU, trotz deiner 37 Jahre, denn du verhältst dich wie ein kleiner Junge, dem sein Spielzeug weggenommen wurde und deswegen nun schmollt.“ Während ihrer Ansprache bohrte sie ihren rechten Zeigefinger schmerzhaft in seine Brust, was seine Aggression schlagartig zurückkehren ließ.

„Ich bin kein Kind. Ich bin ein MANN! Ein Mann, der sich nicht von einem überheblichen und zickigen Biest vorführen lässt, verstehst DU das? Du bist nämlich nicht der einzige Mensch, der Stolz besitzt, Schätzchen.“ Er durchbohrte ihre Augen mit einem vernichtenden Blick, ehe er sich wutschnaubend abwandte.

Zwei Schritte machte Patton, als er von Ophelia am linken Handgelenk gepackt und kräftig zurückgezogen wurde. Ihre mandelförmigen, schwarz lackierten Fingernägel bohrten sich unbarmherzig in sein Fleisch.

„Was ist noch?“, zischte er grimmig.

„Das hier“, flüsterte sie verführerisch und küsste ihn. Sein Zorn wurde mit einem mal durch Überraschung und Erregung ersetzt. In seinem Kopf herrschte Leere, als er den heißen, wilden Kuss erwiderte. James Roddick war vergessen.

Blut schoss in Rekordzeit in seinen Unterleib, wodurch es in seiner Jeans ziemlich eng wurde. Patton war wie im Wahn. Gierig saugte er an ihren zarten Lippen, die nach Gin schmeckten, während seine Hände über ihren begehrenswerten Körper glitten.

Ophelia ließ sein Handgelenk los und schlang ihre Arme um seinen Nacken. Er spürte die Hitze, die ihre Haut ausstrahlte und ihn einhüllte. Alles an ihr fühlte sich perfekt, weich und ebenmäßig an.

Patton konnte kaum noch an sich halten. Bestimmend presste er sie gegen die Wand und umschloss mit seinen großen Händen ihr zerbrechliches Puppengesicht. Ihre wilde Knutscherei dauerte einige Minuten, bis sich Ophelia atemlos und mit rosanen Wangen von ihm löste. Ihre blau-grünen Augen leuchteten ungewöhnlich hell, als sie ihn direkt ansah.

„Die Art, wie du mich berührst und begehrst, macht mich unglaublich heiß“, gab sie offen zu und biss sich verlangend auf die Unterlippe.

„Dann sehe ich keinen Grund, damit aufzuhören“, war sein kecker Kommentar, bevor er sich ihrem Hals widmete, wo ihr berauschender Duft einfach überwältigend war. Benebelt von dem Gemisch aus Nikotin und Kirsche ließ er seine Lippen über ihre erhitzte Haut gleiten, was seine Kollegin zum Lachen brachte. Durch den konsumierten Alkohol klang ihr Gelächter rauchig und kehlig. Es war unfassbar sexy.

„Du hast keine Selbstkontrolle, Massey“, triezte sie ihn und zeigte ein spöttisches Lippenkräuseln.

„Mit dieser Tatsache kann ich sehr gut leben.“ Um ihr zu zeigen, wie recht sie mit ihrer Aussage hatte, griff er mit der linken Hand ungeniert unter ihr kurzes Kleid. Hektisches Luftschnappen verriet ihre Erregung, was wiederum Befriedigung in ihm auslöste. Ich weiß, was dir gefällt, Ophelia. Du kannst mir nicht widerstehen. Ich habe die Kontrolle über dich und ich liebe es!

Bei diesem Gedanken konnte er nicht anders, als ein breites Grinsen aufzusetzen, das von einem Ohr zum Anderen reichte. Patton fühlte sich mächtig und erhaben und dies war für ihn die wahre Befriedigung.

„Ich auch.“ Ihre Stimme war nur ein zittriger, warmer Hauch, der seine rechte Wange streifte und ihm eine wohlige Gänsehaut bescherte. Hastig befeuchtete er seine Lippen, inzwischen fuhren seine Finger sanft ihre Oberschenkelinnenseiten herauf und herunter. Ophelias dünner Körper spannte sich augenblicklich an, sodass er ihre erhärteten Muskeln spürte.

Ihr lustvolles Stöhnen wurde von der plärrenden Musik verschluckt, als existiere es nur in seiner Fantasie. Diese wurde vom Anblick seiner angeturnten und lasziv bewegenden Kollegin beflügelt. Der Ex-Soldat war gefangen in einer grotesken, irrwitzigen Welt aus Hitze, Schweiß und Neonlicht. Er war wie betäubt, als er ihr einen leidenschaftlichen Kuss gab und seine Hand gleichzeitig nach oben in ihr Höschen wandern ließ. Kaum berührte er ihre Schamlippen, da griff sie an seine breiten Schultern und krallte sich fest.

„Darauf stehst du, oder?“ Zur Antwort bekam er ein zustimmendes Nicken und ein verruchtes Lächeln. Pattons Berührungen wurden fordernd und intensiv. Ophelia schloss die Augen. Ihre Miene legte Lust und Erregung offen.

Als sie feucht war, führte er seinen Zeigefinger in sie ein. Sie schlug ihre langen, spitzen Fingernägel in sein Fleisch, was sich wie hundert Nadelstiche anfühlte. Ein heftiges Prickeln befiel seine Haut und kroch in jede Pore, denn der Schmerz war herrlich, schier überwältigend. Noch nie war sein Verlangen größer. Noch nie befand er sich in solch einem Rauschzustand.

Ficken. Das war das Einzige, woran er denken konnte. Patton wollte Ophelia ficken, so hart und gut, dass sie Roddick, diesen kleinen Pisser, für immer vergessen und nie wieder mit ihm ins Bett gehen würde. Sie soll nur ihn wollen, niemand anderen. Nach ihm soll sie sich verzehren. Ihn soll sie auf Knien um Sex anbetteln.

Ficken. Ficken. Ficken. Das Wort schoss durch seinen Kopf wie eine Pistolenkugel. Es schien, als wolle sein Verstand ihn regelrecht dazu zwingen, sich auf die Brünette zu stürzen und auf der Stelle seinen steifen Schwanz zu benutzen.

Hilfreich bei der Umsetzung war dabei jedoch weder seine enge Jeans, noch die Tatsache, dass sie sich in der Öffentlichkeit befanden. Schneller, als gedacht, wurde Patton ausgebremst und musste sich mit weiterem Gefummel zufrieden geben, vorerst.

„Das reicht für heute, Massey, mehr bekommst du nicht.“ Ophelias Entscheidung kam aus heiterem Himmel und stieß ihn auf brutalste Weise vor den Kopf. Ruckartig und grob zog er seine Hand zurück und ballte sie zur Faust.

„Das ist doch Bullshit!“, fluchte er verärgert. „Willst du mich etwa absichtlich provozieren und rasend machen, Miststück? Findest du es amüsant, mich hinzuhalten?“ Der blonde Killer geriet mehr und mehr in Rage.

„Mir ist einfach die Lust vergangen. Mach kein Drama draus.“

Die Gleichgültigkeit, mit der sie dies sagte, fühlte sich an wie ein tiefer, gnadenloser Schlag in die Magengrube.

„Das ist kein Spiel oder ein beschissener Witz, Monroe! Du sollst mich und meine Bedürfnisse ernst nehmen. Du sollst dich einmal für etwas entscheiden, verdammt noch mal! Mit deiner verfluchten Sprunghaftigkeit treibst du mich in den Wahnsinn.“

„Was ist schlecht daran? Wahnsinn macht das Leben aufregend, gefährlich und unberechenbar.“ Sie machte eine kurze Pause, in der sie sich nach vorne lehnte und ihren Kopf leicht neigte.

„Und ich bin der Wahnsinn“, rühmte sie sich selbstbewusst und grinste frech. Ihr Hochmut und ihre mangelnde Ernsthaftigkeit entfachten in ihm erneut eine Mordswut.

„Ich sage es dir ein einziges Mal: Stopp mich nie wieder, sonst zerquetsche ich deinen Schädel zu einem winzigen Würfel und prügle so lange auf dich ein, bis nur noch blutiger Brei übrig ist.“ Seine gewaltige Stimme bebte über sie hinweg und rammte sie förmlich in die Wand.

„Genüsslich werde ich durch die menschliche Pampe waten und herzhaft über dich lachen, meine Liebe.“ Jetzt war es an ihm zu grinsen. Ophelia hingegen warf ihm unter ihren langen, schwungvollen Wimpern einen dämonischen Blick zu. Er sah fasziniert, gleichzeitig ehrfürchtig dabei zu, wie ihre Pupillen sich zu schwarzen, seelenlosen Löchern verdunkelten, die ihn einsogen und verschlangen. Sie war stinksauer. Man konnte ihren Groll über seine Drohung förmlich riechen.

Du drohst mir, Massey? DU DROHST MIR?!“ Wild geworden schüttelte sie ungläubig den Kopf. Strähnen ihres seidigen, brünetten Haares peitschten ihr ins glühende Gesicht. Patton hatte die Bestie in ihr entfesselt. Er hatte sie freigelassen und nun musste er sich den Konsequenzen stellen.

„Du hälst dich für unbesiegbar und unterliegst dem Irrglauben, dass du mit mir reden kannst, wie du willst, aber so funktioniert das nicht. Lerne den Mund zu halten, wenn es angebracht ist. Respektiere starke Frauen, rede vernünftig und speie nicht irgendwelche Drohungen und Beleidigungen aus“, disziplinierte sie ihn streng. Der blonde Killer war fassungslos.

Diese verzogene Göre weist mich zurecht, wie ein kleiner, dummer Junge. Sie versucht mich allen Ernstes nach ihren snobistischen Ansprüchen zu formen. Mich, einen mächtigen und starken Mann…

„Weil deine Eltern es verpasst haben dich zu einem vernünftigen Mann zu erziehen, muss ich jetzt diese Aufgabe übernehmen, obwohl ich keine große Hoffnung habe eine Veränderung bei dir herbeizuführen. Du bist eben nicht lernfähig“, setzte Ophelia ihre Zurechtweisungen unbeirrt fort.

„Ach, und damit eins klar ist: Bei einem Kampf gegen mich ziehst du den Kürzeren.“ Trotz und Kampfgeist loderten in Form von kleinen Flammen in ihren blau-grünen Augen. Die rücksichtlose, unzähmbare Facette ihres Charakters zeigte sich in ihrer vollen Pracht. Die Atmosphäre zwischen ihnen war ebenso elektrisiert, wie zum Reißen gespannt. Patton erstarrte in seiner Position. Kein Muskel regte sich. Seine Atemzüge gingen so flach, dass man annehmen konnte, dass er gar nicht atmete. Es war die Ruhe vor dem Sturm, was auch seiner Kollegin bewusst war. Erneut spannte sich ihr gesamter Körper an, als mache er sich auf einen Angriff seinerseits bereit.

„Du meinst also eine Chance zu haben, ja?“

Obwohl ihre Sinne unter Hochspannung standen und sie verdammt gute Reflexe besaß, kam sein Leberhaken für sie wie aus dem Nichts, eine Abwehrreaktion war unmöglich. Ophelias Kehle entfleuchte ein würgendes und drückendes Geräusch, während ihr Gesicht sich verzog und noch eine Spur weißer wurde. Reflexartig schlug sie ihre Hände auf die getroffene Stelle und kämpfte mit Kreislaufproblemen, da die starken Schmerzen sie beinahe in die Knie zwangen. Bevor sie auf dem klebrigen und dreckigen Linoleumboden zusammensackte, umschlang er grobschlächtig ihre schmale Taille und hielt sie auf den Beinen, die wie verrückt zitterten.

„Willkommen in der Realität, Prinzessin!“, raunte er ihr ins Ohr. Es folgte ein gezielter Schlag gegen ihre Rippen, was ihr endlich einen krächzenden Schrei entlockte, der ihm die Qualen seiner jungen Kollegin bestätigte. Er spürte, wie ihr Körper von Schwäche und Erschöpfung übermannt wurde und nur ungern seine letzten Kraftreserven hergab.

Ophelia war am Ende und musste sich geschlagen geben. Mit leidendem Gesichtsausdruck blickte sie ihm fast widerwillig entgegen. Dies war ihre stumme Art ihn darum anzuflehen das Malträtieren zu stoppen.

„Jetzt weißt du, wer von uns beiden der Stärkere ist“, kostete er seinen Triumph über sie aus. Er verschwendete keinen Gedanken daran sie vor weiterem Spott und spitzzüngigen Sticheleien zu verschonen. Ophelias Arroganz musste mit voller Härte bestraft werden. Dass er dabei höchsten Genuss verspürte, war nur ein positiver Nebeneffekt.

„Denk das nächste Mal vorher darüber nach, mit wem du dich anlegst.“ Mit seiner linken, prankenähnlichen Hand umschloss er ihr Kinn und drückte ihren Kopf rabiat nach oben. In diesem Moment kehrten die lodernden Flammen in ihre großen Augen zurück.

„Und reiß dein Maul nicht immer so weit auf, wenn du die Konsequenzen nicht erträgst.“

„Du hast keine Vorstellung davon, wie viel ich ertrage, Patton Massey“, spie sie tollwütig hervor. „Und wie viel ich bereits ertragen musste.“ Darauf entfernte sie energisch seinen rechten Arm von ihrer Taille, wandte sich um und war im Begriff ihn stehen zu lassen.

Doch er reagierte blitzschnell und dieses Mal war er es, der sie am Handgelenk packte und aufhielt.

„Was soll das werden?“, fragte sie zähneknirschend.

„Bleib hier. Bleib…bei mir.“ Die Worte kamen extrem schwer über seine Lippen, da er mit Emotionen überhaupt nicht umgehen konnte. Daher war es bereits lange her, dass er sich das letzte Mal mit seinem Inneren auseinandergesetzt hatte, da es deutlich einfacher war seine Gefühle zu ignorieren oder zu unterdrücken, als sie zuzulassen. Diese Einstellung war ein großer Vorteil in seinem Beruf, bei dem Emotionen nicht gerne gesehen sind.

„Ich sehe keinen Grund weitere Zeit mit dir zu verschwenden, Massey. Ich bleibe nicht hier, nachdem du mich geschlagen und erniedrigst hast, denn im Gegensatz zu dir besitze ich Selbstachtung“, würgte sie brutal seinen Gedankengang ab. „Also lass mich gefälligst los!“

Mit aller Kraft versuchte sie ihr Handgelenk aus seinem festen Griff zu lösen, aber sie war chancenlos.

„Ich warne dich, Massey, wenn du deine Hand nicht sofort wegnimmst, dann…“ Der Ex-Soldat ließ seine Kollegin nicht aussprechen, sondern küsste sie stürmisch, was sie überrumpelte. Wie erstarrt stand sie vor ihm und regte keinen Muskel. Er nutzte ihre kurzweilige Bewegungsunfähigkeit, um ihr weiterhin nahe zu sein. Zaghaft saugte er an ihrer Unterlippe, während er mit beiden Händen über ihr glattes Haar strich. Ophelias Atemfrequenz erhöhte sich hörbar und die Temperatur ihrer Haut nahm deutlich zu. Sie konnte es nicht leugnen: Sie war geil und wollte ihn. Ihr Körper gab ihm dafür unverkennbare Zeichen, die er unwillentlich preisgab. Dies widerstrebte ihr sichtlich, was ihm ihre, von Unmut, verzogene Miene verriet. Auf Pattons kantigem Gesicht erschien automatisch ein siegreiches Lächeln.

„Du bist verrückt nach mir“, flüsterte er gegen ihre Lippen. „Sie sind mir heillos verfallen, Miss Monroe.“ Die Tatsache, dass er sie siezte, entlockte ihr ein bezauberndes Lächeln.

„Ich scheine wohl doch einen gewissen Einfluss auf dich auszuüben, wenn ich eine höfliche Anrede aus deinem Mund höre.“

„Gewöhn dich bloß nicht daran, meine Liebe. Ich bin erwachsen und nicht mehr formbar. Es ist aussichtslos mich zu einem feinen und spießigen Pinkel zu machen, der die Etikette wahrt. Das ist nicht meine Natur.“ Kühn grinsend ließ er seine Fingerspitzen beidseitig ihren Hals entlang über ihre Schlüsselbeine, bis hin zu ihren Schultern gleiten. Ophelia erschauderte unter seinen Berührungen.

„Was ist deine Natur?“, fragte sie neugierig, obwohl er sich sicher war, dass sie genaustens über seinen Charakter Bescheid wusste. Mittlerweile kannte seine junge Kollegin ihn sehr gut, in manchen Momenten schon zu gut für seinen Geschmack. Doch dies lag nicht nur an ihrer gemeinsam verbrachten Zeit, sondern ebenfalls an Ophelias Talent ihre Mitmenschen schnell und leicht zu durchschauen, als sei sie der Fähigkeit des Gedankenlesens mächtig. Ein einfach gestrickter Mann, wie er, war dabei keine große Herausforderung. Sie hingegen war eine geheimnisvolle Frau, die es verstand, ihn und viele andere Männer mit ihrer Andersartigkeit anzuziehen und schlichtweg den Atem zu rauben.

Patton rätselte seit Langem, woran dies lag. Was war der Grund für ihre einzigartige und unvergleichbare Aura? Vielleicht war ihr Gehirn falsch gepolt und funktionierte nicht wie beim Großteil der Bevölkerung. Intensiv scannte er jeden Zentimeter ihres Gesichts, um einen Anhaltspunkt auszumachen, der seine Vermutung bestätigte. Dabei wusste er eigentlich nicht, was er zu finden hoffte: ein helles Funkeln in ihren Augen? Ein Zucken ihrer Mundwinkel? Oder ein leichtes Schmunzeln? Es musste doch irgendein Zeichen geben, das es zu entdecken galt. Etwas, dass nur er sah, denn Patton Massey wollte derjenige sein, der das Mysterium Ophelia Monroe entschlüsselte…

„Nun, was ist?“, wisperte sie mit dünnem Stimmchen. Es dauerte einige Sekunden, bis er seine Gedanken neu sortiert hatte und ihr eine Antwort geben konnte.

„Meine Natur ist es, Aggression und Gewalt sprechen zu lassen, statt weiser Worte. Meine Stärke ist mein muskulöser Körper. Durch ihn erkämpfe ich mir Macht und Respekt. Durch ihn bin ich meinen Mitmenschen überlegen.“ Er legte eine kurze, dramatische Pause ein, in der er ihrem Gesicht ganz nahe kam.

„Ich bin ein unzähmbares, blutrünstiges Tier.“ Ophelias rechter Mundwinkel bewegte sich für eine Millisekunde nach oben.

„Auch wilde Tiere bekommt man unter Kontrolle, Massey, wenn man sie in einen Käfig sperrt, ankettet und mit regelmäßigen Schlägen züchtigt.“

„Nicht, wenn sie einen starken Willen besitzen“, korrigierte Patton seine Kollegin, die eindeutig auf ihre Vergangenheit anspielte. Über Jahre hatte ihr Vater gewaltsam versucht sie zu brechen, aber Ophelia hatte ihm die Stirn geboten. Sie hatte sich ihm nicht unterworfen, sondern sich zur Wehr gesetzt.

„Du bist stark, klug und stolz. Nichts kann dich stoppen. Niemand widersetzt sich dir.“ Auf seine eindringlichen Worte folgte ein zarter Kuss, den sie in vollkommener Starre hinnahm.

„Du bist eine Königin.“ Seine Betitelung war für sie wohl eines der größten und wertvollsten Komplimente, die sie jemals erhalten hatte, denn er konnte sehen, wie ihr Herz einen gewaltigen Satz machte. Zusätzlich breitete sich ein leichtes Rosa auf ihren Wangen aus und ihr Brustkorb bewegte sich hektisch.

„Es ist Ironie des Schicksals, dass ein Mann, der nicht nur äußerlich, sondern auch charakterlich, meinem Vater beängstigend ähnelt, etwas in mir auslöst“, sinnierte Ophelia. Patton war überrascht über diese emotionale Offenbarung, schließlich verband sie beide die Unfähigkeit mit ihren Gefühlen umzugehen, besonders, wenn es sich um den Gegenüber handelte. Symbolisch für ihre Beziehung war das hochexplosive Gemisch aus Hass, Respekt und Leidenschaft. Gemeinsam waren sie eine Naturgewalt, die sich und ihre Umwelt immerwährend in einen dunklen Abgrund zog.

„Und was löse ich in dir aus?“, wollte es der Ex-Soldat genauer wissen.

„Leben, Massey. Du machst mich lebendig.“ Ihre Stimme schien im ersten Moment zu zittern, doch dies war sicherlich bloß Einbildung.

„Jeden Tag verbringe ich in sterbender Langeweile und Monotonie. Die stets gleichen Abläufe ermüden mich und lassen mich verzweifeln. Sie machen mich zu einem wandelnden, rastlosen Geist“, erklärte sie geduldig.

„Ich verschwinde, ich löse mich auf. Zwar versuche ich diesen Zustand der Eintönigkeit durch Drogen zu verdrängen, aber die berauschende Wirkung erfreut mich nur für eine kurze Zeit, sodass ich schnell wieder vor demselben Problem stehe.“ Seine Kollegin ließ sich zu einem müden Lächeln hinreißen.

„Ich sitze also auf einem Karussell, das sich unaufhörlich dreht. Es hält einfach nicht an. Es ist mir nicht möglich auszusteigen.“

„Dann spring, Monroe. Ich stehe bereit, um dich aufzufangen“, war Pattons ernst gemeinter Vorschlag.

„Das weiß ich, sonst wärst du nicht einer der beiden Gründe, die mich aus meinem stupiden Leben herausreißen.“

„Und was ist der andere Grund?“

„Das Töten.“ Ein ungestümes, angriffslustiges Blitzen tauchte in ihren großen Augen auf, was verdeutlichte, dass sie in dem blutigen Metier der Auftragskiller ihre Passion gefunden hatte.

„Das verstehe ich nur zu gut, meine Liebe.“ In diesem Moment spürte er ganz besonders die Verbundenheit zu der brünetten Schönheit, die immer stärker wurde, je mehr Zeit er mit ihr verbrachte.

Während er in Gedanken versunken war, nahm sie wie mechanisch seine Erkennungsmarke in die rechte Hand und betrachtete diese eingehend.

„Es ist lange her, dass du sie mir zurückgegeben hast“, sagte er und konnte seine Enttäuschung über ihre damalige Tat nur schwer verbergen.

Entgegen seiner Erwartung, dass sie ihn deswegen auslachen oder verspotten würde, nickte sie bloß und fuhr ihm mit ihrer freien Hand durchs blonde Haar.

„Diesbezüglich kennst du meine Beweggründe, Massey. Uns beiden war klar, dass ich sie nicht behalten kann“, erklärte sie ihm mit Nachdruck, was Patton stumm nicken ließ.

Vor ein paar Jahren hatte sie ihm unmissverständlich klargemacht, dass sie nicht an einer tiefer gehenden Beziehung interessiert war. Sie sei dafür nicht geschaffen, daher empfand sie sein persönliches und bedeutsames Geschenk als eine Last; eine Bürde, die sie in starke Bedrängnis brachte.

Nach eigener Aussage sei seine Erkennungsmarke erdrückender und tonnenschwerer Belast, den sie mit sich herumtrug und der sie verzweifeln ließ. Selbst der bloße Gedanke, dass etwas von ihm sich in ihrem Besitz befand, versetze sie in Panik. Daher war es für sie nur eine logische und unausweichliche Konsequenz, ihm die Marke wiederzugeben.

„Ich werde niemals die Frau sein, die deine Erwartungen erfüllt und nur dir gehört. Diese Vorstellung kannst du dir aus dem Kopf schlagen“, meinte sie augenzwinkernd und schenkte ihm ein umwerfendes Lächeln, aber bei genauerer Betrachtung machte er einen Funken Zorn in ihrem Gesicht aus.

„Es war nicht meine Absicht dich zu bedrängen oder irgendetwas von dir einzufordern, meine Liebe“, sprach er mit ruhiger Stimme auf sie ein, was sie milde zu stimmen schien.

„Das hätte ich dir auch nicht geraten.“

„Ich weiß, denn mir ist bewusst, was mir droht, wenn ich mich mit dir anlege. Andersrum ist es jedoch genauso, was du eben am eigenen Leib zu spüren bekommen hast“, feixte er hämisch über diesen Seitenhieb, den er sich einfach nicht verkneifen konnte.

„Und das ist es, was mich dich hassen lässt, Massey.“ Ihre Pupillen zuckten zügellos im Angesicht der Wahrheit.

„Oder auch das, was dich mich lieben lässt.“ Unbedacht und töricht hatten sich diese Worte über seine Lippen geschlichen, was prompt von ihr bestraft wurde, denn mit vor Entsetzen geweiteten Augen rammte Ophelia ihm brutal ihre Faust ins Gesicht. Diese Reaktion hatte er erwartet, weshalb er ihr den heftigen Schlag nicht übel nahm. Patton lächelte entschuldigend, zeitgleich trat er einen Schritt zurück, um wieder etwas Distanz zwischen ihnen zu schaffen. Das Letzte, was sie jetzt sicherlich wollte, war seine Nähe.

„Dass ausgerechnet du das Wort lieben in den Mund nimmst, erschüttert mein Denken über dich und das Bild, das ich von dir habe.“ Bedauernd schüttelte sie den Kopf. „Du enttäuschst mich sehr, Massey.“

„Dennoch wirst du weiterhin bei mir sein. Du gibst mich nicht einfach auf, weil du dich in mir getäuscht hast, dafür brauchst du mich zu sehr. Ich rette dich aus deiner tiefen Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Ich bin dein Hoffnungsschimmer. Ich bin das Licht in der Dunkelheit deines Lebens“, schwadronierte Patton lautstark, sodass die Menschen in seiner unmittelbaren Nähe interessiert und neugierig stehenblieben, um weitere Gesprächsfetzen zu erhaschen. Die lästige Angewohnheit der Menschen, sich in alles einzumischen und ihre Nasen in Dinge zu stecken, die sie nichts angingen, präsentierte sich mal wieder in seiner vollsten Pracht. Indes zog Ophelia ihre Stirn kraus und schnaubte aggressiv, womit sie ihm mehr als deutlich zeigte, dass ihr sein, für ihn ungewöhnliches, philosophisches Psychogequatsche gehörig gegen den Strich ging.

„Soll ich mich jetzt etwa auf die Couch legen und über meine verkorkste Kindheit sprechen, Dr. Freud?“, spottete sie erwartungsgemäß erzürnt.

„Ich bevorzuge das Bett, meine Liebe“, konterte er vorlaut und riskierte damit einen weiteren Fausthieb ihrerseits. Sie hielt sich allerdings zurück und begnügte sich mit einem unzufriedenen Naserümpfen.

„Ich lebe und verweile gerne in der Dunkelheit meines Lebens. Die Schwärze meines Seins ist tief verwurzelt und der Kern meiner fortwährend zerfallenden und zersplitterten Seele“, kehrte sie zu seinen vorigen Äußerungen zurück und überging gekonnt seine anzügliche Bemerkung.

„In meinem Leben gibt es weder Licht, noch Hoffnung. Es existieren nur Schatten, Blut und Dämonen und damit bin ich überaus zufrieden. Aus diesem Grund benötige ich deine Hilfe“, dieses Wort setzte sie in Anführungszeichen, „in Form deiner aufdringlichen Beharrlichkeit, ich sei von dir abhängig, um glücklich zu sein, nicht.“

Der blonde Ex-Soldat fühlte sich durch ihren Sarkasmus herausgefordert und öffnete den Mund, aber Ophelia schnitt ihm rigoros mit einer Handbewegung das Wort ab.

„Du magst vorherrschend der Meinung sein, dass zwischen uns eine enge und emotionale Beziehung bestünde und wir einander bräuchten, doch da irrst du dich gewaltig, Massey. Ich brauche keinen Mann an meiner Seite. Ich brauche keine sinnlose und überflüssige Verkomplizierung meines Lebens, das du für trostlos empfindest, wenn ich dir keinen Platz darin einräume“, belog sie sich ganz offensichtlich selbst, denn ihre Stimme verlor stetig an Kraft, bis lediglich ein mitleiderregendes Krächzen übrig war. Patton schnaubte verdrießlich über dieses lächerliche Verhalten.

„Du bist ein von Selbsthass zerfressenes Miststück, das mit sich selbst nicht klar kommt und diesen Frust an anderen auslässt, allen voran an meiner Wenigkeit“, eröffnete er seine zornige Ansprache. „Für dein junges Alter und privilegiertes und geldsorgenfreies Leben hast du mächtig viele Probleme, Schätzchen, die du nicht ansatzweise im Griff hast. Statt nach Lösungen zu suchen, schiebst du den ganzen Scheiß, der dich seit Jahren belastet, vor dir her: deine miese Kindheit mit deinem prügelnden Arsch von Vater, die fehlende Liebe und Aufmerksamkeit, dein Hass auf die Männerwelt, deine Vorliebe dich mit Unmengen von Drogen selbst zu zerstören und nicht zu vergessen deine krankhafte Todessehnsucht.“

„Du hast kein…“

„HEY, ich bin noch nicht fertig, Monroe“, grätschte er rüde in ihren Satz hinein. Ophelias Reaktion war ein irritierter und verstörter Gesichtsausdruck, an dem er erkannte, wie ungewohnt Zurechtweisungen für sie waren.

„Und ob du fertig bist, Massey“, fauchte sie, nachdem sie nach dem ersten Schock ihre Sprache wiedergefunden hatte. „Ich werde mit dir sicherlich nicht die Abgründe meiner Psyche in einer überfüllten und von schwitzenden Menschen bevölkerten Diskothek ergründen und diskutieren.“ Damit war für die Brünette ihre Unterhaltung wohl endgültig beendet, denn sie wandte sich wutentbrannt von ihm ab und verschwand kurzerhand in der Masse der Tanzwütigen.

 

Ihr einmaliger Duft, den er unter Tausenden wiedererkenne würde, stand förmlich in der dicken, schwülen Luft und kroch in seine Nase. Gierig inhalierte er die Mischung aus Kirsche und Nikotin, welche sein Herz zu Höchstleistungen anspornte. James Roddick folgte seiner Kollegin Ophelia, die sich leichtfüßig und galant, wie ein geheimnisvolles Wesen, durch ihre tanzenden Mitmenschen bewegte.

Hypnotisch lief er ihr hinterher, als zöge sie ihn an einer unsichtbaren Leine, doch er konnte nicht anders. James hatte weder Körper, noch Geist unter Kontrolle, wenn sie sich in seiner Nähe befand. Er schlich in ihrem Schatten und ließ sie keinen Moment aus den Augen, aus Angst, ihre Spur zu verlieren.

Die Brünette steuerte eine Sitzgruppe aus Ledermöbeln an. Statt sich jedoch hinzusetzen, blieb sie stehen. Eine brennende Zigarette hing locker in ihrem linken Mundwinkel, während sie geschäftig in ihrer Tasche kramte. Das goldene Armband um ihr Handgelenk klimperte und klang wie ein Windspiel. Bis jetzt hatte sie ihn nicht bemerkt. Erst, als er sich direkt vor sie stellte, schaute die Brünette auf und grinste verwegen.

„Bist du mir etwa gefolgt, Süßer?“, wollte sie vergnügt von ihm wissen und zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Das ist eine überflüssige Frage, Ophelia.“

Darauf entgegnete sie nichts, stattdessen konzentrierte sie sich wieder auf ihre Tasche. Nach ein paar Minuten schien sie endlich gefunden zu haben, was sie suchte, denn sie zog ihre Hand heraus und förderte dabei eine kleine Plastiktüte zu Tage, in der mehrere kleine Pillen zu sehen waren. Er tippte auf Ecstasy.

„Willst du auch eine?“, fragte sie und hielt ihm die Tüte unter die Nase.

„Nein, danke.“

Ophelia zuckte belanglos mit den Achseln, bevor sie einen kräftigen Zug nahm und ihm den Zigarettenrauch ins Gesicht blies. Anschließend öffnete sie mit einer Hand vorsichtig die Plastiktüte und fischte mit ihren filigranen Fingern eine Pille heraus.

„Wo hast du das Zeug überhaupt her?“

„Ich habe meine Connections“, meinte sie mysteriös und nahm die Ecstasypille zwischen Daumen und Zeigefinger. James schluckte hart.

„Du solltest das nicht nehmen.“ Der junge Killer wusste, dass er nicht das Recht hatte seiner Kollegin die Einnahme von Drogen zu verbieten, dennoch hegte er die Hoffnung, dass sie vernünftig werden und auf ihn hören würde.

„Wieso nicht?“

„Weil du heute Nacht schon sehr viel getrunken und geraucht hast.“

„Und das Koks nicht zu vergessen“, spottete sie und verfiel in gehässiges Gelächter.

„Das ist nicht witzig, Ophelia!“ Grob umfasste er ihre Oberarme und sah ihr tief in die blau-grünen Augen.

„Du gefährdest mit diesem Drogenmix deine Gesundheit, interessiert dich das gar nicht?“ Er konnte nicht verhindern, dass er verzweifelt und ängstlich klang. Sein Gegenüber war von seiner Fürsorge wenig begeistert, dass konnte er an der versteinerten und eiskalten Miene erkennen. Keine Sekunde später befreite sich Ophelia auch schon problemlos aus seinem Griff, legte provokant die Pille auf ihre Zunge und schloss den Mund.

„Ich bin eine junge Auftragskillerin, meine Gesundheit ist mir scheißegal.“

„Aber mir nicht. Ich will nicht, dass dir etwas passiert“, widersprach er besorgt. Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und strich mit den Daumen zärtlich über ihre Wangen. Ophelia stierte ihn jedoch hasserfüllt an.

„Wie ich mein Leben führe, geht dich einen Scheißdreck an, Jimmy.“ Dass sie ihn mit seinem verhassten Spitznamen ansprach, zeigte ihm, wie zornig sie war und dass er es mit seiner Bevormundung zu weit getrieben hatte.

„Wir sind kein Paar, also hör auf dich wie mein Freund aufzuführen und mir Vorschriften zu machen.“

„Ich will dir keine Vorschriften machen! Verdammt, ich mache mir doch nur Sorgen um dich, kannst du das nicht verstehen, Ophelia?“ Nach diesen Worten traf ihn ein verunsicherter, fast scheurer Blick, den er von ihr nicht erwartet hätte. Sein Misstrauen war geweckt, doch dies verging, als sie ihn innig küsste.

James´ Herz blieb stehen. Ihm stieg der Duft in die Nase, der ihn angelockt hatte und in Ekstase versetzte. Für ihn blieb die Zeit stehen, denn die Frau, die er liebte, war bei ihm; berührte und begehrte ihn.

„Ach, du bist so ein guter und anständiger Junge, James“, meinte Ophelia, als sie den Kuss beendete. Sie neigte den Kopf und spitzte verführerisch ihre sinnlichen Lippen.

„Schade, dass ich nicht auf gute und anständige Jungs stehe“, raunte sie ihm mit heiserer Stimme ins Ohr, bevor sie ihn gewaltsam zur Seite stieß und davon stolzierte.

 

Die laute Musik bebte über ihrem Kopf und brachte ihre Trommelfelle fast zum Platzen. Der Bass dröhnte im Rhythmus ihres Herzens, das hektisch und unkontrolliert schlug, während bunte, kreisförmige Lichter über ihren Körper wanderten und sie kreidebleich wirken ließen.

Ophelia Monroe tanzte, ausgelassen und hemmungslos. Wild peitschten ihre Haare durch die Luft, als sie ihren Kopf hin und her schwang. Durch die schnellen, exzessiven Bewegungen bildete sich ein Schweißfilm auf ihrer Haut. Sie war wie im Rausch und gefangen in einem Gemisch aus grellen Farben und unerträglicher Hitze.

Flüchtig strich sie sich Strähnen ihres dunkelbraunen Haares aus dem Gesicht und befeuchtete ihre Lippen mit dem letzten Rest Speichel, den sie in ihrer ausgetrockneten Mundhöhle finden konnte.

Ihrem gesamten Körper fehlte Flüssigkeit. Sie fühlte sich, als wandere sie bereits seit Tagen durch eine Wüste, ohne einen Tropfen Wasser. Trotzdem hatte sie ein Hochgefühl, das alles andere in den Schatten stellte. Überglücklich lächelte sie, als sie ihre Arme in die Luft warf und inbrünstig den Song mitsang, der gerade gespielt wurde. Sie wusste, dass das Kokain und Ecstasy der Grund ihres himmelhoch jauchzenden Zustandes waren, denn nicht zum ersten Mal erlebte sie dieses Gefühl völliger Schwerelosigkeit. Die Drogen halfen ihr in eine angenehme Stimmung zu kommen und die Auseinandersetzung mit Patton Massey, die ihr noch immer im Kopf herumschwirrte, in die Tiefen ihres Unterbewusstseins zu verdrängen. Sie wollte sich nicht weiter mit ihrem Gefühlschaos beschäftigen, also erstickte sie es gnadenlos.

Ophelia schloss die Augen und tanzte sich in Trance. Sie hörte das Blut durch ihre Adern rauschen und ihren Puls, der wie verrückt raste.

„HEY!“ Die schrille Stimme, die wie aus dem Nichts kam, ließ sie zusammenzucken und ihre Augen aufreißen.

Vor ihr stand Mickey Suffert mit einem breiten und frechen Grinsen im Gesicht, was ihn, zusammen mit seinen roten Haaren und seiner mickrigen Körpergröße, wie ein Kobold aussehen ließ. Ophelia lachte beinahe laut los.

„Hi“, entgegnete sie stattdessen, bevor sie sich elegant um die eigene Achse drehte. Ihr Kollege kam derweil näher. Seine grünen Augen, mit den verengten Pupillen, waren starr auf sie gerichtet. Sie wusste, dass Mickey scharf auf sie war, schließlich waren seine lüsternen Blicke, die er ihr ständig zuwarf, unübersehbar.

Aber ihr fiel im Traum nicht ein, etwas mit ihm anzufangen. Schon der Gedanke mit ihm zu ficken war lächerlich und löste Ekel in ihr aus, denn in ihren Augen war Mickey Suffert bloß ein unattraktiver, infantiler Mann, der wie eine Hyäne lachte und grässliche Hawaiihemden trug.

Wenn er nicht ihr Kollege wäre, dann würde sie sich überhaupt nicht mit ihm abgeben. Dabei war er, rein charakterlich, genau ihr Typ. Sie hatte nämlich eine Schwäche für böse, erbarmungslose Männer und Mickey gehörte eindeutig in diese Kategorie. Er tötete aus purem Vergnügen und das auf grausamste und brutalste Weise. Durch seine kindische und gedankenlose Art scherte er sich nicht um Vorschriften, Konsequenzen oder Gefahren. Ihm ging es rein um das Quälen und Morden seiner Opfer und das gefiel ihr. Sein lächerliches Äußere machte diese positiven Aspekte seines Charakters jedoch brutal zunichte.

Vielleicht sollte ich ihm verdeutlichen, was er niemals bekommen wird, dachte sie hämisch und warf einen Blick in sein abstoßendes Quadratgesicht. Du willst mich, Suffert? Dann komm und hol mich.

„Lass uns tanzen, Suffert“, schlug sie ihm vor und lächelte hinterhältig, was ihm in seiner fanatischen Begeisterung für sie völlig entging.

Übereifrig packte er sie von hinten, schlang seine Arme um ihre Wespentaille und drängte grob seine Lenden gegen ihren Hintern. Als er sie fest an sich presste, roch sie sein penetrantes, billiges Aftershave, das unangenehm in den Innenseiten ihrer Nase brannte.

Ein unzüchtiges Grinsen schlich sich auf Ophelias Lippen, als sie verführerisch ihre Hüften kreisen ließ. Es dauerte nicht lange und ihre Provokation zeigte Erfolg, denn sie konnte seine Erektion an ihrem Hintern spüren, die immer größer wurde. Mickey leckte sich gierig die Lippen und atmete schwer und stoßweise neben ihrem Ohr.

„Ich weiß, dass du mich ficken willst, Suffert.“

Als sie ihn unvermittelt mit seinem Verlangen konfrontierte, was er mit erbärmlichen Taktiken zu verschleiern versuchte, wurde sein Gesicht puterrot.

„Du begehrst mich schon seit Langem.“ Ihr garstiger Tonfall verriet ihren Unmut über sein heimliches, umherschleichendes Verhalten. „Deine Augen folgen mir. Ich spüre deinen Atem in meinem Nacken. Ich höre deine Schritte.“ Ihr Gesicht verzog sich zu einer angewiderten Grimasse, die dem Rothaarigen nicht aufzufallen schien, denn er begrabschte ganz dreist ihre Brüste.

„Du bist ein geiles, verzogenes Stück“, flüsterte Mickey ihr von hinten zu und übersah völlig ihre Abneigung. Sein heißer Atem auf ihrer Haut verursachte bei ihr ein merkwürdiges Kribbeln, das sie an den Rand des Erträglichen trieb.

„Dein Kompliment ist an Geschmacklosigkeit kaum zu übertreffen“, ächzte Ophelia und schob seine Hände weg. Sie hatte genug von ihren eigenen Spielchen, sie wollte ihren ekelhaften Kollegen nur noch loswerden.

„Was soll das, Ophelia? Ich dachte, dass wir…“

„Dass wir ficken?“, platzte der beißende Spott explosionsartig aus ihr heraus, ehe sie in hysterisches Gelächter ausbrach, das Mickeys Hoffnungen zerschmetterte und sein Selbstbewusstsein in den Grundmauern erschütterte.

Die dunkelhaarige Killerin war fassungslos und entsetzt über seine Naivität und Blindheit in Hinsicht auf seine Anziehungskraft und sexuelle Wirkung auf sie. Glaubt er tatsächlich, dass ich ihm erlaube meinen betörenden und makellosen Körper zu berühren? Dass er mich mit seinen dreckigen Fingern beschmutzen darf? Wenn es nach mir ginge, dann wäre es ihm nicht einmal erlaubt dieselbe Luft zu atmen. Dieses kleine, erbärmliche Männlein ist aus der stinkenden Gosse gekrochen, aus der es stammt, und ist dem Irrglauben verfallen, seine Herkunft sei nicht der Rede wert. Es will in der höheren Gesellschaft mitspielen, aber kaum steht es einer Königin gegenüber, verliert es den Verstand und wird übermütig. Was für ein überschätztes Selbstbild!

Ophelia schürzte die Lippen und scannte zeitgleich mit ihren blau-grüne Augen Mickeys schmächtigen Körper. Sie inspizierten und entlarvten die Fehler, die massenweise bei ihm auftraten: abstehende Ohren, rote Haare, engstehende Augen, um nur ein paar zu nennen.

„Ein lächerlicherer Gedanke, als dieser, ist mir noch nie gekommen, Suffert“, zog sie seine Schwärmerei weiter in den Dreck und verspürte dabei eine Droge, die ihr eigener Körper produzierte: Euphorie. Perfekt machte ihre Stimmung und Überlegenheit die köstliche Genugtuung, die sie empfand, als Mickey Suffert wie ein Häufchen Elend vor ihr stand. Seine Haut war durch den Schock, den er durch ihre Ablehnung erlitt, fahl und wirkte sogar grünlich. Passend zu deinen Haaren, dachte sie für sich und lachte mit einer Mischung aus Hohn und Verdruss in sich hinein. Unsicher, etwas zu sagen, öffnete er inzwischen immer wieder seinen Mund, wie ein stummer Fisch, der aufs Land gekrochen war und nun panisch nach Luft schnappte, um sein armseliges Leben zu retten.

Die Killerin genoss diesen Anblick in vollen Zügen und aalte sich in ihrem Triumph über ihren Kollegen. Bei diesem fiel allmählich der Groschen und er schien zu kapieren, dass es niemals zu einer intimen und sexuellen Beziehung zwischen ihnen kommen würde.

„Warum willst du mich nicht?“, fragte er empört, als sei ihre Ablehnung für ihn völlig abwegig und unerklärlich. Ophelia schnaubte genervt über seine Uneinsichtigkeit, bevor sie ihm antwortete.

„Du willst wissen, warum ich dich nicht will?“, zischte sie, sich ihm nähernd. Mickey nickte eisern. „Weil ich dich verabscheue, Suffert! Du widerst mich an! Deine Existenz macht mich krank und löst Ekel in mir aus!“ Ihre Worte waren für ihn wie ein heftiger, gnadenloser Schlag in die Magengrube. Mit schmerzverzerrtem Gesicht zuckte er bei jeder Silbe zusammen, als tanze er einen irrwitzigen, fremdartigen Tanz.

„Ist dein verkümmertes Hirn dazu fähig diese Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten?“ Mit hochgezogener Augenbraue und verschränkten Armen stierte sie ihn abschätzig an. Mickey reagierte nicht.

„Anscheinend nicht“, murrte Ophelia, wandte sich von ihm ab und ging davon. Sie konnte seinen erbärmlichen Anblick nicht weiter ertragen.  

Für die dunkelhaarige Schönheit war das Ende dieses Abends gekommen. Ihre männlichen Kollegen hatten ihr gründlich die Laune verdorben, da konnten selbst das Kokain und Ecstasy nicht mehr helfen. Frustriert stieg sie die Treppe Richtung Ausgang hinauf.

Unfassbar mit welchen Pussys ich es zu tun habe! Die drei sind Killer, da müsste man meinen, dass sie keinerlei Emotionen in sich aufkommen lassen, aber nein! Sie sprechen von Besorgnis, Liebe und Verlangen, säuseln von Beziehung und Vertrauen. Warum mutieren diese Männer zu Memmen und laufen eingebildeten Gefühlen hinterher, statt sich auf das Töten zu konzentrieren?

Kopfschüttelnd holte sie ihre Lederjacke an der Garderobe ab und klemmte sich eine Treasurer Silver zwischen die Lippen.                                                                                                                   

Genüsslich rauchend verließ sie den Club, begleitet von Enttäuschung und Zorn. Was für eine Partynacht!

 

 

 

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