21

Stumm arbeiteten Hermine und Blaise während ihrer nächsten gemeinsamen Lernstunde vor sich hin. Mehr als eine knappe Begrüßung hatten beide nicht von sich gegeben, zu sehr waren sie mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Genervt las Hermine sich den letzten Absatz, den sie geschrieben hatte, erneut durch. Er sagte gar nichts aus und sie hatte schon fünf Minuten, nachdem sie ihn geschrieben hatte, keine Ahnung mehr, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Seufzend lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück.

"Na, kommst nicht gut voran?", ergriff Blaise die Gelegenheit und legte seinen Stift ebenfalls weg.

"Nicht wirklich", nickte Hermine frustriert. "Ich habe zu viele andere Sachen im Kopf."

"Bin davon eine ich?", erkundigte Blaise sich mit einem neckischen Unterton, doch sofort wurde er mit einem bösen Blick von Hermine bestraft: "Zufällig nein. Ich denke über Pansy nach."

"Ah", kam es leicht enttäuscht von ihm, "was hat sie denn?"

"Das ist nicht an mir zu erzählen, aber ich glaube, sie hat echte Probleme", erwiderte Hermine zögernd. Pansy würde gewiss nicht wollen, dass sie von der Geschichte mit Theo sprach, selbst gegenüber Blaise nicht.

"Geht es um Theo?", hakte Blaise jedoch ungerührt nach.

Überrascht hob sie eine Augenbraue: "Ja, schon. War das geraten, oder ...?"

Ein gequältes Grinsen erschien auf seinem Gesicht: "Ich vermute, Pansy hat dir ihre Seite von der Geschichte erzählt, die ich von Theo gehört habe."

"Oh."

Stumm schauten beide auf ihre Hände, während Hermine verarbeitete, dass Blaise offensichtlich ebenfalls Bescheid wusste. Sie wusste, es war nicht richtig, über andere so zu reden, doch sie war einfach zu neugierig: "Und ... was hat er gesagt?"

Sie konnte sehen, dass Blaise offenbar auch mit sich rang, ob er etwas sagen durfte, doch schließlich gab er nach: "Naja, er ist halt in Pansy verliebt. Und er bereut das Ganze furchtbar. Er denkt, dass Pansy ihn jetzt hasst und dass er sich auf immer alle Chancen verbaut hat. Er glaubt, dass er sie ausgenutzt hat."

Hermine fiel ein Stein vom Herzen. Wenn Theo so dachte, dann hatten er und Pansy definitiv eine Chance zusammen. Ein freudiges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie erzählte: "Pansy denkt ebenso. Sie denkt, sie hat ihn ausgenutzt und macht sich Vorwürfe. Ich habe ihr geraten, dass sie mit Theo reden soll. Und dass sie mal nachdenken soll, ob sie nicht seine Gefühle erwidert. Was sie übrigens meiner Meinung nach tut."

"Ehrlich?", kam es ebenso erfreut von Blaise: "Ich habe Theo auch gesagt, dass er es wie ein Mann nehmen soll und mit Pansy reden muss."

"Zwei Dumme, ein Gedanke ... oder so", sagte Hermine grinsend. Ihre Laune hatte sich schlagartig verbessert, nachdem sie sicher sein konnte, dass es ein Happy End für Theodore und Pansy geben konnte. Mit einem warmen Lächeln schaute sie Blaise an.

"Hermine...", flüsterte der, seine Stimme klang plötzlich rau, "meinst du nicht ... oder besser ... hat sich deine Einstellung geändert seit unserem letzte Gespräch?"

Hermine spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss und sie war unfähig, ihm in die Augen zu sehen. Natürlich wusste sie, dass Blaise immer noch Gefühle für sie hatte, aber nachdem er sie nun längere Zeit nicht mehr direkt damit konfrontiert hatte - genauer gesagt, seit dem heißen Kuss nicht mehr - hatte sie es bequemerweise stets übersehen. Jetzt griff er nach ihrer Hand und zog sie zu sich auf seinen Schoß.

"Ich meine es wirklich ernst mit dir. Wirklich ernst", flüsterte er ihr leise ins Ohr, während er seine Arme fest um sie schlang. Hermines Herzschlag beschleunigte sich. Unsicher blickte sie ihn an, direkt in diese dunklen Augen, die sie so voller Liebe und Wärme musterten. Ihr schauderte.

"Blaise", sagte sie ebenso leise, "ich ..."

Doch ehe sie etwas sagen konnte, hatte er eine seiner großen Hände auf ihre Wange gelegt und sie zu sich runter in einen langen, liebevollen Kuss gezogen. Unwillkürlich schloss Hermine die Augen, gab sich ganz dem Gefühl seiner weichen Lippen und seiner kraftvollen Hand auf ihrer Hüfte hin. Sie genoss diesen Kuss, diese Aufmerksamkeit, dieses Gefühl, dass ein Mann sie wirklich begehrte und liebte. Ganz langsam löste sie sich schließlich aus dem Kuss, die Augen noch für einen Moment länger geschlossen, ehe sie Blaise wieder direkt ansah.

"Du bist ein wundervoller Mensch, Blaise", flüsterte sie benommen, "du bist so gut zu mir, wie kaum ein anderer je zuvor war. Aber ... ich kann einfach nicht sagen, ob ich wirklich Liebe für dich empfinde. Ich habe einmal den Fehler gemacht, meine Gefühle falsch zu deuten und das hat dazu geführt, dass ich ewig Ron nachhing. Ich will denselben Fehler nicht nocheinmal machen. Ich will mich nicht vorschnell in etwas stürzen, dessen ich mir nicht ganz sicher bin."

Unsicher schaute sie ihn an, doch Blaise lächelte nur beruhigend zurück: "Das ist völlig in Ordnung. Das ist mehr als zuvor und es reicht mir für den Augenblick. Eines Tages kriege ich dich schon rum."

Lachend versetzte Hermine ihm einen spielerischen Schlag, ehe sie zu ihrem Stuhl zurückkehrte und sich wieder ihrem Aufsatz widmete. Den traurigen Blick von Blaise bemerkte sie nicht mehr.

oOoOoOo

Laute Stimmen von der Treppe, die ins nächste Stockwerk führte, drangen an Dracos Ohr und brachten ihn dazu, in seinen eiligen Schritten inne zu halten. Waren das Weasley und seine Freundin, die er da streiten hörte?

"Ich verstehe nicht, was du meinst!"

Ja, das war eindeutig das Wiesel, dieser weinerliche Tonfall konnte nur ihm gehören.

"Oh, ich bitte dich, Ron!", kam es aufgebracht von dem anderen Mädchen. "Ich wusste ja von Anfang an, dass du auf Hermine stehst, aber ich dachte, dass ich dich schon davon abbringen kann. Offensichtlich ja nicht."

"Was hat denn Hermine mit uns zu tun?", hörte Draco die verwirrte Erwiderung.

"Alles! Selbst ein Blindfisch sieht, dass du noch in sie verliebt bist!"

Ihm stockte der Atem. Er hatte nie die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass Weasley selbst in Hermine verliebt sein könnte, immerhin war er in festen Händen. Hermine hatte zwar gesagt, dass sie nicht mehr in Weasley verliebt war, doch was war, wenn er zu ihr kam und ihr seine Gefühle gestand? Konnte er sicher sein, dass sie dann nicht doch schwach würde?

"Das stimmt nicht! Lavender! Ich liebe nur dich! Ehrlich!"

"Nein, Ron!", kreischte das Mädchen hysterisch. "Ich kann dir das nicht glauben. Es ist aus. Du musst gar nicht versuchen, es zu retten! Ich bin keine zweite Wahl!"

"Lavender!"

Die Stimmen entfernten sich, während Draco wie erstarrte auf dem untersten Treppenabsatz verharrte. Ronald Weasley war also wieder verfügbar. Wie würde Hermine darauf reagieren?

Und vor allem: Was sollte er nun tun? Er wusste, Hermine würde sich nur auf ihn einlassen, wenn er es ernst mit ihr meinte. Wenn er eine Beziehung mit ihr einging. Wenn er ihr das Gefühl gab, dass er sie nicht nur jetzt, sondern zumindest auch in einigen Monaten noch wollte. Aber wollte er das? Konnte er das?

Was hält mich eigentlich ab? Ich will doch sowieso kein anderes Mädchen als sie. Ist ja nicht so, dass ich meine Freiheit, mit anderen Mädchen was anzufangen, aufgebe, wenn ich mich ernsthaft auf Hermine einlasse ... ich will ja mit niemandem etwas anfangen als mit ihr.

Immer noch erstarrte blickte Draco auf die kalten Steinstufen. Tatsächlich. Er hatte sich nie auf eine Beziehung einlassen wollen, weil er sich die Option auf andere Mädchen hatte offen halten wollen. Aber die waren ihm egal. Er wollte Hermine, sonst keine. Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Wann war das passiert?

Egal. Alles völlig egal. Ich muss Hermine jetzt sicher stellen, sonst kommt mir das dumme Wiesel noch zuvor! Sie gehört mir!

oOoOoOo

Es dauerte jedoch noch bis zum nächsten Samstag, ehe Draco eine Gelegenheit fand, mit Hermine alleine zu reden. Früh am Morgen ergriff er die Gelegenheit, Hermine, die alleine am Gryffindorhaustisch saß und ihr Frühstück einnahm, anzusprechen.

"Das Buch war gut", eröffnete er ohne Umwege das Gespräch. Hermine blickte überrascht zu ihm auf. Da war er schon wieder, kam absichtlich zu ihr, in die Höhle des Löwen, nur um mit ihr zu reden. Er war dabei alles andere als höflich, aber dennoch. Er kam zu ihr. Sie konnte nicht anders, als sich geschmeichelt fühlen.

Mit einem gespielt bösen Blick erwiderte sie: "Ja, Hallo, dir auch einen schönen guten Morgen!"

"Ja, ja", gab er ungeduldig zurück, während er sich ohne Einladung neben ihr auf der Bank niederließ, "guten Morgen, schönes Wetter heute, hast du gut geschlafen?"

"Oh, du bist ein Meister des Smalltalks, wahrlich, solch eine Begabung. Wie hast du das nur immer verstecken können?", schoss Hermine amüsiert zurück. Sie konnte ihm einfach nicht böse sein, nicht, nachdem sie inzwischen sicher sein konnte, dass sie bei jeglicher Flirterei kein schlechtes Gewissen wegen Pansy haben musste. Es war so viel entspannter, die Entwicklung ihrer Beziehung abzuwarten, ohne sich ständig schlecht fühlen zu müssen.

"Ich bin eben voller Überraschungen, meine Liebe", säuselte Draco zurück, doch er ließ sich nicht beirren. "Nein, ehrlich, Granger. Das Buch, das du mir geschenkt hast, Dracula, das war wirklich gut. Ich hätte niemals gedacht, dass ein Muggel-Schriftsteller so ein interessantes Bild von einem Vampir zeichnen könnte."

Hermines Herz schlug höher - wollte Draco wirklich mit ihr über eines ihrer Lieblingsbücher reden? War da etwa tatsächlich endlich ein Mensch, mit dem sie ihre Leidenschaft teilen konnte? Enthusiastisch ließ sie sich auf das Gespräch ein: "Ja, das hat mich auch überrascht, als ich es das erste Mal gelesen habe. Anfangs hat mich ja eher der Stil gefesselt, diese Idee, in Briefen und Tagebüchern zu schreiben, das ist so gut gelungen."

"Naja, für die Zeit damals war das nicht zwingend originell", gab Draco zurück. Er nippte kurz an seinem schwarzen Kaffee, dann fuhr er fort: "Aber ich gebe zu, Bram Stoker hat es gut umgesetzt. Die meisten Autoren haben früher keinen Hehl daraus gemacht, dass sie eine Geschichte erzählen, aber bei ihm wirkt es so viel ... authentischer!"

"Ich weiß!", nickte Hermine begeistert. "Und auch seine weibliche Hauptperson. Mina! Wie ich sie vergöttere. Sie ist nicht das typische Weibchen, das aus allen möglichen und unmöglichen Situationen gerettet werden muss. Sie ist klug und mutig und leistet wirklich einen wichtigen Beitrag zur Geschichte. Das ist so fortschrittlich für einen Autor, der im neunzehnten Jahrhundert geschrieben hat!"

Sie hielt inne - warum schaute Draco sie so merkwürdig an? Hatte sie was im Gesicht?

"Ist irgendwas?", fragte sie verunsichert.

Ein nachsichtiges Grinsen erschien auf seinem Gesicht: "Granger, du hast keine Vorstellung, wie attraktiv du bist, wenn du von irgendetwas schwärmst. Wirklich. Wenn du wüsstest, wie bezaubernd du aussehen kannst, würdest du alle Männer hier im deinen kleinen Finger wickeln können!", erklärte er lachend. "Mein Glück, dass dem nicht so ist, da kann ich das alles für mich alleine haben."

Sie lief leuchtend rot an. Dass ausgerechnet Draco Malfoy ihr so ein Kompliment machen würde, so gerade heraus, ohne jede Scham, war einfach unfassbar. Sie räusperte sich und zwang ihre Stimme zu einem tadelnden Tonfall: "Neck mich nicht, ich glaube dir eh kein Wort."

"Ich weiß", gab Draco zurück und sein Grinsen wurde noch breiter, "und gerade darum macht es mir ja so viel Spaß, dir Komplimente zu machen. Das verwirrt dich, du wirst rot und glaubst mir nicht. Vollständiger Sieg für mich."

"Draoc!", zischte Hermine, die inzwischen bis zu den Ohrenspitzen glühte. "Lass das. Wenn du nicht sofort aufhörst, rede ich kein Wort mehr mit dir."

Statt einer Antwort beugte Draco sich nur vor und legte ihr einen Finger unter ihr Kinn, um sie zu zwingen, ihm in die Augen zu schauen: "Es macht mir zu viel Spaß, dich zu ärgern. Deine Reaktionen sind so echt, es ist einfach nur süß. Tut mir leid. Da musst du durch."

Ehe sie reagieren konnte, hatte er ihr einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze gesetzt und sie wieder losgelassen.

"Malfoy!", knurrte Hermine, die wünschte, es gäbe einen Zauber, mit dem sie sich in eine Maus verwandeln konnte, um in einem Mauseloch zu verschwinden. "Das ... das ist nicht lustig."

"Doch, sehr sogar", grinste jener selbstgefällig. "Ich verstehe deine Aufregung gar nicht, ist ja nicht der erste Kuss, den du von mir bekommen hast. Oder willst du etwa noch mehr?"

"Spiel nicht mit mir", hauchte Hermine mit zittriger Stimme, "bitte, spiel nicht mit mir."

Dracos Herzschlag setzte einen Moment aus. Da saß Hermine Granger vor ihm, die stets korrekte Streberin, die sich so selten aus der Fassung bringen ließ, immer einen frechen Konter auf den Lippen hatte und ihn nach den ersten heißen Küssen, die sie ausgetauscht hatten, kühl und berechnend hatte stehen lassen - und wirkte mit einem Mal so verletzlich. Ihre geröteten Wangen, die in den Rock gekrallten Hände, ihr gesenkter Blick, die Brust, die sich bei ihren schnellen Atemzügen hob und senkte, alles an ihr wirkte mit einem Mal zerbrechlich, offen und gar nicht mehr stark. Er hatte das Bedürfnis, sie in seine Arme zu schließen, ihr zu versichern, dass er es niemals wagen würde, mit ihr zu spielen, dass er sie beschützen würde.

Doch er konnte nicht.

Frustriert ballte er seine Hände zu Fäusten. Warum fiel es ihm so schwer, über seinen eigenen Schatten zu springen? Jetzt war die einmalige Gelegenheit, ihr zu zeigen, dass er es ernster meinte als zuvor. Doch er wusste nicht, was er sagen sollte. Alles, was ihm in den Kopf kam, klang so falsch. Langsam erhob er sich von der Bank.

"Das war nicht meine Absicht", sagte er leise, ohne selbst genau zu wissen, was er damit eigentlich meinte. Hermine antwortete nicht, schaute ihn nicht einmal an. Wütend auf sich selbst trottete er davon. So würde er sie gewiss nicht vor Weasley kriegen.

Mit glasigem Blick schaute Hermine ihm nach. Diese flirtende Seite von Draco war einfach zu viel für sie. Sie wusste, wie viel Erfahrung er mit Mädchen hatte, wie gut er darin war, Komplimente zu verteilen und Herzen zu erobern. Und obwohl sie ihm nicht verfallen wollte, konnte sie nicht anders, als sich von seinen Worten und Taten geschmeichelt fühlen. Warum war sie die einzige, die Herzklopfen und Atemnot bekam, wenn sie miteinander sprachen? Warum konnte er so locker mit ihr flirten, als ob es gar nichts bedeutete? Hieß das nicht, dass er es nicht ernst mit ihr meinte? Und warum zog der Gedanke, dass er es nicht ernst mit ihr meinte, sie so runter? Das hatte sie doch vorher nicht so gestört!

Es war gut, dass ich Blaise gestern abgewiesen habe. Das hier ist einfach zu verwirrend. Warum reagiere ich so empfindlich auf Draco, wenn ich in derselben Situation mit Blaise so ruhig bleiben kann?

Wem wollte sie etwas vormachen? Sie kannte die Antwort auf ihre Frage. Unglücklich klammerte sie sich an die große Schale mit Milchkaffee und blickte Draco trübsinnig hinterher.

Warum gerade er?

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