21. Plötzlich fort - Samuel

War mir je so schlecht gewesen? Ich starrte auf die Stelle wo Nida eben noch gestanden hatte. Nur einen Augenaufschlag später war die fort. Mein Wolf war augenblicklich dabei durchzudrehen.
Hatte ich wirklich geglaubt, er würde mir erscheinen? Hatte ich überhaupt geglaubt, er würde auftauchen? Das er es tat, erklärte alles.
Selten hatte er sich eingemischt, und wenn dann nur in bedeutenden Ereignissen der Wandlergeschichte. Doch nun kam er wegen einer einfachen Wölfin. Niemals. Sie musste mehr sein. Viel mehr als wir geglaubt hatten.
Mein Magen verkrampfte sich, ich hatte mühe den Wolf unter meiner Haut zu lassen. Er kratzte und Biss, wollte hinaus und nach ihr suchen. Eine suche die nur in Verzweiflung enden würde. Denn es gab nichts zu finden. Sie stand vor mir und tat es auch nicht. Ich konnte sie am Rande unserer Verbindung spüren. Leicht wie ein Windhauch.
Ich verschränkte die Arme und starrte auf den Teich. Was auch immer sie besprachen, es würde Zeit kosten. Mein Blick viel umher. So eingefallen hatte ich die alte Kirche nicht in Erinnerung. Andererseits war es Jahre her, das ich sie das letzte Mal betreten hatte. Ein Besuch, der so nutzlos wie enttäuscht verlaufen war.
Als ich meinen Bruder gesucht hatte, als ich alles daran gesetzt hatte ihn endlich zu finden. Doch jede Spur im Sand verlaufen war. Ich hatte zu ihm gesprochen, ihn gebeten mir ein Zeichen zu geben, dass ich nicht nach einem Geist suchte. Doch es war nie etwas gekommen. Erst sechs Monate später, hatte ich durch viele Recherche endlich Ian gefunden. Meinen verlorenen Bruder.
»Samuel«, hörte ich Ian am Rande unserer Verbindung. Ich nährte mich ihm.
»Ian.«
»Er weiß es.« Ich knirschte unwillkürlich mit den Zähnen. Natürlich wusste ich das Gideon früher oder später an die Nase bekommen würde, das wir uns unbefugt weit außerhalb unserer Linien befanden, doch wäre mir später, weit mehr gelegen gewesen. »Er kommt.«
»Er?« Der Wächter in mir knurrte bei der Information. Er ließ die Sicherheit unseres Reviers hinter sich, begab sich in Feindliche Territorien. Ein Risiko das ich verursacht habe, da ich meinem Weib nicht die Grenze aufzeigen konnte. Ich konnte nur hoffen, dies nicht bereuen zu müssen.
»Und wir.« Also waren fast alle dabei. Sie würden ihn sicher nicht alleine laufen lassen.
»Verstanden. Ian ...« Weiter kam ich nicht. Mit einem Stoß viel ich nach vorn, konnte mich gerade noch so abfangen und ausweichend zur Seite rollen.
Ich war so in Gedanken gewesen, dass ich den Feind nicht kommen sehen hatte. Vor mir stand ein Mann so groß wie ich. Die Fäuste geballt. Schwarze Augen. Ein Wildling.
Er stand da und sah mich an. Ich kam umgehend hoch und baute mich auf. In der Gegend gab es viele von ihnen. Freie Wölfe ohne Bindung. Einer gefährlicher als der andere.
„Wo ist dein Weib?“ Ein boshaftes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Man sah ihm an, welche abartigen Dinge er sich bereits vorgestellt hatte, die er mit ihr machen könnte.
Nun war ich es der zu grinsen begann. Mein Wolf war augenblicklich ruhig. Machte sich bereit für den kommenden Kampf. Er hatte keine Ahnung, wen er vor sich hatte, keine Ahnung was ich ihm antun würde, allein wegen seiner Vorstellung über meine Frau.
Die Verwandlung hatte nicht mehr als Sekunden gedauert, kaum danach stießen unsere beiden Körper hart aufeinander. Er war ein großer Wolf und mochte stark sein, doch ich war stärker. In Sekundenbruchteilen hatte ich ihn gepackt und herumgerissen. Er jaulte auf. Doch auch ihm war das Kämpfen nicht fremd. Er windete sich aus meinem Biss und stieß mich um, nur um gleich darauf mein Hinterbein zu packen.
Schmerz fuhr mir durch die getroffene Stelle, doch es war nicht im Vergleich zu der Sorge um Nida.
»Samuel!« Gideons Stimme war klar zu hören. Ich hatte die geistige Distanz durch den Kampf verloren.
»Gleich.« Er wusste von dem Kampf. Ich konnte es anhand seiner Wut und sorge in ihm erkennen. Eine unberechtigte Sorge. Zu oft hatte ich Ärsche wie seinen aufgerissen.
Ich riss mich einfach los, auch in dem Wissen das es, da es ein Wolfsbiss war, nicht schnell heilen würde. Schon hatte ich mich umgewendete und war wieder bei ihm. Er drängte ihn bis zu einer Wand und Biss ihm in die Schnauze. Wieder in Sekunden verwandelte ich mich und schlug zu. Direkt auf seinen Kopf. Er taumelte und verwandelte sich ebenfalls. So ging der Kampf weiter, doch hatte ich noch längst nicht begonnen, ihn leiden zu lassen.

Ich rieb mir die Wunden Hände. Die Bisse waren verheilt. Der Mann unter mir halb Tod. Er hatte gut gekämpft, war jedoch nicht annährend so gut in form wie ich. Blut glitzerte in seinen schwarzen Haaren, sein Gesicht geschwollen. Würde ich ihn am Leben lassen? Wohl eher nicht.
„Du wirst sterben“, hustete er Blut.
„Etwas was du nicht mehr erleben wirst, schätze ich.“ Er lachte hustend. Ich konnte mir denken was dies zu bedeuten hatte. Er hatte Leute da draußen. Leute, die auf dem Weg zu uns waren.
Ich beschloss endgültig Schluss zu machem, kniete mich hin und mit einem Ruck brach ich sein Genick.
»Ich bekomme besuch.«
»Zurück«, befahl Gideon.
»Das kann ich nicht.« Er sagte nichts weiter, denn er wusste warum. Ich schleppte den Kerl hinter einem Trümmerhaufen. Wenn nieder ihn sah würde sie noch erneut einen Nervenzusammenbruch erleiden. Etwas, was ich nicht so schnell wiederholen wollte. Es wäre sowieso unausweichlich, das sie davon erfuhr.
Ich wusch mir die Hände im Wasser des Teichs und ging zurück an die Stelle, wo ich eben noch gestanden hatte.
Mein Wolf war unruhig. Wie weit seine Freunde wohl entfernt waren? Wie weit auch immer es war. Ab einer gewissen Anzahl, konnte ich mein Weib nicht schützen.
Knurrend blickte ich mich um. Nida ließ sich außergewöhnlich lang Zeit. Schweiß perlte mir die Stirn hinab. Würde Gideon es schaffen rechtzeitig hier zu sein? Es würde noch mindestens eine halbe Stunde dauern. Zu viel Zeit für so wenig Vorsprung. Ein Hauch ließ mich zurück zu der Stelle blicken, wo Nida eben gestanden hatte und tatsächlich, da war sie.
„Nida.“ Sie wendete sich schnell zu mir um. Ihr Geischt gefasst und doch besorgt.
„Wir - wir bekommen Probleme.“

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