23. Dezember

Pünktlich wie verabredet stand Draco am nächsten Abend erneut vor der Wohnungstür von Hermine. Er hoffte sehr, dass er nicht dasselbe Desaster wie am Sonntag erleben würde, denn wenn sie sich erneut so stur stellen würde, riss sein Geduldsfaden ganz sicher.

„Hey“, sagte sie leise, als sie auf sein Klopfen hin die Tür öffnete. Zu seiner Erleichterung konnte er schon durch den Türspalt hindurch sehen, dass sie fertig angezogen war, die Haare hochgesteckt, das obligatorische Frauenhandtäschchen über der Schulter hängend.

„Guten Abend, schöne Frau“, erwiderte er mit einem neckenden Unterton: „Sind Wir heute bereit für ein Abendessen mit diesem attraktiven, jungen, begehrenswerten Mann, oder verscheucht seine imposante Ausstrahlung Euch erneut?“

Seine lockeren Worte führten dazu, dass Hermine die Tür gänzlich öffnete, die Fäuste in die Hüften gestemmt, und ihn gespielt wütend anfunkelte: „Der Herr kann wohl kaum erwarten, dass eine Dame immer springt, wenn er mit dem Finger schnipst. Wenn Ihr weiter so unhöflich seid, wird diese Dame es sich vielleicht tatsächlich anders überlegen.“

Erleichtert, dass er die sichtbare Anspannung bei Hermine hatte lösen können, hielt Draco ihr breit grinsend die Hand hin: „Das will ich doch unter keinen Umständen riskieren. Nun denn, wertes Fräulein, wollen wir uns auf den Weg machen?“

Ebenfalls grinsend ergriff sie seine Hand und im Nu hatte er sie Seit-an-Seit in die Winkelgasse appariert. Da sie kein Restaurant vorgeschlagen hatte, führte er sie erneut in jenes, in dem sie ihr erstes gemeinsames Mittagessen am Samstag eingenommen hatten. Zufrieden lächelnd ließ Hermine sich von ihm an denselben Tisch führen.

Nachdem sie ihre Bestellung beim Kellner aufgegeben hatten, legte Hermine ihre Ellbogen auf dem Tisch ab und schaute Draco intensiv an. Unbehaglich wand er sich unter ihrem Blick: „Habe ich etwas im Gesicht?“

„Nein.“

„Das ist keine befriedigende Antwort. Was ist los, Granger? Warum starrst du so?“

„Ich gleiche dein jetziges Aussehen mit dem zu Schulzeiten ab.“

„Ah“, machte er verständnislos: „Und warum?“

„Um herauszufinden, warum ich dich plötzlich gutaussehend finde“, erklärte sie, als sei es die normalste Sache der Welt: „Entweder du sahst schon immer gut aus und es ist mir nie zuvor aufgefallen, oder du hast dich wirklich positiv verändert. Falls ersteres der Fall ist, fragt sich, warum es mir noch nie aufgefallen ist. Entweder es liegt daran, dass du in Hogwarts unausstehlich zu mir warst und dein Verhalten dich einfach hässlich gemacht hat, oder aber meine Vorurteile dir gegenüber haben verhindert, dass ich dich richtig sehe.“

Ungläubig starrte Draco sie an: „Wie kann ein einziger Mensch so abstruse Gedankengänge haben. Ehrlich, Granger, warum denkst du über so etwas nach?“

„Weil ich Männer, die ich für gutaussehend halte, eben attraktiv finde. Attraktiv wie in anziehend. Interessant.“

Da. Sie hatte es gesagt, es war raus. Beinahe hätte Draco ihr stolz auf die Schulter geklopft, dass sie endlich dazu stehen konnte, dass sie über ihn genauso dachte, wie er über sie. Aber dazu war er viel zu überwältigt von der Menge an Glücksgefühlen, die plötzlich auf ihn einströmten. Er konnte nicht anders, als sie mit offenem Mund ansehen. Wenn er sich so sicher gewesen war, dass Hermine sich für ihn gleichermaßen interessierte, warum fühlte er sich jetzt so erleichtert, so beschwingt, als sei ein Berg von seinen Schultern gefallen?

Egal, was zählte, war, dass sie es gesagt hatte.

„Oh, du musst nicht so schauen“, fuhr sie fort, und nun klang ihr Tonfall nicht mehr so gelassen wie zuvor: „Ich weiß schon, das gefällt dir nicht, dass ich dich interessant finde. Keine Sorge, ich bin keine Lydia, die dir mit Kulleraugen nachlaufen wird. Wir werden uns ja jetzt eh ein paar Wochen nicht sehen, bis dahin hat sich meine Verirrung auch gelegt.“

Genauso gut hätte Hermine einen Kübel eiskalten Wassers über ihm ausgießen können. Dachte sie wirklich, dass er ihre Gefühle schlimm fand? Und meinte sie es ernst, dass sie das selbst so schnell wie möglich abschütteln wollte?

„Granger“, knurrte er verärgert: „Das kann doch nicht dein Ernst sein.“

„Was denn?“, kam es aufgebracht von ihr: „Du hast doch seit Tagen nichts anderes getan als zu versuchen, mich dazu zu bringen, meine Gefühle vor dir laut auszusprechen. Ich kann doch auch nichts dafür, dass es so ist. Und du wolltest das doch hören. Also, warum beschwerst du dich jetzt?“

Es kostete Draco alle Kraft, seine kalte Mauer wieder um sich herum aufzubauen. Konnte ein einzelner Mensch wirklich so begriffsstutzig sein? Und waren Hermine ihre eigenen Gefühle wirklich so unangenehm, dass sie alles daran setzen würde, sie wieder loszuwerden?

„Lass uns lieber über etwas anderes reden, okay?“, schlug er vor. Er brauchte neutrales Terrain, damit er Zeit hatte, seine Gedanken zu sortieren: „Was machst du morgen an Heilig Abend?“

Offensichtlich erleichtert ließ Hermine sich auf den Themenwechsel ein: „Ich feiere im Fuchsbau mit Ron und Harry.“

„Du feierst nicht mit deinen Eltern?“

„Ach, irgendwie hatte ich das Gefühl, dafür inzwischen zu alt zu sein. Der Sack vom Weihnachtsmann unterm Tannenbaum und so … das ist nichts mehr für mich. Stattdessen fahre ich dann übermorgen zum Gänsebraten heim.“

„Und warum feierst du bei den Weasleys? Ist das nicht komisch, bei einer fremden Familie Heilig Abend zu verbringen?“

„Was heißt denn hier fremd?“, fragte Hermine empört: „Ich habe so viele Ferien dort verbracht, dass alle wie eine zweite Familie für mich sind.“

Nachdenklich rieb Draco sich das Kinn. Er war dankbar, dass endlich ihr Essen kam, denn so, wie sich dieser Abend entwickelt hatte, würde er es nicht mehr lange in der Gegenwart von Hermine aushalten. Alles in ihm schrie danach, einfach zu ihr rüber zu gehen und sie zu küssen. Doch die Tatsache, dass sie ihre eigenen Gefühle furchtbar fand, verpasste seiner Euphorie einen gehörigen Dämpfer. Während er langsam sein Steak verspeiste, dachte er angestrengt darüber nach, welche Möglichkeit er hatte, Hermine davon zu überzeugen, dass er nicht nur ihre Gefühle erwiderte, sondern darüber hinaus auch ein wirklich guter Kandidat für sie war.

Und mit einem Mal hatte er eine zündende Idee.

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