23. Ruinen vergangener Zeiten

Die Schönheit der Ikantjey, der Königin der Wüsten, ist verblasst, als sich Tchaveskov Ascarna entschied, sich die Länder ihres Volkes wieder zu Eigen zu machen. Doch die Macht dieser Stadt verging nicht, sondern wurde ein Teil des Volkes der Sphinxe. Und nun gibt es viele Königinnen und noch mehr Könige. Die Sonne der Sphinxe hat erst begonnen zu strahlen und ist noch lange nicht am Höhepunkt ihres Laufes angelangt.

Aus „Über die Sphinxe“

 

 

 

Mearestjohrg verstand seine Schwester Hadassa nicht. Für ihn war es nicht nachvollziehbar, warum sie freiwillig dem Tchaveskov diente. Tchaveskov Kahlivobh mochte ein mächtiger Krieger sein, doch gab es andere Eigenschaften, die ihm fehlten. Wenn Mearestjohrg seinen Herrn Astjolivt daneben betrachtete, stellte er fest, dass der junge König mit einem Übermaß an Selbstbewusstsein, Stolz, Tatendrang und Ehrgeiz gesegnet war, ihm jedoch Astjolivts Weisheit und gute Führungsqualitäten fehlten.

Seine Schwester sah viel, doch aus irgendwelchen Gründen hatte sie sich dazu entschlossen, über die offensichtlichen Fehler ihres Herrn hinwegzusehen.

Der Schwanz des Löwen peitschte durch den Sand, während er über die Wüsten blickte. Es waren die zentralen Wüstengebiete Ikantjeys, die sich im Süden ausbreiteten. Welten von Sand und Dünen, die sich vor ihm ausbreiteten und den Horizont erfüllten. Wenn er dagegen den Blick gen Norden wendete, war es ihm möglich, den fernen Schatten der Naswhryth zu erblicken.

Früher war das Land um die Ketten von roten Felsen eine Landschaft der Steppen gewesen, in der wilde Pferdeherden und Gazellen grasten. Doch hatte sich die Wüste nach Norden hin ausgebreitet und das einstige fruchtbare Land der Tahiha hatte sich in Wüste gewandelt. Geblieben waren nur die Naswhryth, die rote Felsenkette, die im Volksmund nur die „Augen des Mondes“ genannt wurden.

Doch war dieser Ort, an dem die Luft von heißem Wüstenwind gefüllt wurde, bedeutend für die Geschichte der Sphinxe. Denn hier hatte sich einst die Stadt Ikantjey erhoben, einst die Hauptstadt der Sphinxe, waren sie nun nur noch Ruinen, vom Lauf der Zeit unter Sand vergraben. Nur wenn ein Sandsturm über die Wüsten toste, legte er die Ruinen frei und man konnte den Duft der bedeutungsschweren Geschichte und die kaum wahrnehmbaren Rufe der Vergangenheit vernehmen.

Hundertneunzehn sphinxische Jahre war es nun her, seitdem Tchaveskov Ascarna das Volk der Sphinxe von den Städten wieder zurück in die Wildnis geleitet hatte und ihnen somit ihre Natur als Jäger der Wüsten zurückgegeben hatte. Zu keinem anderen Zeitpunkt unterschieden sich die Löwen mehr von ihrer Identität damals als heute. Nun waren sie wahre Söhne und Töchter der Wüsten und Steppen Ikantjeys, nun hatten sie das erreicht, für das Ascarna zeit ihres Lebens gekämpft hatte.

Dieser Ort war bedeutend, ein Platz der Veränderung und des Neuanfangs. Es war interessant, dass Tchaveskov Kahlivobh diese Ruinen für die Zusammenkunft der Bentjavkil, der Landesfürsten, als Ritjost, dem Rat, ausgewählt hatte.

Doch noch blieb Zeit, Zeit zu warten. Denn waren noch längst nicht alle Bentjavkil eingetroffen. Das Land der Sphinxe war gewaltig und so dauerte es mehrere menschliche Monate bis sich alle versammelt hatten. Mearestjohrgs Bentjavkil, Astjolivt, war einer der Ersten gewesen, weil er einen relativ kurzen Weg von den Ländern der Astira, die ihm unterstanden, bis hierher hatte.

Doch blieb dennoch die Frage bestehen, ob es etwas Gutes oder etwas Schlechtes zu bedeutet hatte, dass die Versammlung ausgerechnet an diesem geschichtsträchtigen Ort stattfinden sollte.

 

 

 

 

Ihr Mann würde einen guten König abgeben, stellte Alsra zum wiederholten Male fest. Das Verständnis und die Freundlichkeit, mit der er mit seinen Mitmenschen umging, war ein solch hervorragender Charakterzug. Er war vollkommen ruhig, gelassen und unterstrich seine Position mit Gesten.

Aufrecht saß Elieser auf dem Thron seiner Väter und beugte sich vor, wenn ein Bittsteller seine Worte vorsprach, um ihn besser zu verstehen oder damit der Höflichkeit Genüge getan wurde. Bis auf die orangefarbenen Linien, die im Lichte der Fackeln schimmerten, trug er keinen Schmuck, die seinen Stand offensichtlich werden ließ.

 Doch gab es einige Bräuche der Zwillingsreiche, die sich der Arthergerin nicht auf den ersten Blick erschlossen. Dieses Land war so anders von ihrer Heimat, die Menschen besaßen eine ganz andere Denkmentalität, die so viel einfacher und unkomplizierter war.

Vielleicht kam daher auch ihr Unwohlsein. Als Arthergerin hätte sie es niemals gewagt, sich auf den Thron der Königin oder auch nur auf den der Herzogin zu setzen, es war ein striktes Verbot, das die Zwillingsreichler jedoch nicht so ernst nahmen.

Und so saß die geborene Arthergerin auf dem Thron der Königin der Zwillingsreiche und sprach Recht und beruhigte das Volk. Sie alle wussten, dass ihr Land sich im Kriegszustand befand. Spätestens erkannten sie es daran, dass Elieser ebenso wie sie selbst die Haare offen trug, wie es nur im Krieg getan wurde.

Alsra betrachtete ihren Mann aus den Augenwinkeln. Sein Gesichtsausdruck war ernst und dennoch freundlich, doch lag um seine Augen ein Schatten von Müdigkeit, zugleich jedoch auch Kampfeslust und Entschlossenheit. Nur wünschte sie sich, dass es einen anderen Grund für seine Kampfeslust geben würde, sie wünschte sich, dass kein Krieg notwendig war. Sie kannte die Menschen, gegen die er kämpfen würde. Sie wusste genau welche Fürsten ausziehen würden, um sie zu befreien – und wünschte sich, dass sie es nicht tun würden. Denn hatte sie dieses Land und diese Familie lieb gewonnen, für kurze Zeit hatte Alsra einen Hauch von Sicherheit verspürt. Diese Illusion wurde ihr nun genommen, denn Artherg war zu mächtig, um ihm zu trotzen. Ihr Vater und Elieser hatten ihr nie etwas verschwiegen und sie war nicht mit verschlossenen Augen durch die Welt gegangen – sie wusste wie groß das arthergische Heer war. Und sie verstand auch, dass es diese Nation in einigen Monaten, vielleicht auch Jahren, in diesem Zustand nicht mehr geben würde. Doch konnte sie es nicht ändern, sie war hilflos im Spiel der Mächtigen.

Sie sah auf, als sich ein neuer Bittsteller näherte und sich zuerst vor ihr und dann auch vor Elieser verneigte. Er tat es auf die Art der Artherger und wenn er auch in die typische Kleidung der Zwillingsreiche gehüllt war, war er ohne Zweifel aus Artherg.

Der Mann war alt, sein weniges Haar schlohweiß und seine Haut dünn und von Falten durchzogen wie altes Pergament. Sein Gesicht war zerklüftet wie ein Gebirge, von der Sonne gezeichnet und Ruhe fand man allein in den tiefen Seen seiner hellblauen Augen.

„Ich ersuche die Ehre eine Anstellung an Eurem Hof zu erhalten.“. Dieser Mann sprach den hiesigen Dialekt fast fehlerfrei und selbst der arthergische Akzent war kaum noch zu bemerken.

„Mein Herr bitte verzeiht, doch aufgrund des heranziehenden Krieges können wir die Sicherheit unser Diener nicht länger gewährleisten.“. Elieser nickte höflich, doch wandte er sich gedanklich schon dem nächsten Bittgesuch zu.

Der Alte ließ sich jedoch nicht abwimmeln.

„Mein Herr, der Krieg schreckt mich nicht davon ab, eine Anstellung an Eurem Hof zu erbitten.“.

Der Prinz der Zwillingsreiche sah auf.

„Nun gut, was für eine Art von Anstellung wünscht Ihr?“.

„Eine Stellung als Schreiber oder Bibliothekar.“. Er zögerte kurz und blickte zu Alsra. „Oder als Gesellschafter für Eure Frau, wenn sie wünscht, ihre eigene Sprache zu sprechen.“.

Alsra lächelte und neigte sich vor.

Dann fragte sie in ihrer Muttersprache: „Woher kommt Ihr?“.

„Geboren bin ich in Nintoris, meine Herzogin“, antwortete er, doch dieses Mal in dem Dialekt Scheerus. „Jedoch bin ich weit herumgekommen und habe in den verschiedensten Adelssitzen gedient, je nachdem wo ich gebraucht wurde.“.

Alsra lächelte nicht, als sie sich an Nintoris erinnerte. Die Stadt erhob sich an dem Punkt, wo sich der Adlai in den Niaska-See ergoss und wuchs beständig. Ihre Stadtmauern waren hoch, die Häuser groß und die Menschen stolz. Mehrfach war Alsra bereits mit ihrem Vater dort gewesen und hatte sich jedes Mal zurück in ihre Heimatstadt Telach gewünscht. Denn zwischen Telach und Nintoris herrschte ein ständiger Konflikt um Macht und Einfluss. Doch konnte weder dieser Mann etwas dafür, dass er in Nintoris geboren wurde, noch konnte sie etwas daran ändern, dass sie aus Telach stammte.

Mit einem zweifelnden Blick wandte sich Elieser zu ihr um. Alsra lächelte ihn an und nickte.

„Wenn meine Frau es wünscht, dann sei es so.“. Er pausierte kurz, bevor er fortfuhr. „Willkommen am Hof von Zwillingsstadt. Ich bin Prinz Elieser von den Zwillingsreichen und dies ist meine Frau Alsra, rechtmäßige Herzogin von Scheeru und Kürfürstin der Krone.“.

„Es ist mir eine Ehre.“. Der neue Diener verneigte sich. „Mein Name lautet Niandos.“.

Elieser nickte ihm freundlich zu und bedeutete ihm dann mit einer Handbewegung zu gehen, damit er sich um die anderen Wartenden kümmern konnte.

 

Nach einer geraumen Zeit bat Elieser die restlichen Bittsteller hinaus, damit eine Beratschlagung der Königsfamilie, der Heerführer und ihrer Ratgeber vorbereitet werden konnte.

Nachdem die Bewohner der Zwillingsstadt verschwunden waren, huschten Diener herein. Sie stellten Tische und Stühle auf, bereiteten Körbe vom dunklen Brot und Karaffen von Wasser vor.

Alsra genoss es, diese Geschäftigkeit zu beobachten, die Bediensteten, die sich leise unterhielten. Sie alle mussten die Bedrohung spüren, doch wirkten sie zuversichtlich, als ob es ihnen nicht möglich wäre, an eine Niederlage zu denken.

Die Prinzessin streckte ihre Hand nach Yra aus und vergrub sie in dem dichten Fell, um das Zittern zu verbergen, das ihre Angst mit sich brachte.

Die Hündin drehte sich auf den Rücken und genoss wohlig die Streicheleinheit. Als Alsra inne hielt, fuhr ihre raue Zunge über den Handrücken ihrer Herrin.

Ob sie die Tränen spürte, die heimtückisch in Alsras Augenwinkeln lauerten und nur darauf warteten, zu zeigen, wie schlecht es ihr mit der ganzen Situation ging?

Sie betrachtete all die Personen, die nun herein kamen. Da war Jiadrahm, die hochschwangere Frau des Kronprinzen, die ihr in den letzten Wochen zu einer Freundin geworden war. König Förelier und Königin Indifau, er ruhig und gelassen, manchmal zögerlich, sie energisch und selbstsicher. Eliesers Drillingsgeschwister. Irastij, still und verunsichert, und Jetur, freundlich und zielstrebig. Avvin der Schatzmeister, aufbrausend, selbstbewusst, nie eine Antwort schuldig und dennoch hatte er immer ein winziges Lächeln übrig. So viele weitere Personen, die sie nie abgewiesen hatten, sondern selbstverständlich als einen Teil der ihren angesehen hatten.

„Alsra?“. Sie sah auf, als sie ihren Namen hörte.

Elieser stand vor ihr und hielt ihr seine Hand hin. Langsam erhob sie sich und ergriff seine Hand. Zielstrebig führte er sie die drei flachen Stufen hinab und zu einem Stuhl relativ oben des Tisches.

„Alles in Ordnung?“, fragte ihr Mann sie, als sie sich gesetzt hatten.

Stumm nickte sie, auch wenn nichts in Ordnung war.

Er schien es zu spüren, denn mitfühlend berührte er ihre Hand und drückte sie kurz.

„Meine Herren und Damen, die Beratung ist hiermit eröffnet.“, verkündete Förelier und setzte sich darauf hin wieder an seinen Platz am Kopf der Tafel neben seiner Frau.

„Gibt es weitere Nachrichten aus Artherg?“, fragte ein Mann am Ende des Tisches mit lauter Stimme.

Ein weiterer, der mit einem roten Haarband das Zeichen eines Boten trug, antwortete: „Sie sammeln ihre Truppen, so lautet der Befehl von König Jerimot. Der Oberbefehl wurde Alemet von Keriso gegeben und der Kronprinz Jasreel reitet an seiner Seite.“.

Ein Mann in der Nähe des Königs stand auf. Es war Liiyas, der Anführer der königlichen Wache und offizieller Berater in militärischen Sachlagen. Ebenfalls war er einer der wenigen der gehärtetes Leder über der Wollkleidung der Zwillingsreiche trug.

Liiyas verneigte sich vor dem Königspaar und breitete eine Karte aus. Da Alsra relativ nahe saß, konnte sie gut erkennen, dass hier die Zwillingsreiche, sowie der westliche Teil Arthergs, abgebildet waren.

„Unser Land ist kleiner und unsere Pferde schneller, das verschafft uns einen Vorteil. Wir werden schneller bei der Sammlung der Truppen sein und können uns den Ort der ersten Begegnung aussuchen und sie gebührend begrüßen.“.

„Das Problem ist nur.“, rief einer von Eliesers Brüdern, „Dass das arthergische Heer so gewaltig ist, dass es unsere Grenzen einfach überfluten kann.“.

„Ja.“, nickte Liiyas, „Das mag den Anschein haben, doch werden sie nicht das ganze Heer schicken.“.

„Und selbst wenn es nur fünfzigtausend Mann anstatt der gesamten hundertfünfzigtausend sind, ist es immer noch die fünffache Größe dessen, was wir für Möglichkeiten haben.“.

Liiyas nickte erneut. „Du hast Recht, ihr Heer ist gewaltiger als alles was wir jemals aufstellen werden. Doch sag mir, was ich tun soll. Sollen wir versuchen einen Frieden mit Artherg zu schließen, den sie sowieso nicht annehmen werden? Aufgeben, bevor wir es versucht haben?“. Einen Moment hielt der Soldat inne, dann erklärte er: „Wir kennen dieses Land, sie nicht. Wir besitzen Kavallerie, sie nicht. Wir haben mehr Zeit als sie und bei uns gibt es im Heer keine internen Machtkämpfe wie bei ihnen.“.

„Und wo willst du ihnen begegnen, Liiyas?“, fragte Elieser mit ruhiger Stimme.

Liiyas deutete auf die Karte.

„Ich habe lange überlegt und halte inzwischen eine defensive Kampftechnik für die bessere.“.

Nun brach eine offene Diskussion aus, bei der jeder seine Meinung herausschrie. Doch genügte ein Wort der Königin und die Versammlung schwieg.

„Du vergisst, Liiyas, das die meisten Festungen zu den Zeiten des Vaters meines Vatersvaters der Verwitterung überlassen worden sind. Es gibt wenige Festungen, in die sich unser Volk in Notsituationen flüchten könnte. Du forderst jedoch eine defensive Taktik, eine Taktik, bei der wir unsere eigenen Ernten verbrennen und aus dem Hinterhalt überfallen, unsere eigenen Städte und Dörfer zerstören, um ihnen kein Dach zum Schlafen zu überlassen.“. Bei diesen Worten war Indifau aufgestanden. Ihr Gesicht und ihr dunkelblondes Haar schimmerten im Kerzenlicht und ihren Augen glühte der Zorn, feurig und drohend wie hervorstiebende Flammen. Doch richtete sich ihre Wut nicht gegen Liiyas, auch wenn ihr sein Vorschlag nicht gefiel, es war Artherg, dem der Zorn der Königin galt und auch der Zorn all dieser, der in diesem Raum Versammelten.

Einen Moment harrten sie in dieser Atmosphäre aus, dann unterbrach der Anführer der Königswache die Stille. „Es stimmt, dass es ein großes Opfer ist, welches es zu erbringen gilt. Doch haben wir in einem offenen Kampf, in offenen Feldschlachten keinerlei Möglichkeit gegen Artherg standzuhalten. Wir müssen einen defensiven Kampf wählen, ansonsten werden wir fallen.“.

„Was ist mit dem Volk?“, fragte der Kronprinz Rivadier mit seiner festen, klaren Stimme.

„Das Volk muss den Süden vollkommen verlassen und über den Goldenen Fluss in die Quellwälder fliehen. Wenn die arthergischen Streitkräfte den Goldenen Fluss überqueren sollten, haben sie die Möglichkeit über de Weststrom in die wilden Wälder jenseits der Grenze zu fliehen, eine Gegend, in die Artherg ihnen nicht folgen wird.“.

„Eine Flucht voller Entbehrung und Gefahr.“, stellte Jetur, Eliesers Drillingsbruder fest.

„Richtig.“, bestätigte Liiyas. „Doch wird Artherg sie nicht verschonen.“.

Jetur nickte kurz, doch fuhr er dann fort. „Und warum, Liiyas, bist du dir so sicher, dass sie den Süden zuerst angreifen werden?“. Forsch musterte er den schon älteren Mann.

Dieser deutete auf die Karte.

„Weil die nördliche Grenze besser geschützt ist, als die weiter im Süden, außerdem ist die Infrastruktur im Süden sehr viel besser, als in den nördlicheren Herzogtümern. Sie werden die Furt bei Asmawet nehmen müssen, um den Husai zu überqueren, dann dem Verlauf der Grenze des Herzogtums von Alak folgen, um dann den Weststrom zu überqueren.“.

„Doch bleiben es Vermutungen.“, meinte Jetur. „Ebenso gut können die Truppen die Furt bei Awisto oder Sejara nehmen.“.

Im Gegensatz zu Eliesers Drillingsbruder stimmte Alsra mit der Meinung von Liiyas überein, in einem offenen Kampf hatten die Zwillingsreiche keine Aussicht auf einen Sieg.

„Lassen wir das vorerst ruhen.“, schlug der Hausmeier Jirossin, und damit Verwalter des Königsgutes, vor. „Die Taktiken können wir erst klären, wenn wir die Anzahl der Männer wissen, die auf unserer Seite kämpfen werden.“.

Kronprinz Rivadier nickte zustimmend. „Reiter wurden ausgesandt, um den Ruf des Krieges in jedem Dorf und auf jedem Feld erschallen zu lassen. Die wehrfähigen Männer sammeln sich, um für ihr Land und die Freiheit ihres Volkes zu kämpfen. Hierhin und an die Ufer des Goldenen Flusses werden sie kommen.“.

„Es werden zu wenige sein.“, murmelte Liiyas leise, doch nicht zu leise, um von Alsra ungehört zu bleiben.

Nun meldete sich der König das erste Mal, seitdem er die Versammlung eröffnet hatte, zu Wort. „Ich wünsche.“, erklärte er, „Dass wenn eine Evakuierung Zwillingsstadts von Nöten sein sollte, die Menschen nach Winterflucht geführt werden. Rivadier wird den Befehl über die Verteidigung dieser Feste und der Hauptsstadt übernehmen.“.

Der Kronprinz nickte zustimmend und Alsra lächelte ihm zu. Nachdem, was sie bisher von Rivadier mitbekommen hatte, war er ein guter Mensch, zuvorkommend, fürsorglich, doch auch energisch und zornig, wenn es darauf ankam.

Förelier fuhr fort: „Ich werde bei den Hauptstreitkräften dabei sein und ich möchte, dass meine Söhne Derudir und Elieser mir mit Rat zur Seite stehen. Was die Aufgaben meiner übrigen Kinder anbelangt, werde ich mir darüber noch Gedanken machen.“.

Alsra seufzte. Sie würde Elieser den Feldzug über verlieren und vielleicht nie wieder sehen. Als bemerkte ihr Mann ihre Besorgnis, drehte er sich zu ihr um und lächelte sie beruhigend an.

„Mach dir keine Sorgen.“, flüsterte er, „Alles wird gut.“.

Das hoffte Alsra auch, sie hoffte es so sehr, dass es fast schon wehtat.

 

 

 

Ein gewaltiges Tosen erfüllte die Farykat-Grube der Minen von Nyroni. Die Ziegelmauern, die das Grundwasser zurückgehalten hatten, stürzten mit einem Krachen ein. Die Verzimmerungen und Stützfeiler splitterten, als sich die Wassermassen ihren Weg durch die Gänge suchten.

Als die Arbeiter, dass ferne Rauschen aus den tieferen Gängen vernahmen, hielten sie inne. Nervös blickten sie zu ihren Nachbarn und die schon erfahrenen Bergleute sahen sich mit wissenden Mienen an. Die Aufseher, die Wacht hatten, schickten Burschen, die nachsehen sollten, was in den unteren Gefilden los war.

Doch als das Rauschen näher kam, warteten die Arbeiter nicht auf die Burschen, sondern warfen ihre Werkzeuge fort und fingen an zu rennen. Keiner blieb stehen, denn sie alle nahmen das untrügerische Gefühl der Gefahr wahr, das sie schon so oft gewarnt hatte. Man überlebte hier nicht lange, wenn man diese Warnung missachtete.

Eilig flohen die Männer, Frauen und Kinder vor dem unbändigen Wasser, welches immer höher stieg und bald den südlichen Hauptweg erreichte. Diejenigen der Arbeiter, welche sich in den Nebenwegen aufgehalten hatten und es nicht mehr vermocht hatten, den Hauptpfad zu erreichten, waren eingeschlossen, zwischen dem Wasser, das aufgrund der ansteigenden Wege nicht mehr weiter konnte, und den Tonnen der Erde über ihnen und an ihren Seiten.

Einige der Nebengänge führten jedoch hinab in die Finsternis und wurden somit komplett geflutet. Schon bald hallten die Schreie der Unglücklichen durch die stickige Luft der Minen. Doch verstummten sie schon bald und es blieb allein das tosende Geräusch des Wassers, die eiligen Schritte der Fliehenden und die leisen Rufe, mit denen sie sich verständigten.

Auch Kesaj vernahm die Schreie, während er weiter vorwärts hastete. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen, denn war ihm bewusst, dass diese Toten seine Schuld waren und dass ihr Blut an seinen Händen klebte. Vielleicht spürte auch Jismayig seine Schuldgefühle, denn drückte sie seine Hand.

Auf einmal traf eine gewaltige Druckwelle Kesaj von hinten, er ließ Jismayigs Hand los und vernahm einen leisen Aufschrei ihrerseits, während er durch die Luft gewirbelt wurde. Beim Fallen sah er den gewaltigen Feuerball weiter unten im Gang, durch welche die Decke mit einem lauten Knallen einstürzte. Gesteinsbrocken flogen durch die Luft und Schreie hallten mit ihnen durch den Gang. Blut färbte den Boden rund um die zerschmetterten Körper der kriegsgefangenen Bergleute.

Eilig rappelte Kesaj sich auf, bis auf einige Schrammen, ein vermutlich verstauchtes Handgelenk und eine Platzwunde hatte er die Schlagwetterexplosion gut überstanden.

„Jismayig?“, rief er und sah sich um.

Etwas weiter vorne erhellte Tageslicht den Gang, denn die Lampen waren alle erloschen. Einen Vorteil hatte die Explosion: Das Wasser war aufgehalten. Doch der Preis dafür war hoch. Überall lagen Leichen. Direkt neben Kesaj lag ein Ástilos aus seiner Hütte, dessen Kopf von einem Gesteinsbrocken zerschmettert worden war und nun mehr einer blutigen Pfütze, denn einem Körperteil glich.

„Jismayig?“, schrie er erneut, nun von Panik erfüllt, die ihn langsam aber stetig überflutete.

„Hier.“, vernahm er ihre leise Stimme.

Hastig stürzte er auf die rechte Seite des Ganges und ertastete schließlich ihren warmen Leib. Einen Moment verharrte seine Hand auf ihrer Brust, es war das erste Mal, dass er sie so berührte und er stellte fest, dass es sich gut anfühlte

„Mein Bein.“, flüsterte die Tjarolerin und erinnerte ihn daran, dass sie Hilfe brauchte.

Vorsichtig tastete er sich zu ihrem Bein vor und bemerkte schließlich den Stein, der auf ihrem Unterschenkel lag. Mit allergrößter Sorgfalt hob er ihn hoch und berührte dann vorsichtig ihr verletztes Bein.

„Es ist nicht gebrochen.“, stellte er fest.

„Doch.“, antwortete sie und er war froh, als er erkannte, wie fest ihre Stimme klang. „Es gibt zwei Knochen im Unterschenkel, der kleinere der beiden wird gebrochen sein.“.

„Woher weißt du das?“, fragte er erstaunt, während er ihr vorsichtig auf die Beine half, wobei sie das verletzte, linke, nur vorsichtig belastete.

„Wir haben Leichen aufgeschnitten.“, erklärte sie und stöhnte leise auf, als sie den ersten Schritt tat. Kesaj legte ihren linken Arm um seine Schulter und stützte sie so. Auf einmal war sie nicht mehr so unnahbar und selbstsicher wie sonst, nun zeigte sie Verwundbarkeit.

Gemeinsam humpelten sie ans Licht und beide sogen sie gierig die frische Luft ein, die nach Leben und der Hoffnung auf Freiheit duftete.

Netanja wartete in der Mitte der überlebenden Bergleute, von denen einige ihnen Decken und Wasser reichten. Doch ignorierte Kesaj den Ástilos, denn war er noch viel zu mitgenommen von Jismayigs Verletzung, als dass er sich um ihren Plan kümmern konnte.

Jedoch war das nicht nötig, denn noch am selben Tag wurde den Gefangenen mitgeteilt, dass es seine Zeit brauchte, um die Mine wieder arbeitstauglich zu machen und dass sie während dieser Zeit in die Ifinas-Grube weiter nordwestlich von dieser arbeiten würden.

Als er diese Worte vernahm, blickte Kesaj zu Jismayig, nicht zu Netanja. Und als er ihr Lächeln erkannte, lächelte auch er.

Denn sie waren mit einem gewaltigen Schritt ihrer Freiheit entgegen gegangen und wenn sie noch einige taten, würden sie sie auch erreichen und dann würde niemand mehr sie ihnen entreißen können.

 

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beta
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