23. Türchen

Kein einziger Gedanke formte sich in Hermines Kopf. Sie war beherrscht von dem Gefühl, endgültig alles kaputt gemacht zu haben. Da hatte sie endlich den Mut gefunden, sich selbst gegenüber einzugestehen, dass sie in der Gesellschaft von Draco deutlich glücklicher war als jemals mit Harry, und nun war innerhalb eines Augenblicks alles zerbrochen.

Ihr war nur zu deutlich bewusst geworden, dass sie Harry liebte wie einen Bruder. Sie hatte die gleichen Gefühle für ihn wie für Ron, doch sie hatte sich von seinem fordernden Verhalten ablenken lassen. Er hatte sich seit seinem Einzug in ihre Wohnung immer öfter genauso verhalten, wie es normalerweise Draco tat: arrogant, selbstbewusst und vor allem zielstrebig in der Art, wie er mit ihr gesprochen hatte. Sie war dem verfallen, ohne nachzudenken, doch sein besitzergreifendes, eifersüchtiges Getue hatte sie schnell daran erinnert, dass er eben doch Harry war. Harry, der ebenso wie Ron von Unsicherheiten geplagt war. Harry, der in seiner Rolle als Auserwählter aufgegangen war und sich immer öfter als Mittelpunkt der Erde empfand. Er konnte selbstbewusst und eloquent sein, wenn er genau wusste, was gerade geschah. Doch wenn er verunsichert war, verfiel er in ein Verhalten, das sie einfach nur abschreckte.

Tränen rannen ihr immer noch über die Wangen. Sie hätte nach der Nacht mit Draco die Beziehung, wie auch immer man sie nennen wollte, zu Harry beenden sollen. Ihr hätte schon da ein Licht aufgehen sollen. Stattdessen hatte sie sich vor sich selbst erschreckt und war davon gelaufen, genau wie Draco es ihr vorgeworfen hatte. Sie hatte sich an etwas geklammert, was so offensichtlich nicht hatte sein sollen, und nun war alles zu spät.

Schluchzend blickte sie zu Draco hoch, der sie mit einer eiskalten Maske der Ablehnung musterte: „Draco … es tut mir so leid. Ich hätte ehrlich zu dir sein sollen. Kannst du … ich muss mit Harry reden.“

Für einen Moment starrte er sie weiter aus diesen eisigen Augen an, dann vergrub er seine Hände in den Hosentaschen, beugte sich tief zu ihr runter und zischte ihr zu: „So ist das also, mh? Wer hätte gedacht, dass du so eine Schlange bist. Wir sind durch, Granger.“

Ein neuer Strom Tränen lief über ihre Wangen, doch sie wusste, sie konnte nichts dazu sagen. Sie hatte kein Recht, sein Verständnis zu verlangen. Alles, was ihr blieb, war, ihre Beziehung zu Harry zu retten, um nicht ihren besten Freund zu verlieren und mit ihm vermutlich alle Freunde, die sie jemals in ihrem Leben gehabt hatte.

Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, stampfte Draco aus dem Büro, rempelte Harry beim Hinausgehen heftig an und dann war er weg. Schniefend und stöhnend richtete Hermine sich auf.

„So, du willst also mit mir reden?“, fauchte Harry und die Art, wie er das Wort reden betonte, zeigte Hermine deutlich, wie wenig er gerade von ihr hielt.

Zitternd trat sie auf ihn zu: „Bitte, Harry. Bitte gib mir eine Chance. Du kennst mich. Du weißt, dass ich nicht einfach so mit deinen Gefühlen spielen würde!“

Hart packte er sie an ihren Oberarmen: „Ich habe keine Ahnung, ob ich dich kenne. Die Hermine Granger, die ich kenne, würde niemals leichtfertig mit dem besten Freund ihres Ex ins Bett springen! Und noch weniger würde sie in ihrem Büro mit Malfoy rummachen!“

In Hermines Verzweiflung mischte sich Wut. Wut, die sie so oft die letzten Tage verspürt hatte, wann immer sie versuchte, mit Harry über ihre Beziehung zu reden. Kühler als beabsichtigt erwiderte sie: „Jetzt ist es meine Schuld, dass ich mich auf dich eingelassen habe? Du wirfst mir das vor?“

Harrys Augen verengten sich: „Ganz richtig. Es war in der Tat ein bisschen arg einfach, dich ins Bett zu kriegen.“

Am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst, doch noch immer hielt er ihre Arme fest wie ein Schraubstock. Jegliche Sympathien für Harry verschwanden gerade, zurück blieb nur Fassungslosigkeit und Zorn: „Das kann nicht dein Ernst sein! Ich habe die Notbremse gezogen, als sich das erste Mal was zwischen uns angebahnt hat, und du warst derjenige, der mich solange mit schönen Worten eingewickelt hat, bis ich nachgegeben habe!“

„Weil ich dich liebe!“, fuhr Harry sie wütend an: „Ich hätte alles getan, um dich zu kriegen.“

„Ja, das habe ich gemerkt“, entgegnete Hermine eisig: „Und trotzdem ist es meine Schuld, mh?“

„Du hättest mich abweisen sollen! Wenn du auch nur einen Hauch von Anstand gehabt hättest, hättest du mich abgewiesen!“, erklärte Harry, der ganz offensichtlich von seinen eigenen Worten überzeugt war: „Du warst diejenige, die in einer Beziehung war! Du bist verantwortlich dafür, treu zu bleiben.“

Rasend vor Wut versuchte Hermine, sich aus Harrys Griff zu befreien, doch sie hatte keinen Erfolg. Stattdessen stieß Harry sie grob zurück, bis sie mit dem Rücken an eben jene Wand stieß, an der sie kurz zuvor noch in Dracos Umarmung gehangen hatte.

„Harry Potter“, sagte sie leise: „Überleg dir ganz genau, was du jetzt tust und sagst.“

Kurz sah es so aus, als wollte Harry zu einer harschen Erwiderung ansetzen, doch dann klappte er den Mund wieder zu und ließ sie los.

„Sorry“, kam es sehr erschöpft von ihm: „Ich weiß auch nicht, was ich da gerade … Nein, ich weiß genau, was ich tun wollte. Es tut mir leid. Ich bin einfach … Merlin, Hermine, kannst du wirklich nicht verstehen, wie ich mich fühle?“

Sie rieb sich ihre Oberarme, die schmerzten, wo er sie festgehalten hatte. Seufzend gab sie zu: „Doch, natürlich. Ich verstehe vollkommen. Ich war unfair. Wirklich unfair. Zu dir, zu Ron … zu Draco.“

Augenblicklich kehrte die Wut in Harry zurück: „Was zum Teufel hast du überhaupt mit Malfoy zu schaffen?“

Hermine schnitt eine Grimasse: „Lange Geschichte. Ich habe gegen die Malfoys ermittelt und irgendwie hat das dazu geführt, dass er mich die ganze letzte Woche über abends zum Essen ausgeführt hat.“

„Da warst du also immer!“, schnaubte er abfällig: „Und du hast verlangt, dass ich dir einfach vertraue!“

„Es war nur Abendessen!“, verteidigte sie sich.

„Ja, DAS habe ich gesehen!“, erwiderte Harry verächtlich: „Und jetzt gerade? Ist das eure Form von Essen?“

Ertappt schüttelte Hermine den Kopf: „Nein … das war … ugh. Ich war Samstag nach dem Gespräch mit Ron bei ihm.“

Fassungslos trat Harry einen Schritt zurück: „Du bist zu Malfoy gegangen? Warum?“

Verzweifelt fuhr Hermine sich erneut durch ihre Haare: „Ich brauchte Gesellschaft. Und ich konnte schlecht zu Ginny gehen, oder?“

„Du hättest einfach nach Hause kommen können. Zu mir.“

Sie schloss die Augen: „Nein. Ehrlich, Harry. Ich war einfach völlig am Boden danach. Hättest du wirklich Spaß dran gehabt, mich zu trösten, weil ich wegen Ron weine? Sei ehrlich zu dir, Harry!“

Langsam schüttelte er den Kopf: „Nein … vermutlich nicht. Aber Malfoy? Warum ausgerechnet Malfoy?“

Sie lachte. Sie konnte nicht anders, als über die Frage zu lachen. Sie wusste ja selbst nicht einmal, was sie an dem Abend dazu getrieben hatte, ausgerechnet zu Draco zu gehen. Vermutlich war es ihr Unterbewusstsein, das so viel schneller als sie selbst begriffen hatte, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte.

„Ich habe keine Ahnung“, versuchte sie zu erklären: „Es erschien mir einfach … richtig. Was es rückblickend definitiv nicht war.“

„Du warst die ganze Nacht bei ihm?“, hakte Harry nach.

Errötend nickte sie: „Ja… frag einfach nicht weiter.“

Doch den Gefallen tat er ihr nicht: „Du hast mit ihm geschlafen! Du hast mit ihm geschlafen und dann kommst du zu mir zurück und erzählst mir, du brauchst mehr Zeit, du willst eine Pause, du willst nicht so weitermachen wie vorher! Und ich Idiot glaube dir, dass es wegen Ron ist und bin verständnisvoll und vertraue dir! Gott! Wie blind kann man sein?“

Wenn er es so ausdrückte, klang es definitiv nicht gut, das musste Hermine zugeben. Sie trat an ihn heran: „Ich weiß, wie das aussieht, aber ich meinte es ernst. Ich wollte Zeit, um die Episode mit Draco zu verarbeiten und mich auf dich konzentrieren zu können. Wirklich, genau das wollte ich tun.“

„Aha“, meinte Harry trocken: „Du wolltest dich auf mich konzentrieren und deswegen knutschst du in deinem Büro mit Malfoy rum?“

Sie ließ ihren Kopf hängen: „Nein … nein, das war weil … es tut mir so leid, Harry. Mir ist heute einfach klar geworden … das mit dir und mir, das wird nichts. Es kann nichts werden.“

„Ja, DAS hast du mehr als deutlich gemacht“, unterbrach Harry sie wütend: „Und was stattdessen? Malfoy?“

Hermine wusste, dass sie ihn verletzen würde, wenn sie die Wahrheit sagen würde, und da es nun eh zu spät war, gab es keinen Grund, ihre Gefühle zuzugeben: „Nein. Nein, die Episode ist vorbei.“

Harrys Wut schmolz dahin und Schweigen breitete sich aus. Hermine wusste, dass ihr Verhalten unverzeihlich war und dass sie damit ihre langjährige Freundschaft nicht nur zu Harry, sondern auch zu Ron gefährdet hatte. Sie seufzte tief. Weihnachten dieses Jahr war schon anstrengend, bevor der Tag überhaupt da war, und sie hatte keinerlei Interesse daran, sich der fröhlichen Familienatmosphäre der Weasleys auszusetzen, insbesondere jetzt, wo sie Ron und Harry so furchtbar behandelt hatte. Sie wollte einfach nur in ihr Bett, die Decke über den Kopf ziehen und alles um sich herum vergessen.

Ein Seufzen kam von Harry: „Schön. Fein. Wie auch immer. Ich glaube, ich pack besser mein Zeug zusammen und geh zu Ron.“

Traurig nickte sie. Er hatte vermutlich Recht. Es wäre komisch, jetzt noch weiter unter einem Dach zu leben. Schweigend schaute sie zu, wie Harry ihr Büro verließ. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, sank sie wieder zu Boden und schlang die Arme um ihre Beine. Sie hasste sich und sie hasste die Welt. Warum hatte sie ihren Gefühlen nachgeben und sich auf Draco eingelassen? Warum hatte Harry ausgerechnet in dem Moment auftauchen müssen? In einem einzigen Augenblick hatte sie einfach alles ruiniert. Alles, was ihr jetzt noch blieb, war, die Vase an ihre Vorgesetzten auszuliefern, die Akte Malfoy zu schließen und für immer zu vergessen, dass irgendetwas jemals zwischen ihnen geschehen war.

Doch noch während sie darüber nachdachte, spürte sie, dass alleine der Gedanke, Draco nie wiederzusehen, ihr die Brust zusammenschnürte. Sie war nicht bereit, ihn einfach so aufzugeben.

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