24. August 1926

Es war etwa 11 Uhr als ich am nächsten Tag, mit einem dröhnenden Kopf, erwachte. Ich sah mich um und ich erinnerte mich, dass ich in der Nacht eine Flasche Whiskey trank. Sie war neben dem Sessel, in dem ich eingeschlafen war, auf dem Boden gelegen und sie war beinahe leer. Ich stellte die Flasche auf den Tisch und ging ins Badezimmer. Der Spiegel offenbarte mir eine Gestalt mit Augenringen die bis zur Mitte der Wange reichten, gräulich-weißem Haar und einem eine Woche alten Bart. Ich versuchte mich mit einer Handvoll Wasser aufzuwecken oder zumindest einen Teil meiner Müdigkeit wegzuwaschen. Der Versuch war jedoch nur halbwegs erfolgreich.

Doch gerade als mein Gesicht abgetrocknet hatte, fiel mir der Grund für meine nächtliche Zecherei ein. Der Brief. Dieser elendige, einschüchternde Brief von diesem Dante. Verzweifelt dachte ich, die Chance, dass es sich nur um einen Traum handelte, bestände noch.

So ging ich langsam zu meinem Schreibtisch und suchte nach dem Schlüssel für die Schublade, in der ich den „Paige-Ordner“ verwahrte, sofern er nicht in meiner Tasche war.

Schon beim Drehen des Schlüssels beschlich mich wieder dieses unwohle Gefühl.

Als würde die Antwort mein künftiges Leben verändern. 'Was ist wenn ich nur davon geträumt hatte?', dachte ich, 'das würde bedeuten, dass ich ihn unterbewusst fürchte. Andererseits würde mich ein tatsächlicher Brief ebenfalls beunruhigen'.

Mein Herz schlug schneller. Meine Gedanken vertieften sich und ich war mir nun unsicher ob ich auf einen, in der Schublade liegenden Brief hoffen sollte, um nicht an meinem Verstand zweifeln zu müssen oder ob ich hoffen sollte, dass nichts außer meinem Ordner in der Schublade war, um nicht beunruhigt und tatsächlich paranoid zu werden. Ich hielt kurz inne und zog den Tischkasten ein Stück weit heraus.

Ich wollte nicht hinsehen, nicht in einen meiner vorhergesagten Zustände verfallen. Doch da war wieder dieses andere, alles überschattende Gefühl. Die Neugier. Sie ließ mich einen Blick in den Ordner werfen und fürwahr. Ein Brief von Dante T. Paige mit genau dem Inhalt, von dem zu Träumen glaubte lag darin.

Der Schock und die Erleichterung vermischten sich.

Die Tatsache, dass ich meinem Verstand trauen konnte, wurde begleitet durch die Angst vor dem realen Geschehen. Ich realisierte nun erstmalig, dass sich hinter allem, nach dem ich in den letzten Monaten forschte und recherchierte, ein Mensch verbarg. Es gab wirklich jemanden, der diesen Wahnsinn, mit dem sich mein Ordner – welcher beinahe zu platzen drohte – füllte, verfasste.

Nun musste ich mich entscheiden, ob ich dem Trieb der Neugierde, welcher nun stärker denn je war, nachgab oder mich den Drohungen Dantes unterwarf. Letztendlich obsiegte jedoch die Neugier, denn ich konnte mich nicht damit abfinden, meine bisherigen Forschungen und Fragen einfach in einer Schublade liegen zu lassen. Das Ende des Briefes, welches mich warnen oder davon abhalten sollte weiter zu forschen, wurde für mich letztendlich zu einem weiteren Ansporn, denn er wusste, dass sich in seinen Unterlagen ein Schlüssel befand. Ein Schlüssel mit dem ich das Al-Azif finden konnte.

Das Originalstück von Abdul al-Hazred musste irgendwo im Umlauf sein. Dante schrieb darüber, dass die erste Ausgabe vom Patriarchen Michael verbrannt wurde und über die Gefahr, die dieses abscheuliche Buch wohl mit sich brachte. Jedoch hätte er sich keine Sorgen über eben jenes, so grausam und furchtbar beschriebene Werk machen müssen, wenn es denn gar nicht mehr existierte. Es wäre also nicht notwendig gewesen mich davor zu warnen. Er wusste außerdem, dass ich seine Unterlagen schon seit längerer Zeit studierte und er selbst widmete einige seiner Notizen, dem Verbleib des Al-Azif und dessen späteren Auflagen und Übersetzungen, welche in den meisten Ländern den Namen „Necronomicon“ trugen.

Ihm hätte auffallen müssen, dass Ich bereits wissen musste, was mit Original geschehen ist.

War er wirklich so von Sinnen – oder zu seinen Sinnen zurückgekehrt – dass er vergaß, was er in seinen Unterlagen schrieb?

Da raste mir ein Gedanke, einer Gewehrkugel gleichend schnell, durch den Kopf. Was ist wenn er wollte, dass ich mich weiter damit befasste? Was ist wenn er will, dass ich des Rätsels Lösung finde? Oder wollte er, dass ich ein Teil seines Wahnsinns werde, wie ein Okkultist oder Sektenanhänger?

Doch bevor ich mir erneut den Kopf zerbrechen konnte, nahm ich eine Pfeife aus meiner Jacke, welche auf meinem Stuhl lag, säuberte sie ein wenig aus, legte neuen Tabak ein, zündete sie an und rauchte. Eine Antwort wirft neue Fragen auf, und jede ist geheimnisvoller oder verwirrender als die andere. Etwa nach einer Stunde in der ich mich der friedlichen, nikotinhaltigen Überlegung hingab, entschied ich mich wie folgt:

'Ich werde vorsichtig forschen, von Zuhause aus. Ich werde Familie und engste Freunde nach Lebensmitteln fragen. Ich werde höchstens einmal in der Woche nach meinem Briefkasten sehen, um eventuelle wichtige Nachrichten erhalten zu können. Ich werde mich abschotten und wohl ein paar Tage oder Wochen nicht arbeiten.'

Dieser Plan wurde aber erst nach dem Erhalt meines nächsten Lohns ausgeführt. Danach würde ich mich einige Wochen krank melden und meinen guten Freund Dr. Stevens nach einem Attest fragen, um den Eindruck zu vermitteln, ich sei tatsächlich nicht in der Lage zu arbeiten. Dies sollte dann auch Paige davon überzeugen, dass ich seinem Rat gefolgt sei, sofern er meine Schritte zu diesem Zeitpunkt überhaupt verfolgte.

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