24. Dezember

Unbehaglich trat Draco von einem Bein auf das andere. Minutenlang schon stand er am Rande des erstaunlich großen Grundstücks und starrte auf das merkwürdige Gebilde von Haus, das sich in einiger Entfernung erhob. Hier war er nun, seiner zündenden Idee gefolgt, mit einem Geschenk in der Hand und einem Plan im Kopf. Nur der Mut, die Sache wirklich durchzuziehen, war irgendwie noch nicht hier angekommen. Vielleicht sollte er noch ein paar weitere Minuten warten, vielleicht würde der Mut dann nachkommen.

Das war natürlich Blödsinn. Er wusste, je länger er hier stand und in seinem Kopf all die Horrorszenarien durchging, die vermutlich geschehen würden, sobald er an die Tür des Hauses klopfte, desto weiter würde sein Mut sich von ihm entfernen. Er atmete tief durch und schritt auf den weihnachtlich erleuchteten Fuchsbau zu.

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Abwesend saß Hermine an dem großen Küchentisch und schaute Molly Weasley bei der Zubereitung des Abendessens zu. Die ganze Familie Weasley hatte sich heute Abend versammelt, dazu kamen die Freundinnen von Bill, Charlie, Percy sowie Harry und sie selbst. Es war eine große Gruppe, die Molly da bekochte, und trotz aller Eile wirkte es nicht so, als hätte sie nicht alles im Griff. Hermine hingegen konnte sich einfach nicht konzentrieren. Das Abendessen mit Draco am vergangenen Tag wollte ihr nicht aus dem Kopf, ebenso wenig seine rätselhaften Worte. Als er sich verabschiedet hatte, hatte er ihr zugesichert, dass sie sich am Heiligen Abend gewiss sehen würden. Bisher jedoch hatte er sich gemeldet und nun stand das große Festessen kurz bevor, im Anschluss würden die Geschenke ausgepackt und dann war der Tag auch schon vorüber. Waren es etwa doch nur leere Worte gewesen?

Ein Klopfen ertönte an der Haustür, doch bevor Hermine ihr anbieten konnte, dass sie nach dem überraschenden Besucher schauen würde, war Molly bereits aus der Küche geeilt. Verwundert fragte die Herrin des Hauses sich, wer um diese Zeit am Heiligen Abend wohl bei ihnen Klopfen mochte. Als sie die Tür öffnete, erstarrte sie.

„Guten Abend, Mrs. Weasley“, sagte Draco Malfoy so charmant wie möglich: „Ich gehe richtig in der Annahme, dass Hermine bei Ihnen verweilt?“

„Was wollen Sie?“, gab Molly misstrauisch zurück. Sicher, sie wusste, dass Harry ein gutes Wort für Malfoy eingelegt hatte und dass er als Professor an der Berufsschule von Hermine einen guten Job machte. Dennoch: Was um alles in der Welt konnte er ausgerechnet heute ausgerechnet hier von ihr wollen?

„Ich verstehe Ihr Misstrauen nur zu gut“, erwiderte Draco, der sich nicht im geringsten brüskiert ob der kühlen Begrüßung zeigte: „Wenn ich Ihnen jedoch den Grund meines Besuches verrate, kann ich Ihre Meinung eventuell ändern.“

„Ich höre?“

Molly sah, dass es den jungen Mann ganz offensichtlich viel Überwindung kostete, die folgenden Worte auszusprechen, und plötzlich beschlich sie eine merkwürdige Vorahnung. Gespannt lauschte sie ihm: „Ich bin hier, weil ich Hermine davon überzeugen möchte, dass ich ein anständiger Mann bin, der ihre Gefühle zu schätzen weiß und sie erwidert. Es wäre zu kompliziert, Ihnen zu erklären, wie es zu dieser überraschenden Beziehung zwischen ihr und mir gekommen ist, Fakt bleibt jedoch, dass ich mich in sie verliebt habe. Und sie hat mir gestern gestanden, sich in mich verliebt zu haben. Leider geht die davon aus, dass ich ihre Gefühle nicht erwidere oder es zumindest nicht ernst mit ihr meine. Das Beste, was mir einfiel, um sie vom Gegenteil zu überzeugen, war, ihr die Aufrichtigkeit meiner Absichten vor den Augen und Ohren all jener zu versichern, die ihr nahe stehen und mir vermutlich eher feindlich gesinnt sind. Wenn Hermine mich dann immer noch nicht will, so habe ich wenigstens alles in meiner Macht stehende getan, um sie für mich zu gewinnen.“

Sprachlos starrte Molly ihn an. Das hier war ganz gewiss nicht der Draco Malfoy, den sie noch aus Hogwarts von Ron und Harry kannte. Das war nicht der verzogene Bengel, der am Rockzipfel seines Vaters hing und ohne Verstand alles nachplapperte, was dieser so von sich gab. Sie musste zugeben, sie hatte sich immer noch nicht mit dem Gedanken anfreunden können, dass aus Ron und Hermine kein Paar werden würde, entsprechend schwer fiel es ihr, Hermine mit irgendeinem anderen Mann zusammen sehen zu können. Doch die Aufrichtigkeit von Draco Malfoy, sein offensichtliches Unbehagen und seine Unsicherheit, wie sie sein Anliegen aufnehmen würde, ließen ihr Herz schmelzen. Dieser Mann war verliebt und sie hatte Hermine zu gerne, als dass sie den beiden einen Stein in den Weg hätte legen wollen.

„Na schön, junger Mann“, sagte sie schließlich versöhnlich: „Dann kommen Sie mal rein. Sie kommen gerade noch rechtzeitig, in wenigen Minuten ist das Essen fertig und es haben sich schon alle im Wohnzimmer versammelt. Vielleicht setzen Sie sich einfach, ich rufe alle zusammen und dann hole ich Hermine aus der Küche. Möge Merlin Ihnen beistehen, dass keiner meiner Söhne Ihnen den Hals umdreht, ehe Sie sagen konnten, was Sie zu sagen haben.“

Mit einer Ausstrahlung, als wäre es das natürlichste der Welt, Draco Malfoy in ihr Wohnzimmer zu führen, scheuchte Molly ihn vor sich her. Tatsächlich waren bereits alle außer Hermine anwesend, so dass ihre einzige Sorge darin bestand, dass ein großer Aufschrei verraten würde, dass irgendetwas nicht stimmte. Entsprechend erhob sie sofort die Hand, als sie eintraten, und bedeutete ihren Söhnen – insbesondere Ron –, dass sie schweigen sollten. Sie ignorierte die fragenden Blicke, freute sich insgeheim darüber, wie peinlich berührt Draco sich zwischen Harry und Ginny sinken ließ, und eilte dann in die Küche.

Dort saß Hermine, die noch immer in Gedanken ganz woanders war.

„Liebes, da ist Besuch für dich“, riss Molly sie in die Realität zurück. Überrascht blickte Hermine die Mutter ihres besten Freundes an, doch das Grinsen auf deren Lippen verriet ihr, dass sie keine weitere Erklärung erwarten durfte. Schulternzuckend trat sie in das Wohnzimmer – und blieb wie vom Donner gerührt stehen.

„Malfoy!“

„Guten Abend, Hermine“, fing er an. Mit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. Was tat Draco hier, an Heilig Abend, im Fuchsbau, und warum sprach er sie plötzlich mit ihrem Vornamen an? Als sie sich bewusst wurde, dass wirklich alle Familienmitglieder versammelt waren, lief sie leuchtend rot an und senkte ihren Blick. Wie auf ein Zeichen fuhr Draco fort: „Das hast du vermutlich nicht erwartet, was? Deinem Verhalten gestern nach zu urteilen, hast du mir kein Wort geglaubt, als ich sagte, dass wir uns heute noch einmal sehen würden. Nun, da bin ich. Ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, wie ich dir beweisen kann, dass deine Ansichten über mich falsch sind. Die letzten drei Wochen haben viele meiner Ansichten geändert und ich würde mich freuen, wenn ich nun endlich auch deine ändern könnte.“

„Was zur Hölle faselst du da?“

„Kein Grund, direkt wieder unhöflich zu werden, Granger!“, knurrte Draco irritiert: „Ich habe die ganze letzte Woche damit verbracht, vor mir selbst einzugestehen, dass ich mich in dich verliebt habe. All meine Vorurteile gegen dich, all meine Vorurteile gegen eine feste Beziehung generell, alles, was zwischen uns steht – ich bin es wieder und wieder im Kopf durchgegangen und am Ende konnte ich einfach keinen Grund mehr sehen, nicht in dich verliebt zu sein. Und ich müsste ein arger Blindfisch sein, deine Gefühle nicht gesehen zu haben. Nur leider bist du tatsächlich blind, ansonsten hättest du schon lange gesehen, dass ich deine Gefühle erwidere. Und ich glaube dir auch nicht, dass es dir wirklich entgangen ist, ich glaube eher, dass du es nicht wahrhaben willst. Ich glaube, dass du nicht den Mut hast, dich auf eine Beziehung mit mir einzulassen, einfach weil du Hermine Granger und ich Draco Malfoy bin. Also habe ich beschlossen, Mut genug für dich mit aufzubringen, hierher zu kommen und dir vor allen hier meine Gefühle zu gestehen. Wage es also nicht, mir wieder irgendetwas zu unterstellen oder mich abzuweisen.“

Hermine war sich nur zu bewusst, dass alle, insbesondere Ron, abwechselnd sie und Draco anstarrten. Wie war er nur auf die fixe Idee gekommen, ausgerechnet hier diese Dinge zu sagen? Wollte er sich etwas beweisen?

„Willst du mich vor meinen Freunden bloßstellen?“, verlangte sie verschüchtert zu wissen: „Musst du mich so demütigen und vor allen verkünden, dass ich mich ausgerechnet in dich verliebt habe?“

Ein Stöhnen ging durch das anwesende Publikum und zu Hermines Überraschung war es Arthur Weasley, der ihr antwortete: „Hast du ihm zugehört, Hermine? Er will dich. Wie kannst du ihm so eine Antwort geben?“

Wenn möglich lief Hermine noch dunkler an. Zögernd trat sie dich an Draco heran, dann flüsterte sie für den Rest unhörbar: „Meinst du das wirklich ernst?“

„Ja, Granger, das tu ich!“, zischte er ebenso leise zurück: „Denkst du, ich mache mich hier aus Spaß an der Freude zum Affen? Wenn die ganze Sache für irgendwen demütigend ist, dann für mich. Also mach es bitte nicht noch schlimmer, okay? Sag einfach, dass du es versuchen willst mit mir, ja? Bitte.“

„Malfoy“, sagte Hermine sehr leise: „Wenn ich mich wirklich auf dich einlasse, dann müssen wir auf jeden Fall an deiner Art, mit mir zu sprechen, arbeiten. Jeder Satz, der aus deinem Mund kommt, klingt wie eine Beleidigung.“

„Du bist doch nicht besser!“, fuhr Draco sie ärgerlich, aber immer noch flüsternd, an: „Du provozierst mich doch ständig. Wenn ich mich bessern soll, musst du es auch!“

Ein kleines Lächeln erschien auf Hermines Gesicht. Wenn sie ehrlich zu sich war, war sie einfach nur überwältigt von dem, was Draco gerade getan hatte. Und sie hatte das Gefühl, ihr Herz müsste platzen vor lauter Zuneigung zu ihm.

„Draco“, flüsterte sie schließlich: „Ich kenne keinen mutigeren Menschen als dich. Das hier … das muss wirklich schwer gewesen sein. Und ich kenne auch keinen Menschen, mit dem ich mich lieber streite als mit dir. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich dich nicht weiter provozieren und ärgern werde. Aber ich wäre eine Närrin, wenn ich nach so einer Ansage von dir immer noch Nein sagen würde. Wenn du mich also wirklich willst, trotz der Aussicht auf jede Menge Streit, dann … dann will ich auch.“

Ihr Lächeln spiegelte sich auf seinen Lippen, als er mit rauer Stimme erwiderte: „Der Streit ist doch das beste zwischen uns beiden, meinst du nicht? Es soll ja nicht langweilig werden.“

Schüchtern ergriff Hermine seine Hand und drückte sie fest. Dann sammelte sie ihren Mut, um endlich ihre Freunde anschauen zu können.

„Ist das dein Ernst?“, kam es sofort von Ron, als er ihre verschlungenen Hände sah: „Du willst wirklich mit dem Frettchen zusammen sein?“

„Ron!“, wies Harry ihn sofort scharf zurecht: „Wenn Hermine das für richtig hält, ist das ihre Sache. Ich bin mir sicher, dass sie in dem Punkt wesentlich mehr Hirn im Kopf hat als du!“

Gelächter brach aus, als die übrigen Weasleys in freundlich gemeinte Neckereien über Ron und seine Gefühlswelt einstimmten. Erleichtert musste auch Hermine grinsen. Sie war Harry unendlich dankbar, dass er die ganze Sache für sie so schnell und einfach gelöst hatte.

„Nun, junger Mann!“, erklang da Mollys Stimme von ihrer Seite: „Essen Sie mit uns?“

„Es wäre mir eine Ehre“, sagte Draco mit einer leichten Verbeugung: „Falls ich diese Familienrunde nicht störe und genug Essen für alle bleibt.“

„Ach, mach dir darum mal keine Sorgen!“, lachte Hermine: „Bei Molly gibt es immer genug zu essen!“

Wie auf ein Stichwort sprangen alle Weasleys samt Anhang auf, um sich um die große Tafel in der Mitte des Raumes zu scharen. Draco wollte ihnen bereits folgen, doch Hermine hielt ihn zurück. Mit einem schüchternen Lächeln erklärte sie: „Ich dachte … vielleicht … würdest du mich küssen?“

Nach dem ersten Moment der Überraschung kehrte das gewohnte, überhebliche Grinsen auf Dracos Gesicht zurück: „Ich wusste, du kannst mir nicht widerstehen.“

Gespielt verärgert hob Hermine eine Augenbraue: „Gib’s doch zu, du wartest schon ewig darauf, mich küssen zu dürfen!“

Als Antwort nahm Draco ihr Gesicht in beide Hände, strich mit seinem Daumen sachte über ihre Lippen und flüsterte: „Da hast du Ausnahmsweise einmal vollkommen Recht!“

Und dann küsste er sie.

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