24. Kapitel

Sobald sie Feierabend hatte, schnappte sich Julia ihre Sachen und beeilte sich, ins Krankenhaus zu kommen. Den Weg zu Victors Zimmer kannte sie schon beinahe auswendig, sodass es nur wenige Minuten dauerte, bis sie bei ihm war. Etwas außer Atem setzte sie sich auf den Stuhl, wie bei jedem ihrer bisherigen Besuche.

Victor freute sich, dass Julia wieder gekommen war. Ihm war nur nicht verständlich, warum sie zum zweiten Mal an diesem Tag erschien. Und sie hatte es offensichtlich eilig gehabt, zu ihm zu kommen. Er konnte aber keine Ursache dafür finden. Der einzig mögliche Grund hatte vielleicht damit zu tun, dass der Arzt am Nachmittag bei den üblichen Überprüfungen etwas ernster als sonst ausgesehen hatte.

Als Julia wieder zu Atem gekommen war, fing sie an zu erzählen: „Dein Arzt hat heute Nachmittag bei mir auf Arbeit angerufen. Er hat gesagt, dass er Rückmeldungen zu dem Artikel bekommen hat und dass seine Kollegen dasselbe befürchten wie er. Sie haben festgestellt, dass es dir immer schlechter geht. Sie geben dir zwar Nährstoffe und andere wichtige Stoffe, aber aus irgendeinem Grund verschlechtert sich dein Zustand trotzdem. Sie wissen einfach nicht, woran es liegt. Und deshalb wollen sie dich auf ein anderes Zimmer verlegen. Dort darfst du dann keinen Besuch mehr empfangen. Sie meinen, dass das sowohl den Ermittlungen als auch deinem Zustand hilft.“

Wieder einmal konnte Victor die Gedankengänge seines Arztes und des Kommissars nachvollziehen. Doch in diesem Moment wollte er nur zu gerne ihre Logik bestreiten, um weiter Besuche von Julia zu bekommen zu können. Schließlich war sie die einzige, die ihn freiwillig besuchte. Sowohl der Arzt als auch der Kommissar hatten schließlich die Pflicht, bei ihm nach dem Rechten zu sehen. Bei Julia war das anders. Sie kam, weil sie wollte. Und dafür war er ihr sehr dankbar.

„Ich werde die Zeit bei dir vermissen“, begann Julia wieder zu sprechen. „Zwar hast du nie etwas sagen können, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, dass du mich und meine Gedanken verstehst. Mir sind die Besuche bei dir total wichtig geworden. Wenn du in das andere Zimmer verlegt wirst, habe ich niemanden mehr zum Reden. An wen soll ich mich denn dann wenden?

Bevor ich gehen muss und –“, Julia lächelte kurz, „bevor mein Handy wieder klingelt, möchte ich gerne etwas tun. Ich kann dich zwar um Erlaubnis bitten, doch ich fürchte, dass du mir nicht antworten kannst. Da ich nicht weiß, ob und wann wir uns wiedersehen, möchte ich dich gerne umarmen.“

Victor hatte nichts dagegen einzuwenden. Er würde sie ohnehin nicht spüren können. Die Kälte blockierte jegliche Empfindungen auf der Haut. Außerdem hatte er Julia lieb gewonnen und war auch deshalb damit einverstanden. Als ihr Gesicht in seinem Blickfeld auftauchte, war er einen kurzen Augenblick überrascht. Bis dahin hatte er sie nur kurz mit einem entsetzten Gesichtsausdruck gesehen, als sie ihn auf der Straße gefunden hatte. Das Lächeln, mit dem sich nun ihr Gesicht näherte, stand ihr aber wesentlich besser. Sie sah hübsch aus. Nicht übermäßig attraktiv, aber dennoch strahlte ihr Gesicht große natürliche Schönheit aus. Dann entschwand ihr Gesicht wieder aus seinem Blickfeld. Sie umarmte ihn. Von der Seite her, so gut es eben mit einer liegenden Person geht. Ihr Kopf lag auf seiner Brust.

Julia hielt in der Umarmung inne. Sie hatte den Eindruck, als ob Victor nicht mehr so kalt war wie zu dem Zeitpunkt, als sie ihn gefunden hatte. Ihr war fast so, als ob er nun Wärme ausstrahlte. Sie fing an, die Umarmung zu genießen. Und dann hörte sie etwas, was durch die Stille des sonst so ruhigen Zimmers noch verstärkt wurde: Ein gleichmäßiges, dumpfes Pochen, direkt neben ihrem Ohr.

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