25. Ein Sturm bricht an

Medeba – Die letzte freie Stadt Servinas in den Eroberungskriegen zur Zeit König Jerimots, von hier stammte der letzte Widerstand, welcher Artherg viele Wochen von der kompletten Niederwerfung Servinas abhielt. Für ihren Widerstand büßte sie und wurde niedergebrannt, der letzte Spross des Fürstengeschlechtes entführt und das Volk ermordet.

Aus „Eine Chronik Arthergs“ von Machir

 

 

Jael und Hiskijar waren Reisegefährten auf unbestimmte Zeit. Sie reisten gemeinsam, weil zwei Schwerter besser waren als eins und es sicherer war. Doch spätestens an der Grenze Servinas würden sich ihre Wege trennen. Hiskijar gedachte das Versprechen einzulösen, dass er Herzog Havinon gegeben hatte, denn war seine Tochter, nun wo der Krieg als dunkler Schatten über den Zwillingsreichen hing, nicht mehr sicher. Jael dagegen musste sich verstecken, denn wenn die Ástilos wussten, dass sie lebte, konnte es auch Artherg erfahren.

Jedoch war Jael eine sehr angenehme Begleiterin, denn wie Hiskijar selbst schätzte sie die Ruhe. Und so war bis auf die Laute der Natur und das leise Klappern der Hufe nichts zu vernehmen, dass sie in ihren Gedanken hätte stören können.

Sie ritten stetig am Fuß des Schattengebirges durch die Wälder von Machir stur nach Norden. Es war eine angenehme Reise. Die Wälder waren dünn besiedelt und bis auf einige Köhlerfeuer in der Ferne vernahmen sie keine Spuren menschlicher Besiedlung außerhalb der schmalen Pfade, die sie jedoch mieden. Somit gab es auch genug Tiere, die Hiskijar bereitwillig vor den Bogen liefen, so dass ihre Teller gut gefüllt waren. Die Flüsse, die hier aus dem Gebirge traten, waren klar und noch unberührt von dem Schmutz der Städte.

Erst am fünften Tag änderten sie ihre Route und ritten nach Nordosten, denn hier durchschnitt der Lidebir das Schattengebirge und mit ihm der einzige Pass nach Madruk. Bewacht wurde dieser von den mächtigen Festen Nyroli und Jaakan auf arthergischer Seite und von der Festungsstaat Marnov auf Madruks Seite.

Es gab viele gute Burgen in Servina, doch über ihnen allen wehte der Bär im Wind und es waren arthergische Soldaten, die über die Gänge patrouillierten. Jaakan und Nyroli waren jedoch ein besonders starkes Bild für die Unfreiheit Servinas, denn durch einen einzigen Befehl konnten sie den kleinen Staat von allem Handel aus dem Westen abschneiden. Ihre Mauern duckten sich in den Schatten der Berge und ihre Türme schienen mit den Berggipfeln selbst zu wetteifern.

Zwar konnten Hiskijar und Jael die Burgen nicht sehen, doch spuckte die Veteranin dennoch in Richtung der Berge aus und auf ihr Gesicht war ein Ausdruck des Abscheus getreten.

„Verfluchte Artherger.“, fluchte sie.

Hiskijar runzelte die Stirn.

„Mein Vater war ein Artherger, aber er war kein besonders netter Mensch. Von daher hast du Recht, verfluchtes Artherg.“.

Wohlgemerkt machte er einen Unterschied zwischen Arthergern und Artherg, denn gab es in Artherg ebenso vernünftige und nette Menschen wie dumme und hochmütige, ebenso wie es sie auch in Servina gab. Prinz Asahel war dafür ein hervorragendes Beispiel.

Am sechsten Tag erreichten sie das strömende und tosende Wasser des Lidebir. Es war ein relativ kleiner Fluss, wenn auch der größte Servinas, doch war es ein starker und besonders lebhafter Fluss, der mit großer Kraft vorwärts donnerte.

Somit mussten Hiskijar und Jael, obwohl sie es lieber vermieden hätten, den Fluss auf einer Brücke überqueren. Doch war das Schlimmste, was ihnen geschah, dass ein mürrisch dreinblickender Soldat von ihnen Zoll verlangte.

Daraufhin folgten sie dem Lauf des Lidebir durch die dichten Wälder von Lidebir nach Osten, Richtung Artherg. Sie ließen die Hauptstadt Servinas hinter sich, früher Lyhmsa, nun Hawila, groß und bestätig wachsend.

Kleinere Städte zogen am anderen Ufer an ihnen vorbei, doch hielten sie erst an, als sie am anderen Ufer die Ruinen von Medeba erreichten. Andächtig standen sie am Ufer und blickten zu den fernen Schemen der untergegangenen Stadt hinüber.

„Medeba. Letzte Bastion der Freiheit.“, murmelte Hiskijar.

Doch nun waren von der großen Stadt nur noch Skelette von Häusern geblieben, leere Fensterhöhlen, in denen die Fledermäuse hingen. Die Stadtmauern, einst gewaltige Bollwerke, waren niedergerissen worden und als letzter Wachposten ragte ein einziger Turm auf, dessen Dach sicherlich schon eingebrochen war und in dem nun wildes Getier seine Ruhestätte fand. Auf viele Jahre würde hier niemand mehr seine Felder anlegen können, denn hatte Artherg den Boden zur Strafe für die Widerspenstigkeit der Medebaner komplett versalzen lassen.

Hiskijar sah zu Jael hinüber und bemerkte zu seinem Erstaunen, dass in ihren Augen Tränen glitzerten.

„Fragt Ihr Euch nicht auch manchmal, was wir gegen Artherg ausrichten können?“, fragte sie, ihre Stimme nicht mehr als ein Wispern. „Wir sind ein winziges Land und damals dachten wir auch, dass Medeba ihnen standhalten würde. Doch fiel sie und warum sollte es dieses Mal anders sein? Was können wir tun?“.

„Wir können die Hoffnung bewahren.“, erwiderte er und war froh, dass seine Stimme fest und sicher war.

Jael antwortete nicht in Sprache, sondern in Gesang und ihre Worte waren bitter der Erinnerung geweiht, den verlorenen Schönheiten vergangener und für immer verlorene Zeiten: „

 

 

Medeba! Medeba!

Schwester von Königen,

Mutter von Fürsten

Medeba! Medeba!

Schwer ward mein Herz,

als deine Mauern fielen.

Doch folgtest du dem Ruf,

der Freiheit verschriebst du dein Herz,

unerbittlich war deine Hoffnung,

Stolz und unerschrocken deine Kinder,

unter dem Banner des Fuchses ritten sie,

die letzten freien Kinder Servinas

Ach Medeba! Medeba!

Fürst Abiar dein größter Sohn,

stolz waren seine Mannen

und hoffnungsfroh sein Blick,

doch fielen sie unter den Heeren des Bären,

die blut’gen Banner verblieben dort,

auf dem Feld verlor’ner Ehre,

doch des Fürsten letzter Blick galt dir.

Oh, Medeba! Medeba!

Lange hielten deine Mauern stand,

unter Fürstin Audits starker Wacht,

doch zu groß war der Feinde Zahl

und dein Stolz zerfiel.

Verkauft und getötet wurden deine Kinder

Und rot floss der Lidebir in jenen Tagen.

Medeba! Medeba!

Harre aus und lausche dem Ruf,

deine Kinder werden sich deiner erinnern

und die Freiheit deiner erringen.

Halte stetig Wacht an deinen Ufern!

Denn die Tage der Freiheit folgen.

Medeba! Medeba!“

 

Hiskijar seufzte. Medeba musste ein wahrhaftig prachtvoller Anblick gewesen sein, doch waren die Zeiten ihres Untergangs lange vor seiner Geburt gewesen, zur Zeit der arthergischen Eroberungskriege, als selbst König Jerimot noch ein kleiner Junge gewesen war.

Doch Hiskijars Mutter kannte die alten Tage noch, auch wenn die Erinnerung daran längst geschwunden war. Denn war sie in Medeba geboren worden, zur Zeit der Belagerung und hatte es als Baby verlassen. „Eines Tages werden wir die alte Herrlichkeit erwachen sehen, klar und strahlend wie der hereinbrechende Morgen.“, erklärte er und in diesem Moment, wo er die Hoffnung wider erlangte, wirkte der alte Krieger stark und schön, und das Alter und Müdigkeit schien nur noch eine ferne Erinnerung an kalte und dunkle Wintertage zu sein. Ein schon verblassender Schein in der strahlenden Morgensonne, die die Ruinen von Medeba erleuchtete.

Auch Jael bemerkte es und staunend sah sie ihn an.

„Verzeiht mir.“, erklärte sie schließlich, „Dass die Wahrheit solange vor meinen Augen verborgen lag, obgleich die Lösung so nahe war. Jetzt verstehe ich. Lange Tage vergangen, seitdem das Volk der Ástilos unter König Helech in die Schlacht ritt und nicht zurückkehrte, lange Jahre, in denen das Reich der Elben und viele Menschenreiche vergingen. Doch unser Volk erinnert sich und mögen auch lange Jahre vergehen, bis wir den Duft der Freiheit kosten, werden wir Seite an Seite kämpfen, wie wir es einst taten, wenn wir auch den Namen des anderen damals nicht kannten. Und wenn ich bei dem Versuch sterben werde, so soll es sein.“.

Hiskijar lächelte. „Wenn die Zeit reif ist, werden wir kämpfen. Und wenn dies nicht zu unseren Lebzeiten geschehen sollte, werden die nächsten Generationen diese Bürde tragen.“.

Er nickte.

„Nun lass uns unsere Reise fortsetzen und wenn die Zeit gekommen ist, werden wir erneut an den Ruinen Medebas stehen und uns dieser Worte erinnern.“.

Dann stiegen sie wieder auf ihre Pferde, doch sie beide wussten, dass dieser Moment einen Hauch der Ewigkeit in sich getragen hatte und dass er nicht vergessen werden würde.

 

 

 

Wenn Hadassa nicht aufpassen würde, dann würde Alechos früher oder später verhungern. So fasziniert war er von dem Buch der Narichre Tanide, dass er vergaß zu essen und zu trinken. Und sein Sohn Mendechos war ihr auch keine große Hilfe, wenn er auch manchmal verlässlicher und vernünftiger als sein Vater wirkte, so verschlang er nun ebenso begierig jegliches Wort, das er erhaschen konnte.

Für Hadassa dagegen waren die Tage, die sich allmählich zu Wochen wandelten, angefüllt von Warten. Das kleine Wäldchen südlich von Elam, im welchem sie sich verbargen, war nicht sonderlich voll mit Wild. Viel Zeit verbrachte sie dementsprechend mit der Jagd, Hasen, Vögel und ein Reh fielen ihren Klauen zum Opfer.

Die Löwin bewachte den Schlaf der beiden Hersor, wenn er auch ziemlich kurz ausfiel, sie versorgte sie, doch war diese Aufgabe nichts, was sie erfüllen konnte. Die Luft war zu nass und feucht, der Boden unter ihren Pfoten trug sie nicht, sondern sie sank ein im Schlamm und die Bäume engten sie ein. Es machte sie nervös, dass sie die Gegend um sich herum nicht überblicken konnte und die Neuigkeiten, welche sie aus dem Buch erfuhr, waren spärlich und unwichtig.

Es war tatsächlich eine Biografie Ascarnas und natürlich war es für Hadassa interessant mehr über die größte Tchaveskov ihres Volkes zu erfahren. Doch brachte sie Ascarnas Geburtsort und die Namen ihrer sechs älteren Brüder nicht weiter, was das tiefe Geheimnis in den Wüsten Ikantjeys anbelangte.

An diesem Abend fassten sie für Hadassa die Ereignisse des Jahres 1690 zusammen, einer Zeit, zu der die Elben den Thron Ciyens von der jorohnischen Königin Zaréa zurück eroberten und die glorreichen Jahre des Elbenreiches unter der Herrschaft von Königin Kayra II und König Josia anbrachen. Zugleich war es das Jahr, in welchem Ascarna den sphinxischen Thron Ikantjeys für sich nahm, nachdem Tchaveskov Keret Lisorque in der Schlacht von Niamey gefallen war.

„Also gibt es Hoffnung.“, meinte Mendechos und seine Augen leuchteten. „Wenn damals das Böse vertrieben und besiegt werden konnte, ist uns das auch heute möglich.“.

Abwägend neigte sein Vater den Kopf „Nur scheint es dieses Mal ein anderer Weg zu sein. Denn tritt die Gefahr dieses Mal auf eine andere Weise an uns heran.“.

Hadassa hingegen zweifelte keinen Moment daran, dass sie die Lösung finden würden. Sie war mit derselben Hoffnung und Zuversicht erfüllt, wie es auch Ascarna gewesen war, als sie den verlorenen Geistern in den Isirdis-Sümpfen gegenüber gestanden hatte. Wenn es einen Weg geben würde, dann würde sie ihn finden und beschreiten, egal wie mühselig er sein mochte.

 

 

In den Ebenen nördlich von Zwillingsstadt wehten viele Banner im Wind. Da war der Rapphengst des Volkes am Oststrom, das tausendfünfhundert Mann entsandt hatte, erfahrene Kämpfer, die viele Jahre lang die Ostgrenze gegen Artherg verteidigt hatten.

Es folgten achthundert dem Speer und Fisch vom Weststrom, die Quellwälder waren mit dreihundert starken Mannen unter dem Wappen eines einzelnen Sternes auf dunklem Grund gekommen und dann waren da noch die dreitausend Männer der nördlichen Steppen, erfahrene Reiter auf feurigen und schnellen Rossen mit langen Speeren. Sie folgten ihrem Fürsten unter den gekreuzten Speeren in den Kampf. Sie alle waren dem Ruf ihres Königs gefolgt und wenn man den Gerüchten Glauben schenken wollte, würden noch mehr aus dem Norden folgen, Männer des Ulsar-Gebirges und Männer der nördlichen Grenzländer, deren Ritt lang und weit war.

Es waren mehr, als Elieser zu hoffen gewagt hatte. Fünftausendsechshundert Speere allein aus dem Norden.

Es gab ihm verlorene Hoffnung zurück und ließ Träume von Sieg erwachen.

„Elieser?“.

Der Prinz sah von dem Anblick des Heeres auf und wandte sich zu seiner kleinen Frau um.

„Meine Dame? Wie kommt ihr hierher?“.

Er deutete auf die Stadt, die sich hinter diesem kleinen Hügel erhob, den er sich zum Beobachtungsplatz auserkoren hatte.

Sie lächelte, als ob sie wissen würde, wie sehr Elieser ihr Lächeln mochte.

 „Ich wusste es.“.

„Woher?“.

„Ich sah die Hoffnung und die Furcht in deinen Augen miteinander ringen und wusste, dass du die Antworten nur hier finden würdest.“.

Seine Augen blitzten freundlich.

„Und was siehst du jetzt, kleine Prinzessin?“.

Sie seufzte. „Ich bin nicht klein. Noch in diesem Mond werde ich dreizehn Winter zählen.“.

Auf einmal färbten sich ihre Wangen mit einer dünnen Schicht von Rot.

„Ich...ich hatte meine erste Blutung.“.

Überrascht sah Elieser sie an. Zum einen kannte er diese Form von Schüchternheit von ihr nicht und zum anderen bemerkte er zum ersten Mal, dass sie tatsächlich erwachsener geworden war. Im vergangenen Monat hatte sie eine neue Art von Selbstbewusstsein entwickelt.

„Und dennoch.“, entgegnete er, „bist du zu jung.“.

„Morgen wirst du reiten und wenn du nicht zurückkommen solltest?“.

„Wenn es tatsächlich so sein soll, dass ich fallen sollte. Dann wird sich ein anderer Mann finden, der dich zum Eheweib nehmen wird. Ich habe weitere Brüder.“.

Sie lächelte schwach.

„Ich will keinen Anderen. Mein Vater hat sich entschieden, mich dir zu geben, Elieser aus Zwillingsstadt. Nicht einem deiner Brüder. Und du, du warst immer gut zu mir.“.

Sie hob den Kopf und Elieser erkannte in ihren Augen den Stolz ihres Hauses.

„Ich kenne meine Pflicht. Das Blut von Anios, dem Schlachtensieger und von Hiavil, dem Hammerfürsten, fließt in meinen Adern und ich bin die letzte meines Geschlechtes. Wenn ich sterbe, stirbt das Blut Scheerus mit mir aus. Mein Herzogtum, Elieser, braucht einen Erben.“.

„Alsra.“, sprach er sanft ihren Namen aus und strich ihr eine hellbraune Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Genieße deine Jugend, solange du die Möglichkeit dazu hast. Jeder Tag ist ein verlorener.“.

Einen Moment hielt er inne. „Außerdem versprach ich deinem Vater, dass ich diese Ehe nicht vor deinem fünfzehnten Lebensjahr vollziehen würde.“.

Sie schüttelte den Kopf und Verzweiflung lag offen in ihrem Blick.

„Du verstehst das nicht. Mein Vater hätte auch gedacht, dass er noch länger leben würde und nicht, dass sein Tod der Auslöser eines Krieges gegen eben jenes Land, welchem er den Frieden schenken wollte.“.

„Wenn es dich beruhigt, werde ich versprechen, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, um zu dir zurückzukehren.“.

Sie deutete auf das Heerlager, die stolzen Banner, die sich im Wind blähten und sich weigerten, sich ihm zu unterwerfen.

„Es sind zu wenig.“.

„Es sind viel mehr, als ich mir erhofft habe und dies sind nur die nördlichen Mannen, weitere warten im Süden auf uns.“.

Sie schüttelte energisch den Kopf.

„Du weißt doch, genauso gut wie ich, dass es zu wenig sind. Ich sehe es in deinen Augen, die Furcht, die zu versucht vor mir zu verbergen.“.

Fast war er ein wenig froh, dass sie seine wahren Gedanken und Befürchtungen kannte. Er mochte es nicht gerne, Menschen zu belügen, besonders sie nicht. Am allerwenigsten hatte sie es verdient, dass er Lügen erfand, um sie zu schützen. Er mochte Alsra von Scheeru. Und in einigen Jahren vielleicht, wer wusste schon, was die Zeit brachte, konnte er vielleicht auch lernen, sie als Frau zu sehen, als seine Frau. Und dann könnte er vielleicht auch beginnen, sie zu lieben.

Einen Moment standen sie nur so sah, den Blick in den Augen des jeweils Anderen verloren, denn sie gaben einander einen Funken von Leben und Hoffnung. Wie hatte es nur kommen können, dass dieses Mädchen, das er seine Frau nannte, ihm hatte wichtiger werden können, wie Bruder und Schwester mit denen er sich den Mutterleib geteilt hatte?

Dann – ohne dass er wusste, wie es geschah – umarmte Alsra ihn und ihr Kopf lehnte an seiner Brust. Er fuhr ihr durch die hellbraunen Flechten, die sie nun offen trug wie es in seinen Ländern Sitte war.

Lange verblieben sie so, die Blicke auf den fernen Horizont gerichtet, als ob sie hoffen würden, dass sich ihnen dort ein klarer Weg ebnen würde.

Sie drehte sich langsam zu ihm um.

„Gewährst du mir einen Kuss?“, fragte sie leise. „Denn wissen wir nicht, wie der Weg vor unseren Füßen aussieht und mag es sein, dass sich unsere Wege nie wieder kreuzen werden.“.

Vorsichtig hob er ihr Kinn an, beugte sich herab und küsste sie kurz auf den Mund. Ihre Lippen schmeckten nach den frischen Knospen, die sie gegessen hatte, nach dem erwachenden Frühling.

 

Doch am nächsten Morgen ritt Elieser fort, an der Seite seines Vaters und seines Bruders Derudir.

Tausende von Männern folgten ihnen, die Speere glänzend und scharf in der Morgensonne, die Gesichter grimmig und zornig. Sie blickten sich nicht zu den jungen Frauen Zwillingsstadts um, die ihnen ihre Blumenkränze vor die Hufe ihrer Pferde legten. Gänseblümchen und Schneeglöckchen, Krokusse und Narzissen, bunt und schön. Zeugen der neuen Jahreszeit.

Allein Elieser trug statt einer Krone einem Blumenkranz, den Alsra ihm am gestrigen Tag gebunden hatte. Golden leuchteten die kleinen Blumen, dazwischen kleine Muscheln, die seine Frau als Hochzeitsschmuck getragen hatte. Dunkel und schwer war sein Herz, als sich der Prinz zu seiner Heimatstadt umdrehte. Und doch schien es ihm, als erblicke er vor den Türen der Hallen seiner Väter eine winzige Gestalt, die Hand zum Gruß erhoben.

Die Pferde liefen über Blumenwiesen, doch war es der Frühling, den sie hinter sich ließen. Stattdessen ritten sie in den Sturm, den Sturm des Krieges.

 

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beta
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