27. Ein Krieg beginnt

Es sind hundertfünfzigtausend Mann, die das arthergische Heer zählt. Diese sind in fünf Korps aufgeteilt, welche wiederum aus jeweils vier Divisionen bestehen. Die einzelnen Divisionen werden von den unterschiedlichen Herzogtümern aufgestellt und unterstehen somit ihrem Herzog und nicht dem König. Der Oberbefehlshaber einer Division darf folglich also nur ein Mann aus den eigenen Reihen sein. Die Divisionen sind wiederum in vier Brigaden aufgeteilt, die Brigaden in drei Regimenter und ein Regiment besteht aus zwei Bataillonen. Die kleinste Einheit ist die Kompanie und ein Bataillon ist aus fünf Kompanien zusammengesetzt. Es ist ein striktes System, gebaut auf Disziplin und Gehorsam, das bisher nur selten verfehlte.

Aus „Eine Abhandlung des Heeressystems Arthergs“

 

 

 

Das Lager des Generalstabes der arthergischen Armee wurde mitten im Herzogtum Keriso aufgeschlagen, in fruchtbaren Ländern, die jedes Jahr reichlich Ernte brachten.

Das Heer marschierte weiter nach Westen, wobei große Teile der Soldaten noch weiter südöstlich waren, da sie erst aus Servina und Tjarol kommen müssen. Die Menschen in Mearis hatten es nicht gewusst, doch den Generalstab beschäftigte es dafür umso mehr. Es waren vier Divisionen, die in die Zwillingsreiche geschickt werden würden, dreißigtausend Mann und viele von ihnen waren noch zu weit entfernt. Die erste Division aus dem ersten Korps war rechtzeitig zum Abzug des Königs dar gewesen, das aber auch nur, weil sie schon, bevor die Kriegserklärung an die Zwillingsreiche eingegangen war, in Marsch gesetzt worden war. Der Befehlshaber dieser Division stand neben ihnen im Zelt, sein Name war Simei und er war der älteste von Herzog Asriels drei Söhnen. Die zweite Division unter ihrem Befehlshaber Fisarem, dem Grafen von Mikas war ebenfalls relativ frühzeitig in Marsch gesetzt worden, hatte sich jedoch nicht bei dem Auszug aus Mearis befunden und befand sich nun im Herzogtum Elam auf Marsch. Die beiden Divisionen aus Tjarol, die dritte Division des ersten Korps und die dritte Division aus dem dritten Korps waren jedoch erst spät in Kenntnis gesetzt worden, doch hatten sie sich im Westen Tjarols aufgehalten und hatten in der Zwischenzeit die Liwem-Steppen im Herzogtum Hiatur, ganz im Süden Arthergs, erreicht.

Herzog Alemet beugte sich über eine Karte der Zwillingsreiche, die über den ganzen Tisch reichte und zeigte auf einen Punkt.

„Ihr Heer sammelt sich im Schatten des Wintergebirges in den Sonnensteppen. Den Oberbefehl hat König Förelier. Wenn sie die Schlacht verlieren, werden sie sich vermutlich in das Gebirge flüchten. Sie haben dort eine Festung, die sie den Mondfels nennen, eine sehr gut gesicherte Festung mit zwei Mauerringen, von drei Seiten ist sie von steilen Felswänden umgeben, die vierte Mauer endet an einer Schlucht und es gibt nur schmale Pfade.“.

„Dann sollten wir – wenn wir uns nicht auf eine Belagerung einlassen wollen – sie von dieser Festung fernhalten.“, meinte Laedan, der Befehlshaber des ersten Korps und damit faktisch der dritte Oberbefehlshaber, und seine Augen blitzten.

Alemet nickte. „Die Zwillingsreiche wollen eine Schlacht und sie werden eine bekommen. Was danach kommt, werden wir sehen. Vielleicht ist eine Belagerung sogar sinnvoll, wenn wir dafür Leben schonen können.“.

Jasreel runzelte die Stirn. Es war ungewöhnlich für Alemet, eine Belagerung als sinnvoll zu erachten. Denn war der Herzog zwar ein guter Taktiker was offene Feldschlachten anbelangte – auch wenn er lange nicht an die Leistungen eines Doeros von Tarea oder einen Ìsiven heranreichte -, doch hasste er Belagerungen. Und um die Toten, die seine Siege mit sich brachten, hatte der Herzog sich noch nie gekümmert. Er tat alles für einen Sieg, auch wenn er dabei Menschenleben hinfort warf, als wären sie Abfall. Doch würde der Kronprinz sich später um seinen Schwiegervater kümmern, jetzt galt es vorerst, einen Sieg zu erhalten.

Alemet hielt kurz inne und nutzte die Zeit, um sich erneut über die Karte zu beugen. „Jedoch gedenke ich ihnen einen weiteren Angriff zu schenken.“.

Jasreel blickte auf den Punkt, auf den der Herzog zeigte. “Winterflucht“ las er.

„Dies ist die Festung, in die sich die Bewohner von Zwillingsstadt zurückziehen, wenn ihnen Gefahr droht. Ebenfalls nehme ich an, dass ein Teil der Truppen bei der Hauptstadt verbleiben wird. Wenn ihre Hauptstadt gefallen ist, wird auch ihre Hoffnung erlischen. Und wenn der Großteil der Königsfamilie in Gefangenschaft gerät, ihr Kampfeswille. Auch wird sich dort wohl Prinzessin Alsra aufhalten.“.

„Was ist mit ihrem Gemahl, Prinz Elieser?“, fragte einer der Generäle.

„Er reitet an der Seite seines Vaters.“.

Die Besprechung dauerte noch viele Stunden, doch letztendlich wurde Alemets Vorschlag angenommen und ein zweifacher Angriff beschlossen.

 

Die Generäle verließen das Zelt und überließen Jasreel der Einsamkeit und Ruhe. Allein Laedan verblieb und wenn er ehrlich war, überraschte es den Kronprinzen nicht im Geringsten. Er hatte die Zweifel und den Zorn in den Augen des Prinzen aus Noriom durchaus bemerkt.

„Ich glaube nicht, dass Alsra entführt worden ist.“, eröffnete er das Gespräch. „Natürlich mache ich mir Sorgen um ihr Schicksal, denn ist sie vom Blut meiner Familie. Jedoch kenne ich König Förelier und Königin Indifau, ebenso wie Prinz Elieser und erschließt sich mir ihr Handeln nicht. Sie hätten niemals eine Prinzessin Arthergs entführt und einen Herzog getötet.“.

Jasreel schwieg, während er den jungen Mann musterte. Sie waren miteinander verwandt, denn waren seine Mutter Kargawa ebenso wie Alsras Mutter Karelar, sowie auch die zweite Frau von Herzog Alemet, die Schwestern von Herzog Setam, Laedans Vater, gewesen. Nun waren all diese Frauen tot, während Herzog Setam noch immer auf dem Thron seiner Väter in Tiloch saß.

Trotz ihrer Verwandtschaft hatte sich zwischen Laedan und Jasreel nie ein sonderlich enges Verhältnis entwickelt, dazu waren ihre Meinungen und Eigenschaften viel zu unterschiedlich. Dennoch kannte Jasreel diesen Mann und er wusste, dass er ihn nicht anlügen durfte. Laedan war stolz und kalt wie die hohen Berge, die seine Heimatstadt umgaben. Zugleich war er klug, wenn auch sein Temperament dies manchmal verbarg. Seine schnelle Hocharbeitung in den Reihen des arthergischen Heeres war dafür ein hervorragendes Beispiel. Selbst beim Hochadel war ein Generalleutnant mit nur zweiundzwanzig Jahren selten. Jasreel dagegen stand die Führung des Heeres aufgrund seiner Stellung als Kronprinz, und nicht etwa seiner Fähigkeiten wegen, zu. Dennoch war ein guter Heerführer, doch beruhte diese Fähigkeit hauptsächlich wegen seinem Lernwillen und seiner Beobachtungsfähigkeit. Laedan dagegen besaß dieselbe instinktive Gabe, die auch der erst kürzlich verstorbene Herzog Doeros, Davrors Vater, besessen hatte und welche sicherlich auch Ìsiven zur Hilfe gewesen war. Diese Gaben waren rar gesät und ihre Besitzer waren deshalb umso gefährlicher.

„Wie geht es Eurem Vater und Eurer Schwester, Prinz Laedan?“, fragte er, während er nach einer Antwort suchte.

„Mein Vater verzweifelt an der Aufgabe, einen Mann für meine Schwester zu suchen, doch ansonsten geht es ihm gut. Und wie geht es Eurem Vater, Eurem Weib und Tochter?“. Seine Stimme war weicher geworden und das war gut.

„Mein Vater hatte eine Grippe, als wir aufbrachen und ich hoffe, dass es ihm bald besser geht. Mein Weib wird besser gelaunt sein, nun wo ich fort bin und meine Tochter ist immer noch derselbe Schatz.“.

Ein leises Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er an sein einziges Kind dachte. Hawila, benannt nach seiner Schwester, war sechs Jahre alt und besaß trotz ihrer körperlichen Versehrtheit eine unglaubliche Freundlichkeit und Liebe für ihre Mitmenschen. Wenn er zurückkommen würde, dann würde sie vielleicht nicht mehr das einzige seiner Kinder sein.

Dann fiel ihm auf, dass Laedan ihn musterte.

„Ich bezweifle es auch.“, antwortete er schließlich, „Herzog Havinon wurde auf dem Gebiet der Zwillingsreiche von Männern, die unter der Flagge der Zwillingsreiche ritten, sowie von Elben getötet. Doch wer den Befehl für diesen Angriff gab, wissen wir nicht. Momentan versuchen wir den Rittmeister von Herzog Havinons Wache ausfindig zu machen, der möglicherweise überlebt hat. Prinzessin Alsra wurde dagegen von Herzog Havinon an Prinz Elieser gegeben.“.

Laedan zog eine Augenbrauche hoch. „Und dann kämpfen wir gegen die Zwillingsreiche, ohne zu wissen, dass sie etwas mit der Sache zu tun haben?“.

Jasreel seufzte. „Wir haben ihnen ein Angebot gemacht, doch weigerten sie sich Alsra herauszugeben, um stattdessen eine andere Tochter Arthergs anzunehmen. Doch kann die Erbin eines Hauses unmöglich in ein anderes Land verheiratet werden.“.

Laedan nickte nur und das machte Jasreel fast noch mehr Sorgen, als offener Protest. Der Prinz neigte den Kopf, woraufhin sein Kettenhemd leise klirrte, dann verließ er das Zelt.

Erschöpft lehnte sich der zweite Oberbefehlshaber dieses Heeres zurück und schloss für einen Moment die Augen. Doch war dies erst der Anfang eines Feldzuges und noch viele Tage der Erschöpfung würden folgen.

 

 

Als sie Mearis erreichten, leuchteten die Gesichter der Männer und der durch den Regen und die Stürme weggewischte Stolz fand seinen Weg zurück.

Auch Davror hob den Kopf und ignorierte die Müdigkeit, die er der anstrengenden Reise verdankte. Die Pferdehufe klapperten im gleichmäßigen Schritt über das Pflaster und einige Menschen sahen aus ihren Fenstern oder liefen auf die Straße, um herauszufinden, wer dort ritt. Leise flüsternd deuteten sie auf das Wappen, welches die Reiter mit sich führten und das von einem starken Westwind an seiner Stange hin und her geworfen wurde. Ein Reiter ritt vor ihnen hinweg, blies in ein Schofar und rief mit lauter Stimme: „Macht Platz für Herzog Davror von Tarea! Bereitet den Weg für den Kurfürsten des Königs!“.

Doch die Reiter hielten auf ihrem Weg nicht inne, sondern folgten der Hauptstraße in das Zentrum der Stadt. Menschen sprangen ihnen aus dem Weg und die Männer schüttelten zornig die Fäuste, während die Frauen besorgt um sich blickten, denn vielleicht brachten die Reiter ja Neuigkeiten von der Front.

Im Hof von des Königs Burg hielten sie ihre Pferde an und der Herzog saß von seinem Wallach ab. Er reichte die Zügel des Rappen einem Stallburschen, tätschelte das treue Tier und winkte dann einen anderen Diener zu sich. „Kündigt mich an.“.

Doch schien dieser Befehl nicht länger nötig zu sein, denn trat Herzog Asriel mit ausgebreiteten Armen die Stufen hinab, ein Lächeln auf dem Gesicht. Davror mochte sich gar nicht fragen wie viel Goldfaden in das Gewand seines Onkels eingewirkt war oder von welchem Wert die Edelsteine waren, die seine Kleidung schmückten. Dies war jedoch nicht von Belang.

„Der Bote muss schneller als der Wind gewesen sein. Ihr kommt grade rechtzeitig, Hoheit Davror.“.

Sein Neffe beachtete ihn nicht im Geringsten, sondern fragte: „Wo ist Kronprinz Jasreel? Ich muss sofort zu ihm.“.

Ein ebenso trauriges wie undurchschaubares Lächeln schob sich über Asriels Gesicht.

„Der Kronprinz ist schon vor drei Wochen an der Spitze des Heeres abgereist“.

Davror hielt einen Moment inne. Drei Wochen war er zu spät! Doch noch hatte er eine Chance, denn ritt eine kleine Gruppe Männer schneller als ein Heer.

Er winkte einen Stallburschen zu sich. „Sage deinem Meister, dass Herzog Davror sich die schnellsten Pferde wünscht, die sein Stall zu bieten hat.“. Der junge Mann verneigte sich, doch befahl Asriel ihm mit einer Handbewegung an Ort und Stelle zu verbleiben.

„Wohin versucht ihr zu gelangen?“, fragte er.

„Ich habe etwas zu erledigen.“, entgegnete Davror ausweichend, denn gefiel ihn der Ausdruck in den Augen des Herzogs von Asea nicht.

„Wenn ihr Kronprinz Jasreel erreichen wollt, solltet Ihr es vorziehen, einen Boten zu schicken.“.

Mit Misstrauen in den Augen blickte Davror auf. Etwas war vorgefallen. Er konnte es kaum wahrnehmbar in der Luft erspüren, einen Hauch von Unruhe und Hektik, mehr als die, welche sonst herrschte.

„Was ist geschehen?“.

Asriel seufzte. „Servina hat aufbegehrt und es ist nach unserem Gesetz Eure Pflicht die dortigen arthergischen Truppen zu führen. Ich hatte einen Boten nach Euch geschickt und Ihr seid genau zum rechten Augenblick gekommen. Am Besten reitet Ihr noch am heutigen Tag gen Osten.“.

Davror wollte seine Frustration und seinen Zorn herausschreien, denn war er der Möglichkeit beraubt worden, seinen Freund zu warnen. Konnte er doch unmöglich, diesen Befehl verweigern.

„Was ist mit Noriom?“, fragte er in dem verzweifelten Versuch das Unheil abzuwenden.

„Die vierte Division des ersten Korps wird vom Herzogtum Noriom gestellt und sie steht in Servina.“.

Der Bruder seiner Mutter legte ihm die Hand auf den Oberarm und lächelte sanft.

„Noriom hat schon einen Heerführer für den Feldzug in den Zwillingsreichen – Prinz Laedan – gestellt. Und die erste Division des dritten Korps steht ebenfalls in Servina und da sie von Eurem Land, dem Herzogtum Tarea gestellt wird, seid ihr der rechtmäßige Oberbefehlshaber zur Niederwerfung der servinischen Revolte. Doch macht euch keine Sorgen, mögt Ihr auch weniger länger im Heer gedient haben als es für einen Herzog üblich ist – verzeiht mir meine Offenheit – so seid Ihr doch der Sohn Eures Vaters. Und Generalleutnant Tarendor, Eures Vaters Bruder, wird Euch mir Rat zur Seite stehen. Ebenfalls ist das servinische Heer nach unseren Berichten klein und es wird von dem fünfzehnjährigen Prinzen Asahel geführt, der noch weniger Erfahrungen, was das Führen eines Heeres anbelangt, als Ihr besitzt.“.

Davror seufzte. „Nun gut. Dann werde ich bald reiten und versuchen ein Heer zu führen. Doch vorerst wünsche ich König Jerimot zu sprechen.“.

Asriel verzog das Gesicht.

„Verzeiht mir, Hoheit. Doch fürchte ich, dass dies nicht möglich sein wird.“.

„Wieso?“, fragte er harsch und sein Herz hämmerte gegen seine Brust.

„König Jerimot ist schwer erkrankt und es ist zu befürchten, dass er nicht mehr viele Tage zu leben hat.“.

 

Dennoch ließ Davror sich nicht davon abhalten, den König an seiner Bettstatt zu besuchen. In schweren Krämpfen schüttelte sich der korpulente Körper des Königs und sein mit Blattgold verziertes Bett bog sich trotz des Kissenberges, auf dem Jerimot ruhte, durch. Seine Stirn war schweißnass und seine Augen flackerten im Fieberwahn.

„Besteht die Möglichkeit, dass der König…nun vergiftet worden ist.“, fragte er also den königlichen Leibarzt, nachdem er die königlichen Gemächer verlassen hatte, denn ließ sich die Warnung seines Bruders nicht vergessen.

Dieser sah ihn überrascht, doch selbstsicher an.

„Natürlich lässt sich diese Möglichkeit nicht ausschließen.“, erklärte er, während er mit einigen Geräten und Kräutern hantierte. „Bei einer Person seiner Macht. Doch lasst Euch beruhigen, seine Majestät war die letzten Monate über recht kränklich und er klagte häufig über Magenschmerzen. Nun ist noch eine Grippe mit einem starken und hartnäckigen Fieber dazu gekommen und zugleich sind die Bauchkrämpfe schlimmer geworden. Es sieht mir nicht nach einer Vergiftung aus und ich diene schon lange Jahre der königlichen Familie.“.

Davror nickte. Er glaubte und vertraute dem Arzt, der einmal seine Tochter Jarila geheilt hatte.

„Wie steht es um ihn?“, fragte er dennoch und auch wenn er die Antwort schon zu wissen glaubte, mahnte er: „Seid ehrlich.“.

Der erfahrene und alte Mann mit schlohweißem Haar sah ihm tief in die Augen. „Des Königs Körper ist vom vielen Essen und der geringen Bewegung geschwächt und er war schon immer recht kränklich. Hinzu kommt, dass er nicht mehr der jüngste ist und das Alter ihm zu schaffen macht. Nein, ich glaube nicht, dass es noch viel Hoffnung gibt.“.

Davror packte den Arzt am Arm und sah ihn mit der Last der Verantwortung, die in den Tiefen seiner Augen ruhte, an.

„Haltet ihn an Leben bis der Kronprinz von seinem Feldzug zurückkehrt.“.

Ihm war bewusst, dass dies kaum möglich war, mochte es noch drei oder vier Monate dauern, bis der Feldzug beendet war. Möglicherweise noch länger, wenn es Belagerungen gab. Nur konnte er unmöglich bereit sein, die Hoffnung aufzugeben. Jerimot mochte kein sonderlich guter König sein, doch war er der einzige König, den Artherg hatte. Denn Jasreel war weit entfernt in den Zwillingsreichen und ein verwaister Thron war ein allzu leichtes Opfer, als dass zu viele ihm widerstehen könnten.

Der Arzt erwiderte nichts, sondern nickte nur stumm.

„Wie Ihr wünscht, Hoheit.“.

Sein Umhang wirbelte herum, als Davror sich umwandte und die Hand auf den Knauf von Drachenfall ruhend, schritt er vorwärts.

Dann ritt er los, um einen Feldzug zu führen, obgleich er wusste, dass der Machtkampf in Mearis ausgetragen werden würde.

 

 

 

 Der Himmel war grau und dunkle Wolken verdichteten sich zu einer fernen Gewitterfront.

„Schneller! Schneller!“, riefen die Soldaten Arthergs und mit Schlägen trieben sie die Kriegsgefangenen auf dem schmalen Weg voran. Ihre Füße wurden schneller und der Staub und Schmutz, den sie aufwirbelten, zeugte davon, dass es hier schon seit längerer Zeit nicht mehr geregnet hatte. Dunkle Schatten bedeckten ihren Weg und wenig Licht beleuchtete dank der gewaltigen Felswände zu ihren Seiten ihren Pfad. Genügsames Moos bewucherte die Felsen und die wenigen Bäume, die sich im Schatten des Gebirges verbargen und ihre hohen Äste dem Himmel entgegen streckten, während Gras und einige Frühblüher sich nahe der Wurzeln ausbreiteten.

Doch die wenigsten Kriegsgefangenen schenkten dem strahlenden Weiß der Schneeglöckchen oder dem Blau der Sternhyazinthen keinen Moment ihrer Aufmerksamkeit. Müde stolperten sie vorwärts, jegliche Art von Stolz vergessen, die Augen allein auf ihre Füße gerichtet, um nicht zu fallen und sich so den Zorn der Aufseher zuzuziehen.

Auch Kesaj musste Jismayig stützen, die immer noch unter ihrer bei der Schlagwetterexplosion erlittenen Verletzung litt. Dennoch konnte der Tjaroler nicht anders als die Stärke der Frau an seiner Seite bewundern, wahrhaftig war sie eine Frau aus dem Volk der Tjaroler. Sie besaß den Mut einer Löwin und den unbändigen Lebenswillen, den das harte Leben in ihrem Land erforderte. Ihr Körper mochte von Prellungen und Abschürfungen verunstaltet sein, doch leuchtete der Stolz in ihren Augen ungebrochen.

„Es kann nicht mehr weit sein.“, flüsterte er ihr ermutigend zu.

Sie schnaubte nur. „Ich bin nicht blind und kann von alleine merken, dass der Weg unter meinen Füßen ansteigt.“.

Kesaj lächelte, als er merkte, dass es ihr wieder gut genug ging, um Funken zu sprühen.

Irgendwo hinter ihnen fiel jemand zu Boden, doch ignorierten sie die Peitschenschläge, die nun erklangen und konzentrierten sich alleine auf den Weg vor ihren Füßen.

Auch Netanja musste sich irgendwo hinter ihnen befinden und Kesaj wusste nicht, ob er die Möglichkeit, dass es den Ástilos getroffen haben mochte, fürchten oder sich darüber freuen sollte. Eigentlich hatte Netanja ihn nie belogen und dementsprechend konnte Kesaj selbst nicht richtig verstehen, woher sein Zorn auf den Veteranen kam. Vielleicht hatte all das Blut in der Mine die Wut aufgeweckt, die er seit dem Beginn seiner Gefangenschaft sorgsam verbarg. Nur war Netanja, die für ihn einzige momentane Möglichkeit die verlorene Freiheit wieder zu erringen.

„Sieh, der Pfad verbreitet sich.“, flüsterte Jismayig und Kesaj hob die Augen vom Boden hinweg.

Sie hatte Recht. Die glatten Felswände an ihren Seiten wichen und vor ihnen erstreckte sich eine felsige Ebene. Hinter Holzpalisaden ragten Holzdächer hervor und auf den Wällen patrouillierten einige Soldaten, die Speere wachsam vor sich gestreckt, als sie die Gruppe auftauchen sahen. Den Gefangenen wurde befohlen stehen zu bleiben, während der Anführer der arthergischen Gruppe Soldaten auf den Anführer des Lagers zuging. Während sich die beiden Männer unterhielten, sah Kesaj sich um. Weiter östlich von ihnen suchte sich ein kleiner Bach seinen Weg über die Ebene und einige Kleinkinder ließen Schiffe aus Rindenstücken dahin treiben. Es war eindeutig, dass die Menschen hier keine Kriegsgefangenen waren. Auch sie waren auf eine gewisse Art Gefangene, denn war Servina ein von Artherg besetzter Staat, doch besaßen die Soldaten hier ein Interesse, die Menschen bei Laune zu halten. Zwar war das Dorf von einer Palisade umgeben, doch galt diese wohl eher der Abwehr von wilden Tieren als zur Gefangenhaltung der Menschen. Junge Mädchen schöpften Wasser von einem Brunnen oder wuschen Kleidung an einem kleinen Teich. Von der gewaltigen Größe der Berge, die sie umgaben, ließen sie sich nicht im Geringsten beeindruckten, denn würden sie wohl diesen Ort nie verlassen haben.

Nach einer Weile wurden sie endlich in das Dorf hineingeleitet und zu einigen Hütten geführt, die mit einem morschen Bretterzaun von den übrigen abgetrennt waren. Es schien wohl nicht das erste Mal zu sein, dass dieser Schacht Besuch von Arbeitern aus anderen Schächten erhielt.

Doch für Kesaj schien dieser Ort annehmbarer zu sein, als den welchen sie zuvor verlassen hatten. Die Arbeit würde sicherlich nicht weniger anstrengend sein, doch war die Atmosphäre entspannter.

 

Noch am selben Abend führte Netanja Jismayig und Kesaj inmitten eines Gewitterregens an den Bretterzaun, wo auf der anderen Seite ein Mann wartete.

„Wieder hier, Netanja?“, fragte der Ástilos, dessen Gesicht in der Dunkelheit verborgen war und der auf irgendetwas herum kaute.

„Wo sollte ich denn sonst sein?“, knurrte ihr Führer und deutete mit einer unwirschen Handbewegung auf seine beiden Begleiter. „Das sind Kesaj und Jismayig aus Tjarol.“.

„Irgendetwas heckst du doch aus, Netanja. Oder warum sonst hast du deine Abneigung gegen die Tjaroler auf einmal vergessen?“.

„Manchmal ist ein Bündnis klüger als ewige Vorwürfe.“.

Ihr Gesprächspartner schnaubte nur.

„Vertraut ihm nicht.“, riet er den beiden Tjarolern, „Er ist nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht.

„Mein Vorteil ist meine Freiheit.“, entgegnete Netanja harsch und die Ungeduld war sehr gut in seiner Stimme wahrnehmbar.

„Aber sicher.“, spottete ihr Gegenüber.

„Kannst du den Kontakt nach Marnov noch herstellen?“, fragte der Kriegsgefangene, ohne auf den vorherigen Satz einzugehen.

„Sicherlich.“, schnaubte er. „Die Zeiten haben sich nicht geändert. Nur musst du mir sagen, was du planst, Netanja.“.

„Erst schickst du dein Vieh, dann werde ich dich in unsere Pläne einweihen.“, knurrte Angesprochener ungeduldig.

„Aber nur, weil du es bist.“, murmelte der Unbekannte, dann verschwand er in der Dunkelheit des Lagers, während Netanja, Kesaj und Jismayig zu ihrer Hütte zurückgingen.

„Jetzt müssen wir warten.“, erklärte Netanja ihnen. „Es dauert drei bis vier Tage bis die Taube Marnov erreicht hat und dann muss unser Kontaktmann dort auch noch zustimmen und dann die Waffen über die Grenze schmuggeln. Einen Monat, eher zwei, müssen wir uns mindestens gedulden.“.

Dieses Mal hielt Kesaj den Seufzer zurück. Schon so lange lebte er jetzt schon in Gefangenschaft, dass ihm die Freiheit wie ein ferner und unerreichbarer Traum erschien. Diesen Traum galt es nun festzuhalten, damit die Hoffnung nicht mit ihm unterging. Und wenn die Hoffnung verloren ging, was verblieb dann noch?

 

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beta
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