3. Dezember

Nachdenklich blickte Draco auf seinen Plan. Die Klasse mit Granger hatte er heute als letzte, danach hatte er Feierabend und die Schüler Schulschluss. Er war sich inzwischen sicher, dass mindestens die hübsche Blonde - war ihr Name Bennet? - mehr als nur fachbezogenes Interesse an ihm hatte. Vielleicht ergab sich ja eine Gelegenheit, sie ganz unschuldig zu einem Kaffee einzuladen. Er würde einfach so lange im Raum verweilen, bis auch der letzte Schüler gegangen war. Falls sie ihm nicht abgeneigt war, würde sie sich ebenfalls Zeit beim Einpacken ihrer Tasche lassen. Ja, das war ein guter Plan. Und falls sie die Gelegenheit nicht ergreifen sollte, konnte er am nächsten Tag immer noch selbst aktiv werden. Er hatte Zeit.

oOoOoOo

Hermine wusste, was da lief. Sie hatte schon die letzten beiden Tage bemerkt, dass ihre Mitschülerinnen ihren blonden Professor mit großen Kulleraugen anstarrten und beinahe anfingen zu sabbern, wann immer er direkt zu ihnen schaute. Die Blicke, die Malfoy heute auf das Mädchen neben ihr geworfen hatte, waren ebenso eindeutig: Hier wurde geflirtet. Mitten im Unterricht. Sicher, von seinem Vortrag ließ er sich dadurch nicht ablenken und sie musste zugeben, dass er seine Sache sehr gut machte. Aber dass er vor aller Augen so schamlos war, einer Frau solche Blicke zuzuwerfen, raubte ihr den letzten Nerv. Und das Mädchen stand offensichtlich drauf. Wussten die denn alle nicht, wer er war? Malfoy war doch nun wirklich nicht berühmt dafür, ein Gentleman zu sein. Wenn überhaupt glich er der Schlange, die das Wappen seines Hogwarts-Hauses zierte: spitze Zunge, manchmal auch gespaltene Zunge, aber niemals freundlich oder charmant.

"Oooh, Hermine!", flüsterte ihre Sitznachbarin ihr da ins Ohr: "Ich glaube wirklich, Mr. Malfoy steht auf mich!"

Hermine unterdrückte ein Stöhnen: "Ehrlich, Lydia, was findest du an dem?"

"Da musst du fragen?", kam die ungläubige Antwort: "Hast du keine Augen im Kopf? Er ist heiß!"

"Und ein Arschloch!"

"Hermine!"

Sie rollte mit den Augen: "Ich bin mit ihm zur Schule gegangen. Im Gegensatz zu dir kenne ich ihn."

"Ach, spiel dich nicht so auf!", gab Lydia beleidigt zurück: "Mag ja sein, dass du mit berühmten Leuten wie Harry Potter oder Ron Weasley bekannt bist, aber du kannst mir nicht erzählen, dass du Draco Malfoy kennst."

"Ja, stimmt, wer bin ich schon?", erwiderte Hermine kopfschüttelnd, doch sie ließ das Thema auf sich beruhen. Obwohl sie sich fragte, wie jemand, der gerade zwei oder drei Jahre jünger war als sie - also auch zu ihrer Zeit in Hogwarts gewesen sein musste - nicht nur nicht wusste, dass sie im selben Jahrgang wie Malfoy gewesen war, sondern auch ignorieren konnte, was für ein eingebildeter Idiot er in dieser Zeit gewesen war. Ein weiterer Seufzer ertönte neben ihr. Das war ja nicht zum Aushalten. Hermine starrte angestrengt geradeaus, doch egal, ob sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Sitznachbarin richtete, oder ihren Professor ansah, sie wurde gleichermaßen mit absolut unangebrachten Blicken zwischen beiden konfrontiert.

Das kleine Irgendetwas in ihr, das manchmal sehr fiese Ideen ausbrüten konnte, meldete sich plötzlich zu Wort. Bei dem Gedanken an diese neuere Idee, die ihr gerade gekommen war, kam sie nicht umhin, sehr böse zu grinsen. Vielleicht würden die beiden Turteltäubchen heute nicht zueinander finden.

oOoOoOo

Dracos Laune sank mit jeder Sekunde. Er hatte genau gesehen, wie Granger während des Unterrichts plötzlich angefangen hatte, fies zu lächeln, und da hatte er schon ein ungutes Gefühl gehabt. Jetzt war es offensichtlich, dass sie sich sehr viel mehr Zeit als nötig beim Einpacken ihrer Bücher ließ - ebenso wie die reizende Miss Bennet. Ihre Blicke während der Stunde hatten ihm verraten, dass sie mehr als empfänglich für seine Reize war - was sollte nun also dieses Spielchen von Granger?

"Professor Malfoy!", säuselte sie da auch schon wie auf ein Stichwort: "Wie schön, dass Sie noch da sind, sonst haben Sie es ja immer so eilig. Hätten Sie vielleicht einen Moment Zeit für mich?"

Er wartete bis, sie direkt vor ihm stand, ehe er erregt flüsterte: "Was soll das werden? Verschwinde."

"Aber, aber, Professor", erwiderte Hermine ebenso leise, aber mit einer vor Spott triefenden Stimme: "Haben wir denn etwas Besseres vor, als einer armen Schülerin, die eine Frage hat, zu helfen?"

"Du hast keine Frage!", fuhr er sie wütend an: "Du hattest noch nie irgendwelche Fragen!"

"Oh, leiden wir an Gedächtnisverlust?", gab sie neckend zurück: "Ich hatte immer Fragen. Unsere lieben Professoren in Hogwarts können davon ein Lied singen. Und jetzt habe ich auch eine Frage. Willst du sie nicht hören?"

"Schön!", schnaubte er: "Wenn du dann endlich Ruhe gibst und abhaust!"

"Mich würde brennend interessieren, was deine Vorgesetzten im Ministerium dazu sagen würden, wenn sie erfahren, dass du deine Schülerinnen mitten im Unterricht vor versammelter Mannschaft beinahe ausziehst mit deinen Blicken ..."

Fassungslos starrte Draco sie an: „Was?“

„Du hast mich genau verstanden“, entgegnete Hermine mit einem zuckersüßen Lächeln: „Mir ist es völlig egal, was du in deiner privaten Freizeit machst. Aber hier bist du Professor. Es stört mich, wenn du meinen Mitschülerinnen schöne Augen machst. Und ich bin mir auch sehr sicher, dass das nicht gerne gesehen wird.“

Einen Augenblick lang kämpfte er mit sich, ob er sie nicht einfach direkt ins Jenseits hexen sollte, dann besann er sich jedoch eines Besseren: „Und warum stört dich das? Eifersüchtig?“

„In deinem Traum!“, kam es trocken von Hermine: „Ich brauche bestimmt keinen eingebildeten Schönling, der mir unanständige Blicke zuwirft.“

„Hat Weasley dich deshalb verlassen?“, hakte Draco nach. Wenn es einen Weg gab, als Sieger aus dieser Konversation zu kommen, dann nur über den frontalen Angriff: „Vermutlich hatte er auch die Schnauze voll davon, dass nicht mal seine Blicke unanständig sein durften?“

„Draco Malfoy!“, zischte Hermine, inzwischen gegen ihren Willen ernstlich verärgert: „Glaubst du alles, was in der Klatschpresse steht? Ron und ich waren niemals ein Paar. Wir haben in der Hitze der Schlacht einen leidenschaftlichen Moment gehabt, aber mehr war da nie. Und wenn, dann wäre es sicherlich nicht an meiner mangelnden Begeisterung für Unanständiges gescheitert. Die ist nämlich durchaus vorhanden!“

„So?“, erkundigte Draco sich mit erhobener Augenbraue. Aus dem Augenwinkel registrierte er, wie Lydia Bennet mit hoch erhobenem Haupt an ihm vorbei ging, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Der Plan von dem kleinen Biest vor ihm war also doch noch aufgegangen. Er verschränkte seine Arme vor der Brust und beugte sich weiter zu Hermine runter: „Du kannst jetzt gehen. Miss Bennet hat das Weite gesucht, kein Grund mehr, hier Zeit zu vergeuden.“

Hermine, die gerade im Begriff gewesen war, zu einer heftigen Erwiderung anzusetzen, schaute sich schnell um, bemerkte, dass sie tatsächlich alleine waren, und nickte nur: „Tatsache. Na dann, schönen Abend noch.“

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