3. Reiz der Frau - Samuel


Mit zugepresstem Kiefer stand ich da. Mit den Armen verschränkt, sah ich mir ihr Werk an. Meine Matratze, gelandet auf dem Müll, durch den Zorn einer Frau. Ein Anblick, der meinen Wolf zum oben brachte. Was hatte sich das Weib dabei gedacht!? Mit aller Gewalt hielt ich das Knurren unterdrückt, was sich meine Kehle hinaufschleichen wollte. Was würde passieren, wenn ich loslassen würde? Die Frau in Stücke reißen war keine Option, doch mein Wolf brauchte etwas. Etwas, was er tun konnte, um ihr zu zeigen, wer hier die Oberhand hatte.
Ian mein freudestrahlender Bruder kam gehässig grinsend auf mich zu. Am liebsten hätte ich ihm die Grimasse aus dem Gesicht geprügelt. Doch ich fixierte weiter die Matratze, als würde sie mir verraten können, warum dieses durchgeknallte Weib sie übers Geländer geworfen hatte.
„Na Romeo? Scheiß Nacht gehabt was?“
„Schnauze“, brummte ich. Er spielte auf die Nacht auf der Couch an. Eine Couch, die ich nie zum schlafen benutzt hatte, weil die nicht dafür gedacht war. Eine Tatsache, die mir mein schmerzender Nacken nun vorhielt.
„Klares Statement. Findest du nicht?“, witzelte er. Ich konnte genau fühlen, wie schadenfroh er über die Situation war. Immerhin hatte ich den Kampf um das unwillige Weib gewonnen und niemand sonst.
Das Biest hatte sich vergangene Nacht gewaltig gewährt. Hatte sich mit aller Kraft gegen jede Annäherung verwehrt. Schon beim Eintreten in den Raum, hatte sie mit ihrer Körpersprache deutlich gemacht, dass ihr niemand zu nah kommen sollte. Eine Sprache, die die meisten Menschen nicht wahrnahmen. Auch ihr Duft und somit ihre Einstellung war deutlich auf Abwehr.
Augenblicklich hatte das Spiel begonnen, ohne das einer der Weiber es hätte mitbekommen können. Als Sieger dieses kleinen gedanklichen Spiels ging ich hervor. Ein Sieg, den ich nun bereute. Es gab weit folgsame Weiber, die sich einfach zurückzogen und nicht gleich hysterisch das Inventar zerstörten. Doch die wirklich Willensstarken reagierten auf den Rausch alle gleich. Mit Wut. Wütend auf sich selbst so hingegeben zu haben, wie sie es nicht gewollt hatten.
„Bereust du die kleine Party?“
„Fick dich Ian.“
„Ich meine, eine wirklich bedeutende Art die Vergrößerung unseres Reviers mit deiner Matratze zu opfern.“ Das war genug.
Meine Hand flog und schlug ihm auf den Hinterkopf, laut lachend wich er zurück, doch es war zu spät. Ich hatte ihn erwischt, weshalb er sich den Hinterkopf rieb.
„Verschwinde, bevor ich dir den Arsch aufreiße.“ Er salutierte höhnend und entfernte sich.  
Unser Territorium. Der Grund für die gestrige Veranstaltung. Wir hatten lange für diesen Tag gearbeitet. Hatten ein feindliches Rudel verkleinert und zurückgedrängt, ein Rudel, das die Stadt Jahre lang tyrannisiert hatte. Wie hatten somit einen großen Teil an Macht gewonnen und waren unseren Plänen ein großes Stück näher gekommen.
Ein gutes Gefühl.
Doch jetzt? Jetzt verfluchte ich Alex für ihre „Überraschung“ Gestern Nacht war es bei allen Jungs gut angekommen. Schon lange hatten wir nicht mehr ausgelassen gefeiert und wenn dann nicht in diesem ausmaß. Immerhin gab es selten die Gelegenheit diese Anzahl an Frauen zusammenzubekommen, die dann willig genug waren. Und wenn nicht, gab es da die ein oder andere Möglichkeit, die Sinne einer Frau zu verführen.
Nick kam aus dem Gebäude geschlendert. Er grinste ebenfalls, was bei ihm jedoch sein tagtägliches Dauergrinsen war.
„Was geht.“ Ich atmete nur genervt aus. Er wusste genau was ging.
„Entspannt?“, nekte er, worauf ich endlich den Blick von der Matte nahm und ihn ansah. Er ging einen schritt zurück.
„Willst du auch eine drauf bekommen?“ Er hob beschwichtigend die Hände.
Entspannt. Keines Wegs war ich entspannt oder sogar gelassen, wie ich es hätte sein sollte. Meine Muskeln prickelten vor Anspannung und in meinem Magen brodelte es.
Ich war zornig. Zornig auf die Frau, die mir mit der Aktion gezeigt hatte, wie sie die Nacht empfunden hatte. Abfällig, dreckig, schlecht. Das würde sie büßen. Immerhin hatte sie bereitwillig alles mit sich machen lassen, hatte es gewollt, aus tiefster Seele. Ich hatte es gespürt. Wäre dem nicht so gewesen, hätte sie sich gegen die kurze Bindung unseres Inneren nicht gewährt. Sie hatte sich auf den Rausch eingelassen.
„Dieses Miststück“, fluchte ich.
„Und jetzt? Lässt du sie davonkommen?“ Ich schnaubte. Niemals. Man musste ihr Zeigen, wer die Grenzen setzte, mein Wolf musste es tun, musste die bestrafen.
Damit wendete ich mich einfach von Nick ab und verschwand im Wald. Mein Ziel war deutlich. Ich würde sie aufspüren und wenn ich sie fand, würde sie mich anflehen mir zu verzeihen.
Ich war überrascht, sie an solch einem Ort zu finden. Ihr Haus stand an einem See. Mitten im Wald. Ein Haus das typisch für meines gleichen war, nur nicht für Menschen. Sie suchten üblicherweise die Nähe vieler anderer. Dort fühlten sie sich sicher. Geborgen. Die Dunkelheit machte ihnen Angst. Ein Urinstinkt, den sie nicht ablegen würden.
Ich ging näher heran. Beobachte das stille Gebäude, dass sich gut an die Umgebung anpasste. Ich konnte verstehen, warum sie sich gerade dort wohlfühlte. Hoch über dem See. Den Blick über alles.
Ich trat auf die Veranda und blickte in den Wohnraum. Schon dort könnte ich hören, dass sie sich gerade im Bad befand. Ich sah mir das Haus von außen an und musste nicht lange suchen, um zu finden, was ich wollte. Ein geöffnetes Fenster.
Schnell kletterte ich am Regenwasserrohr der Fassade hoch und öffnete das auf kipp stehende Fenster mit nur wenigen Handgriffen.
Drinnen stand ich in einer Abstellkammer. Kartons stapelten sich über Kartons. Ich ging weiter zur Tür, öffnete sie vorsichtig und trat raus. Dort angekommen ging ich auf leisen ins Schlafzimmer. Sie würde mich nicht bemerken, wenn ich es nicht wollte.
Meine Augenbrauen zogen sich hoch. Die Frau hatte es nichts mit Ordnung am Hut. Überall lagen Klamotten herum. Das Bett war das einzige unbenutzte. Sie schien nicht geschlafen zu haben. Der Duft von Unzufriedenheit und Kummer lag in der Lust. Ich hatte sie also wach gehalten. Es entlockte mir ein Grinsen. Gut so.
Ich löste mich von dem Anblick und ging hinab. Es vielen mir die vielen Bilder an der Wand auf. Unter anderem ihre Mutter. Vier Gesichter die ich von letzter Nacht kannte und ein Mann. Wie es schien ein Studienfreund. Sie hielten stolz ihr Abschlussdokument in die Kamera.
Bilder verrieten meist viel über den Besitzer des Hauses. Auf keinem Bild war sie allein drauf, auf jedem war sie mit ihrer Mutter oder einem Ihrer Freunde drauf. Was bedeutete das sie zu ihre wenigen aber guten Freunde eine stabile Beziehung unterhielt. Es schien kein Vater vorhanden zu sein, weshalb ihre Bezugspersohn nur ihre Mutter war. Der Mann war auf den meisten Bildern, hinter ihnen manchmal ein Büroraum. Sie arbeiteten also zusammen. Ich schätzte, dass er ihr bester Freund war. Auf allen Bildern lächelte sie ungezwungen oder machte Unsinn. Eine ehrliche Frau. Was ich wohl schon anhand meiner Matratze spüren durfte.
Unten angekommen befand sie sich noch im Bad. Ich sah mich um. Vergleichbar zu oben war der Raum dort Blitzblank. Besonders die Küche strahlte. Wie es schien ein wichtiger Ort. Ich überlegte, ob ich sie gleich hier überraschen sollte, sicherlich eine Aktion, die ihr Angst einjagen würde. Ich ging im Raum umher, sah mir die restlichen Bilder an. Dort das gleiche Bild wie die Treppe hinab. In der Küche hielt ich an einer Pinnwand mit Kalender.
Meeting. 9:00 Café Lingee. Pünktlich. Mit drei Ausrufezeichen.
Ein Grinsen bereitete sich auf meinem Gesicht aus. Ein wichtiger Termin, in nur wenigen Stunden. Dann wollten wir doch nicht verpassen.

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