30. Die Schlacht in den Sonnensteppen


Wer vermag es schon, das Heer Arthergs zu stoppen? Wir sind die unbestreitbaren Herren Anthars.

Zitat von General Hanifar nach dem Sieg bei der Schlacht von Viniaris

 

 

Nebel hüllte die Welt in ein dumpfes Zwielicht aus Schatten und Dunkelheit. Ein kalter Wind aus dem Osten fuhr durch das Gras der Sonnensteppen, die ihrem Namen an diesem Tag keine Ehre machen wollten.

Dunkel und finster begann dieser Tag und nur widerwillig begaben sich die Zwillingsreichler des Dorfes Silberblick aus ihren Betten, um die anstehende Arbeit zu erledigen. Hunde begrüßten kläffend das erste Tageslicht, während die älteren Kinder aus dem nahen See Wasser schöpften.

Einzelne Eisschollen zeugten von der verblassenden Herrschaft des Winters, doch erschauderten die Kinder dennoch, als sie die Hände in das trübe Wasser tauchten.

Eines der älteren Mädchen stieß ihren jüngeren Bruder weg, der sich ängstlich an sie klammerte.

Doch war dessen Furcht zu übermächtig, als dass er sich von dem Widerwillen seiner Schwester hätte abhalten ließe.

Genervt hob das Mädchen, fast schon zur Frau erwachsen, ihren Blick, um dem Jungen ihren Unmut kund zu tun – und erstarrte.

Fast unwahrnehmbar, unhörbar war dieser noch unscheinbare Schrecken, der ihre Leben bald bedrohen würde.

Ein leises Platschen und ihr fremde, unbekannte Stimmen waren die erste Warnung der sich rasch nahenden Gefahr.

Der Junge, dem sie versprochen war, flüsterte: „Jemand überquert den Fluss weiter nördlich.".

Eigentlich war es kein Fluss, nur ein Bach, der im Frühjahr angeschwollen war, doch nahm sie dies im Moment nicht wahr. Sie verstand es nicht, wollte nicht verstehen. Nur das Gefühl der Furcht nahm sie ein, sehbar an den feinen Härchen, die sich in ihrem Nacken aufstellten und ihrem Zittern. Bald wusste sie nicht mehr, ob sich ihr Bruder an sie klammerte oder sie sich an ihn. Wie erstarrt stand sie da, den Wassereimer wie ein Zeichen des alten, vergangenen Lebens immer noch in der Hand.

„Wer immer es ist, er sollte nicht hier sein.", erklärte ein anderes Mädchen und die jüngeren Kinder waren froh, wie sie den Hauch von Selbstbewusstsein in ihrer Stimme wahrnahmen, als ob sie mit diesen paar Worten die alte Sicherheit wieder herstellen könnte.

„Minhjam!". Der Junge zerrte am Arm seiner Schwester und Minhjam blickte überrascht auf, denn hatte sie in diesem Moment des Schreckens die Zeit vergessen.

„Wir müssen die anderen warnen.", stellte sie langsam fest, als läge sie noch in der heimatlichen Hütte und all dies war nur ein Traum.

Doch nun, wo sie erkannte, dass dies eine Gefahr der Realität war, nahm sie ihren Bruder an die Hand und schlich mit ihm und den anderen in den Schatten des Dorfes Silberblick zurück.

Der erste, dem sie begegneten, war Vater Mesieler, der auf einer Bank auf die ersten Sonnenstrahlen wartete.

„Mesieler! Mesieler!", riefen die Kinder, „Jemand überquert den Silberpfeil!".

„Silberpfeil.", plapperte eines der kleineren nach.

Der Alte schlug sofort die Augen auf und blickte die Kinder an.

„Seid ihr euch sicher?".

Minhjam drängte sich durch die Menge nach vorne.

„Ja, Vater.", beteuerte sie, „Sie sprachen einer fremden Zunge, die sicherlich kein Dialekt unseres Volkes war.".

Mesieler sprang auf, verschätzte sich jedoch und musste sich auf dem Mädchen abstützen.

Er blickte Minhjam an.

„Mädchen! Du musst etwas tun. Reite zum Lager des Königs und sage ihm, dass die Artherger hier sind.". Mit einem Blick der Verachtung spie er auf den Boden. „Du weißt, wo es liegt?".

Gedankenstücke. Ihr Vater, der ihre Mutter ein letztes Mal umarmte. Ihr Bruder, der sie über seinen Speer hinweg angrinste und ihr die Haare zerwuschelte.

„Ich komme wieder, kleine Schwester.", hatte er gesagt, als er losgezogen war, um ihr Volk zu verteidigen. Doch jetzt war er fort und die Artherger hier, also musste sie reiten und ihn holen.

„Ja.", bestätigte sie zerstreut.

Der letzte verbliebene Mann dieses Dorfes drückte ihr die Schulter. „Nimm Tienders Stute.".

Er zwinkerte ihr zu und trotz der Gefährlichkeit der Situation fand sie in seinem Gesicht die so dringend benötigte Ruhe und Sicherheit.

„Aber sie darf Vaters Stute nicht reiten!", protestierte eine dünne Kinderstimme.

Mesieler nickte. „Du hast Recht, Tihram, das Pferd ist hier verblieben, um das Fohlen auf die Welt zu bringen. Doch jetzt ist das Fohlen auf der Welt und somit kann die Stute auch wieder geritten werden.".

Das Mädchen Tihram überlegte kurz, dann nickte sie.

Der Alte lächelte ihr zu, dann scheuchte er die Kinder fort, bis nur noch Minhjam, ihr Bruder und ihr Verlobter da waren.

Mesieler führte sie, nachdem er Zaumzeug und Sattel geholt hatte, eilig durch die Siedlung bis zu einer Koppel. Eine Scheckstute rupfte das zarte Gras, an ihrer Seite ein Hengstfohlen, das seiner Mutter eifrig folgte.

Mit geschickten Händen zäumte und sattelte er das Tier auf, das sich nicht an seinem Fressen stören ließ. Dann hob er Minhjam in den Sattel, öffnete das Gatter und gab der Stute einen Klaps auf die Kruppe.

„Und jetzt reite Mädchen! Reite wie der Wind, um unserem Volk Warnung zu bringen.".

Und so ritt sie und nach einer Weile versiegten selbst die Tränen im scharfen Wind, der ihr ins Gesicht schnitt und umbarmherzig durch ihre Kleidung fuhr. Doch das Mädchen ritt, denn ihr Volk sollte gewarnt werden.

 

 

 

Elieser fuhr hoch, als jemand sein Zelt betrat. Mit klopfendem Herzen und dem Dolch in der Hand starrte er den Eindringling an. Erst als er erkannte, dass es ein Mann seines Vaters war, der seine Ruhe gestört hatte, beruhigte sich sein Atem.

„Was ist geschehen?", fragte er.

„Du sollst zu deinem Vater kommen, Prinz.", entgegnete der Soldat, bevor er sich verneigte und das Zelt verließ.

Elieser legte einen Überwurf aus Pelz um, bevor er in den Morgen hinaustrat. Der Tag musste schon angebrochen sein, doch ein dichter Bodennebel saugte all die Helligkeit der Sonne auf. Kalt war es an diesem Morgen und für einen Moment erschien es Elieser, als ob der Winter wieder eingebrochen wäre.

Einzelne Feuer schienen durch das graue Nichts, flammende Schatten, einzelne Inseln des Lichtes inmitten der tristen Dunkelheit. Auf seinem Weg kam er an einigen Feuern vorbei, an denen Soldaten Tee kochten oder sich etwas zu essen aufwärmten. Doch den angebotenen Becher lehnte Elieser dennoch ab, denn nun war Eile geboten.

Er erreichte das Zelt seines Vaters, das von zwei Wächtern flankiert wurde und trat ein. Förelier, der Anführer seiner Wache Liiyas, Eliesers Bruder Derudir, sowie weitere Berater und Generäle standen an einem Tisch, beugten sich über eine Karte und diskutierten angeregt. Nur eine Person passte nicht in diese Runde erlauchter Persönlichkeiten. Es war ein Mädchen, vielleicht ein wenig jünger als Alsra, mit dunkelblondem Haar, das verwirrt und ängstlich auf die Tischplatte starrte.

König Förelier hob den Kopf und meinte: „Ah. Elieser.", bevor er sich wieder der Karte und seiner Diskussion zuwandte.

Liiyas hieb auf den Tisch und des Königs Sohn, der wusste, wie schwer der besonnende Liiyas aus der Ruhe zu bringen war, erkannte an dieser Geste den Ernst der Lage.

„Es muss doch jemanden geben, der sich hier auskennt.". Er deutete auf das Mädchen. „Jemand, der mit ihren Beschreibungen etwas anfangen kann. Die Artherger sind in unser Land eingedrungen und wir wissen nicht wo der Feind ist, weil wir uns nicht in unserem eigenen Land auskennen.".

Elieser trat vor. „Darf ich?".

Sein Vater nickte resigniert und mit Besorgnis erkannte Elieser den Schatten von verlorener Hoffnung.

„Wie heißt du?", wandte er sich an das Mädchen.

Sie hob den Kopf und ihre hellblauen Augen blickten ihn mit dem Mut und dem Vertrauen eines Kindes an.

„Minhjam.", erklärte sie und ein schwaches Lächeln legte sich auf ihr Gesicht.

„Ich bin Elieser, Minhjam.". Er beugte sich zu ihr und nahm ihre Hände in die seinen. „Und nun erzähle mir, was du gesehen hast.".

In knappen und wohl gewählten Worten berichtete sie von ihrer Entdeckung.

„Dein Dorf hieß Silberblick, sagst du?". Freilich sagte ihm dieser Name wenig, doch vielleicht würde es weitere Anhaltspunkte geben.

Sie nickte eifrig.

„Und der Fluss Silberschl...".

„Silberpfeil.", unterbrach sie ihn, „Doch es ist nur ein Bach, sagt zumindest mein Bruder. Ich habe noch nie etwas Größeres gesehen, aber er sagt, dass Flüsse viel größer sind. Im Sommer trocknet er auch aus und er sagt, dass dies bei Flüssen nicht passiert. Momentan führt er viel Wasser.".

„Und dein Dorf grenzt an einen See? Wohin führt der Bach?".

„Ja, mein Herr. An einen See. Wenn man mit der Strömung läuft, gelangt man an ein weiteres Dorf, das ein wenig größer ist als das unsere, es heißt Bachfelde. Weiter war ich noch nicht, aber mein Bruder sagt, dass man daraufhin zu einem Großen See kommt und einem weiteren kleineren. Er sagt, dass man von dort sogar das Wintergebirge sieht.".

„Das Wintergebirge?", unterbrach Liiyas sie. „Bist du dir sicher, Mädchen?".

„Aber ja.", verteidigte sie ihre Meinung, „Mein Bruder ist kein Lügner und ich habe das Wintergebirge gesehen, als ich zum Lager geritten bin. Es war sehr groß mit Bergen, die bis zum Himmel reichen.".

Der Anführer der Wache deutete mit dem Zeigefinger auf die Karte. „Das kann unmöglich das Wintergebirge gewesen sein. Das Wintergebirge befindet sich nördlich von uns und du kamst aus dem Süden.".

Sie zuckte angesichts seines Zorns zusammen, doch Elieser legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter

„Kannst du dich an noch etwas erinnern?".

Sie zuckte mit den Schultern.

„Ich bin an Wiesen lang geritten, aber es war dunkel und ich habe nicht viel gesehen.".

„Wiesen gibt es im ganzen Land! Der Feind rückt vor und wir haben nichts als ein unwissendes Kind!".

„Liiyas. Sie tut, was sie kann.", beschwichtigte Elieser.

„Minhjam. Wo bist du lang geritten?".

„Auf einer Straße.", meinte sie leise.

„Eine Straße.". Mit einem Ausdruck des Triumphes richtete sich der Königssohn auf. Straßen waren in den Zwillingsreichen rar gesät.

Sogleich beugten sich alle über die Karte, doch wandten sie sich schon bald frustriert ab, denn waren keine Straßen eingezeichnet.

„Wartet.". Elieser kramte zwischen den Falten seiner Kleidung eine Karte hervor. Es war ein vergleichsweise winziges Ding aus geschmeidigem Leser, jedoch mit solch feinen Tintenstrichen, dass mehr auf ihr zu sehen war, als auf der großen. Es war ein Geschenk von Niandos, dem Schreiber und Gesellschafter seiner Frau, gewesen.

„Hier.". Eliesers Bruder Derudir deutete auf einen Punkt. „Das könnte es sein.".

Es war eine schmale Hügelkette, der hier der Name Gawieler-Hügel gegeben worden war. Eine Handelsstraße durchteilte diese im Norden und tatsächlich befanden sich südöstlich von diesen Hügeln zwei Seen, sowie ein Sumpfgebiet.

Liiyas wandte sich abrupt von der Karte ab und dem Mädchen zu.

„Erinnerst du dich an eine Feste in den Hügeln, Minhjam?".

Das Mädchen blickte ihn zweifelnd an, doch schließlich nickte sie zögernd.

„Vater Mesieler, ein alter Mann unseres Dorfes, hat Geschichten von einer verfallenen Festung erzählt, bei der einst eine Schlacht geführt wurde. Dort wurde der Kronprinz in einem Hinterhalt erschlagen und seitdem warten er und seine Getreuen darauf, dass jemand sie rächt.".

Liiyas nickte grimmig.

„Die Artherger wollen diese Feste, um einen Stützpunkt auf unserem Land zu errichten.".

Er blickte in die Runde. „Ich befürchte, dass hier ein sofortiger Aufbruch des gesamten Heeres von Nöten ist.". Er tippte sich an die Stirn. „Meine Herren. Hier gilt es eine Schlacht zu gewinnen.".

 

 

Der Nebel war überall, er schlich durch die Häuser des kleinen Dorfes Silberblick und kroch in die Mäntel der Soldaten, die in den Nebel starrten, in der Hoffnung keine Bewegung des Feindes zu erblicken. Sie waren nur eine Vorhut, die dieses Dorf erobert hatte und fern der Hauptstreitmacht, die sich noch auf dem Marsch befand. Ihr Befehl war es gewesen, die Feste in der Hügelkette einzunehmen, doch hatten sie sich im Nebel verirrt. Mit Mistforken und Knüppeln bewaffnete Alte und Bäuerinnen hatten sich mit dem Mut der Verzweifelung auf sie gestürzt, nur hatten sie keine Chance gegen die gut ausgebildeten Männer Arthergs gehabt. Doch hatten die Artherger dafür sorgen müssen, dass keiner das Heer der Zwillingsreiche hätte warnen können und so war viel Zeit vergangen, bis niemand mehr etwas verraten konnte. Und so herrschte nun der Bär über Silberblick und das sich flussabwärts befindende Dörfchen Bachfelde, doch die Soldaten waren gefangen.

Sie wagten es nicht heraus, denn hatten sie feindliche Kavallerie erblickt und da sie nur drei Kompanien waren, mochten sie es nicht mit den tödlich genauen Speeren und Pfeilen der Zwillingsreichler aufnehmen. Die Zwillingsreichler dagegen wollten das Dorf nicht betreten, denn wussten sie genau, dass sie in den engen Gassen ihren Vorteil verlieren würden. So warteten sie beide auf das Erscheinen ihrer Heere, die diesem Dilemma ein Ende setzen würden.

 

 

König Förelier fächelte sich mit der Hand etwas Luft zu, obwohl dies kaum nötig war. Die Luft war kühl und feucht, so dass man meinen konnte, dass der Winter wieder Einzug in die Zwillingsreiche gehalten hatte. Kein Lichtstrahl erreichte den Boden und das marschierende und reitende Heer, deren Weg teilweise über die Handelsstraße verlief, während andere Männer sich ihren Pfad durch das morastige Wiesenland suchen mussten. Doch sie alle besaßen die Schwierigkeit, dass sie durch den dichten Bodennebel keinen Schritt weit sehen konnten. Die Kavallerie kam zwar langsam voran, doch besaß sie nicht das Problem der Infanterie, bei welcher Männer fluchend gegeneinander rannten und in den Schlamm stürzten.

Schlamm spritzte auf, als ein Reiter vor König Förelier und seinen beiden Söhnen auftauchte.

„Mein Herr!", der Bote neigte den Kopf, „Ich bringe frohe Kunde von Liiyas.".

Elieser hob den Kopf, denn war der General vorgeritten, um mit einigen Kavalleristen von den Arthergern die eingenommenen Dörfer wieder zurückzuerobern.

„Ihm ist es gelungen das Dorf Silberblick mit nur geringen Verlusten einzunehmen.".

Der König lächelte seinen Söhnen zu. „Na also. Auch die Zwillingsreicher wissen zu kämpfen.".

Elieser war nicht so zuversichtlich, denn waren die Artherger ihnen an Stärke eindeutig überlegen.

Er hielt sein Pferd zurück, das zu tänzeln begann.

„Wo steht die arthergische Hauptmacht?".

Erneut neigte der Bote den Kopf.

„Die arthergische Hauptmacht, mein Prinz, hat den Fluss erreicht und den Fluss größtenteils überquert.".

„Und was bedeutet das?", fragte Förelier niemanden bestimmtes, „Wir werden sie doch sicherlich schlagen können!".

Elieser zog eine Augenbraue hoch, zwar war er kein ausgebildeter General, doch war selbst ihm bewusst, dass das Eintreffen der arthergischen Hauptmacht nur schlecht sein konnte. Ebenso verstand er, dass sein Vater der Mann war, der am Geringsten geeignet war, dieses Heer zu führen. Somit war er froh, dass es so jemanden wie Liiyas gab.

„Derudir.". Der Bote neigte den Kopf vor Eliesers älterem Bruder. „Liiyas bittet dich, diesen nördlichen Zug nach Westen zu führen, um die linke Flanke der Artherger zu umfassen.".

Der Kavallerist wandte sich Elieser zu. „Mein Prinz Elieser, Liiyas bittet dich, an seiner Seite zu reiten.".

„Natürlich.", entgegnete der junge Mann rasch, denn war ihm vollkommen bewusst, welche Ehre dies bedeutete.

Der Bote verneigte sich. „Viel Erfolg und dir, Majestät, allen Segen.".

Dann wendete der Mann sein Pferd und verschwand im Nebel.

Förelier wandte sich zu seinen Söhnen um. „Und was geschieht jetzt?".

Elieser blickte seinen Vater an und in seinen Augen brannte der Zorn, über dieses Volk, das es einfach wagte, in sein Land einzumarschieren.

„Jetzt.", antwortete er schließlich. „Schlagen wir eine Schlacht und vertreiben die Artherger zu dem Ort zurück, von dem sie gekommen sind.".

 

 

Pferde schnaubten und die Waffen klirrten, als sich die im Süden stationierte Kavallerie der Zwillingsreiche in Bewegung setzte. Im Norden von ihnen erhoben sich die Ausläufer der Hügelkette, welche die Bewohner der umliegenden Dörfer das kleine Wintergebirge nannten. Im Süden von ihnen floss der Silberpfeil und mündete östlich von ihnen in zwei Seen, auf denen noch Eisschollen schwammen.

Doch all dies konnten die einfachen Kavalleristen nicht wissen, denn verbarg der Nebel ihnen die Sicht. Sie konnten alleine die schlammige Wiese wahrnehmen, die den Lauf ihrer Pferde behinderte. Doch ritten sie, weil man ihnen sagte, dass sie reiten sollten und ein Dorf – Bachfelde - zurückerobern sollten, das in feindlicher Hand war.

Liiyas beobachtete das Anreiten der Kavallerie und nickte Elieser ermutigend zu.

„Wir werden sie schon vertreiben.", erklärte er grimmig und nahm einen Schluck aus seinem Wasserbeutel.

Dann hob er die Hand zum Gruß und setzte sich an die Spitze der Truppe. Elieser sah nicht, was geschah, doch konnte er die Schreie hören. Gequälte Laute, die jegliche Menschlichkeit verloren hatten und nur noch von unermesslichem Leid sprachen. So leise war seine Umgebung, dass er die Pfeile durch die Luft schwirren hören konnte, Speere bohrten sich in Fleisch und Pferde wieherten vor Schmerz und Panik.

Endlich erlöste ein Reiter Elieser und befriedigte seine schreckliche Neugier. Er parierte sein Pferd vor dem Prinzen und erklärte: „Der Feind ist hier zu stark. Liiyas bittet, dass du weitere Verstärkung herangeleitest. Die ersten drei Züge.".

„Die ersten drei Züge?", fragte Elieser entgeistert, „Das bedeutet, dass zwei Drittel unser Hauptangriffsmacht sich auf ein Dorf und den Fluss konzentrieren?".

„Mein Herr, Liiyas sagt...".

„Ich weiß, was Liiyas sagt.", fuhr Elieser dazwischen.

„Verzeihung.", entgegnete er kurz darauf, „Ich bin nur etwas...nervös. Lass mich kurz nachdenken.".

„Es ist gut nachzudenken, mein Herr, doch Liiyas sagte mir, dass wir mit diesem Angriff ihren rechten Flügel zusammenbrechen lassen können und wenn dann dein Bruder und der verehrte König zugleich die linke Flanke angreifen, wird ihr Heer zusammenbrechen.".

„Sicher.", meinte er leise, auch wenn seine Sorgen ihn weiterhin bewegten. Denn ging Liiyas Plan davon aus, dass sich der Kampf auf die beiden Flanken konzentrierte, doch was geschah mit dem Zentrum? Er seufzte. Zwar oblag faktisch Liiyas der Oberbefehl, doch musste er ein Mitglied der königlichen Familie um Erlaubnis fragen, ehe er etwas tun konnte. Jedoch war Elieser nur ein Prinz, während Liiyas lange Jahre die Ostgrenze gegen Artherg verteidigt hatte.

Er nickte dem Boten zu. „Sicherlich werde ich den Befehl erteilen.". Er winkte drei weitere Boten zu sich, die neben ihm verweilten, um jeglichen Befehl seinerseits zu überbringen.

„Richte General Tanyer aus, dass er seinen Zug mit den Männern Liiyas' vereinen soll.", befahl er dem ersten Mann und wandte sich dem zweiten zu. „Überbring General Esindas meine Grüße und bittet ihn, seine Männer zum Dorf Bachfelde zu führen.". Er beobachtete die beiden Männer, die durch den Nebel davonjagten. „Bitte General Zevinier seinen Angriff auf das Zentrum des feindlichen Heeres abzubrechen, um Liiyas zu unterstützen.".

Auch der dritte Mann jagte davon und Elieser fragte sich immer noch, ob er eben die richtige Entscheidung getroffen hatte.

 

 

Laedan wendete sein Pferd von dem Beobachtungsplatz und ritt dem Boten entgegen, der sich durch den abgeschwächten Nebel gekämpft hatte. Er lauschte den Worten des Mannes, bevor er seinem Rappen die Sporen gab und zu Jasreel zurück ritt.

Auf seinem Gesicht lag ein unausgesprochener Ausdruck des Triumphes.

„Sie haben einen Fehler gemacht.", meinte er und erklärte die Handlungen des Feindes.

„Ihr Zentrum ist entblößt.", erkannte der Kronprinz, der nun mit Laedan das Heer alleine anführte, das Alemet einen parallelen Angriff auf Zwillingsstadt führte.

„Richtig.". Laedan starrte in den Nebel „Und genau dort werden wir angreifen und sie vernichten.".

Jasreel runzelte die Stirn. „Infanterie gegen Kavallerie?".

„Infanterie gegen Kavallerie.", bestätigte der Generalleutnant des ersten Korps. Er ballte die Faust. „Und dazu Magier.".

Jasreel nickte und ein wenig tat ihm der Feind sogar leid, denn war mit den vorigen Handlungen dessen Niederlage besiegelt worden.

Und nun würde Artherg zu der langen Liste glorreicher Schlachten, einen Sieg hinzufügen.

 

 

Der vierte Zug der Hauptangriffsmacht der Zwillingsreiche ritt in einem schnellen Trab zum Silberpfeil. Das Schnauben der Tiere wurde weit über das Wasser getragen und schien von überall herzukommen.

Ein junger Rittmeister strich sich nervös über seinen Schnurrbart und blickte sich nach etwaigen Gefahren um, die wohlmöglich über ihn hereinbrechen mochten. Doch es war nichts zu erblicken, außerhalb der Pferdeschweife neben ihm und den Silhouetten seiner Nebenmänner.

Sie befanden sich auf Höhe des Sees, etwas oberhalb vom Dörfchen Silberblick, zumindest behaupteten die Generäle das.

Der Rittmeister meinte etwas im Nebel zu erkennen und ließ sein Pferd aus der Formation herausbrechen. Die Ohren seiner Stute zuckten nervös und der junge Mann konnte es ihr kaum verübeln, auch er empfand den Schatten der Angst, der ständig zunahm.

Etwas...Der Mann beugte sich nach vorne. Das Licht der zwillingsreichlichen Fackeln wurde von etwas reflektiert und traf ihn in die Augen. Funkelnder Stahl.

„Acht...". Bevor er den Satz beenden konnte, stieg sein Pferd mit einem panischen Wiehern. Die Hufe wirbelten durch die Luft, ein Ausdruck der Panik und Gefahr, die über sie hereingebrochen war. Der Reiter fiel mit einem Knirschen zu Boden, einen Pfeil in der Stirn, die Augen leblos und blass, für immer in der Furcht der Erkenntnis erstarrt.

Und dann brach die geballte Macht des Feindes über sie herein.

Der Kampf war schnell zu Ende. Die Zwillingsreichler waren unvorbereitet und verunsichert gewesen und die vereinte Formation der Reiter war auseinander gebrochen, so dass die Infanterie rasch in die Lücken stoßen konnte. Die Artherger waren in Karrees formiert, so dass sie selbst faktisch unangreifbar für Kavallerie waren, während mutige Reiter, die zu nahe kamen, aus dem Sattel geschossen wurden.

Und die arthergischen Bogenschützen waren erstaunlich treffsicher und vermochten es durch die Lenkung ihrer Pfeile durch die Magier auch, über viele Pferdelängen zu treffen.

Vereinzelte Gruppen von Reitern brachten sich, ihres Stolzes beraubt, in Sicherheit, die Gesichter von Schmutz und Blut verschmiert, die Augen glühenden Kohlen des Zornes gleich.

Die Artherger dagegen marschierten durch den Nebel auf das kleine Wintergebirge zu und die Festung, die sich darauf verbarg.

 

 

Ein Jubelschrei erreichte Elieser, als er sich in Richtung des Dorfes Bachfelde wandte und nun wusste er, dass auf über diesen Dörfern die Zwillingsthrone gehisst wurden.

Ein Reiter preschte heran, seine Uniform voll des Blutes.

Er verneigte sich vor seinem Prinzen.

„Mein Herr! Das Dorf ist unser, wir haben die Artherger zurückgeschlagen. Aber...". Sein Gesicht verdüsterte sich. „Liiyas ist gefallen, mein Herr.".

Einen Moment wollte Elieser diese Nachricht nicht wahrnehmen. Wie konnte sie wahr sein? Wie konnte Liiyas, ein Held seines Volkes, gefallen sein? Erschlagen von Arthergern auf heimischem Boden?

Elieser schriee, es war ihm egal, ob dies seines Ranges angemessen war oder nicht. Er brüllte seinen Zorn und sein Unverständnis über diesen unersetzlichen Verlust hinaus. Hierbei fehlte jegliche Gerechtigkeit. Seinem Volk, diesem Heer, was soeben seine wichtigste Stütze genommen worden. Sein Leiter, sein Führer.

Armer, tapferer Liiyas, dachte Elieser. Denn der General hatte Recht behalten, sie hätten defensiv statt offensiv kämpfen müssen. Nur so waren die Artherger zu besiegen, auch wenn dieser Sieg auf Kosten der eigenen Bürger erworben werden musste. Die Zwillingsreichler waren kein Volk vereinter Krieger und sie würden auch nie eins sein. Sie waren ein Volk der Hinterhalte und schnellen Überfälle. Liiyas hatte das gewusst, doch hatte er sich dem Willen seines Königs unterworfen. Nun hatte er für etwas bezahlt, das er nicht gewollt hatte.

Es war unfair.

In diesem Moment durchbrachen die Sonnenstrahlen den Nebel, doch was im ersten Moment wie die Chance eines Neubeginns gewirkt hatte, offenbarte sich sogleich als ein Meer verlorener Hoffnungen.

Auf der Burgruine im kleinen Wintergebirge erhob sich der arthergische Bär und eine Welle von Männern ergoss sich über den Berggipfel.

Das Dorf Bachfelde mochte von Liiyas erobert worden sein, doch hatte der Feind einen Keil in das Heer der Zwillingsreiche getrieben und die strategisch wichtigste Stellung erobert. Dort oben konnten sie Katapulte aufstellen und jeglichen Eroberungsversuch ins Leere laufen lassen, während ihre Infanterie die beiden getrennten Truppenteile einzeln schlug.

Elieser nickte dem Standartenträger an seiner Seite zu.

„Blast zum Rückzug.", bat er.

Sie mussten reiten, bevor der Feind sie endgültig einkesselte. Sie würden reiten zur letzten Hoffnung seines Volkes, dem Mondfels, wo schon das Reich Anthilan Artherg Jahrhunderte zuvor besiegt hatte. Und so ritten sie, die Reiter der Zwillingsreiche, mit gebrochenen Herzen und zornigem Blick, während die Artherger hinter ihnen jubelten.

Elieser dagegen weinte, als er sich ein letztes Mal zu dem Schlachtfeld umblickte, und seine Tränen waren ein einziger Ausdruck des Schmerzes und der verlorenen Hoffnung seines Volkes.

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beta
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