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                                                                   ANNA

Die Luft in diesem Raum erinnert mich an unseren alten Keller. Aber ist kein unangenehmer Geruch. Im Gegenteil. Es ruft ein Gefühl in mir hervor, als würde ich diesen Geruch schon einmal in meine Lungen gezogen haben, aber ich kann kein genaues Bild davon in meinem Kopf finden. Doch als ich das große Regal erblicke, dass voll mit Büchern ist, ist dieses Gefühl in den Hintergrund gerückt.
Alle sind in mit braunen Leder gebunden. Darum gehe ich auch davon aus, dass sie schon sehr alt sein müssen. Wie gerne würde ich jetzt einfach nach einem dieser Bücher greifen und in den vergilbten Seiten blättern. Doch ich werde schnell wieder von Lexa in die Realität zurückgeholt.

„Also Anna, du brauchst also einen Talisman?“

„Ich denke schon. Jedoch weiß ich nicht viel darüber. Besser gesagt gar nichts.“

Lexa setzt sich in den alten braunen Ledersessel und sieht mich mit hochgezogener Augenbraue an.

„Also ein Talisman ist ein Gegenstand, der dich und deine Kräfte stärkt. Es ist etwas, an dem du festhalten kannst, wenn du dich in dieser Welt verloren fühlst und wenn du den Unterschied zwischen den Welten nicht mehr wahrnehmen kannst. Dies kann zum Beispiel ein Amulett eine Feder oder ein Holzstück sein. Die Möglichkeiten sind hier nicht eingeschränkt. Ich habe bis jetzt schon fast alles gesehen.“

Sie lächelt und sieht dabei zu Luna und ich stehe wieder etwas überfordert mitten in diesem, mit Büchern überfüllten Raum.

„Ich denke ich verstehe. Aber wie soll ich meinen Talisman finden?“

„Tja, dafür bin ich zuständig. Ich werde dir helfen deinen Talisman zu finden. Also komm und setz dich.“

Lexa deutet auf den Stuhl vor sich und Luna bleibt weiterhin neben uns stehen und beobachtet die ganze Situation. Ich bin froh dass ich nicht alleine hier bin. Denn es ist alles so neu und ich weiß noch nicht, ob ich Lexa trauen kann. Besser gesagt sollte ich sowieso keinem mehr trauen. Aber ich bin jetzt selbst zu Neugierig. Ich will herausfinden welchen Talisman ich habe. Noch dazu wird es mir helfen, gegen Marius anzukommen. Also gehe ich nach kurzem zögern zu dem alten Holzstuhl und setze mich. Der Stuhl knarrt ein wenig als ich mich darauf niederlasse und damit Lexa in die Augen blicke.
Sie nimmt einen Dolch in ihre Hand und ich kann mir schon wieder denken was jetzt passiert. Wieso immer mein Blut? Ich kann von Glück sagen, dass ich noch Blut in mir habe. So oft wie mir mein Blut in letzter Zeit abgezapft worden ist. Aber ich werde wohl auch noch dieses eine Mal verkraften. Also halte ich Lexa meine Hand entgegen.

Aber anstatt mir wieder mein Blut abzuzapfen lächelt sie nur amüsiert. Ich starre sie jedoch verwirrt an als sie den Dolch nimmt und in die Flamme der weißen Kerze hält. Die Klinge färbt sich schwarz und als sie schon fast zu glühen anfängt sieht mich Lexa wieder an. Dieses mal ist ihr Blick ein wenig beunruhigend.

„Dass wird jetzt ein klein wenig schmerzen. Es wird gleich wieder vorbei sein.“

Und noch bevor ich nachfragen kann, greift sie nach meiner Hand und drückt die brennend heiße Klinge auf die Haut meines inneren Handgelenks. Vor Schreck und Schmerz zucke ich mit meiner Hand zurück. Doch Lexa hält meine Hand so fest, dass ich sie keinen Zentimeter bewegen kann. Ihr Blick wirkt irgendwie belustigt und in diesem Moment bin ich mir sicher, dass es ihr ein wenig Spaß bereitet. Nachdem der schlimmste Schmerz vorbei ist, lässt sie mein Handgelenk wieder los und umgreift danach die Klinge des Dolches mit ihrer Handfläche. Dann zieht sie das Messer heraus und ich kann sofort sehen, dass ihr Blut aus der Handfläche läuft. Sie zögert keine Sekunde und hält die Hand über die Flamme der Kerze. Nach ein paar Tropfen erlischt die Flamme mit einem leisen zischen und Lexa's Augen schließen sich und sie wirkt als würde sie ihren ganzen Körper verkrampfen. Die Muskeln und Sehnen treten an ihrem Nacken hervor. Und ich weiß nicht was ich jetzt machen soll. Ich bekomme eine leichte Panik. Was geht hier vor? Ist alles in Ordnung mit ihr?

Dann kommt zum Glück Luna auf mich zu und lächelt mich sanft an, als wäre das hier vollkommen normal. Sie legt die Hand auf meine Schulter und spricht sehr leise mit mir.

„Keine Angst. Sie hat gerade eine Vision von deinem Talisman.“

Ihre Worte beruhigen mich ein klein wenig. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass Lexa dabei keine Schmerzen hat. Es sieht aus als würde jeder einzelne Muskel von ihr unter Spannung stehen. Jetzt wird mir auch klar wieso sie so belustigt gewirkt hat, als ich von den brennenden Schmerzen zusammengezuckt bin. Dieser Schmerz ist wahrscheinlich nichts gegen den Schmerz, den sie gerade spürt.

Es kommt mir vor als würde eine Ewigkeit vergehen, bis sie sich wieder etwas entspannt und ihre Sehnen am Hals wieder etwas verschwinden. Ihre Augenlider flattern uns sie öffnet langsam wieder ihre Augen. Doch ich hatte nicht erwartet, dass sie so aufgebracht und voller Energie ist. Denn sie sieht mich mit weit geöffneten Augen an und blickt dann fragend zu Luna.

„Du kannst nicht einfach eine Bathory hier her bringen. Bist du völlig verrückt. Ich wusste schon als ich sie gesehen habe, dass sie etwas besonderes ist. Aber eine Bathory-Hexe?“

Woher weiß sie jetzt das ich das Bathory Blut in meinen Genen habe? Und wieso ist sie so aufgebracht? Sie steht auf und läuft in diesem Zimmer hin und her. Sie schlägt die Hände vor ihr Gesicht und ich weiß noch immer nicht wie ich mich verhalten soll. Doch Luna übernimmt das Gespräch und verteidigt mich.

„Lexa, ich musste sie hier her bringen. Sie braucht diesen Talisman. Sie muss noch stärker werden. Ansonsten wird sie ihn nicht besiegen können.“

„Sie dürfte eigentlich gar nicht hier sein. Eine Bathory als Hexe, das ist gegen die Gesetze. Wenn jemand ihren Geruch wahrnimmt, werden sie euch auf der Stelle hinrichten. Diese Blutlinie ist der Grund dafür, dass es nur noch so wenige von uns gibt.“

„Ich weiß, aber sie ist etwas besonderes. Sie gehört zu uns. Sie ist eine von den Guten. Und nur mit ihrer Kraft können wir gegen Marius gewinnen. Also bitte zeig uns einfach ihren Talisman und wir verschwinden so schnell, wie wir gekommen sind.“

Lexa bleibt zum ersten Mal wieder stehen und sieht mich an. Dann blickt sie wieder in Luna's Augen und ihre Stimme wird leiser.

„Das ist es eben. Sie hat keinen Talisman. Sie hat einen Anker. Sie ist jetzt schon machtvoller als manch andere Hexe. Also ist euer Weg hier her einfach nur dumme Idee gewesen. Weiß mein Bruder davon, dass du hier bist?“

Luna sieht mich entsetzt an und ich bin noch verwirrter. Wer ist ihr Bruder und wer ist mein Anker? Halt...warte... der Wolf der mir heute morgen gegenübergestanden ist, hat irgendetwas über einen Anker gesagt. Doch bevor ich weiterdenken kann, packt mich Luna an meinem Oberarm und zieht mich hoch.

„Alex weiß nichts davon. Er hätte es uns sicherlich verboten. Ihr seit euch ähnlicher als ihr glaubt. Darum redet ihr auch nichts mehr miteinander. Mach dir keine Sorgen, wir gehen.“

Lexa sieht Luna etwas verletzt an und ich bin ebenfalls wie erstarrt. Alex ist Lexa's Bruder? Er hat niemals, etwas von einer Schwester gesagt. Ich wusste doch ich kenne dieses Grinsen. Auch wenn Luna jetzt keinen freundlichen Ton mehr über ihre Lippen gebracht hat, sieht Lexa besorgt aus und gibt uns noch ein paar Worte mit auf den Weg, bevor mich Luna durch die Tür hinauszerrt.

„Gebt auf euch Acht. Es ist gefährlich für sie hier. Und Anna..... dein Anker ist dir bereits ganz nahe.“

Ich blicke noch einmal in ihre Augen und sehe wie sie sich erschöpft und niedergeschlagen auf den Stuhl fallen lässt.
Luna wirkt hingegen hektisch, als wir wieder durch die Bar zurück nach draußen gehen. Ich jedoch kann ihrem Schritt kaum folgen, da ich noch immer so viele neue Informationen verarbeiten muss.

„Anna, komm schon. Wir müssen schnell hier weg. Lexa hatte recht, ich hätte dich nicht hier her bringen sollen.“

Sie hat noch immer ihren Arm unter meinen gehakt und wir gehen wieder den selben Weg zurück, den wir gekommen sind. Vielleicht bilde ich mir dass auch nur ein, aber irgendwie starren mich die Leute hier schon wieder an. Dieses mal noch intensiver als vorhin. Es sind jetzt noch mehr Augen die auf mich gerichtet sind. Und ich merke auch wie Luna etwas nervöser wird. Also kann ich mir das nicht einbilden. Sie starren mich wirklich alle an. Und als ich einen Mann mit Kapuze erkenne und darunter blaue Augen aufleuchten, bin ich mir nicht mehr so sicher, dass die Leute hier nicht schon längst bemerkt haben was ich bin. Und plötzlich ohne Vorwarnung kommt dieser Mann mit der tiefsitzenden Kapuze auf mich zu. Ich bekomme Panik und sehe zu Luna. Diese hat jedoch ihren Blick starr auf den Weg zu dem Ausgang gerichtet. Als ich dann wieder meinen Blick schweifen lasse um nach dem Mann mit der Kapuze zu sehen, ist er spurlos verschwunden. Wo ist er so plötzlich hin?
Als wir noch weiter gehen und nur noch wenige Meter bis zu unserem Ausgang haben, sehe ich wie sich eine Frau umdreht und mich mit ihren Augen ansieht. Die Augen verfärben sich plötzlich und sie rümpft ihre Nase, als würde sie etwas riechen. Es dauert nicht lange bis ich begreife was ihren Geruchssinn angeregt hat. Jetzt werden auch meine Schritte schneller. Ich spüre dass uns jemand verfolgt und mein Herzschlag wird mit jedem Schritt schneller und schneller. Als ich dann auch noch eine Berührung spüre und plötzlich eine Hand nach meiner greift, schrecke ich hoch und kann gerade noch so einen Angstschrei unterdrücken. Ich versuche die Hand aus dem fester werdenden Griff zu befreien und blicke voller Angst zu meiner freien Seite. Es ist der Mann mit dem Umhang und ich kann mich nicht dazu bewegen etwas anders zu tun als weiter zugehen. Luna wirkt vollkommen ruhig und ich höre eine bekannte Stimme unter der schwarzen Kapuze.

„Anna, es ist alles gut. Bitte beruhige deinen Herzschlag wieder und gehe einfach unauffällig weiter.“

Er überrascht mich immer wieder. Es ist Alex. Alex ist hier und hält meine Hand. Ich kann ihm nicht mal böse sein in diesem Moment. Ich bin froh eine bekannte Stimme zu hören. Auch wenn er mich so verletzt hat. Aber ich weiß, dass er mir zumindest nicht körperlich verletzten wird.
Ich atme auf und sehe ihn an. Er schiebt die Kapuze etwas zurück, sodass ich sein Gesicht erkennen kann. Dieses wunderschöne Gesicht und diese Augen. Wieso muss er nur so gut aussehen?
Als wir an dem letzten Stand vorbeigehen, kann ich mich wieder etwas entspannen und Alex's Griff wird lockerer. Doch so schnell wie ich mich entspannt habe, ist auch meine Angst wieder da, als sich eine Frau uns plötzlich in den Weg stellt. Wir stoppen alle drei und ich kann mich an diese Frau erinnern. Sie hat mein Blut gerochen. Jetzt ist alles vorbei. Sie spricht mit einer rauen Stimme zu mir.

„Was bist du?“

Ich blicke fragend zu Luna und dann zu Alex. Doch Alex regelt die Sache indem er sich direkt vor ihr Gesicht stellt, die Kapuze von seinem Kopf streicht und ihr mit tiefer Stimme antwortet.

„Sie gehört zu mir. Also geh mir aus dem Weg.“

In ihrem Gesicht spiegelt sich plötzlich Angst und Überraschung. Und ohne zu zögern geht sie uns aus dem Weg. Alex dreht sich wieder zu mir und nimmt erneut meine Hand.

„Beeilt euch. Wir müssen hier weg, bevor es die Runde macht.“

Also beschleunigen wir unsere Schritte und kurz vor dem Ausgang, nimmt Luna ihre Hand nach oben und spricht irgendwelche lateinischen Worte, die ich wieder einmal nicht verstehe. Die Tür öffnet sich wie von Zauberhand und wir verschwinden wieder zurück in die mir bekannte Welt. Mir fällt eine schwere Last von den Schulter und ich bin erleichtert als sich das Portal hinter uns wieder schließt.

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Fairy Dust

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