33. Die Verwirklichung eines Mythos

Meide aber die Gläsernen Wasserfälle! Wenn du auf diesen Pfaden wandelst, wähne dich niemals in Sicherheit. Trügerisch und gefährlich ist dieses Wasser, tückisch sein in Eis und Schnee gekleideter Leib. Tödlich ist er in seinem Schlaf und fürchte den Tag, an dem er erwacht.

Volksweisheit der Zwillingsreiche

 

Mondfels klammerte sich an die Felsen des Wintergebirges und verschmolz mit den Schatten des Gesteins. Sie lag auf einem Felssporn, weit oberhalb des Tals, jedoch unterhalb der schneebedeckten Gipfel des Wintergebirges.

Obwohl sie teilweise zerfallen war, bot sie eine imposante Erscheinung, so dass sie auch heute noch die mächtigste Burg der Zwillingsreiche darstellte.

Die Höhe ließ eine zusätzliche Motte nicht notwendig erscheinen, doch war der Bergfried, der sich zentral am höchsten Punkt des Sporns erhob, durch eine fünfeckige Ringmauer geschützt.

Das massive und mächtige steinerne Torhaus war von einem Graben gesichert, der mittels einer Zugbrücke überquert werden konnte.

Um das Tor der Vorburg zu erreichen, musste man sich links des Felssporns auf einem schmalen Felsweg direkt unterhalb der Ringburg vorbeibewegen, während die feindlichen Bogenschützen Grüße sendeten.

Es war ein wahrhaftig gefährlicher Weg und Elieser war froh, dass nicht er es war, der diesen zurücklegen musste.

Gedankenverloren strich er einige Schneeflocken von den Mauersteinen. Nach dem Kalender musste jetzt der Beginn des Sommers bevorstehen, doch widersetzte sich das Wintergebirge mit bemerkenswerter Effizient dieser Festlegung. Es schien immer noch kalter Winter zu sein, Schnee wirbelte durch die Luft und ein eisiger Wind durchdrang selbst den dicksten Pelz.

Die Gläsernen Wasserfälle stürzten unter ihnen herab, Massen von gefrorenem Wasser, glänzend in der Frühlingssonne.

Die Schlucht unterhalb des Mondfels war ein einziges Wasserlabyrinth von Inseln und kleinen Flüssen, das nun in Eis gefangen war. Überall um die Schlucht herum suchten sich normalerweise Wasserfälle ihren Weg in die Tiefe, manche waren nicht mehr als schmale Gerinnsel, andere breiter als die Königshalle von Zwillingsstadt.

Und über diesem fantastischen Anblick thronte die Festung Mondfels.

In anderen Zeiten hätte die Schlucht diesen Zufluchtsort beschützt, doch nun war das Wasser gefroren, so dass sich das Heer auch von dieser Seite nähern konnte.

Sie hätten sich ins Wintergebirge zurückziehen können, doch wohin dann? Die Tiefen und Höhen des Gebirges boten auf Dauer nicht genug Nahrung, um ein Heer zu ernähren und der Weg dieses zu umgehen wurde ihnen vom feindlichen Heer versperrt.

 Nein. Und dies war wahrlich kein schlechter Ort zum Sterben, nicht jeder besaß das Vorrecht, mit einer solchen Aussicht in den Tod zu gehen.

Unter sich blickte er auf die Reihen des arthergischen Heeres. Im Gleichschritt über die Fläche gefrorenen Eises marschierten die sorgfältig uniformierten Männer auf die Festung zu. Banner glänzten im Schein der Sonnenstrahlen und knatterten im Wind, während Schneeflocken sie umtanzten. Trommeln leiteten die Soldaten, gleichmäßig und Verkünder der gegen die Verteidiger ausgesandten Drohung. Fanfaren dröhnten und auf ihren Befehl hin, spalteten sich Truppen ab, Bataillone formierten sich und die vordersten Reihen hoben die Schilder.

„Sie haben Sturmleitern dabei.“, meinte einer von Eliesers überlebenden Offizieren.

„Ziemlich lange, wenn sie die Wasserfälle hoch wollen.“, überlegte ein anderer.

„Es gibt Pfade zwischen den Wasserfällen, Trampelpfade, die hinter Felsen verborgen sind.“, entgegnete ihr Prinz, der den Oberbefehl übernommen hatte, müde. „Pfade außerhalb der Reichweite unserer Bögen.“.

Mondfels mochte eine fantastische Burg sein, doch waren in der Schlacht bei den Sonnensteppen zu viele Männer gefallen, als dass die Mauern ordentlich hätten besetzt werden können. Viele Feinde mochten an diesen Befestigungen sterben und ihr Blut mochte die Felsen tränken, doch früher oder später würden sie die tapferen Zwillingsreichler vernichten. Was dies anging machte Elieser sich keinerlei Illusionen. Doch was nicht erschüttert war, war das Vertrauen in die ihm verbliebenen Männer. Sie hatten tapfer gekämpft und sie würden auch diesen Kampf nach ihren besten Fähigkeiten führen, dessen war er sich gewiss. Und keiner von ihnen würde sich ergeben, denn sie waren Zwillingsreichler und es wäre eine Schande, sich dem Eindringling zu unterwerfen.

„Einst haben hier Ziphondus und Irastji gekämpft.“, meinte ein Mann nachdenklich.

„Und deshalb wird uns ihr Andenken zum Sieg verhelfen.“, erklärte ein anderer voller Zuversicht.

„Ziphondus und Irastji?“, wiederholte er leise, es war, als ob diese Worte eine Erinnerung wachriefen, die angesichts der letzten Ereignisse zu einem blassen Schemen der Vergangenheit geworden war.

Es war ein anderer Tag gewesen, ein Tag der Freude und des Lachens, an welchem die Hallen Zwillingsstadts nicht verwaist, sondern das blühende Leben gewesen waren. Seine Frau, die damals noch eine Fremde gewesen war, hatte ihm gegenüber gesessen und ihn mit ihren klugen Augen gemustert und ihn über sein Land ausgefragt.

Ein Lachen entstieg seiner Kehle, angefüllt mit Hoffnung, die längst der Verzweifelung gewichen war.

Die Soldaten um ihn herum wandten sich nervös zu ihm um, doch selbst ihnen zuliebe, gelang es Elieser nicht, die Lachtränen zurück zu halten.

Doch hatte dies auch etwas Gutes, denn längst vergessene Worte kehrten in seine Reichweite zurück.

Wenn du willst, kann ich dir das Land im Sommer zeigen. Wir können zum Mondfels wandern, der Festung wo Ziphondus und Irastji das erste Mal aufeinander trafen. In der Nähe sind auch die gläsernen Wasserfälle, mehrere Dutzend Wasserfälle stürzten von einer gewaltigen Höhe in eine Schlucht, im Winter gefrieren einige der kleineren Wasserfälle und man sagt, dass in einem besonders strengen Winter sie ganz zufroren. In diesem Jahr marschierten die Heere Arthergs in das damalige Reich Athilan ein und die letzten Widerstandkämpfer flohen in diese Schlucht auf die einzelnen Inseln darin. Als die arthergischen Heere ihnen folgen wollten, lösten sich die Eisflächen auf und Männer und Pferde ertranken in den eisernen Fluten. So wurde Athilan gerettet und Artherg wagte es auf viele Jahre nicht, in das Land einzumarschieren

Es war nicht mehr eine Legende, ein Mythos und hatte sich herausgestellt, dass ein Verrat das arthergische Heer besiegt hatte. Doch in allen Legenden gab es einen wahren Kern.

Mit einem Mal überrollte ihn die Hoffnung, die er zuvor schon aus der Hand gegeben hatte, erneut. Es erschien so einfach, aufzugeben, doch gedachte er nicht, den Funken wieder erlöschen zu lassen, den er eben erst wieder gefunden hatte.

„Tanyer!“.

„Herr.“.

Der General, der dem Gemetzel im Dorf Bachfelde entronnen war, verneigte sich.

„Ich möchte, dass du dir die überlebenden Pioniere nimmst und dich von den Soldaten der anderen Schichten, außer der zweiten, verstärken lässt. Geht in das Gebirge, nehmt Spitzhacken und Schaufeln mit und schlagt so viele Felsbrocken aus dem Gestein, wie es euch möglich ist.“.

„Felsbrocken, Herr?“, wiederholte Tanyer und wenn er auch ungläubig dreinblickte, so ließ er keine Kritik an seinem neuen Befehlshaber vernehmen.

„Du hast richtig gehört, Tanyer. Und beeile dich, ich schätze, dass es hier bald ungemütlich wird.“.

Tanyer verneigte sich sogleich und eilte davon, während er zugleich Befehle an die ihm Unterstellten gab.

Elieser blickte hinab auf die gefrorene Weite und die darauf marschierende Masse von tödlicher Gefahr.

Doch als er sich dieses Mal umwandte, waren seine Augen nicht länger von Hoffnungslosigkeit und Entmutigung erfüllt, sondern von Kampfesmut.

 

 

Laedan beschattete mit der Hand seine Augen und blickte zu der Festung hinauf.

„Wusstet Ihr, dass die Hersor Geräte erfunden haben, in die man blicken konnte, so dass entfernte Dinge größer erschienen?“.

Verblüfft blickte Jasreel ihn an.

„Wie ein Lesestein?“, fragte er und erinnerte sich an die Steine, die Alemet benötigte, um Schriften zu erkennen.

„Genauer und effektiver. Wir besitzen einige Zeichnungen und in Tiloch haben wir einen Mann, der sich seit vielen Jahren mit ihnen beschäftigt und versucht sie nachzubauen.“.

„Nur leider.“, seufzte der Kronprinz, „War er nicht schnell genug für diese Schlacht.“.

Sein Cousin zuckte mit den Schultern.

Jasreel schwitzte in seinem schweren Plattenpanzer, den er für diesen Kampf hatte anlegen lassen. Zwar schien der Winter wieder hereingebrochen zu sein, doch die Sonne besaß genug Kraft.

Er trieb seinen Scheckhengst mit einem Schenkeldruck einen Schritt weiter, in der Hoffnung der blendenden Sonne zu entkommen, doch missling ihm dies.

Er seufzte erneut. Zwar hatten sie Kundschafter ausgesandt, die ihnen auch reichliche Erkenntnisse überliefert hatten, doch war es ein unbefriedigendes Gefühl die feindliche Festung nur als fernen Schemen zu sehen.

„Werden sie sich zur Schlacht stellen?“.

„Ich weiß es nicht.“, erwiderte Laedan, „Sie müssen wissen, dass sie die Festung nicht ewig halten können, doch können sie ebenfalls nicht die Hoffnung pflegen, eine offene Feldschlacht zu gewinnen.“.

„Dann würde ich sagen, dass wir abwarten müssen.“, stellte Jasreel fest.

Er trieb seinen Renner an, der gehorsam vorwärts lief.

Besorgt richtete er einen Blick auf die Eisdecke, die sich unter ihm erstreckte. Der Gedanke, dass sich unter ihm tiefes Wasser fand, war beängstigend. Die Pioniere hatten ihnen zwar versichert, dass das Eis dick genug war, um die Last der Soldaten zu tragen, dennoch blieb die Beunruhigung bestehen

Pfeile senkten sich über die vorderen Reihen, doch wurden die Männer durch ihre Schilde geschützt.

„Fisarem!“. Ein Reiter, der in ihrem Umfeld gewartet hatte, schloss zu ihnen auf.

„Mein Herr?“. Der Mann vor ihnen war komplett in eine Plattenrüstung gehüllt, allein sein Visier war geöffnet. Das Gesicht hinter der Rüstung war hart, hervorstechende Backenknochen, ein sorgfältig getrimmter Bart und graue Augen wie die von Laedan. Dies war ein Niasiler, ein Mann des Volkes, das vor tausenddreihunderteinundsechzig Jahren Artherg erobert hatte, dessen Königsgeschlecht ihre Macht jedoch an Jasreels Vorfahren hatte abgeben müssen. Fisarem, der Graf von Mikas, war ein Vasall von Herzog Asriel und Befehlshaber der zweiten Division. Jasreel hatte ihn als einen besonnenen und klugen Mann zu schätzen gelernt, der dafür bekannt war, einer der wenigen Kommandanten zu sein, der die Disziplin seiner Truppen permanent aufrechterhalten konnte. Ebenfalls war er nicht als gewöhnlicher Soldat ausgebildet worden, sondern bei einem Blidenmeister in die Lehre gegangen, weshalb er sich hervorragend mit Katapulten auskannte.

„Sind die Bliden einsatzbereit?“.

„Ja, Herr. Doch muss der Abwurfwinkel relativ hoch liegen und da wir die Bliden nicht auf einer sonderlichen Höhe errichten konnten, kann es sein, dass die Burg zu hoch für unsere Reichweite liegt.“.

Die Befehlshaber nickten.

„Es wird funktionieren.“, entgegnete Laedan mit einer solchen Zuversicht, dass Jasreel ihn stirnrunzelnd musterte.

Der Kronprinz wandte sich um und blickte zu den Bliden hinüber. Sie waren auf einer Hügelkuppe abseits der Eisfläche errichtet worden. Zwar konnten ein Dutzend geübte Zimmerleute eines dieser Katapulte in zwei bis drei Tagen neu errichten, doch hatte Fisarem sich dennoch geweigert, das Risiko des Eises einzugehen.

„Dieses Eis wird brechen.“, hatte er auf Jasreels Frage nach dem Wieso entgegnet. „Es ist wie eine Frau kurz vor der Niederkunft. Noch ist es ruhig, doch bald werden die Wehen aufs Heftigste hereinbrechen und sie wird erzittern vor Schmerz.“.

„Die Pioniere haben mir versichert, dass das Eis tragfähig ist!“.

Der Graf von Mikas hatte geschnaubt. „Die Pioniere hätten aus Furcht vor ihrem zukünftigen König nie die Wahrheit gesagt.“.

„Ihr geht zu weit.“, hatte Jasreel ihn ruhig ermahnt, doch eine Entschuldigung hatte er nicht erhalten. Er hatte nicht darauf bestanden, vielleicht, weil er sich bewusst war, dass er Menschen wie Graf Fisarem brauchte, die ihm ihre wahre Meinung sagten.

Er ließ seinen Blick von den mächtigen Geräten zu seinen Begleitern zurückkehren und meinte: „Ihr dürft mit dem Beschuss beginnen.“.

„Zu Befehl, mein Herr.“. Er neigte den Kopf und schloss sein Visier. „Möge dieser Tag erfolgreich sein.“, meinte er zum Abschluss und seine Worte klangen hallend über das Eis. Dann trieb er sein Schlachtpferd an und verschwand in Richtung der Belagerungsgeräte.

„Ein guter Mann.“, empfand Laedan und diese Gefühlsbekundung glich in Jasreels Augen einem Wunder. Lob aus dem Mund seines Cousins zu erhalten, war eine seltene Gabe.

„Was?“, fauchte der Erbprinz von Noriom, als er die Blicke bemerkte. „Im Gegensatz zu seinem Herrn ist er ein Mann der Ehre. Ohne ihn als eine konstante Größe im Grenzgebiet wäre es zwischen Noriom und Asea zu noch mehr Konflikten gekommen, als es sie ohnehin schon gibt.“.

„Jetzt gilt es eine andere Schlacht zu gewinnen.“, meinte er beschwichtigend und ablenkend, denn über ihnen begannen die Bliden zu schießen.

Obwohl die Sicht schlecht war, erkannten sie, dass die ersten beiden Treffer daneben gingen. Die Felsbrocken waren zu flach gezielt und trafen allein den Felssporn.

„Er lässt paarweise feuern.“, erkannte Jasreel, als keine weiteren Felsbrocken folgten, obwohl es insgesamt sechs Bliden waren, die dem Heer zur Verfügung standen.

Er wandte sich um und erkannte den fernen Ritter, der auf dem Hügel zwischen den Bliden hin und her ritt und neu ausrichten ließ. Eine halbe Stunde dauerte es bei einer geübten Mannschaft, eine Blide wieder zu laden und so waren zwei der Belagerungsmaschinen vorerst unverwendbar.

Von der Burg wurden weitere Pfeilregen abgegeben, doch verteidigten sich die Artherger, die in viereckigen Formationen vorrückten, so dass die inneren Männer ihre Schilde über die Köpfe erhoben, während die Äußeren mit ihren Schilden die Seiten schützen, exzellent. Einige Männer stürzten schreiend aus ihren Reihen, doch schlossen sich diese sogleich. Es war eine Disziplin wie sie auf dem Exerzierplatz nicht hätte besser gezeigt werden können. Die ersten Männer erreichten bald das Ende der Eisfläche und würden in die Hügel ausschwärmen, um die Burg zu umstellen.

Ein weiteres Geschoss wurde abgegeben und eine Staubwolke stieg auf, als die Burgmauer hoch über ihnen getroffen wurde.

Als sich der Staub legte, schüttelte Laedan enttäuscht den Kopf.

„Die Reichweite ist zu groß. Die Geschosse verlieren auf dem langen Flug einen großen Teil ihrer Durchschlagskraft. Wir werden deutlich mehr Zeit brauchen, um die Mauern niederzureißen.“.

„Dennoch halte ich es nicht für sinnvoll, die Bliden zu bewegen.“, entgegnete Jasreel. Die großen Katapulte zu bewegen, war eine mühsame Angelegenheit. Sie mussten auseinandergebaut werden, um auf Ochsenkarren fortbewegt zu werden, bevor man sie erneut aufstellen konnte.

Laedan nickte zustimmend, bevor er zur Burg deutete.

„Sie werden nicht kommen.“, stellte er fest, „Wenn sie eine offene Schlacht hätten haben wollen, wären sie schon geritten. Sie verschanzen sich.“. Er klang fast ein wenig enttäuscht, denn wenn man den Prinzen von Noriom in vielen Dingen enthaltsam nennen konnte, so galt dies nicht für Schlachten.

Etwas ließ die Männer eines Bataillons auseinander weichen, bevor sie sich weiter vorne wieder formierten.

„Was war das?“, fragte der Kronprinz.

Überrascht musterte er den Felsbrocken. „Ich hoffe, der kam nicht von unseren Katapulten.“, murmelte er.

„Unsinn!“, widersprach Laedan, „Der kam von der Festung.“.

Jasreel blickte zu Mondfels hinüber.

„Nur was haben sie davon, Steine zu werfen? Gehen ihnen die Pfeile aus?“. Katapulte in offenen Feldschlachten einzusetzen, hatte sich nicht als sonderlich sinnvoll erwiesen. Die gegnerischen Verluste waren viel zu gering, als dass sich dafür die Kosten lohnten.

Plötzlich ging eine ganze Welle von Steinen nieder.

Einige Männer schrieen auf, wenn ein Brocken sie traf, doch war dies die Ausnahme. Die Offiziere blickten in den Himmel und ließen ihre Männer meistens rechzeitig zur Seite ausweichen.

Doch dann erschütterte ein gewaltiges Krachen die Welt.

 

 

„Jetzt!“, schriee Elieser, und obwohl seine Stimme angesichts der Geräuschkulisse auf dem Eis unterging, setzten sich die Reiter in Bewegung. Sie waren Männer der Zwillingsreiche, Väter, Söhne und Brüder gerufen von ihren heimatlichen Dörfern, um ihre Heimat zu verteidigen und nun ritten sie. Sie kannten sich hier aus und geführt von einheimischen Männern wussten sie genau, wo die Ufer der Inseln lagen und wo unterseeische Strömungen, das Eis dünn und gefährlich gemacht hatten. Und nun brachen sie in das Chaos hinaus.

Das Eis war gebrochen und hatte die vorderen Reihen in die Tiefe gerissen. Breite Risse verliefen durch die Eisfläche, Eis knackte und krachte wie ein tödlich verwundetes Raubtier. Pferde scheuten vor der Wasserfläche, Männer klammerten sich mit steifen Fingern an Kanten fest, bevor sie in die Tiefe gezogen wurden. Weitere versuchten verzweifelt wieder das Eis zu erklimmen, doch die Zwillingsreichler wussten, dass die Schwimmenden innerhalb von wenigen Minuten erfrieren würden.

Sie brachen von hinten herein, weit von der gebrochenen Eisfläche entfernt. Zwillingsreichler, auf deren Lippen ein Lächeln lag, umkreisten kleine Gruppen verwirrter Männer und mähten sie nieder. Ganze Reihen griffen die Artherger im Rücken an und wichen wieder zurück, als diese sich formierten. Gezielt abgeschossene Pfeile rissen Lücken in die aufgebrochenen Formationen der Artherger.

Elieser trieb sein Pferd an und schrie einen uralten Kampfschrei des Zorns und der Wut. In der rechten Hand hielt er eine Flügellanze, die er nun in den Rücken eines Soldaten bohrte. Er zog sie heraus und trat mit dem Fuß nach einem anderen Mann, der sich ihm mit dem Mut der Verzweiflung genähert hatte, bevor er ihn niedermähte.

Er trieb sein Pferd weiter, bohrte seine Lanze in weiches Fleisch, bemerkte das Blut nicht länger, das auf ihn spritzte.

Noch nie hatte er diese Lust am Töten empfunden und für einen Moment fragte er sich selbst, was hier geschah. Doch zu übermächtig war der Wunsch nach Rache, als das er sich hätte zurückhalten können. Er hatte diesen Krieg nicht gewollt, es waren die Artherger, die in sein Land eingedrungen waren und nun sollten sie dies büßen.

Und so tötete er.

 

Fassungslos starrte Jasreel das Gemetzel an, das vor ihm geschah. Er nahm nicht wahr, wie Laedan die Truppen versammelte und neu aufstellte. Er bemerkte nicht, wie seine Knappen ihn besorgt musterten und Generäle auf Befehle warteten. Er vergaß, wie viele Schlachten er schon erlebt hatte. Wie ohnmächtig war er angesichts dieses Zorn und diesem Hass, der über ihn und sein Heer herein schlug. Und hatten die Zwillingsreichler nicht ein Anrecht darauf? Artherg war in ihr Land einmarschiert, wegen einer Sache, die man auch mit Diplomatie hätte beilegen können.

Blut, das nicht das seine war, verschleierte seinen Blick, und der Schrecken vernichtete sein Urteilungsvermögen. Wie war es möglich, dass dieses winzige schon geschlagene Heer das arthergische besiegen konnte? Es war ihm schier unbegreiflich und für einen Moment fragte er sich, ob all dies nur ein Traum war.

„Jasreel!“.

Zornig schrie Laedan ihn an und es war dieser Zorn, der ihn wieder in die Gegenwart zurückbrachte.

„Verdammt!“, knurrte der Korpsführer, „Wir haben keine Zeit für Träumereien.“.

„Natürlich.“, entgegnete Jasreel leise, „Verzeiht mir.“.

Laedan musterte ihn einen Moment, dann nickte er.

„In Ordnung und jetzt lasst uns eine Schlacht gewinnen.“.

Mit bemerkenswerter Effizienz formierte der Erbprinz von Noriom die ihnen verbliebenen Truppen erneut und schickte Späher aus, die eventuelle feindliche Standorte und Hinterhalte in ihrem Umfeld ermittelten.

Mit einem Hornsignal befahl er die Truppen an der Kampfstelle zurück und eine Kompanie vermochte es tatsächlich sich zu formieren und sie marschierte langsam in Richtung des Heeres. Es war ein Meisterstück, das der befehlende Offizier vollbrachte, denn drohten die Reihen immer wieder auseinander zu brechen, wenn die Männer über eine Leiche oder andere Hindernisse steigen mussten. Jeder Infanterist wusste, dass eine auseinander gebrochene Formation, im Angesicht von Kavallerie aus Todgeweihten bestand. Ein Mann alleine mochte nicht viel gegen einen Reiter ausrichten, doch viele zusammen bildeten ein unüberwindbares Hindernis.

Eine weitere Gruppe folgte dem Beispiel und schloss sich halbwegs zusammen, doch gelang es einer Gruppe Kavallerie sie aufzubrechen.

Jasreel kniff die Augen zusammen.

„Da sind die Zwillingsthrone.“, erkannte er und blickte Laedan erregt an, „Dort ist ihr Anführer, Elieser von Zwillingsstadt.“.

Wie sie von Derudir – wenn auch nicht freiwillig – erfahren hatten, führte nun der unerfahrene Elieser nach dem Tod seines Vaters und der Gefangennahme seines Bruders das Heer und das tat er – wenn man die vielen Toten betrachtete – gut. Jasreel war dem anderen Prinzen nie begegnet und hatte nie den Absicht gehegt, die Feindschaft des anderen zu erringen. Doch es war so geschehen und nun hatten sie gegeneinander zu kämpfen.

„Denkt Ihr, was ich denke?“, fragte der Kronprinz seinen Begleiter.

„Ich weiß, was Ihr denkt.“, entgegnete Laedan, „Nur halte ich es nicht für klug.“.

„Ich schon.“. Er starrte zu dem fernen Prinzen hinüber, der erneut einen seiner Männer niedermetzelte. Männer, die er zu schützen verpflichtet war. Wenn sie ihren Mann gefangen nahmen, würde Alsra sich sicherlich in ihre Hände begeben. Und wenn die Prinzessin von Scheeru wieder unter arthergischer Obhut war, würde auch der Krieg ein Ende finden.

Er trieb seinen Hengst an, der mit einem schnellen Sprung vorwärts stieb. Die Leibwache des Prinzen folgte ihm eifrig, die Waffen gezückt und bereit zum Kampf.

Jasreels Hengst sprang über Leichen, glitt über die von Schnee und Blut bedeckte Eisschicht. Er kam an der formierten Kompanie vorbei, die sich langsam und sorgfältig zurückzog. Der Prinz spießte mit seiner Lanze einen angreifenden Reiter auf und ritt dann weiter.

Zwischenzeitlich verlor er Elieser und seine Schar aus den Augen, dann entdeckte er sie zwischen zwei kleinen Inseln in einem Seitenarm wieder.

Sein Zorn loderte auf, als er die vielen Leichen sah. Was bildete sich dieser Zwillingsreichler nur ein! Zu viel Blut war geflossen und zu viele Leben ausgehaucht, als dass er die Sache auf sich beruhen lassen konnte. In seinem Erinnerungsvermögen war keine Schlacht vorhanden, die sich mit diesem Massaker vergleichen ließ. Er dachte an die Frauen, die nun keinen Ernährer mehr hatten, die Kinder, welche nun mit der Ungewissheit leben mussten.

„Elieser.“, brüllte er und für einen Moment schien es, als hielte das Schlachtfeld den Atem an. Zwillingsreichler hielten inne und blickten den Mann an, der es wagte, den Namen ihres Herrn in den Mund zu nehmen. Artherger beobachteten mit Stolz ihren Prinzen, der den feindlichen Anführer persönlich herausforderte, mochte er auch noch so unbedeutend sein.

Betont langsam wendete der Prinz der Zwillingsreiche sein Pferd und sah seinem Kontrahenten entgegen.

„Dann seid Ihr also auch gekommen, Jasreel.“, stellte er in artherg fest und seine Augen blitzten vor Zorn.

Er breitete die Arme aus und trotz seines Zornes bewunderte Jasreel Eliesers Sicherheit im Sattel.

„Seid willkommen auf dem Feld unserer Rache.“.

Mit einem Blick der Verachtung spiee der Erbe des arthergischen Thrones aus.

Die Zwillingsreichler, die das Geschehnis beobachteten, schrieen vor Zorn auf und warteten auf die Reaktion ihres Prinzen.

„Wenn es denn das ist, was Ihr wollt.“. Er tätschelte seinen Braunen und umfasste seine Flügellanze.

„Aus dem Weg.“, wies er die umstehenden Krieger in seiner Sprache an, doch Jasreel verstand diese mühelos.

Die Männer wichen zurück und auch die Artherger wagten es nicht einzugreifen. Sie mochten über die Zeit sesshaft geworden sein, doch in ihren Adern floss noch immer das Blut der Steppenvölker Ciyens, die die elbische Niederlage an der Seite der Sphinxe besiegelt hatten. Zwillingsreichler und Artherger mochten sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, aber das Wissen über die Gesetze des Zweikampfes war ihnen nicht verloren gegangen.

Jasreel musterte sein Gegenüber und schätzte dessen Stärken und Schwächen ein. Elieser trug ein Wams, darüber einen Schuppenpanzer, dessen feine Plättchen bei jeder Bewegung leise klirrten. Der Panzer endete knapp unterhalb des Ellenbogens, weshalb Eliesers Arme bis auf die Kleidung ungeschützt waren. Ein Spangenhelm schützte seinen Kopf, ein am Helm befestigtes Kettengeflecht den Nacken. Seine Schwäche waren die Beine, die durch nichts als ledernde Beinschienen geschützt wurden, doch waren sie auch schwer zu erreichen. Bewaffnet war der Prinz der Zwillingsreiche mit einer Flügellanze, die er mit der rechten Hand führte, einem kleinen Rundschild, den die Linke hielt und ein Schwert, das an seiner linken Seite befestigt war.

Jasreel war durch seine Plattenrüstung vollständig geschützt, doch auch unbeweglicher. Er musste sich auf seine Lanze, das Schwert an seiner Seite und den dreieckigen Schild an seiner linken Seite verlassen.

Er konnte sehen, dass Eliesers Gesicht vor Entschlossenheit verzogen war und in seinen Augen der Hass brannte. Für einen Moment fragte er sich, wie alt er wohl sein mochte? Zwanzig? Neunzehn? Einige Jahre jünger als er selbst und für einen winzigen Moment empfand er Bedauern für diesen jungen, verzweifelten Mann. Doch dann dachte er an die Toten und es blieb alleine der Zorn.

Sie ritten voneinander weg, bis sie eine Entfernung von etwa zwanzig Schrittlängen erreicht hatten. Seltsamerweise erinnerte es Jasreel an einen Tjost an einem schönen Turniertag. Doch dieser Kampf wurde nicht um Ehre und Gewinn geführt, sondern um Leben und Tod.

Er klemmte seine Lanze unter den rechten Arm, während Elieser seine leichtere Flügellanze mit der Hand führte.

Dann trieb er seinen Hengst an, der einen Satz vorwärts machte. Blutiger Schnee und kleine Kieselsteine wurden von den Hufen der Tiere aufgewirbelt, als diese über das Eis wirbelten.

Jasreel konzentrierte sich auf seinen Gegner, die Brust, wo er ihn zu treffen gedachte. Die Lanze lag schwer doch sicher in seiner behandschuhten Hand. Er konnte die gegnerische Waffe erkennen, deren Spitze tödlich genau auf ihn selbst deutete.

Der Lärm des Schlachtfeldes war nicht länger wahrnehmbar, zu bedeutsam war dieser Moment. Für einen Moment schien die Welt, den Atem anzuhalten, obwohl um sie herum der Kampf tobte.

Er sah wie die Brust seines Gegners sich auf und ab senkte. Seine Waffe war länger, er würde zuerst stoßen müssen.

Die Pferde schnaubten mit schaumbedeckten Nüstern, Leder knirschte und Eisen klirrte. Schnee senkte sich als ein glitzernder Staub auf die Welt, als wollte er das Blut verbergen, das gleich fließen würde.

Dann konnte er das Gesicht seines Gegners erkennen, die von der Kälte geröteten Wangen, einzelne dunkelblonde Strähnen, die in seinem Gesicht klebten, der sorgfältig gestutzte Bart.

Er hob die Lanze und mit einer fließenden Bewegung, die ihm in Jahren der Übung ins Blut gegangen war, stieß er nach der Brust seines Gegners.

Für einen Moment erschien es so, als würde er ihn tatsächlich treffen. Doch durch einen schnellen Befehl wich Eliesers Tier zur Seite aus, so dass des Kronprinzens Waffe nur Luft und Schneegestöber traf. Es war die unfehlbare, geübte Bewegung eines Zwillingsreichlers gewesen, der auf dem Pferderücken aufgewachsen war und jeglichen Schritt des Tieres hervorsah. Es war die Bewegung eines Mannes gewesen, der trotz seines Zorns beherrscht und geübt in der Handhabung seiner Waffe war.

Sein eigener Hieb war dagegen so präzisiert, schnell und zugleich unvorhersehbar, dass er Jasreel in der Seite traf. Die Durchschlagskraft der Flügellanze genügte zwar nicht, um die Plattenrüstung zu durchdringen, doch genügte sie, um ihn aus dem Sattel zu schmeißen.

Mit voller Wucht prallte Jasreel auf das Eis, ein Knacken ertönte und ein greller Schmerz breitete sich in seinem Körper aus.

Trotz der Schmerzen wagte er es nicht, an diesem Ort zu verharren. In einem regulären Tjost wäre ihm jetzt ein Knappe zur Hilfe gekommen und sein Gegner hätte absteigen müssen, um den Kampf zu Fuß weiter zu führen, doch mochte Jasreel nicht darauf vertrauen, dass sein Gegner sich mit arthergischen Tjost-Regeln auskannte.

Mit Mühe rappelte er sich auf, jedoch erkannte er mit Erleichterung, dass es nur die Lanze und kein Knochen war, der gebrochen war.

Sein Pferd war davon gelaufen und er befand sich neben Leichen. Die Lanze war gebrochen und den Schild verloren, es blieb allein sein Schwert. Er zog diese Waffe und mit tödlichem Glanz glitt der Stahl aus seiner Scheide.

Elieser hatte in der Zwischenzeit sein Pferd gewendet und ritt nun erneut auf ihn zu.

Jasreel stand breitbeinig da, erhob seine Klinge und erwartete den feindlichen Angriff.

Die Spitze schob sich unerbittlich auf ihn zu und mit dem Instinkt eines Kriegers wusste er, dass er es hier mit einem Meister seines Fachs zu tun hatte. Er musste den Gegner irgendwie auf den Boden bringen.

Jasreel bückte sich, scheinbar um seine Trefferfläche zu verringern, doch hob er den vorderen Teil der gebrochenen Lanze auf, an welchem sich die Spitze befand.

Ein Lanzenstoß kam auf ihm zu, jedoch gelang es ihm, rechzeitig zur Seite zu springen. Mit einem Bein landete er auf dem Eis und richtete sich eilig wieder auf, denn Elieser wendete erneut.

Er konnte beobachten, wie die Muskeln des Pferdes sich unter dem dicken Winterfell bewegten, hören, wie die Hufe über den Boden trommelten und für einen Moment verwunderte es ihn, dass die Tiere auf dem Eis nicht wegrutschten.

Mit der rechten Hand erhob er seine Klinge, als wollte er den kommenden Schlag entgegnen, doch mit der linken schleuderte er die Lanze.

Für einen Moment herrschte Stille. Jasreels Augen nahmen nur noch diese Lanze war, die seine Hoffnungen barg.

Dann wurde die vollkommene Geräuschlosigkeit durchbrochen, als Eliesers Pferd mit einem schrillen Wiehern, das entsetzlicher als jeder menschliche Schmerzensschrei war, stieg. Die Hufe trommelten im vollkommenen Unverständnis dieses Schmerzes durch die Luft und unwillkürlich bewunderte Jasreel Elieser dafür, dass dieser noch immer im Sattel saß. Ihm war kein anderer Mensch bekannt, der dies vermocht hätte. Blut lief über die Brust des Tieres und tropfte in den Schnee. Rot auf Weiß. Der rote Hintergrund der arthergischen Flagge erhob sich über die weißen Throne der Zwillingsreiche.

Schließlich rutschte Elieser freiwillig aus dem Sattel. Mit beruhigenden Worten strich er der braunen Stute über das Fell, während sie vor Schmerz zitterte. Dann wandte er sich seinem Gegner zu und als Jasreel dieses Mal den Ausdruck in Eliesers Augen sah, erschrak er. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass ein Mensch zu solch einem großen Hass fähig war.

Selbst die Soldaten der Zwillingsreiche, die den Kampf bisher stumm verfolgt hatten, brüllten vor Zorn und Wut. Denn auch wenn es ihm nicht bewusst gewesen war, hatte Jasreel eine uralte Regel verletzt: Die Pferde wurden geschont. Selbst wenn verfeindete Stämme dieses Landes gegeneinander ritten, würde niemand von ihnen mit Absicht eine Waffe gegen ein feindliches Tier richten. Es war ein Tabu und Jasreel hatte es verletzt.

„Dafür wirst du sterben.“, entgegnete Elieser ruhig und die Stimme hallte über das Schlachtfeld.

Jasreel erwiderte nichts, sondern rannte über das Eis auf seinen Gegner zu. Er war langsam und schwerfällig, doch ließ ihn Elieser herankommen. Seine Flügellanze fuhr herab und nur mit Mühe gelang es dem arthergischen Prinzen den Schlag zu parieren. Ruckartig zog der Zwillingsreichler seine Waffe zurück und ließ sie blitzschnell wieder aus der Deckung huschen. Die Waffe prallte gegen Jasreels Panzer und hinterließ eine Delle auf Höhe seines Bauchnabels.

Durch sein geschlossenes Visier gelang es Jasreel nur mit Mühe die darauf folgenden Bewegungen Eliesers zu erkennen und zu verhindern. Dennoch war er nicht willig, seinen Schutz zugunsten seiner Sicherheit aufzugeben.

Erneut stieß die Lanze auf ihn zu und mit einem Satz, der ihn selbst schon ein wenig ins Staunen versetzte, brachte er sich in Sicherheit. Ehe Elieser die Waffe wieder fortziehen konnte, ließ er seine eigene Klinge niederfahren. Holz splitterte und einzelne Stücke trafen Jasreels Rüstung.

Zornig warf Elieser die nutzlose Flügellanze fort und zog ebenfalls sein Schwert. Fast schien es ihm, als ob Elieser ein Spiel mit ihm trieb. Leicht tänzelte er um ihn herum, zog sich zurück, griff scheinbar an, bevor er wieder zurückwich.

Jasreel drehte sich in seiner schweren Rüstung von einer Seite zur anderen, folgte Elieser einige Schritte, wurde von ihm zurückgetrieben.

Doch als sein Gegner einen erneuten Angriff wagte, warf er sich mit voller Wucht gegen ihn. Beide krachten sie auf das Eis, das bedrohlich knackte.

„Du hast mich an die Bruchstelle getrieben.“, knurrte er, während sie über das Eis rollten. Elieser ließ nichts als einen spitzen Schmerzensschrei ertönen, als Jasreel halb über ihm lag und das Gewicht seiner Rüstung ihn quetschte. Ihm gelang es davon zu rollen und aufzustehen, doch vermutete Jasreel, dass einige Rippen mindestens angebrochen waren. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit bitterer Genugtuung und Zufriedenheit.

Jasreel erhob sich, das Schwert immer noch in der Hand, während Elieser seins verloren hatte. Der Kronprinz entdeckte es und trat es weg. Die Waffe glitt über das Eis und versank mit einem Platschen in der Wasserfläche, an dessen Rand der Zwillingsreichler sie getrieben hatte.

„Was tust du nun?“, keuchte Jasreel und kam mit dem Schwert in der Hand auf den waffenlosen Elieser zu.

Dieser sah sich um und floh hinter einen Leichenhaufen.

„Feigling.“, murmelte sein Verfolger, erschöpft von dem Kampf.

Er umrundete den Leichenhaufen und stieg über die Hufe eines Pferdekadavers.

„Wo steckst du, Pferdemensch?“.

Elieser war verschwunden und für einen winzigen Moment schien sich Jasreel wieder in die Zeit versetzt, in der er mit seinen Schwestern durch den Palast gejagt und um die Säulen gehuscht war.

Da tauchte Elieser auf einmal vor ihm auf, einen Streithammer in der einen Hand, einen Dolch in der anderen.

Streitkolben und Schwert fuhren wie Löwen gegeneinander, verbissen sich, doch der Streitkolben siegte und die Klinge zersprang.

Jasreel wich zurück, doch stolperte er über einen Leichnam und fiel zu Boden. Der Streitkolben sauste auf ihn hinunter und nur seinen schnellen Reflexen war es zu verdanken, das er entkam. Diese Rolle hatte ihn von der Gefahr des Streitkolbens weggetragen, ihn jedoch zugleich näher an die tückische Wasserfläche herangebracht.

Erneut bohrte sich die Spitze des Streitkolbens in das Eis und Funken sprühten auf. Mit zornentbrannter Miene stand Elieser über seinem Gegner, dem nichts übrig blieb, als wieder auszuweichen. Weitere Schläge hagelten auf Jasreel nieder und er wusste, dass es ihm nicht ewig gelingen würde, auszuweichen. Er musste wieder auf die Beine kommen.

Doch ein Kadaver begrenzte seine Flucht zur Seite und er blieb auf der Seite liegen. Zu langsam war seine Reaktion und der Streitkolben prallte mit voller Wucht auf seine Rüstung. Ein Schrei, wie er ihn noch nie losgelassen hatte, entkam seinem Mund und Tränen des Schmerzes nässten seinen Bart.

Die Rüstung war nicht aufgerissen, doch eingedellt und der Druck schmerzte ihn empfindlich. Ein brennender Schmerz stieg seinen Rücken empor und es schien ihm, als ob Feuerzungen ihn mit hartnäckigen Küssen quälten.

Erneut rollte er weiter und der Schmerz ließ ihn aufschreien. Panik und Schmerz nahmen sein gesamtes Denken ein und mit der unfehlbaren Gewissheit eines Kriegers wusste er, dass er sterben würde. Sein Gesichtsfeld war begrenzt auf die immer wieder nieder fahrende Gefahr des Streitkolbens und das Gesicht des Mannes, der ihn führte.

Er bemerkte nicht mehr, wie er die Kante des Eises erreichte, nur die Kälte, als er in das Wasser sank und die Rüstung ihn hinab zog. Tatsächlich versuchte er mit einigen Armbewegungen noch zu schwimmen, doch schon bald gab er auf.

Elieser stand an der Kante des Eises und beobachtete scheinbar gelassen den Todeskampf seines Kontrahenten.

Das Wasser sickerte in seine Rüstung. Feuer und Kälte kämpften in seinem Inneren um die Vorherrschaft. Kälte und Hitze. Doch beides Tod.

Für einen letzten Moment richtete er sich auf und erkannte hinter Elieser die Reihen des arthergischen Heeres, die erneut angegriffen hatten und die Zwillingsreichler mit aller Macht zurücktrieben. Nur er selbst würde dies nicht mehr erleben.

Feuer und Kälte. Gut und Böse. Tod und Leben.

Doch am Ende wurde jeder von den Kräften des Todes niedergerungen, mochte er sich auch noch so tapfer wehren.

Und so sank Jasreel, Kronprinz des arthergischen Reiches aus dem Geschlecht Jiasmer, hinab in die unerbittliche und unergründliche Tiefe.

 

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