35. Willen durchsetzen

Gabriel, war seit einer Weile fort. Ich saß weiterhin draußen und genoss den frühen Abend. Ich hatte noch einige Fragen, jedoch keine Zeit diese zu vertiefen. Was ich bisher wusste, genügte mir.
Sie beide hatten es für mich getan und ich hasste sie dafür? Meine Wut war erloschen, mein Zustand wieder zurechnungsfähig. Ob sie mir verzeihen konnten, lag an ihnen. Andererseits war meine Reaktion mehr als berechtigt gewesen.
Ich trank gerade mein letztes Glas Wein, hatte dabei einen grässlichen Schluckauf. Meine Nase musste schon ordentlich gerötet sein. So benommen, wie ich mittlerweile war.
Ich schloss die Augen. Etwas ließ mich nicht los. Gabriel hatte mich gewarnt.
Traue niemandem.
Niemandem?
Wie sollte ich das tun? Nicht mal ihm hatte er gesagt. Womit er dann auch verschwunden war.
Niemandem.
Weder meinem Vater, noch Sam, noch sonst wem. Ich sollte mich auf meinen eignenden Instinkt verlassen. Doch was sagten mir dieser? Er sagte mir, ich sollte das Haus reinigen, es sei noch extrem schmutzig. Nicht dass ich es eben nicht noch geschrubbt hätte!
Ich legte die Füße hoch und gähnte. Ein ganz normaler Sonntagabend, nachdem mein Bruder vorbeigekommen war. So könnte man meinen.
Ich beobachtete, wie die Sonne am Horizont hinter den Bäumen verschwand. Samuel hatte sich nicht ein Mal blicken lassen. Auch innerlich spürte ich ihn kaum.
Was hatte diese Seelenteilung nur mit uns gemacht? Was hieß dies für die Zukunft. Immer wenn diese Frage in mir auftauchte, wurde ich wehmütig. Die Zukunft schien dunkel und grau. Nicht die, die ich mir versprochen hatte. Ich wollte glücklich mit ihm sein. Wollte die drei Kinder mit ihm bekommen und das Leben leben, das wir verdient hatten. Und kein Chaos zwischen Himmel und Hölle, das uns Stück für Stück die Seele raubte.
„Das wird sie nicht.“ Ich sah auf. Sam stand angelehnt am Geländer, die Arme verschränkte. Sein Blick undeutbar.
Wie war er so schnell zu mir gekommen? Ich hatte ihn doch nicht gespürt. Langsam kam er zu mir hinüber. War er die ganze Zeit in meiner Nähe gewesen?
„Ich werde nichts tun, was uns zwei entzweit.“
„Nicht? Bisher scheint es, dass du dir alle Mühe gibst.“
„Dann lass es mich erklären.“ Damit setzte er sich auf den andern Stuhl und zog mich zu sich hinüber auf seinen Schoß. Gleich darauf nahm ich seine Hände und legte sie um mich. Ich brauchte seine Wärme, seine Nähe.
Mit einem tiefen Atemzug griff ich innerlich nach ihm. Als wäre dort ein Schleier, der uns trennte, griff ich einfach hindurch. Augenblicklich verschwand dieser und Sam war dort, wo er schon immer gewesen war. Was die Frage aufwarf, ob er sich weniger von mir ferngehalten hatte als ich von ihm.
„Genau wie du, wollten wir antworten.“
„Habt ihr sie bekommen?“
„Ja.“ Ich atmete tief ein und ließ die Luft nur langsam entgleiten. Er klang nicht glücklich. „William tauchte unerwartet auf, als wir die Nächsten Schritte planten. Auch wenn er nicht so ausführlich war, wie dein Bruder zu dir.“
„Was wollte er?“ Ich wusste es bereits, wollte es dennoch hören.
„Sicherheit.“
„Nur?“, scherzte ich. „Kaum zu glauben.“ Sein Griff wurde fester. Ich blickte zu ihm hoch, um ihm in die Augen zu blicken.
In seinen Augen fand, ich Liebe und Zuneigung, genau wie in seiner Seele. Die mich wie Honig einhüllte, um seinen Worten vom Anfang Nachdruck zu verleihen. Doch spürte ich auch, wie sehr es ihn schmerzte, dass ich mich von ihm abgewand hatte. Der Kummer der letzten Stunden hallte nach.
„Es tut mir Leid, ich hätte nicht einfach so abrauschen dürfen.“ Er sagte nichts dazu. „Ich liebe dich Sam.“ Was ich ihn auch spüren ließ. Es vibrierte durch meinen ganzen Körper.
Ich veränderte sie Position und setzte mich auf ihn. Ich legte die Arme um seinen Hals und fuhr mit den Fingern durch sein Haar. Unsere Lippen waren nur kaum voneinander entfernt.
„So wie ich dich“, gab er zurück. Ich grinste Knapp.
„Wirst du mir das verzeigen?“
„Dich je getroffen zu haben?“ Ein Schlag in die Magengrube und wie ich wusste auch ein verdienter.
„Sam, das war falsch. Ich hab rot gesehen, als ich dich dort mit ihm auftauchen sah.“
„Nicht meine Idee.“ Ich nickte. „Wie fühlst du dich?“ Wusste er das nicht schon?
„Zerstreut, Müde, beunruhigt. Ein Teil der vielen Emotionen, die mir zurzeit durch den Körper jagen.“
„Ich meine nicht diese Gefühle.“ Ich blinzelte.
„Du meinst ... das in mir.“ Er nickte. „Wie soll sich das anfühlen. Es ist da, ob ich will oder nicht.“
„Wieso siehst du es als Fremdkörper?“
„Weil es einer ist.“
„Weil du ihn nie bemerkt hast.“
„Siehst du denn nicht, was es aus uns macht?“
„Ich sehe das meine Frau mit aller Macht unterdrückt, was sie ist.“
„Das bin ich nicht“, protestierte ich. Er sagte nichts mehr, sah ich nur an. Hatte er recht? Veränderte es wohlmöglich nicht nur sie, sondern auch mich, ohne dass ich es bemerkte? „Ich kann nicht“, gestand ich. Es würde bedeuten, dass ich akzeptieren würde, wer mein Vater war, akzeptieren das es mehr dort draußen gab, was uns schaden würde.
Er nahm mein Gesicht und küsste mich. Süß und weich. Ich presste mich an meinen Mann und hoffte der Moment würde nicht vergehen.
Der Moment war so intensiv wie lang nicht mehr. Sam war es schließlich, der den Kuss beendete und mich in den trüben Tag zurückholte.
„Was hat er gesagt?“, fragte ich nach einer Weile des Schweigens.
„Das sich einiges verändern wird. Mit uns, mit der Stadt. Um uns zu schützen.“ Geistesabwesend streichelte ich durch sein Haar. Es war so weich. Als hätte sich seit unserer ersten Begegnung nichts geändert. „Wir verändern uns, zum Guten Nida.“
„Das sagt er.“
„Das sage ich. Ich fühle es, kann es spüren. Wir können etwas bewegen, mehr als vorher.“
„War es davor denn nicht genug? Ist ein normales Leben mit mir, nicht genug?“
„Haben wir denn die Wahl?“ Hatten wir die? Sicherlich nicht. Nicht wie William es hinstellte. „Die Veränderung muss nicht schlecht sein Needy.“ Ich blickte in mich hinein. Unser Netz entwickelte sich stetig weiter, nun schillerte und flackerte es. Ein Leuchten schien aus der Inneren Verbindungen hinaus. „Es ist deine Kraft Need. Die uns hilft besser zu sein. Dinge zu tun, damit die Welt ein sicherer Ort wird.“
Ich spürte, wie sich Elektrizität im Netz sammelte, sich auflud und ... sie veränderte. Jeder von ihnen schien einen Splitter meiner selbst zu tragen, was zusammen langsam einen hellen Kristall bildete. Ein Kern aus Licht und Kraft. Mir wurde übel.
„Meine Schuld.“
„Nein. Nida -“
„Egal was du sagst Sam, es ist meine Schuld. Wäre ich nicht, wie ich bin, wären wir gar nicht erst in diese Lage gekommen.“
„Nein Schlimmer. Die Hexe hätte dich, Ian und Veit getötet.“ Ich schluckte schwer. Es stimmt, die Hexe hatte es auf Gideon abgesehn und Marcus benutzt. Wären wir lebend dort hinausgekommen? Hätte es dann einen Kampf zwischen mir und ihr gegeben? „Needy. Ich band dich an mich, ich biss dir in den Hals, weil du mein sein solltest. Gideon entschied sich dafür, dass du ein Teil von uns wirst. Also glaube bitte nicht, es wäre deine Schuld. Wir wollten dich, wir alle und akzeptieren, was du bist. Wir sind eine Familie. Wir stehen hinter dir.“ Seine Hand hatte den Weg in meinen Nacken gefunden. Sie packte fest zu, hielt mich fest und verleite seinen Worten Nachdruck.
„Zu welchem Preis?“ Den meiner Seele? Oder schlimmer noch ... Seiner? Ich fühlte mich machtlos.
Dieser Mann vor mir war nicht der Sam von damals. Ich konnte es deutlich spüren. An seiner Seele, das er nicht der war, den ich kennengelernt hatte. Dieser eine Tag hatte ihn verändert, es war nicht richtig, doch es gefiel mir und machte mir dennoch Angst.

Ich sehnte mich, nach Nähe. Seine Worte hatten mir in den Sinn gerufen, wer dort vor mir saß. Es war mein Mann, mein Sam, den ich liebte und vertraute. Kaum hatte ich ihm diese Gefühle gezeigt, erhob er sich mit mir und trug mich mit sich hinauf.
Sam sagte kein Wort mehr, stattdessen presste er seine Lippen, auf meine. Wollte mir zeigen, wie sehr er noch mein Sam war.
Sanft ließ er mich hinab auf das Bett sinken, ohne sich von mir zu lösen. Er kam mir gewaltig und stark vor. Ob es der Einfluss des Abdrucks war?
Seine Hände wanderten über meinen Körper und entkleideten mich Stück für Stück, dabei zeigte er eine Ruhe, die er nie zuvor gehabt hatte. Ich tat es ihm nach. Seine Lippen, legten sich immer wieder auf meine, liebkosten mich, reizten mich. Es war so intensiv und liebevoll, dass ich glaubte zu vergehen, bevor er es zu Ende bringen würde.
Waren die Hürden geschafft, war es endlich so weit. Er packte mir liebevoll in den Nacken, dann drang er in mich. Wohl das erste Mal in unserer kurzen Zeit, nahm er mich nicht wie sonst, sondern zärtlich. Ein Umstand, der mich unter ihm winden ließ. Ich musste die Augen schließen und grub die Nägel sich in seine Hände, da er meine über meinem Kopf hielt und sich gleichzeitig stützte.
Er beobachtete, wie ich verging, wie sehr ich seine Berührung brauchte. Es gefiel ihm, wie ich auf diese Art der Zweisamkeit reagierte. Er leckte mir über die Lippe und biss in diese. Ich bäumte mich unter ihm auf. Mein Körper spannte sich an, prickelte. Mit unseren Hände ineinander verschlungen kam ich zum Höhepunkt, genau wie er. Ohne einen Schrei, nur mit Zärtlichkeit.
Keine Sekunde später war fort.

Ich wurde langsam wach, nur um gleich wieder ein Gefühl der Verärgerung zu erleben. Sam war wieder nicht dort, wo er sollte. Ich griff nach unserer Verbindung, was er erwiderte. Er war unten und nicht allein.
Was ich davon halten sollte? Ich wusste es nicht. Also stand ich auf, machte mich schnellstens fertig, um hinabzugehen.
Unten angekommen sah ich Sam und Gideon auf der Veranda stehen. Sie unterhielten sich. Langsam gesellte ich mich zu ihnen. Als ich in ihr Hörweite kam, verstummten sie.
Weitere Geheimnisse.
Beide sahen sie mich an und ich erkannte, dass Gabriel recht behalten hatte. Gideon hatte ein leuchten in der Mitte seiner Augen. Das Gleiche, dass ich besaß.
Sam glaubte mich infiziert zu haben, doch in Wirklichkeit wahr ich es die sie infizierte. Mit etwas, noch Schlimmeren.
„Guten Morgen Nida“, begrüßte mich Gideon. Er war nicht ganz der Eisengel von damals, trotzdem spürte ich, dass er etwas zu verbergen hatte.
„Morgen. Alles in Ordnung?“ Beide sahen sich an dann wieder mich.
„Ich würde gerne deinen Mann entführen und dich zurück nach Hause bringen lassen.“ Ich sah Sam an. Er schwieg. Nicht mal ein Morgen kam über seine Lippen. Was mich wie einen Igel stachelig werden ließ.
„Worum geht es?“ Sie sahen sich erneut an. Ein klaren Zeichen dafür, dass etwas ganz und gar nicht richtig lief! Mein Atmen beschleunigte sich, wo war der Sam von gestern hin!? Wut brodelte erneut in meinem Bauch auf.
„Wir machen weiter, wo wir aufgehört haben“, gestand Sam und wendete sich an mich. Er ging auf mich zu, was mich zurückweichen ließ. Hatte er nicht verstanden, was diese ganzen Geheimnisse verursachten?
„Wo?“, forderte ich und gewann mein Rückrad zurück.
„Das Problem mit den Melaks hat sich noch nicht ganz geklärt.“
Seine Hand umschloss meinen Arm und zog mich an sich.
„Was habt ihr vor?“ Eigentlich wusste ich es längst ...
„Für unsere Sicherheit sorgen.“ Ich sah ihm tief in die Augen. Es war ihm ernst. Diese Familie war ihm ein Dorn im Auge und er würde sie alle töten, ob ich wollte oder nicht.
„Wir sind in Sicherheit.“
„Wie lange?“, mischte sich Gideon ein. „Wir müssen nun mehr denn je dafür sorgen, dass niemand es wagt, uns anzugreifen.“ Ich spürte, dass dort noch jemand aus ihm sprach.
William.
Versuchten sie wirklich so krampfhaft alles zu beschützen? Wie würde es weiter gehen? Paranoia, Mord über Mord, eine gigantische Reinigungsaktion ohne Rücksicht auf Verluste? In dem Moment war ich froh, das ich unbemerkt gelernt hatte, bestimmte Gedanken vor ihnen zu verbergen.
„Weil es William so sehr?“
„Nein. Wir wollen es.“
„Lügner. Er hat euch doch angestiftet, zwingt euch dazu!“
„Er zwingt uns zu nichts Needy.“
„Natürlich tut er es! Wäre er sonst so oft bei euch gewesen!?“ Ich konnte es nicht ertragen, wie frech sie mir ins Gesicht logen.
„Das geht dich nichts an“, konterte Gideon ganz kalt.
„Wir sind ein Rudel.“
„Und du nur ein Weib.“ Meine Ladeklappe viel hinab. Sam sagte nichts, verteidigte mich nicht, ich stand also mal wieder allein da.
„Gibst du uns einen Moment?“ Gideon nickte und ging die Treppe hinab. Ich schluckte schwer, um die Wut im Bauch zu behalten. Mein Blick lag giftig auf ihm.
Seine Hand schnellte in meinen Nacken, packte mich und riss mich an sich. Er wollte mir zeigen, wo der Hammer hing, sollte er es versuchen!
„Needy“, begann er Strang.
„Sam“, erwiderte ich warnend.
„Ich glaube, du verstehst immer noch nicht, was wir sind.“
„Ach nein?“
„Verdammt Weib, wir tun das für dich.“
„Das ist ja das Problem.“
„Verstehst du denn nicht, dass ich dich nicht verlieren kann?“ Er klang aufgelöster als er anscheinend wollte. Meine Wut verpuffte mit einem Mal.
„S-sam ...?“
„In dem Moment, wo sie dich mir entrissen, dachte ich, ich hätte dich für immer verloren. Ich habe meine Pflicht verletzt, habe das verloren, weshalb ich noch atme.“ In seinen Augen spiegelte sich ein unglaublicher Schmerz. „Ich habe eine zweite Chance bekommen. Eine Chance, mit der ich nie wieder zulasse, dass dich mir jemand wegnimmt. Niemals. Von niemandem.“
Diese Worte ließen meine Abwehr zerschmettern. Niemandem, auch nicht von William. Konnte es sein ... War es mein Sam?
Ich blickte tief in seine Augen, dort befand sich brennender Kampfgeist. Meine Hand legte sich auf seine Brust, so weit ich konnte nickte ich knapp. Er tat es für mich. Was auch immer er da tat, es war für mich.
Sam löste sich von mir, sodass ich Gideon erblicken konnte, der wieder hinaufgekommen war.
„Vertrau uns Nida.“ In Gideons Augen spiegelte sich Zuneigung, wenn auch nur ein Hauch. Egal was ich davon hielt, sie würden alles tun, um mich zu beschützen.
Als würde ein Glas zerspringen, breitete die Erkenntnis sich in mir aus. Das musste enden. Es war nicht richtig und auch nicht gut. Ob Sam die treibende Kraft war, die Angst die er empfand, mich erneut zu verlieren? Es war nicht gesund, nicht richtig. Ich musste etwas tun und das schnell, bevor das Ganze in eine Katastrophe enden würde, in der wohlmöglich noch jemand zu schaden kam, der unschuldig sein würde.
Ich verbarg meine Gedanken. Sam sollte nicht wissen, dass er mit seinen Reden, seinem Verhalten, nur noch mehr dafür sorgte, dass ich mir wünschte, ihm nie begegnet zu sein. Nicht weil ich ihn nicht liebte, sondern weil ich es war, der sie zerstörte.

Sam drückte mir noch einen Kuss auf die Lippen. Danach löste er sich von mir und ging. Er, Gideon und einige andere, die ich erst jetzt bemerkte verschwanden in den dichten Wald. Würden sie nun die ganze Familie auszulöschen? Wer wusste schon, was nun in ihnen schlummerte.
Als sie fort waren, torkelte ich zurück. Es viel mir schwer mich auf den Beinen zu halten, weshalb ich mich am Stuhl festhalten musste, um nicht zusammenzusacken.
Ich erkannte sie nicht mehr. Selbst in der kurzen Zeit, durch unser Netz, hatte ich erfahren, dass sie nie so gewesen waren. Sie waren mit bedacht vorgegangen, taktisch, nicht grausam. Was auch immer mit ihnen passiert war, sie fixierten sich zu sehr auf den Schutz des Rudels, auf den Schutz von mir, genau, wie William es wollte. Meine Hände zitterten, weshalb ich sie zu Fäusten ballte. Was auch immer ich tun musste, um es rückgängig zu machen, ich würde es tun. Um jeden Preis.

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beta
Fairy Dust

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