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                                                            ANNA

Was passiert hier mit mir? Ich fühle rein gar nichts. Aber woher kommt dann dieses Blut? Ich blicke an mir hinab, doch ich erkenne keine Verletzung. Ich sehe nur die riesige, rote Blutlacke unter meinen Füßen. Ich will mich umsehen, will nach dem Wolf suchen. Doch er ist verschwunden. Er ist nicht mehr hier und alles um mich herum ist wie in einem dichten Nebel gehüllt. Alles ist so grau und es fühlt sich an, als würde ich träumen. Plötzlich spüre ich einen Schmerz in meiner Brust. Er wird immer schlimmer.

Ich blicke nochmals an mir hinab und entdecke etwas, dass ich vorhin nicht gesehen habe.
Ein langer elfenbeinfarbener Griff, der aus meiner Brust ragt.

Obwohl ich noch immer nicht ganz realisiere was hier passiert, beginne ich den Schmerz zu spüren. Er baut sich in mir auf. Wird immer größer. Sodass ich die Schmerzen kaum noch ertragen kann. Noch nie in meinem Leben habe ich solche Schmerzen gefühlt.
Ich habe das Gefühl nicht mehr atmen zu können. Meine Hände greifen unkontrolliert nach dem Griff. Meine Finger schließen sich um ihn. Langsam und mit vollem Kraftaufwand ziehe ich ihn Zentimeter für Zentimeter aus meinem Fleisch. Ich muss diesen Dolch loswerden. Doch je weiter ich es herausziehe, desto mehr Blut läuft an meinem Oberkörper hinab und sammelt sich in der ohnehin schon großen Lache unter mir.
Als ich die Klinge vollständig herausgezogen habe, schießt noch mehr Blut aus der tiefen Wunde. Ich halte das Messer in meiner Hand und betrachte es, als wäre es nichts Schlimmes. Ich bin verwundert, weshalb ich noch stehe und nicht schon tot bin. Doch vielleicht bin ich ja auch schon tot und ich bemerke es nur nicht?

Doch als sich erneut die Schmerzen in meiner Brust wieder bemerkbar machen, kann ich nicht glauben, dass ich tot bin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass solche Schmerzen auch noch bis in den Tod zu fühlen sind. Die Schmerzen kommen an einem Punkt, wo ich nicht mehr weiß was ich machen soll. Meine Beine versagen und ich sinke langsam zu Boden. Ich fühle das warme Blut an meinen Beinen und auf einmal ist alles schwarz um mich herum. Alles verschwindet und ich nehme nur mehr Stille und komplette Leere um mich wahr.

Diese Leere wird von einer warmen Flüssigkeit unterbrochen, die in meinem Mund fließt. Ich kenne diesen Geschmack. Es ist Blut. Doch, auch wenn ich sehen möchte, wessen Blut es ist, so kann ich meine Augen nicht öffnen. Zu verlockend ist diese Stille die mich umhüllt. Also lasse ich mich wieder fallen und halte meine Lider geschlossen. Lasse mich in dieser Stille treiben.

Doch nach einiger Zeit werde ich wieder gestört. Etwas unterbricht mich und mein Körper bewegt sich. Es fühlt sich an, als würde mich jemand auf seinen Händen tragen. Aber ich will nicht wieder zurück. Ich will hier bleiben. Es ist so schön still hier und nichts scheint mir hier Schmerzen zu bereiten. Also verdränge ich es, dass jemand meinen Körper bewegt. Ich gehe wieder zurück zu meiner Stille. Es fühlt sich an, als würde ich Stunden hier verbringen. Doch ich werde wieder von einem leisen Flüstern unterbrochen. Zuerst kann ich nicht klar und deutlich hören was die Stimme von sich gibt. Doch nach einiger Zeit höre ich genauer hin. Die Stimme wird klarer und ich kann die Worte verstehen, die diese männliche Stimme von sich gibt.

„Was sollen wir tun Luna? Ich kann sie nicht mehr spüren. Wir müssen doch etwas tun können.“

Dann höre ich eine andere Stimme. Eine weibliche Stimme.

„Wir können nichts tun. Sie muss von selbst wieder zurückfinden. Wir können sie nicht zwingen.“

Ich möchte wieder zu dieser Stille zurück, doch irgendwie kann ich diese Stimmen nicht mehr wegschalten. Sie stören meine Ruhe. Sie stören mich und ich kann jetzt nicht anders, als darüber nachzudenken, was diese Stimmen wollten. Ich spüre wie ich mich weiter von dieser Stille wegbewege.

Als ich dann auch noch eine Berührung an meiner Wange spüre und Worte von der mir fremden, tiefen Stimme, kann ich nicht mehr zurück zu dieser Ruhe.

„Anna, du musst wieder zurückkommen. Ohne dich schaffe ich es nicht. Bitte komm zurück.“

Ich fühle mich, als würde ich nach einer durchzechten Nacht aufwachen. Langsam fühle ich meine Beine und meine Hände wieder. Meinen Brustkorb, der sich mit Luft füllt und wieder leert. Meinen Herzschlag, der in meinem Kopf hämmert.
Es ist, als würde ich wieder zurückkehren in diese reale Welt. Auch, wenn ich meine Augen noch immer nicht öffnen kann. Ich bin so müde und fühle mich so schwach. Ich will einfach nur schlafen.

Als ich wieder wach werde, fühlt es sich an, als hätte ich am ganzen Körper einen Muskelkater. Ich bin vollkommen verspannt und denke noch immer über diesen kranken Traum nach. Wobei vollkommen krank war er nicht. Erst nachdem ich von Nathan geträumt habe, wurde er richtig verwirrend. Doch, gerade als ich an den Traum und Nathan denke, regt sich etwas in mir. Ich fühle etwas. Ich fühle etwas für Nathan. Dieser Traum muss meine Gefühle für Nathan wieder zur Oberfläche zurückgebracht haben. Ich weiß nicht wie ich darüber denken soll. Ich weiß gar nichts mehr. Ich dachte mir immer, diese Leute mit dem Problem, dass sie zwei Menschen gleichzeitig lieben, gibt es nicht wirklich. Wann, dann liebt man nur einen wirklich. Doch jetzt nehme ich alles wieder zurück. Jetzt bin ich selbst in dieser Lage.

Doch bevor ich mich noch intensiver darüber nachdenke und mich selbst noch mehr verwirre, öffne ich langsam meine Lider. Das Licht, das durch die Fensterscheiben dringt, brennt kurz in meinen Augen und ich schließe sie noch einmal. Dann versuche ich es erneut. Dieses Mal ist es nicht so schlimm und nach einigen Sekunden wird auch das Bild vor meinen Augen klarer. Nach diesem verrückten und teilweise zu realistischen Traum, hatte ich schon Angst woanders aufzuwachen. Aber zu meiner Erleichterung bin ich in Alex's Haus und in dem, von ihm zur Verfügung gestellten, Schlafzimmer. Langsam bewege ich meinen müden und schmerzenden Körper in eine aufrechte Position und mache mich auf den Weg in das Badezimmer.

Meine Schritte sind schleppen und am liebsten möchte ich mich nochmals unter die weiche Decke kuscheln.
Doch ich treffe mich heute mit Luna, um weiter an meinen Kräften zu arbeiten. Darum muss ich so schnell als möglich richtig wach werden.

Als ich nach der Türschnalle der Badezimmertür greifen will, fällt mir etwas an meinem Handgelenk auf. Ich weiß nicht, ob ich richtig gesehen habe oder ob ich einfach noch zu müde bin um klar zu sehen, aber irgendetwas ist auf meinem Handgelenk. Ich drehe meine Hand und blicke auf die Innenseite meines Handgelenks. Was ist das? Genau dort, wo ich die Verbrennung von Lexa's Klinge gehabt habe, ziert jetzt ein kleines schwarzes Symbol meine Haut. Es sieht aus, als hätte mir jemand mit schwarzer Tinte ein Tattoo gestochen. Ich glaube jedoch, dass ich weiß, was es ist. Es sind diese Zeichen, von denen mir Luna erzählt hat. Es muss eines davon sein, denn ich wüsste nicht, dass ich eine Partynacht mit -Black Out- hinter mir habe.

Ich finde es nicht einmal hässlich, es gefällt mir irgendwie. Obwohl, es ungewohnt ist. Als ich meine erste Verwirrung überwunden habe, gehe ich in das Badezimmer und ziehe mir meine Sachen aus. Ich muss unbedingt unter die Dusche. Als ich mir mein Shirt ausziehe, blicke ich zwischendurch kurz in den Spiegel. Doch ich sehe etwas, dass mich erstarren lässt.

Was ist los mit mir? Ich sehe in dem Spiegelbild auch ein Zeichen auf meiner Brust. Was zum Teufel! Das ist jetzt eindeutig zu viel für mich. Was hat das zu bedeuten? Um sicher zu gehen, sehe ich an mir hinab und streiche mit meinen Fingern, über das Zeichen auf meiner Brust. Es ist größer, als das auf meinem Handgelenk. Aber wieso sollte ich hier ein Zeichen haben? Ich nähere mich vorsichtig meinem Spiegelbild und bleibe mit verwirrtem Blick davor stehen. Ich kann meinen Blick nicht von diesem Zeichen lösen.

Nach einiger Zeit, in der ich mir diese Zeichen mehrmals begutachte, entschließe ich mich dazu, dass ich trotz allem unter die Dusche muss. Die Zeichen werden nicht verschwinden und ich kann Luna auch noch später fragen, was sie zu bedeuten haben.

Also hüpfe ich unter die Dusche und lasse das warme Wasser über meine verspannten Muskeln laufen. Ich beeile mich, damit ich nicht zu spät komme und meine Neugier stillen kann.

Ich steige aus der Dusche und wickle meinen Körper in ein grünes Handtuch ein, bevor ich wieder in das Zimmer gehe, um mir etwas zum Anziehen zu holen.
Als ich die Tür öffne und in das Schlafzimmer gehe, richtet sich mein Blick gleich auf den Kleiderschrank. Ich öffne die Türen und greife nach einer schwarzen Jeans und einem roten Shirt.
Als ich jedoch kurz davor bin mein Handtuch fallen zu lassen, höre ich ein Geräusch hinter mir. Mein Herz scheint für einige Sekunden still zu stehen. Langsam drehe ich mich um und sehe was...besser gesagt...WER dieses Geräusch verursacht hat. Es war ein Räuspern und ich kriege kaum noch Luft, als ich jemanden auf dem Bett sitzen sehe.

Es ist ein Mann und das große Problem daran ist, dass ich ihn noch nie gesehen habe. Ich weiß nicht was ich tun soll und gerate in Panik. Ich kann kaum noch klare Worte über meine Lippen bringen, aber ein „Wer zum Teufel...“ kriege ich gerade noch so zusammen.
Seine Reaktion verwirrt mich noch mehr. Er sitzt nur da und lächelt mich an, als wäre es das Normalste auf der Welt. Erst jetzt sehe ich genauer hin. Er trägt eine braune Mütze und darunter kommen seine langen braunen Haare zum Vorschein. Die Hände hat er am Bett abgestützt. Er trägt eine dunkle Jeans und eine braune Lederjacke, die dieselbe Farbe wie seine Boots hat.
Natürlich sieht er gut aus, aber irgendetwas lässt mich nachdenklich werden, als ich in seine grünen Augen sehe. Als er mir nicht antwortet und mich weiter angrinst, packe ich meine Sachen und verschwinde nochmals schnell im Badezimmer. Eilig ziehe ich mir die Sachen an und verknote meine Haare hinter meinen Kopf.

Irgendwie hoffe ich ja, dass er, wenn ich da wieder hinausgehe, nicht mehr auf dem Bett sitzt. Doch ich habe mich getäuscht. Er sitzt noch immer am Bettrand und sieht mich mit diesem verschmitzten Grinsen an.
Was macht er hier und wer zum Teufel ist er?

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