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                                                                         ANNA

Ich überlege immer noch, ob es wirklich sein kann, dass dieser Traum kein Traum war. Dass, er wirklich real war. Angst kontrolliert mich und lässt meinen Körper zittern.

„Ich.....also ich dachte, es war ein Traum.“

David blickt mich mit einem mitleidigen Blick an und erhebt sich darauf, um vor mir hin und her zu wandern. Ich kann nicht anders, als dabei an Alex zu denken. Denn, der hat dieselbe Angewohnheit. Dieses auf und ab Gelaufe macht mich verrückt.
Zu meiner Erleichterung bleibt er stehen und sieht mich an.

„Als, was hast du geträumt? Weißt du noch, wer dir das angetan hat?“

„Ich weiß nur noch, dass ich bei Nathan war und …“

Weiter komme ich nicht, denn er unterbricht mich mit einem gereizten Ton in seiner Stimme.

„Du warst bei Nathan? Du kannst nicht einfach zu Nathan spazieren, als ob es das Normalste auf der Welt ist.“

„Ich bin nicht zu ihm spaziert. Irgendwie hatte ich eine Panikattacke und danach so viel Energie, dass ich einfach losgelaufen bin. Ich wusste nicht mal, wo ich hinlaufe, bis ich vor seinem Haus stand. Ich wollte weg, aber dann habe ich ihn gesehen und alles war wieder da.“

Die Erkenntnis trifft mich erst nach einigen Sekunden und die nächste Frage schießt einfach so aus mir heraus.

„Woher weißt du über Nathan Bescheid?“

Noch immer wirkt sein Blick verärgert, als er sich auf den Stuhl setzt und mir wieder in die Augen blickt.

„Okay, das könnte jetzt etwas peinlich werden, aber das gehört dazu, wenn man jemanden aufspüren möchte. Also ich habe das eine oder andere Mal dich und Nathan gesehen. Also, ich meine, ich hatte Träume von dir als ich dich gesucht habe.“

Ich bin gerade komplett verwirrt. Bitte lass meine Vermutung nicht wahr werden. Bitte lieber Gott, falls es dich gibt, erspare mir diese Peinlichkeit.

„Wie meinst du das?“

David fängt zu grinsen an und ich kann mir fast schon denken, was jetzt kommt.

„Naja, hin und wieder, habe ich dich ja gesehen und auch Nathan. Und bitte glaube mir, dass es sicher keine Absicht war. Einmal, Naja wie soll ich sagen, da habe ich etwas gesehen, dass man definitiv als Bruder nicht sehen möchte.“

Oh mein Gott. Meine Gesichtsfarbe verfärbt sich gerade in das dunkelste Rot. Bitte lass mich hier verschwinden. Es ist echt nicht angenehm, wenn man von seinem verschollenen Bruder beim Sex mit einem Vampir beobachtet wird. Das ist einfach verrückt und zu krank.

„Bitte, lass uns das einfach vergessen. Ich denke, es war für mich schlimmer als für dich. Aber bevor wir hier noch in einem Familienstreit auseinander gehen, lass uns bitte weiter über das sprechen, was passiert ist, nachdem du bei Nathan warst.“

Zu meiner Erleichterung überspielt er diese peinliche Situation mit einem breiten verschmitzten Grinsen und kommt wieder zum eigentlichen Thema zurück.

„Keine Ahnung was passiert ist. In einem Moment war ich glücklich mit Nathan und danach habe ich alles nur mehr verschwommen wahrgenommen. Irgendwann habe ich dann nur mehr mein Blut gesehen und diese unendlichen Schmerzen gefühlt. Dann habe ich nur mehr Zeit in dieser Stille verbracht. Es war so ruhig und so angenehm bis ich deine Stimme gehört habe und ich mich dadurch wieder von dieser Stille entfernt habe.“

„Du weißt also nicht, wer dir das angetan hat? Das ist nicht gut, Anna. Es war bestimmt Nathan. Er ist nicht gut für dich.“

Ich hatte ihn gerade ins Herz geschlossen, aber das heißt nicht, dass er jetzt schon mit dem großer-Bruder-Getue anfangen kann. Als er meinen Blick bemerkt, versucht er seine gesagten Worte zu entschärfen.

„Sorry. Es steht mir nicht zu, dir zu sagen was du zu tun hast. Aber du musst anfangen, dass du vorsichtiger bist. Ich war auf dem Weg zu dir und habe plötzlich einen Schmerz gespürt. Mein Herz hat sich in meiner Brust zusammengezogen und ich wusste, das es etwas mit dir zu tun hatte. Also bin ich so schnell gerannt, wie ich nur konnte. Ich habe dich halb tot, mitten im Wald gefunden und dir sofort mein Blut gegeben. Dann habe ich dich hier hergebracht. Ich wusste, dass du hier in Sicherheit bist, das habe ich in den Träumen gesehen. Aber dein Geist war verschwunden. Dein Körper war nur mehr eine leblose Hülle und ich dachte wirklich, ich hätte dich für immer verloren. Diese zwei Tage waren die schlimmsten in meinem ganzen Leben.“

„Was zwei Tage?“

Der Schock über die Worte sitzt tief und als er dann auch noch mit seinem Kopf nickt und ein, „zwei lange Tage“, über seine Lippen bringt, vergesse ich für einen Moment zu atmen und erstarre.

Es kann nicht sein. Es ist, als würde ich die Zeit nach vorne drehen und nicht mitbekommen was in der Zwischenzeit passiert ist. Es ist alles so unklar in meinen Gedanken. Erst jetzt begreife ich, dass es kein Traum war. Ich war bei Nathan und ich habe mich schon so gut wie von meinem Körper verabschiedet. Je mehr ich versuche nachzudenken und mich zu erinnern, desto mehr verzweifle ich. Ich weiß nicht wie dieser Dolch in meine Brust gekommen ist und ich weiß auch nicht wer es war. War es Nathan? Was ist mit Nathan passiert? Wieso hat er mir nicht geholfen? War ich wirklich bei Nathan?

Ich kann nicht erklären, wie ich mich gerade fühle. Es ist, als würde mir jemand meine Zeit stehlen und mir nicht mehr zurückgeben. Wie kann ich jetzt weiter machen, wenn ich nicht einmal weiß, was ich in der Zeit in der ich nicht bei mir war, alles ertragen musste? Erneut überkommt mich Panik und mein Herz schlägt schneller und schneller. Schon wieder fühlt es sich an, als würde sich eine Schlinge um meinen Hals zusammenschnüren. Ich muss hier weg. Es fühlt sich an, als müsste ich mir meine Haut von meinem Körper abziehen, um atmen zu können. Ich lege die Hände auf meinen Hals und versuche zu atmen. Doch ich kann nicht. Ich kann mich kaum noch konzentrieren und ich merke wie David's Gesichtsausdruck verändert.

Er kommt eilig auf mich zu. Sein Blick ist voller Angst und seine Augen glänzen, als würde er mit mir fühlen. Er greift nach meinen Händen, die auf meinem Hals liegen und seine Finger schieben sich unter meine Handflächen. Er löst, mit ein wenig Kraftaufwand meine Hände von meinem Hals und legt seine Handflächen auf meine. Seine Finger schiebt er zwischen die meinen und hält meine Hände fest. Noch immer bekomme ich keine Luft. Ich versuche ihm zu vertrauen. Versuche darauf zu bauen, dass er mir helfen wird. Das ich ihm vertrauen kann.

Ich blicke in seine Augen und er in meine. Seine Augen verändern sich. Ein feuerrot erfüllt seine Iris und lässt trotzdem noch immer einen grünen Schimmer darin erkennen. Meine Konzentration richtet sich nur auf seine Augen und ich spüre etwas, dass ich noch nie zuvor gespürt habe. Ich kann es nicht erklären. Langsam beruhige ich mich wieder. Es fühlt sich so an, als würde er diese ganze Unruhe von mir nehmen und mich im Gegenzug mit Energie füllen. Ich fühle mich von Sekunde zu Sekunde besser. Seine Hände liegen noch immer auf meinen und unsere Blicke sind noch immer verbunden.

Doch plötzlich wird diese Stille und Vertrautheit durch laute Schritte und einen darauffolgenden lauten Knall unterbrochen. Die Tür des Zimmers öffnet sich und vor unseren Augen steht Alex. Sein Blick wirkt überrascht als er mich und David sieht. Doch nach einigen Sekunden scheint er sich wieder gefasst zu haben, denn sein Gesichtsausdruck ändert sich. Sein Blick wirkt dunkel. Wütend. Ohne darüber nachzudenken, löse ich meine Hände von David's. David hingegen scheint die Situation nicht schlimm zu finden, denn er lächelt Alex einfach an, als würde er nicht einen Funken Angst vor ihm haben.

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