39. Sieger und Besiegte

Welch trauriger Tag war dies für Servina, als Rasidos und seine beiden Söhne unter arthergischen Schwertern ihr Leben aushauchten. Die Menge schwieg und die Hoffnung schwand, als das stolze Servina nach dem Herz des Widerstandes, Ìsiven, auch noch ihren König und seine Erben verlor. Wahrlich, die Trauer war groß und die Herzen schwach, als das Haupt des großen Königs fiel, inmitten des Landes, für dessen Freiheit er sein Leben gegeben hatte.

 

Bericht eines Unbekannten über die Hinrichtung von König Rasidos von Servina und seinen beiden Söhne in Hawila im Jahre 2460

 

 

Ein gewisses Gefühl des Triumphes konnte Alemet nicht verhehlen, als er durch die Ruinen von Winterflucht schritt. Verkohlte, schwarze Balken und Trümmer zierten seinen Weg, wie Gerippe ragten einzelne Gerüste heraus, gebrochen, ihrer Bestimmung beraubt. Aschewolken trieben durch die Luft und verstopften die Atemwege.

Für Alemet jedoch war diese Zerstörung nicht mehr als ein Zeichen seines Sieges, ein Beweis der arthergischen Überlegenheit. Sie waren keines genaueren Blickes wert, mehr interessierten ihn die Menschen, die auf dem einstigen Burghof zusammengetrieben worden waren.

Soldaten und Bedienstete waren in einer Ecke des Platzes versammelt, Mütter drückten verängstigte Kinder in ihren Armen und verbargen die Gesichter in ihren Haaren. Väter blickten sie mit Tränen des Zorns und unterdrückter Angst in den Augen an, andere hatten sich resigniert niedersinken lassen.

Doch auch sie streifte Alemets Blick nur. Dieser wurde erst aufmerksamer, als er die Überlebenden des Königshauses erreichte. Prinzen und Prinzessinnen standen neben einander, die Arme vertrauensvoll umeinander gelegt, doch die Körperhaltung deutete eine Entschlossenheit an, die der Herzog von Keriso unwillkürlich bewunderte. Er mochte Stärke und Widerstand nicht, doch respektierte er sie, wenn er sie sah.

Eine Frau trat vor. Sie war älter als die anderen und strahlte eine Stärke der Verzweiflung aus. Königin Indifau, es war das erste Mal, dass Alemet ihr begegnete. Das dunkelblonde Haar, das dem ihres Sohnes Rivadier so ähnlich war, verdeckte die klaffende Wunde auf ihrer Wange nur schlecht. Sie musste Schmerzen erleiden, doch schien sie unverletzlich und unnahbar. Diese Frau würde sich unmöglich ergeben. Für einen Moment erwartete er, dass sie etwas sagte, doch das Einzige was sie tat, war auszuspeien. Ein Soldat rannte zornentbrannt los, doch mit einer Handbewegung unterband Alemet den Ausbruch. Er hatte diese Frau als Gegnerin akzeptiert, doch auch wenn sie es nicht einsehen wollte, war sie besiegt und deshalb nicht länger von Interesse für seine Pläne.

Sein Blick strich weiter über die Menge, bis er eine junge Frau erfasste, die vielleicht ein wenig älter war als sein jüngster Sohn Kesked.

Er deutete auf die Prinzessin und befahl zwei Soldaten sie zu ihm zu bringen. Einige stellten sich ihnen in den Weg, unter ihnen Indifau, aber die Männer stießen sie zur Seite und zerrten die junge Frau mit Gewalt mit sich.

Alemet währenddessen wank seinen Übersetzer zu sich. Verängstigt blickte sie zu ihm hoch.

„Wie ist dein Name?“, ließ er fragen, doch seine Gedanken wanderten davon.

„Irastji.“, lautete die Antwort.

Der Kurfürst deutete ein Nicken an, bevor er sich einem seiner Hauptmänner zuwandte.

„Wir nehmen sie mit. Ihr seid für ihre Sicherheit verantwortlich und ich möchte, dass ihr nichts zustößt. Wenn mir etwas zugetragen wird, büßt du deinen Kopf.“.

Der Soldat salutierte. Zufrieden wandte Alemet sich ab, solche Männer gefielen ihm.

„Durchlaucht?“, fragte ein anderer.

Unwillig wandte er sich um und blickte den Fragesteller ungeduldig an.

„Was geschieht mit den Übrigen?“.

Alemet runzelte die Stirn, als ob ihm dieses Problem erst jetzt auffiel.

„Wir benötigen sie nicht mehr, oder?“. Er nickte dem General zu, „Tötet sie.“.

Falls jemand erwartet hätte, dass die gefallene Königsfamilie angesichts der Nachricht ihres nahe stehenden Todes eine Regung zeigen würde, so hatte er sich getäuscht.

Einzig Indifau trat erneut vor, doch ihr Gesichtsausdruck wirkte gefasst und Alemet wusste, dass sie erhobenen Hauptes in den Tod gehen würde.

„Mein Sohn wird dich besiegen.“, erklärte sie gelassen, bevor sie wieder zurücktrat.

Alemet lachte kurz auf. „Dein Sohn? Elieser ist besiegt, auch wenn er es noch nicht weiß.“.

Mit diesen Worten wandte er sich um, denn es gab wichtigere Dinge zu erledigen, die seiner Aufmerksamkeit bedurften.

 

Dies war beispielsweise Kurprinzessin Alsra, die immer noch verschollen war und nach der seine Männer emsig suchten. Immerhin fanden seine Männer einen Hinweis auf ihren Verbleib zwischen den Trümmern der Palisade.

Die Sonne war schon dabei sich zu senken, als ein General ihn bat zu kommen. Sofort kam Alemet dem Wunsch nach und traf kurz darauf an der südlichen Palisade an.

„Was ist es?“, fragte er, doch erkannte er allein aufgrund der Masse der Neugierigen, dass es wichtig war.

„Seht selbst, Herr.“. Ein junger Oberst trat vor und führte ihn durch die Neugierigen. Diese wichen bereitwillig zurück, doch immer mehr strömten hinzu.

Fast hatte Alemet erwartet, den Leichnam des Mädchens vor sich zu sehen, doch selbst als er sah, dass dem nicht so war, wollte sich Erleichterung nicht einstellen. Ohne sich um die Asche und die Trümmer zu kümmern, kniete sich der Oberbefehlshaber nieder und befreite die Überbleibsel des Stoffes vorsichtig von Asche. Mochten die Fasern zerrissen und teilweise verbrannt sein, der weiße Hengst schimmerte immer noch unter dem Dreck hervor. Ein abgetrennter Teil offenbarte dagegen eine einzige rote Feuerblume. Alsras Wappen…

„Das lag dabei, Herr.“. Ein älterer Offizier reichte ihm sicherlich verunsichert ein Stück Holz. Nein. Als Alemet erkannte, um was es sich handelte, konnte er eine gewisse Bewunderung für Havinons Tochter nicht verhehlen. Wahrlich hatte sich dieses Mädchen klüger an, als es bei einem Mädchen ihres Alters zu erwarten war. Und die Wahrheit war, dass selbst er sie unterschätzt hatte.

Bei dem Fund handelte es sich nicht etwa um ein Trümmerstück, sondern um einen abgebrochenen Brandpfeil. Einen schwarzen Pfeil…

Doch war es mehr als nur ein Überbleibsel des Kampfes, es war eine Botschaft. Eine Botschaft Alsras, wie sie deutlicher nicht hätte sein können. Jeder Artherger verstand sie und sie würde weitererzählt werden von Mutter zu Tochter, von Vater zu Sohn. Die Soldaten würden sie in die Heimat tragen und vielleicht würde sie es sogar in die Lieder der Barden schaffen. Die Geschichte wie eine arthergische Prinzessin sich gegen ihr Volk auflehnte und die deutliche Warnung hinterließ, dass sie zwar ihr Land hatte verlassen müssen, aber zurückkommen würde, um Rache auszuüben und ihr Recht in Anspruch zu nehmen.

Alemet bezweifelte, dass es jemals dazu kommen würde, denn besaß Alsra weder Soldaten noch das Geld, um welche zu kaufen. Doch war er sich der Sprengkraft dieser Botschaft durchaus bewusst und somit wurde es immer wichtiger, Alsra wieder in Gewahrsam zu nehmen.

„Nehmt die Sachen mit.“, befahl er und wandte sich um.

Er stieg über Trümmer und Leichen, doch kreisten seine Gedanken allein um Alsra und die Bedeutung, die sie in dieser Geschichte einnahm. Eigentlich hätte es doch so einfach sein sollen, ein Feldzug, der ihm die Kontrolle über die Zwillingsreiche und Scheeru einbrachte und jetzt sollte dieses kleine Mädchen alles durcheinander bringen?

Ohne, dass er wirklich auf den Weg geachtet hätte, hatten ihn seine Füße doch zuversichtlich zu seinem Zelt getragen, vor dem wie immer Bittsteller warteten. Knappen von Generälen, die um Audienzen baten, Händler, die sich beschweren wollten und weitere, die er nicht einordnen konnte.

Er war müde und brauchte Zeit, um seine Gedanken zu ordnen, doch wusste er, dass auch solche unerfreulichen, aber notwendigen Dinge wie die Organisation eines Heeres getan werden mussten. Auf gut Wohl winkte er einen Mann in der Uniform eines Kavalleristen zu sich.

Alemet ließ sich in einen Korbstuhl sinken und bemühte sich um ein Lächeln.

„Was kann ich für Euch tun?“.

Der Mann verneigte sich.

„Herr. Ihr habt mich beauftragt nach dem verschwundenen Rittmeister im Zusammenhang mit dem Tod Herzog Havinons zu suchen.“.

Nun setzte sich der Kurfürst grader hin, sein Interesse war geweckt.

„Habt ihr ihn gefunden?“, fragte er hoffnungsvoll. Zwar war dieses Problem nicht eines der Wichtigsten, doch wenn der Rittmeister tatsächlich zu viel wusste, wie Alemet vermutete, konnte dieser seinen Plänen durchaus gefährlich werden. Und wenn alles in Ordnung gewesen wäre, hätte sich dieser Heled doch wieder beim Heer eingefunden.

„Nein, Herr.“, enttäuschte ihn der Mann. „Doch bin ich bei meinen Nachforschungen auf einige…Merkwürdigkeiten gestoßen, die ich für wichtig erachte.“.

Mit einem Nicken ermunterte Alemet den Soldaten im Rang eines Rittmeisters fortzufahren.

„Wenn Ihr erlaubt…Ich habe seinen damaligen Befehlshaber ausfindig gemacht, er wartet draußen.“.

Erneut nickte der Oberbefehlshaber und der Rittmeister verschwand kurz vor das Zelt, um mit einem weiteren Soldaten wieder zu kommen, dessen Haar über die Jahre grau geworden war.

„Nun gut berichtet.“.

Der zweite Mann trat nervös vor. „Ich war Heleds Befehlshaber und Lehrer vor sechs Jahren und ich muss sagen, dass ich selten einen so begabten Schüler gelehrt habe.“.

Alemet seufzte. Ihm konnte es doch egal sein wie begabt der Mann war, solange sie ihn fassten.

„Wenn dies eine Ausrede sein soll, warum ihr ihn bisher noch nicht gefasst habt, dann ist es eine schlechte.“, stellte er fest.

„Nein, Herr.“, entgegnete der Ausbilder rasch, „ich habe mich falsch ausgedrückt. Er war begabt, aber zugleich hatte ich das Gefühl, dass er schon ausgebildet war.“.

„Auch dies ist nichts Ungewöhnliches.“, entgegnete Alemet müde. Jeder junge Mann egal ob adelig oder Bauer musste zwei Jahre Wehrpflicht ablegen und konnte sich danach entscheiden, ob er weiter dienen wollte. Doch es gab durchaus viele Männer, die sich erst im Alter entschieden, sich dem Heer anzuschließen.

„Ich dachte zuerst auch, dass dem so wäre. Doch stellte ich mit der Zeit fest, dass er nicht auf arthergische Art kämpfte.“.

„Was?“. Alemet richtete sich auf.

„Obwohl er Kavallerist war, schien er mir eher in die Infanterie zu passen und er hatte eine…ungewöhnliche Art zu kämpfen. Er versuchte es zu verbergen, doch zog er es vor zwei leichte Einhänder zu führen, selbst wenn wir den Kampf zu Fuß übten. Er bewegte sich schnell und rasch, eher wie ein Einzelkämpfer, denn ein Soldat Arthergs und er war einer der Besten wenn es darum ging, einen Schildwall zu durchbrechen, er besaß ungewöhnliche Taktiken.“.

Konnte das wahr sein? Alemet mochte es ablehnen, die Sprache und Kultur anderer Völker zu lernen, doch kannte er sich mit den militärischen Eigenarten bestens aus. Und dies klang für ihn nach Servina. Vielleicht konnte er sich irren, doch wenn dieser Heled ein Spion in Servinas Diensten gewesen war, ein alter Revolutionär, vom Alter würde es passen…

„Ich möchte, dass die Anstrengungen in der Suche nach Heled intensiviert werden.“. Er blickte den Rittmeister an. „Unternehmt Alles, was Euch möglich ist, um ihn zu fangen, am Besten lebendig. Ihr erhaltet den Oberbefehl.“.

Solchen Ehrgeiz und Sorgfalt musste belohnt werden.

„Ich werde mir Euren Namen merken,…“.

„Jehiel.“, entgegnete dieser mit leiser, doch fester Stimme, „Mein Name ist Jehiel.“.

 

 

Davror hatte erwartet, dass diese Nachricht von großer Bedeutung sein würde, doch nachdem er sie gelesen hatte, blieb er leer und trauernd zurück. Er erinnerte sich an die Zeiten seiner Jugend zurück. Mit sieben Jahren war er an den Hof Herzog Havinons gekommen und vier Jahre später hatte der Herr über Scheeru ein weiteres Mündel angenommen. Doch trotz des Altersunterschiedes hatten sich die beiden Jungen gut verstanden und waren über die Zeit Freunde geworden. Und es war Jasreel gewesen – nicht sein Vater -, der Davror zu Beginn seines einundzwanzigsten Lebensjahres die Hand seiner Schwester Amasa überreicht hatte. Dies war vor elf Jahren gewesen, doch ihre Freundschaft hatte sowohl die Entfernung als auch politische Differenzen überstanden. Und nun sollte sie einfach so enden? Wie sehr er sich auch wünschte, dass diese Botschaft nicht der Wahrheit entsprach, so war doch das Siegel echt und die Nachricht unmöglich zu leugnen. Jasreel war schwer verwundet und wenn er überhaupt wieder das Licht des Tages erblicken würde, dann wäre es ihm unmöglich zu laufen oder bei seiner Frau zu liegen.

Tarendor trat neben ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter. Es war eine ungewöhnliche Geste der Zuneigung, die Davror stillschweigend akzeptierte.

„Angesichts dieser neuen Tatsache sollten wir umso dringender entscheiden, was mit den Gefangenen geschehen soll.“, redete sein Oheim.

Davror wollte nichts davon hören, er wollte in Trauer versinken, seine Kinder wieder sehen und diesen Schrecken mit Amasa teilen.

Doch saß er in einem Heerlager fest, versuchte den Alltag in Servina wiederherzustellen und stand nun vor der Frage, was mit dem Prinzen Asahel geschehen sollte.

„Also gut.“. Er öffnete die Augen und blickte seinen Oheim an, „Was schlagt Ihr vor?“.

„Ihr seid seit einem halben Jahr im Amt und ich kann nicht leugnen, dass Ihr diese Aufgabe bisher gut gemeistert hat. Doch dies heißt nicht, dass es keinen Widerstand gegen Eure Ernennung gegeben hat. Wenn Ihr von Eurer Stärke überzeugen wollt, müsst Ihr etwas vorweisen und dafür ist nichts besser geeignet, als ein militärischer Sieg. Wenn ihr Asahel im Triumphzug durch Elam und Mearis führen würdet und anschließend eine öffentliche Hinrichtung inszenieren würdet, könnte niemand mehr Eu…“.

„Nein.“, entgegnete Davror scharf, „Der Prinz ist noch ein Kind, dem ich dies nicht antun kann.“.

„Er ist ein Kind, das alt genug war, Kriege zu führen und sich selbst zum König auszurufen. Wer solche Dinge vermag, der kann auch die Konsequenzen tragen.

„Nein.“, erwiderte der junge Herzog schlicht. „Ich hege nicht den Wunsch nach noch mehr Blutvergießen.“.

„Weder ich noch du, aber nicht alle haben diesen Krieg miterlebt. Was soll denn deinem Willen nach mit dem Gefangenen geschehen? Wir können ihn schlecht freilassen und immerhin haben wir eine gewisse Verpflichtung dem Thron gegenüber.“.

Davror schnaubte. „Wir wissen ja nicht einmal, wer auf diesem Thron sitzt.“.

Tarendor seufzte. „Ich verstehe deine Trauer, doch eben diese ungewisse und gefährliche Situation muss uns offenbar werden lassen, wie wichtig Stärke ist.“.

„Ich werde darüber nachdenken.“, erklärte der Kurfürst Arthergs schließlich.

Sein Onkel neigte zum Einverständnis den Kopf, war ihm wohl offenbar, dass dies die beste Antwort war, die er in näherer Zukunft erhalten würde.

Davror währenddessen verließ sein Zelt, in der Hoffnung frische Luft und einen Platz zum Nachdenken zu finden, doch schreckte er zurück, kaum dass er hinausgetreten war.

Gut zwei Dutzend Männer hatten sich vor seinem Zelt versammelt, der Kleidung nach handelte sich es bei ihnen um Händler.

„Was kann ich für Euch tun?“, fragte er so gelassen wie es ihm möglich war.

Ein Händler, dessen Kleidung vom großen Reichtum zeigte, trat vor.

„Edler Herr. Wir würden gerne wissen, wann dieser Feldzug endet, damit wir unsere gewöhnliche Handelsrouten nutzen können.“.

Davror hatte keine Ahnung, von wo Händler aus Madruk kamen und letztendlich war es ihm auch egal.

„Dieser Feldzug ist beendet, denn haben wir die Ástilos am gestrigen Tag geschlagen. Bald wird sich auch unser Heer auf den Rückweg begeben, so dass ihr die Handelsrouten wieder nutzen könnt.“.

„Und wie sollen wir dies bitte tun, wenn Euer Heer die Brücke über den Jaremer zerstört hat?“, rief ein weiterer Händler zornig.

„Tretet vor.“, bat Davror, der sich nun auch an die mächtige steinerne Brücke erinnerte, die sie zerstört hatten, um den Ástilos den Weg anzuschneiden.

Ein junger Mann, der dem äußeren Anschein nach aus Madruk stammte, löste sich aus der Menge.

„Was habt ihr geladen?“.

„Kostbare Stoffe und Kleidung von feinster Machart aus Marnov. Das Beste, was Ihr jenseits des Schattengebirges findet.“, erklärte er mit sichtlichem Stolz in der Stimme.

„Nun ich bin sicher, dass Ihr nichts dagegen haben werdet, wenn ich Eure Ladung konfiszieren werde. Selbstverständlich -.“, erklärte er, über den anschwellenden Lärm, „werdet Ihr für Eure Bemühungen großzügig entschädigt.“.

Sein Oheim mochte ein sehr guter Feldherr sein, doch mangelte es dem Versorgungstreck an Kleidung und den Badern an sauberem Verbandszeug.

Fall er jedoch erwartet hatte, dass der junge Händler protestierte, wurde er enttäuscht.

Dieser grinste fröhlich. „Wenn der Preis angemessen ist gerne, jetzt wo das halbe Heer in den Zwillingsreichen ist, sind in Artherg sowieso keine sonderlich guten Geschäfte zu machen. Und weil die Brücke zerstört ist, hat sich die Mode wieder verändert, ehe wir ankommen. Ich denke doch, dass es nicht stört, wenn ich die Verteilung meiner Ware mit beobachte, damit sie auch in die passenden Hände gerät?“.

„Meinetwegen.“, knurrte der Herzog ungehalten.

Zu seinem Glück zeigten die übrigen Händler keine ähnlichen Ambitionen, sondern verschwanden, sobald sie ihre Entschädigung erhielten.

Davror dagegen vermochte es immerhin für kurze Zeit sich zurückzuziehen und seine Gedanken auf einem kleinen Hügel abseits des Heerlagers zu ordnen.

 

Als er zurückkehrte, hatte er seine Entscheidung getroffen.

„Wir werden Asahel heute Abend hinrichten.“, erklärte er seinem Onkel und weiteren Beratern und Generälen. „Tarear und seine anderen Generäle werden uns dagegen in die Heimat begleiten.“.

„Wie wird er sterben?“, fragte einer der Generäle.

Davror warf dem Sprecher einen vernichtenden Blick zu. „Er ist vom königlichen Geblüt, weshalb er seinen Kopf durch das Schwert verlieren wird.“.

Er verstand, dass einige gerne ein Schauspiel gehabt hätten, doch wie egoistisch und schlimm Asahel auch sein mochte, war er ein Kind und hatte einen raschen und schmerzlosen Tod verdient.“.

Tarendor räusperte sich: „Darf ich fragen, wieso Ihr den Prinzen am diesen Ort hinrichten lassen wollt?“.

„Somit gewinnen wir die Anerkennung des ástilosischen Volkes, da wir ihrem Prinzen die Ehre gewähren, auf heimatlicher Erde zu sterben.“.

Sein Oheim nickte zum Zeichen seines Einverständnisses und auch die anderen Artherger zeigten sich zufrieden und durchaus beeindruckt von seiner Weitsichtigkeit.

 

Und so starb an diesem Abend Kronprinz Asahel von Servina auf heimatlicher Erde. Man sah ihm an, dass er geweint hatte und auch wenn er zweifellos versuchte tapfer zu wirken, rannen ihm Tränen über das schöne Gesicht, als das Schwert des Henkers nieder sauste, welcher niemand Geringeres war als Tarendor.

Man hatte allen Soldaten Servinas und auch den Menschen der umliegenden Dörfer erlaubt, dem Tod ihres Kindkönigs zuzusehen. Die Meisten hatten das Angebot angenommen und so versammelte sich eine Menschenmenge vor dem Podest, auf dem Asahel sein Leben verlor. Ausreichend Soldaten Arthergs umgaben sie, um zu verhindern, dass es zu Ausschreitungen kam, doch schien dies nicht nötig zu sein. Zwar war der Zorn auf den Gesichtern der Menschen deutlich zusehen, nur wie Davror es vorausgesagt hatte, schienen sie den Eroberer für den Moment zu akzeptieren – weil er ihrem König einem ehrenvollen Tod zugebilligt hatte.

Einzig überrascht war der junge Herzog gewesen, als der General Tarear es abgelehnt hatte, dem Tod des Prinzen beizuwohnen. Damit wurde Davrors These gestützt, dass Asahel und Tarear sich zerstritten hatten, doch verloren hatten sie beide.

Nur hatte Tarear noch einen weitaus schwierigeren Weg vor sich, als sein nun kopfloser Herr. Er würde im Triumphzug durch die Städte Arthergs gezerrt werden und dann in Mearis sein Leben aushauchen.

Doch dies an einem anderen Tag, am heutigen neigte Davror seinen Kopf vor König Asahel, dessen Körper nun in weiße Leinentücher gehüllt wurde, die mit wohlriechenden Kräutern gefüllt waren, wie es Brauch in Servina war. Dann wurde der Leichnam den Ástilos übergeben, auf das sie ihn in Hawila, der Stadt seiner Väter, begraben mochten.

Nachdem dies getan war, verließen die freiwillig gekommenen Ástilos das Lager, in welchem ihr König sein Leben verloren hatte, und die gefangenen Soldaten wurden wieder zu ihren Gefängnissen zurückgebracht.

Davror dagegen begab sich nach einem kurzen Mahl zu Bett, wo er sogleich in die sanfte Welt der Träume dämmerte.

 

Das Erwachen gestaltete sich dafür umso unangenehmer. Er erwachte davon, dass einer seiner Diener ihn unsanft schüttelte. Als der Junge bemerkte, dass sein Herr erwacht war, schreckte er zurück und verneigte sich.

„Verzeiht mir, Herr.“, bat er.

„Schon gut.“, murmelte Davror schlaftrunken, „Was ist geschehen?“.

„Euer Oheim, der verehrte Tarendor bittet Euch zu sich.“.

Missmutig stand Davror auf, richtete sein Wams, schnürte seine weichen Lederstiefel und warf sich einen Umhang über, bevor er in die kühle Morgenluft hinaustrat.

Zwar war er immer noch mürrisch aufgrund des verlorenen Schlafes, doch wusste er, dass sein Oheim ihn nie ohne wichtigen Grund stören würde. Also folgte er dem Diener durch das Heerlager, bis zu den Gefängniszelten, wo er einen aufgebrachten Tarendor auffand, der auf den Hauptmann der Wache einredete.

Ohne wirklich viel von dessen Wortfluss zu verstehen, trat Davror zu ihnen.

„Was ist geschehen?“, fragte er ohne jegliche Begrüßung, denn erschien ihm die Situation zu ernst.

„Tarear ist entkommen.“, erklärte Tarendor ohne Umschweife. „Seine Wachen sind allesamt ohnmächtig und von ihm selbst fehlt jede Spur.“.

„Was ist mit den Lagerwachen, den Patrouillen? Ist ihnen etwas aufgefallen.“.

„Nichts.“, knurrte sein Oheim resigniert und setzte zu weiteren Erklärungen an, doch die Aufmerksamkeit seines Neffen hatte er schon verloren. Dieser war neben einer der bewusstlosen Wachen nieder gehockt und untersuchte diesen. Dies wiederholte er mit allen Wachen, dann ging er zu seinem Onkel zurück.

„Lass den jorohnischen Stoffhändler aus Marnov in Gewahrsam nehmen.“, empfahl er ihm und Tarendor leitete diese Bitte ohne Nachfragen an die verantwortlichen Soldaten weiter.

„Was hast du gefunden?“, fragte er seinen Neffen kurz darauf.

Dieser zog ihn zu einer der Wachen.

„Siehst du diese Wunde?“, wollte Davror wissen und zeigte eine Beinwunde.

„Sicher.“, entgegnete Tarendor, „Doch ist diese ungefährlich und mag ihn zwar in seiner Laufgeschwindigkeit beeinflusst haben, nur erklärt sie nicht seine Bewusstlosigkeit.“.

„Nein.“, stimmte der Herzog ihm zu, bewundernd aufgrund der Genialität des Befreiers, „Doch dieser Verband ist mit dem Gift von Isiras eingerieben. Für kleinere Tiere ist es tödlich, aber beim Menschen verursacht es – wenn es in den Blutkreislauf gelangt – nur Schwindel und Bewusstlosigkeit.“.

„Welch ein genialer Plan.“, entfuhr es Tarendor, „Nur wie gelangt das Gift an die Verbände?“.

„Es war die ganze Zeit an ihnen.“, erläuterte Davror, „Ich bin mir sicher, dass dieser Händler dahinter steckt. Er hat darum gebeten, seine Ware selbst zu verteilen und diese Stoffe hier sehen mir nach feinster marnovischer Machart aus.“. Er sah seinen Oheim an und meinte leise: „Es ist meine Schuld, ich hätte die Ware nicht konfiszieren dürfen.“.

„Nein.“, entgegnete der Bruder seines Vaters leise, „Jeder Händler, der in ein Heerlager kommt, legt es förmlich darauf an, dass seine Ware eingezogen wird. Du hättest es nicht im Geringsten vorausahnen können, wenn jemand die Schuld trägt, dann ich. Ich hätte nicht nur Leichtverwundete als Wachen einsetzen dürfen. Aber nun denn wir sollten uns an die Verfolgung machen.“.

In diesem Moment erreichte sie ein keuchender Soldat mit der Nachricht, dass der jorohnische Händler das Lager im Morgengrauen verlassen hatte und natürlich hatte es niemand merkwürdig gefunden, dass ein Händler am Anbruch des neuen Tages aufbrach, natürlich nicht. Es blieb allein die Frage wie der Jorohn es vermocht hatte, Tarear trotz der Durchsuchungen am Lagerausgang hinauszuschaffen.

Nur lag diese Antwort nicht in ihrer Reichweite und so machten sie sich auf die Jagd nach dem Genie, der es geschafft hatte, einen stark bewachten Gefangenen vor den Augen dutzender Wachen zu befreien.

Doch natürlich blieb der Händler verschwunden und mit ihm der Widerstandskämpfer Tarear, welcher seit jeher ein Symbol für die Freiheit und Ungebrochenheit Servinas gewesen war.

Und wahrlich eine Schlacht mochte für Artherg gewonnen sein, ein König des Thrones beraubt, doch es würde weitere kommen in dem Land des Fuchses, das wie kein anderes nach Freiheit und Souveränität strebte. 

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beta
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