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Hermine hatte das Gefühl, lange nicht mehr so nervös auf die Rückgabe von Hausaufgaben gewartet zu haben wie in dieser Stunde. Sie hatte am Donnerstag wie versprochen den Aufsatz von Pansy für Arithmantik korrigiert und für gut befunden. Zwar hatte Pansy keine eigenständigen Gedanken formuliert, aber das, was sie aus den Büchern rausgeschrieben hatte, war richtig und in einer logischen Reihenfolge. Sie war sich inzwischen sicher, dass Pansy tatsächlich weit weniger dumm war als angenommen. Ihr fehlte lediglich die Übung, sich Stoff schnell anzueignen, und das Selbstbewusstsein, aus dem Gelernten eigene Gedanken zu produzieren. Das würde auch sicher noch eine Weile dauern, aber für den Anfang sollte ihr Können ausreichen, um annehmbare Noten zu produzieren. Sie hoffte wirklich, dass Pansy ein A in ihrem Aufsatz erhalten würde, einfach damit ihre Motivation stieg und sie in den gemeinsamen Stunden vielleicht etwas auftauen würde.

Ohne recht darauf zu achten, nahm Hermine ihre eigene Hausaufgabe entgegen – Professor Vektor lächelte sie ob des ersten O dieses Jahr freundlich an – und setzte sich wieder auf ihren Platz. Ungeduldig wartete sie, bis Pansy aufgerufen wurde. Sie konnte sehen, dass die Slytherin unfassbar nervös war, ein weiteres Zeichen dafür, wie ernst sie neuerdings ihre Noten nahm. Das anerkennende Nicken der Lehrerin ließ Hermines Herz höher schlagen, und als Pansy sich schließlich mit ihrem Pergament in der Hand umdrehte, konnte sie ein rotes A unter dem Aufsatz leuchten sehen. Am liebsten hätte sie ihr direkt laut gratuliert, doch sie wusste, dass sie vor Draco Malfoy nicht zu erkennen geben durfte, dass sie mit Pansy unter einer Decke steckte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Zabini seiner Freundin fröhlich auf den Rücken schlug, während Malfoy ein wenig blass aussah. Es war offensichtlich, dass Zabini versuchte, seinen Freund dazu zu bringen, Pansy zu loben, denn er boxte ihn so lange in die Seite, bis dieser ihn kopfschüttelnd zurecht wies, um sich dann zu Pansy zu beugen und ihr leise etwas ins Ohr zu flüstern. Lächelnd fing Hermine den Blick von Zabini auf, der ihr ein angedeutetes Augenzwinkern zuwarf, dann drehte sie sich wieder um und schaute zur Tafel. Der abschätzende Blick, den Malfoy ihr ob der stillen Interaktion  mit Zabini zuwarf, entging ihr entsprechend.
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Freudig machte Hermine sich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt in der Bibliothek. Auch für ihren Aufsatz in Alte Runen hatte Pansy ein A erhalten und nachdem ihre Laune bereits am Dienstag beim Lernen so gut gewesen war, erwartete sie nun noch mehr Begeisterung.

„Da bist du ja!“, wurde sie begrüßt, kaum dass sie in die Regalreihe einbog, die zu ihrem angestammten Lerntisch führte. Grinsend ließ Hermine sich auf ihren Stuhl gegenüber Pansy fallen und erwiderte: „Ich bin genau pünktlich. Du scheinst heute sehr motiviert zu sein!“

„Ja, absolut!“, stimmte Pansy freudig zu, „Ehrlich, Granger, danke! Ich hätte nicht erwartet, dass ich so schnell so viel besser werde. Gleich zwei A! So gut war ich noch nie, zumindest nicht in diesen Fächern.“

„Und was hat Malfoy dazu gesagt?“

„Aaaach, der“, brummelte sie, „nach meinem A in Arithmantik hat er sich bei mir entschuldigt. Er hatte mich vorher geärgert, weil er mir nicht glauben wollte, dass ich echt lernen will. Das A hat ihn dann vom Gegenteil überzeugt. Aber heute … er hat ziemlich finster drein geschaut und Theo blöd angeguckt. Ich glaube, er zweifelt daran, dass wirklich ich die Aufsätze geschrieben habe.“

Ärgerlich rieb Hermine sich die Stirn. Sicher, bis vor zwei Wochen wäre sie die letzte gewesen, die akzeptiert hätte, dass Pansy Parkinson ernsthaft lernen will. Doch dass jemand, der eigentlich ein guter Freund von ihr war, sich so darüber wunderte, dass er sogar eher annahm, dass sie ihre Hausaufgaben heimlich von anderen machen ließ, das nervte sie gewaltig.

„Malfoy ist ein Idiot. Was willst du nur von ihm?“, fragte sie entsprechend aufgebracht.

„Er ist kein Idiot!“, gab Pansy zurück, doch sie klang lange nicht so beleidigt wie sonst, viel mehr verzweifelt: „Er wundert sich halt einfach. Er kennt mich gut und weiß, dass ich mir nichts aus Schule mache. Umgekehrt würde es mir wohl auch schwer fallen, das zu glauben. Ist halt einfach so.“

„Echte Freunde unterstützen sich. Und glauben einander!“, wandte Hermine zweifelnd ein.

„Ach? Und wenn Weasley plötzlich gute Noten schreiben würde, wäre da nicht auch dein erster Gedanke, dass er sich Hilfe holt?“

„Natürlich nicht!“, erwiderte Hermine sofort, doch dann hielt sie inne. Sie schätzte Ron wirklich, aber sie wusste auch, dass er unheimlich faul war und sich immer darauf verließ, dass sie ihm helfen würde. Wenn er von sich aus gute Noten schreiben würde, würde sie das wohl auch stutzig machen. Nachdenklich korrigierte sie sich: „Naja, vielleicht schon. Ich weiß nicht. Ich bleibe dabei, ich sehe nichts Großartiges in Malfoy.“

„Umso besser“, grinste Pansy zufrieden, „dann bist du wenigstens keine Konkurrentin. Gibt schon so genug Mädels, die um ihn herum schwirren.“

Das brachte Hermine zum Lachen: „Na, selbst wenn. Als ob jemand wie der sich für jemanden wie mich interessieren würde. Du würdest dich vermutlich ständig nur kaputt lachen über mich, während ich mir die Augen ausheule, weil er mich ignoriert oder beleidigt.“

Fröhlich kichernd stimmte Pansy ihr zu. Zufrieden, dass die Stimmung trotz Malfoys Verhalten gut war, erklärte Hermine, was sie sich für diese Stunde überlegt hatte. Nachdem sie Pansy gezeigt hatte, wie sie selbst mit Hilfe von Karteikarten Runen auswendig lernte, widmete sie sich schweigend ihrer eigenen Lektüre, während ihre Schülerin begann, Karteikarten für sich selbst mit Runen zu füllen. So arbeiteten sie schweigend und friedlich zusammen, bis Zabini sie schließlich unterbrach.

„So einträchtig heute?“

Beide Mädchen fuhren erschrocken hoch, doch als sie den schwarzen Slytherin sahen, wich der Schock einem Lächeln. Glücklich sprang Pansy von ihrem Stuhl auf: „Ja, läuft gerade gut! Ich habe in Alte Runen auch ein A bekommen!“

„Das höre ich gerne“, erwiderte Zabini mit ehrlicher Freude, „wer hätte gedacht, dass Granger so schnell eine Gelehrte aus dir machen kann.“

„Ach, hör schon auf!“, wies Pansy ihn zurecht, während sie ihre Sachen zusammen packte, „Ich bin noch lange keine Gelehrte. Aber es läuft eben ganz gut und ich glaube, ich kann wirklich auf eigene Faust gute Noten kriegen. Draco scheint zwar zu glauben, dass jemand für mich die Hausaufgaben macht, aber er wird schon bald einsehen, dass ich das wirklich selbst bin.“

Mit diesen Worten nickte sie Hermine kurz zu und verschwand aus der Bibliothek. Sofort verließ diese das Lächeln, während sie unsicher zu Zabini aufschaute. Die letzte gemeinsame Stunde war nicht so positiv verlaufen und sie war sich inzwischen im Klaren darüber, dass sie nicht ganz unschuldig daran gewesen war. Seufzend wappnete sie sich für eine unangenehme Stunde, wobei sie gleichzeitig beschloss, einen Schritt auf ihn zuzumachen und sich zu entschuldigen.

Sie wartete, bis er sich gesetzt hatte, dann sagte sie zögernd: „He, Zabini, hör mal.“

Sofort ruhten seine dunklen Augen auf ihr. Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss, und schaute auf ihre im Schoß gekreuzten Finger. Sein durchdringender Blick war nicht wirklich unangenehm, aber sie fühlte sich plötzlich sehr durchsichtig. Schnell räusperte sie sich, blickte hoch und fuhr fort: „Ich glaube, ich habe mich nicht so gut verhalten letzte Woche. Ich … in Gryffindor haben wir einfach so schlechte Erfahrung mit euch Slytherin gemacht … zwischen unseren Häusern ist ja immer Streit. Da fiel es mir wohl schwer, nett zu sein. Und das ist dumm, immerhin will ja sogar Dumbledore, dass die Häuser besser zusammen arbeiten. Und das gemeinsame Lernen hier ist dazu eigentlich eine gute Chance. Es wäre wirklich blöd, wenn die wegen unserer Häuserfeindlichkeit vertan wird.“

„Granger“, unterbrach Zabini sie da mit einem wissenden Grinsen auf den Lippen: „Wenn du dich entschuldigen willst, tu das einfach. Kein Grund, hier so vor dich hin zu stottern.“

Wieder lief Hermine rot an, doch sie nickte und sagte leise: „Entschuldige mein Verhalten letzte Woche. Ich will wirklich gerne mit dir zusammen lernen.“

Das Grinsen auf seinen Lippen wurde noch breiter: „Gerne. Ich war ja auch nicht besser, ich lasse mich leicht provozieren und werde dann schnell laut. Also: Waffenstillstand?“

„Bietet man sich nicht normalerweise Frieden an?“

„Sicher“, erwiderte ein immer noch grinsender Blaise, „aber das würde sowieso nichts bei uns. Waffenstillstand ist vermutlich das Beste, was wir hinkriegen.“

Endlich konnte Hermine ihre Befangenheit abschütteln und ebenfalls lächeln: „Das stimmt wohl. Dann also auf zur nächsten Lektion?“

„Sie haben das Kommando, Frau Lehrerin!“
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„Ihr verheimlicht mir was!“

Die anklagenden Worte von Draco ließen Theodore und Blaise erstarren. Sie waren gerade in eine Partie Zaubererschach vertieft, als sich ihr gemeinsamer Freund zu ihnen gesellt und seine Anschuldigung ausgesprochen hatte. Ein kurzer Blick zu ihm genügte, damit beide wussten, dass er irgendetwas wusste. Mit einer beschwichtigenden Handbewegung bedeutete Theo Blaise, dass er das Sprechen übernehmen wollte.

„Und was soll das sein?“

„Ihr helft Pansy bei ihren Hausaufgaben!“

Theo musste an sich halten, nicht beruhigt aufzuatmen. Wenn das tatsächlich alles war, was Draco vermutete, hatte er eine gute Antwort parat: „Falls du damit andeuten willst, dass wir ihre Aufsätze schreiben – Fehlanzeige! Du weißt, dass wir das nicht tun würden.“

„Und wie erklärt ihr euch dann ihre guten Noten?“, beharrte Draco mit finsterer Miene.

„Sie lernt. Natürlich nicht alleine, wir helfen ihr“, log Theo geschwind, „aber ihre Hausaufgaben macht sie trotzdem alleine. Wir empfehlen ihr nur Bücher und sowas. Den Rest schafft sie ganz allein!“

Misstrauisch schaute Draco erst den einen, dann den anderen an, doch schließlich gab er nach. Nun wollte auch Blaise erleichtert aufatmen, als der blonde Junge plötzlich aus einer ganz anderen Richtung angriff: „Und du, Blaise? Vergnügst du dich neuerdings mit Gryffindors?“

„Bitte was?“, rief dieser entsetzt aus.

„Wie war das letztens am Frühstückstisch? Granger steht auf dich? Vielleicht ist es eher andersherum, mh?“, erkundigte Draco sich mit spielerischem Tonfall, doch sein Gesicht drückte Missbilligung aus: „Ich habe euch gesehen. In der Bibliothek.“

Nun ließen die beiden Jungen endgültig von ihrer Schachpartie ab, um Draco ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Theo, der schneller darin war, Ausreden zu erfinden, fasste sich als erster wieder: „Wir haben eine Wette.“

„Eine Wette? Mit Granger?“

„Nicht mit ihr“, korrigierte Theo, während er in Windeseile eine Lüge überlegte, „sie ist eher Zielobjekt. Weil sie ja so wirkte, als ob sie in Blaise verknallt ist.“

„Das glaubt ihr doch nicht ernsthaft, oder?“, fragte Draco schockiert nach, „Als ob ausgerechnet Granger Interesse an jemandem aus Slytherin hat.“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, erwiderte Theo ungerührt, „jedenfalls hat uns das zu einer Wette veranlasst. Ich sehe das nämlich genauso wie du und hab das Blaise auch gesagt. Der Gute hier war da natürlich in seinem Stolz verletzt und hat geprahlt, dass er jedes Mädchen in sein Bett kriegen kann, selbst Granger. Tja, ein Mann, ein Wort, die Wette steht.“

Theodore konnte den entsetzten Blick von Blaise auf sich spüren, doch nicht nur fand er seine Lüge glaubwürdig genug, um von der Wahrheit abzulenken, er verspürte darüber hinaus auch eine diebische Freude, seinem Freund einen Streich gespielt zu haben. Um den wahren Grund für seine Treffen mit Granger jetzt nicht mehr auffliegen zu lassen, musste er so tun, als wolle er sie bezirzen, ob es ihm passte oder nicht.

„Ernsthaft, Blaise?“, hakte Draco mit erhobener Augenbraue nach, „Du hast dich auf so eine unsinnige Wette eingelassen?“

„Äh“, kam die reichlich eloquente Antwort, ehe Blaise sich gefangen hatte, „du weißt doch, wie ich bin. Theo hat mich provoziert und ehe ich mich versah, hab ich was Dummes gesagt.“

„Ja, dumm ist das wirklich. Himmel, ehe Granger sich in dich verliebt, landet sie noch eher in meinem Bett!“, meinte Draco herablassend. Für ihn war das Gespräch damit offensichtlich beendet, doch nach einem raschen Blickwechsel seiner beiden Freunde hatten diese andere Pläne.

„So, meinst du?“, flötete Theo unschuldig.

„Heißt das, du willst es auch versuchen?“, stimmte Blaise in die unschuldige Nummer mit ein. Wie erwartet, drehte Draco sich wütend um und wollte eine heftige Absage geben, doch das breite Grinsen im Gesicht seiner beiden besten Freunde war mehr, als er ertragen konnte: „Um dir zu beweisen, dass du keine Chance hast? Immer! Ich habe nicht umsonst jede Menge Mädels, die sich ein Bein ausreißen würden, um auch nur auf ein Date mit mir zu gehen! Und zwar nicht nur in Slytherin!“

„Du bist ja ganz Feuer und Flamme, mein Guter!“, stellte Theo lachend fest. Dass er mit seiner Notlüge nun beide seiner Freunde dazu gebracht hatte, Granger den Hof zu machen, amüsierte ihn ohne Ende. Ebenso wie sie war er sich sicher, dass Hermine an keinem von beiden interessiert sein würde, egal, wie viel Mühe sie sich gaben. Doch ihr Stolz und ihre Eitelkeit hatten sie nun in diese Sackgasse geführt und er würde einen Teufel tun, sie aus der Wette zu entlassen.

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