4. Dezember

Sie konnte es nicht glauben. Hier lag sie, starrte an die Decke, und überlegte ernsthaft, heute nicht zur Schule zu gehen. Das war ihr noch nie passiert. Aber vorher hatte es auch keinen Draco Malfoy gegeben. Oder besser gesagt: Es hatte ihn gegeben, aber sie hatte auch zwei gute Freunde an ihrer Seite gewusst, die sie verteidigen würden, wann immer er mal wieder abfällig wurde. Jetzt war es anders. Obwohl er offensichtlich das lächerliche Schlammblut-Reinblut-Denken abgelegt hatte, nahm er dennoch jede Gelegenheit wahr, sie zu beleidigen.

Vielleicht hatte sie ihn gestern auch dazu provoziert, auf ihre Beziehung zu Ron anzuspielen. Sie kannte die Gerüchte, auch wenn sie und Ron und Harry und alle anderen Freunde wussten, dass nichts dran war.

Genervt von sich selbst schwang sich Hermine aus dem Bett, öffnete das vierte Türchen und wankte quer durch ihr kleines Zimmer zur Kochnische, um sich einen heißen Kaffee zu brühen. Heute würde sie höflich zu Malfoy sein und ihm beweisen, dass zumindest einer von ihnen zu einer zivilisierten Unterhaltung fähig war. Im Gegensatz zu Harry hatte sie ihn immerhin nie für einen kaltblütigen Mörder gehalten, im Gegenteil, sie hatte vieles von dem, was hinter den Kulissen abgelaufen war, so oder ähnlich vermutet. Sie war mitfühlend, empathisch, tolerant, offen. Das waren ihre hervorstechenden Charaktermerkmale. Vorurteile waren ihr fremd. Selbst bei jemandem wie Malfoy. Und das würde sie ihm beweisen!

oOoOoOo

Misstrauisch blickte Draco seine Schülerin an. Es tat gut, von Granger als seiner Schülerin zu denken. Es gab ihm das Gefühl, ihr überlegen zu sein, das erste Mal in seinem Leben konnte er behaupten, tatsächlich dieser unausstehlichen Besserwisserin überlegen zu sein. Das änderte jedoch nichts daran, dass es ihn zutiefst verwirrte, warum sie sich in der Mittagspause an seinen Tisch gesetzt hatte. Noch dazu hatte sie ihn nicht um Erlaubnis gefragt. Genau genommen hatte sie gar nichts gesagt, sie hatte ihm nur knapp zugenickt und sich mit ihrem Tablett vor ihn gesetzt.

„Granger", flüsterte er schließlich, als ihm die Sache zu unheimlich wurde: „Was tust du hier?"

Sie sah ihn mit großen Augen an: „Ich esse. Das tut man gewöhnlich zur Mittagszeit in der Cafeteria. Sicher, der Salat ist nicht so lecker und dein Steak mit den Bratkartoffeln sieht deutlich appetitlicher aus, aber das habe ich mir selbst eingebrockt. Also esse ich es auf."

„Argh!", entfuhr es ihm verzweifelt: „Du weißt genau was ich meine. Warum hast du dich an meinen Tisch gesetzt?"

Diesmal wurde ihr Ausdruck abschätzig: „Dein Tisch? Gehört er dir etwa?"

„Granger!", fuhr er sie an, während er sich weiter zu ihr rüber beugte, damit nur sie ihn hören konnte: „Hör auf damit. Ich habe keine Lust auf diesen … diese Spielchen."

„Ich spiele keine Spielchen", erwiderte sie pikiert: „Das überlasse ich euch Schlangen."

„Wenn ich nicht dein Professor wäre, würde ich dir jetzt den Hals umdrehen!", zischte er verärgert: „Ganz ehrlich. Was soll das?"

„Schön, wenn du es genau wissen willst", kam es endlich von Hermine. Sie verschränkte die Arme und stützte ihre Ellbogen auf dem Tisch ab, während sie sich ebenfalls in seine Richtung lehnte: „Ich wollte einfach nur in Ruhe meine Ausbildung hier machen. Drei Wochen Schule vor Weihnachten, vier Wochen im Frühling. Dass ausgerechnet du jetzt hier als Professor auftauchst, war in diesem Plan nicht vorgesehen. Es fühlt sich einfach falsch an. Also versuche ich das einzig Sinnvolle, was mir einfällt: freundlich und höflich sein, damit es nicht ganz so merkwürdig ist wie im Moment."

„Freundlich? Höflich?", höhnte Draco ungläubig: „Das, was du gestern abgezogen hast, nennst du freundlich?"

„Ich meine ja auch ab heute!", entgegnete Hermine verteidigend: „Im Gegensatz zu dir bin ich in der Lage, über meinen Schatten zu springen und Waffenstillstand anzustreben."

„Schwachsinn, Granger!", sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung: „Glaubst du dir deine eigenen Worte? Ich sehe genau, was hier läuft: Du willst einen auf tolerant und offen machen, in Wirklichkeit geht es dir aber nur darum, dich mal wieder als was Besseres hinzustellen. Das läuft nicht."

Er konnte sehen, dass er genau ins Schwarze getroffen hatte, ihr schuldbewusster Blick sagte ihm alles. Es nervte ihn, dass sie immer noch nicht diese typische Gryffindor-Angewohnheit abgelegt hatte, auf Teufel komm raus moralisch überlegen sein zu müssen, selbst wenn es bedeutete, andere herabzuwürdigen. Langsam ließ er seinen Blick durch den Raum wandern, bis er schließlich an einem Tisch mit seinen anderen fünf Schülerinnen hängen blieb. Sie schauten offensichtlich finster und eifersüchtig drein. Das war fast schon amüsant.

„Ich deute dein Schweigen mal als Schuldeingeständnis", nahm er den Faden wieder auf, ehe er direkt das Thema wechselte: „Aber ich hab eh schon den eigentlichen Grund gefunden: Du hast keine Freunde, stimmt's? Die Mädels da drüber jedenfalls sehen nicht sehr freundlich aus."

Hermine musste nicht einmal hinsehen, um zu wissen, auf wen er anspielte und welcher Ausdruck im Gesicht der betreffenden Frauen stand. Es war nicht so, dass sie seine Gesellschaft suchte, weil sie keine Freunde hier hatte, so einsam war sie nun auch wieder nicht. Sie hatte tatsächlich einfach nur versuchen wollen, ein friedfertiges Verhältnis zu Malfoy aufzubauen, immerhin würden sie die nächsten Wochen irgendwie miteinander auskommen müssen. Doch natürlich hatte er ihr nicht geglaubt, sondern direkt finstere Motive unterstellt und war dann wieder in seine üblichen, herablassenden Beleidigungen verfallen.

„Sag mal, Malfoy", fing sie an, ohne auf seine Worte einzugehen: „Wie kommt es eigentlich, dass du es nötig hast, Schülerinnen aufzureißen? Hast du keine Verlobte an deiner Seite?"

Das saß. Natürlich hatten die Klatschblätter nicht nur über ihre Trennung von Weasley berichtet, sondern auch groß ausgebreitet, dass seine einstmals Versprochene sich von ihm abgewandt hatte, nachdem er sich für einen wie sie es ausdrückte langweiligen Beruf entschieden hatte. Oder vielleicht war es auch eher die Tatsache gewesen, dass nach langen Verhandlungen das Vermögen seiner Eltern beschlagnahmt worden war. Wie auch immer, sie hatte ihn schön öffentlich verlassen.

„Touché, meine Liebe", erwiderte er grinsend. Wenn er ehrlich zu sich war, hatte er es nach seinem Kommentar über Weasley gestern nicht besser verdient. Da sie offenbar nicht weiter darauf eingehen wollte, beschloss er, ebenfalls den Mund zu halten und stattdessen sein Mittagessen zu beenden. Überrascht stellte er fest, dass ihre Anwesenheit an seinem Tisch den Vorteil hatte, das sich keine andere Schülerin zu ihm setzen wollte. Und so gerne er auch mit den jungen Frauen flirtete, so dankbar war er doch, dass er in dieser Mittagspause seine Ruhe hatte und einfach das Essen genießen konnte.

Als der Gong zur nächsten Stunde ertönte, erhob sich Draco und verabschiedete sich mit den Worten: „Vielleicht überlege ich es mir nochmal. Vielleicht kaufe ich dir die Sache mit dem Waffenstillstand doch ab."

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