4. Kapitel

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London, Donnerstag, 26. April 1923, Mantel war Pflicht, obwohl ab und an die Sonne hervor lugte, hinkten die Temperaturen hinterher. Laut Wetteraufzeichnung, war es an diesem Tag um 0,9° C zu kalt für diese Jahreszeit. Linda und Georg Cameron waren zu aufgeregt und die Situation zu bewegend, als das sie sich um die Tagestemperaturen kümmerten. Jeden Augenblick musste das königliche Brautpaar erscheinen. Na, und wer wollte das schon versäumen. Dichtgedrängt säumten die Menschen Straßen und Plätze. Um das Jahrhundert Ereignis richtig genießen zu können oder wenigstens einen ungehinderten Blick auf Prinz Albert, den Herzog von York und seiner Gattin Lady Elizabeth Bowes-Lyon werfen zu können, musste man sich schon einen Platz unmittelbar vor der Londoner Krönungskirche Westminster Abbey erkämpft haben. Prinz Albert, der zweitälteste Sohn König Georgs V. bestieg, nach der Abdankung seines älteren Bruders Eduard VIII. im Dezember 1936 als Georg VI. den Thron

Und dann war es soweit, der Prinz, natürlich in schmucker Uniform und Lady Elizabeth Bowes-Lyon, die spätere Queen Mum und Mutter ihrer ältesten Tochter Elisabeth II. die ein Kleid in der Farbe Elfenbein aus Chiffon und Moiré, bestickt mit Perlen, Silberfäden und der traditionellen Flandern Spitze trug, verließen die Kirche.

Plötzlich krümmte sich Linda, hielt sich den Bauch und ein unartikulierter Schrei entfuhr ihr. »Mein Gott, Liebling, was ist? Es kann doch noch gar nicht soweit sein. Hat der Arzt nicht gesagt, das Kind kommt erst in vier Wochen?« bemerkte Georg ängstlich, nervös.

»Ja schon, Darling aber ich bin mir nicht sicher ob das Kleine sich auch daran hält«, scherzte sie und rang sich ein verzerrtes Lächeln ab.

»Ich schätze mal das ist die ganze Aufregung um diese verdammte Hochzeit. Dich nimmt dieses emotionale Geschehen zu sehr mit. Komm, wir nehmen uns ein Taxi und fahren ins Krankenhaus. Kannst Du gehen oder …«

»Ja Danke, es geht schon«, unterbrach sie ihn.

»Lassen Sie uns bitte durch, meine Herrschaften, meine Frau bekommt ein Kind. Danke schön! Vielen Dank! Ja, das reicht! Nochmals, vielen Dank«, bedankte Georg bei den Umstehenden, die willig den Weg frei gaben, fast schon eine kleine Gasse bildeten, nachdem sie mitbekommen hatten in welchem Zustand Linda sich befand.

Halb tragend, halb ziehend, schlug sich Georg mit Linda zum nächstgelegenen Taxistand durch.

»Das ist aber ärgerlich«, maulte der Driver, nachdem sich seine Fahrgäste in Fond begeben hatte und Georg ihm das St Thomas’ Hospital als Fahrtziel genannt hatte. Liebend gern hätte er die Hochzeitszeremonie weiter verfolgt, doch nachdem auch er die Situation in der sich die Lady befand mitbekommen hatte, machte er sich eiligst auf seinem Auftrag nach zu kommen.

Die Ärztin im Emergency Room erfasste die Situation mit einem Blick, setzte die Patientin in einen Rollstuhl und schickte sie mit dem Fahrstuhl hoch auf die gynäkologische Station, wo Linda sogleich in den Behandlungsraum geschoben wurde. Die anschließende Untersuchung, war reine Routine, man erklärte Linda, dass es ein ganz normaler Vorgang wäre und sie sich mit der Niederkunft bestimmt noch zwei, gegebenenfalls auch drei Wochen gedulden müsse. Nach einem gründlichen Check up, bekam Linda eine krampflösenden Spritze und ein  schmerzlinderndes Mittel. Gute drei Stunden später saßen die beiden wieder zuhause und sahen sich die Aufzeichnung der Trauungszeremonie im Fernsehen an.  

Die Ärztin aus dem St Thomas’ Hospital hatte ein gutes Gespür, denn knapp drei Wochen nach diesem Ereignis, bekam Linda ihr Baby bei einer unkomplizierten Hausgeburt. Es war ein Junge, kerngesund und 3680 g schwer. Nachdem die Hebamme dem zerknautschten jungen Leben seinen ersten Klaps verabreicht hatte, schrie der kleine Mann wie am Spieß, er wollte gar nicht mehr aufhören. Auf den ängstlichen Blick der frisch gebackenen Mama reagierend, lauteten die erklärenden Worte der Amme: »Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Das macht gar nichts, davon bekommt er höchstens eine kräftige Lunge.«

Linda und Georg Cameron waren überglücklich. Getauft wurde der kleine Mann auf den Namen Joseph … Joseph Cameron.

Der Kleine Jo, wie er überall genannt wurde, war ein aufgewecktes Kerlchen und immer zu Späßen aufgelegt. Schon im Kinderwagen beschäftigte er seine Mutter indem er ständig die im Wagen abgelegten Sachen hinaus warf. Dabei war es ihm egal ob es sich um Mutters Handtasche, sein Spielzeug oder die gerade beim Lebensmittelhändler erworbenen Naturalien handelte. Seine liebsten Opfer aber waren Frauen. Er sah es als Lieblingsbeschäftigung an, den Damen an denen sie vorbei kamen den Rock zu lüften. Und während es die einen mit Humor nahmen, echauffierten sich die anderen. Unerhört, Frechheit, was für eine Erziehung, und der Spruch der Linda am meisten erregte war, der ist ja schon in jungen Jahren ein Lüstling. Wie kann ein Kleinkind ein Lüstling sein, war ihre Antwort und trotzdem setzte es dafür so manches Mal einen Klaps aufs Hinterteil.

Auch in der Vorschule besserte er sich nicht, denn schon in der Primary School für 4 – 7 und auch der nächsten Stufe für 7 – 11 jährige war Jo, spielerisch gesehen, hinter den Mädchen her. Am liebsten band er dem anderen Geschlecht die Zöpfe zusammen, verknotete die Bänder Ihrer Kleider oder Schürze, vertauschte die unterschiedlichen Schulmittel und versteckte Zeigestock, Schwamm und Kreide. Trotz allem stand er schulisch fast immer auf zwei, wofür er sich nicht einmal groß anzustrengen brauchte. Das änderte sich erst in der Secondary School für Schüler der Altersgruppen 11 – 16 und erst recht auf dem College das er ein Jahr lang absolvierte, bevor er auf das University College London wechselte um einen Bachelor in Architektur zu machen. Zwei Jahre arbeitete er wie besessen, paukte sehr intensiv, war Klassenbester und wurde nur noch “The Swot“ genannt.

Von einem Monat zum anderen aber änderte sich sein ganzes Wesen, niemand wusste anfangs worauf dass zurück zu führen war. Josephs Verhalten wurde Zusehens lauter, auffälliger und seine Streitsucht nahm ständig zu. Er fing an zu trinken und hatte es wieder mit den Frauen aber dieses Mal auf die sexuelle Art. Wenn er eine Party gab, hatte der Ganze Campus etwas davon. Hinzu kam der Wettbewerb, derjenige der es schaffte während eines Monats die meisten Frauen abzuschleppen, wurde während einer seiner Partys zum Campus – König ernannt. So ganz nebenbei eröffnete Joseph noch ein illegales Wettbüro und ein geheimes Black Jack Spielkasino, in denen Tausende von Pfund bei jeder Sitzung umgesetzt wurden. Seine Freundinnen wechselten von Woche zu Woche und er behandelte sie durchweg schlecht, meist aber wenn er getrunken hatte.

Das Genick brach Jo schließlich die Drogen, die auch der Grund seiner Wesensänderung waren. Den Leistungsdruck, den er sich selbst auferlegt hatte, versuchte er anfangs mit Hilfe von leichten Aufputschmitteln entgegen zu wirken. Später wechselte er zu Marihuana, dann waren es Amphetamine und zum Schluss griff er zu Kokain, womit er schließlich auch dealte.

Als heraus kam das er nicht nur Drogen nahm, sondern auch noch damit handelte, warf ihn die Universität im hohen Bogen hinaus. Jetzt war guter Rat teuer, denn zuhause hatte er schon lange nichts mehr zu sagen, nur  Linda, seine Mutter, unterstütze ihn noch, wenn er total abgebrannt und heulend angekrochen kam. Das einzige was sein Vater, der auch noch Polizist war, für ihn tun konnte war, soweit sein Einfluss reichte, diese Unliebsame Angelegenheit unter den Teppich zu kehren und so kam Joseph mit einer Geldstrafe und einem blauen Auge davon.

Seinen Traumjob konnte er allerdings in den Wind schreiben … Ade, Architektur Studium.

 


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