4. Stunde um Stunde

Ich atmete tief ein. Die frische Luft durchzog meine Lungen. Mein Körper fühlte sich leicht an, nicht so angespannt wie die vergangenen Tage. Ich ließ die Augen noch geschlossen, es roch frischer und ich spürte auf meiner Haut einen leichten feuchten Film. Langsam kam ich zu mir. Langsam öffnete ich die Lieder und starrte in einen sternenklaren Nachthimmel. Wie lang hatte ich hier gelegen? Ich kam hoch. Nicht alle der Schwestern waren beisammen.
„Wie lange?“, fragte ich Devia streng. Sie spannte sich an.
„May Lu sagte, du bräuchtest mehr Zeit ...“
„Wie lange Devia?“
„Drei, vier Stunden, höchstens.“ Ihr Gesicht wurde rot. Die sonst so selbstsichere Devia erinnerte mich nun eher an Fee, die nicht mit Konflikten umgehen konnte. Ich kam hoch und packte die Decke zusammen.
„Wo sind sie?“
„Vorräte besorgen. Sie müssten gleich wieder da sein.“ Ich nickte. Nun druck zu machen wäre nicht fair, sie sorgten sich um mich und trotzdem glühte mein Gesicht vor Zorn. Es war gefährlich und das wussten sie.
Ich saß wie auf heißen Kohlen, bis die anderen zurückkamen. May sah mir die Verärgerung an, ging jedoch nicht drauf ein. Womit sie recht hatte, ich würde mich nur gehenlassen und Dinge sagen, die ich bereute.
Ich vertraute ihnen, auch wenn es manchmal nicht den Anschein hatte. Ich wollte nur, dass sie nicht so viele Schwierigkeiten und Entscheidungen treffen mussten. Immerhin war niemand von uns in der Lage sich gezielt zu verteidigen. Wir hatten weder Erfahrung noch Strategie.

(*OB**OB*)Wir brachen umgehend auf. Es war keine Zeit zu verlieren. Also marschierten wir los. Mit dem Unterschied, dass ich wieder bei mir war. Als wir weiter durch den Abend streiften, begannen sich meine Nackenhaare aufzustellen. Ich ging weiter, ohne mir etwas anmerken zu lassen. Wir wurden beobachtet. Ich spürte es genau. Blicke, die uns verfolgten. Sie waren nicht menschlich. Ich blieb stehen, um die Gruppe aufholen zu lassen. May ging an mir vorbei, mit einem kurzen Blick in mein angespanntes, verzerrtes Gesicht wusste sie alles. Sie wurde bleich. Ich konnte in der Dunkelheit nichts erkennen, doch ich wusste, sie waren da. Ich musste nicht einmal meine Magie hinausfahren lassen, um die Umgebung zu ertasten. Ihre Energien waren stark. Zu stark. Ausgewachsene Wölfe, die ihre Beute fixierten. Ich schluckte schwer und ging weiter. Ich hatte immer darauf geachtet in kein Revier zu laufen, also mussten sie uns gefolgt sein. Ob sie zum Jäger gehörten? Ich spannte mich an. Dass was ich tun würde, würde mich viel Kraft kosten. Mit einem Signal zu den Schwestern wussten sie Bescheid. Auf mein Zeichen würden sie rennen. Um sicher zu sein, unter meiner Illusion, hatten sie feste Partner, sodass sie in dreier Gruppen, mit jeweils Fee, Devia oder May losliefen. Ich würde sie ablenken. Sie fortführen und um mein Leben kämpfen.

Ich erschuf eine Illusion um die Mädchen und machte sie selbst unsichtbar. Ich selbst blieb sichtbar. Sie brauchten Geruch und den Herzschlag eines Menschen, um zu jagen. Mein plötzliches Ausströmen würde sie irritieren. Genau so wie die Illusion der flüchtenden Schwestern. Die insgeheim bereits einen anderen Weg eingeschlagen hatten. Sie kannten den Notfallplan. So schnell wie möglich, so weit wie möglich fortzulaufen. Sich in Sicherheit bringen und warten. Falls ich in drei Stunden nicht auftauchen würde, sollten sie gehen, ohne zurückzuschauen. So weit der Plan.
Ich ging mit meinen Illusionen vorne her weiter. Zeit konnte ich mit der Methode gut schinden. Doch die Wölfe waren im Begriff die Geduld zu verlieren oder sogar den Braten zu riechen. Ohne Vorwarnung rannte ich los, genau wie die vermeintlichen Schwestern. Sie teilten sich auf, alle in eine andere Richtung, was mir Schweißausbrüche bereitete. So viele Illusionen so real darzustellen raubte mir schneller die Kraft als die Magie selbst. Kurz dachte ich, dass kein Wolf hinter mir her sei, doch dann sprang mir einer vor die Füße, dem ich nur knapp entkommen konnte. Mit einem Aufschrei sprang ich über ihn. Er hätte mich mit Leichtigkeit erledigen können, doch das war nicht ihre Art. Sie jagten. Er würde mich nicht töten, bis er mich nicht an den Rand meiner Belastbarkeit getrieben hätte. Erst dann, wenn das Opfer machtlos und erschöpft aufgab, würde er mich beißen und so mein Ende besiegeln. Was genau das war, worauf ich abzielte.
Einige meiner Illusionen waren bereits geschnappt ... Tot, könnte man sagen. Die Wölfe dachten, sie zerrissen richtiges Fleisch, hätten Blut im Mund, doch so war es nicht. Es war alles ein Hirngespinst, ausgelöst von Magie, die ihnen ins Ohr flüsterte. Wir waren scheinbar zu viele, weswegen sie die Herde ausdüngten. Ich hoffte nur, mein Wolf würde nicht auf dieselbe Idee kommen. Ich lief im Affenzahn durch den Wald. Keuchend rannte ich über Stock und Stein, schmiss mich über umgekippte Stämme und über Flüsse. Der Wolf immer knapp hinter mir. Knurrend um mir zu signalisieren, dass er nicht weit war. Angst vernebelte meine Sinne, doch ich ließ die nicht alles nehmen, nicht meinen ganzen Verstand. Schnell wurde aus einem Knurren ein Gewirr aus hohen und tiefen Oktaven. Sie wurden mehr.
Es dauerte nicht lange und ich kam an einem Holzhaus an. Ich schmiss mich durch die Tür und knallte sie zu. Das Haus sah nicht sehr stabil und sicher aus. Trotzdem war es eine Chance, die ich nutzen musste. Keuchend saß ich da. Nichts passierte. Fast hätte ich erwartet das sich die Wölfe gegen die Tür werfen würden, doch das taten sie nicht. Sie warteten. Was den unentdeckten Schwestern Zeit verschaffte, um Spuren zu verwischen und unterzutauchen. Ich dachte ein paar Stunden zurück und konnte mir nun das Kribbeln im Nacken erklären. So lange hatten sie uns schon verfolgt. Ich fluchte, wäre ich nur aufmerksamer gewesen ... Wut brodelte in meinem Bauch, auf mich, auf meine Magie und die gesamte Welt. Eine Vision hätte gereicht, um zu wissen, in welcher Gefahr wir uns befanden, doch stattdessen plagte mich mein stiller Begleiter mit einer Warnung, einem einzigen Griff in den Nacken.
„Magie ist nicht die Lösung, sie ist der Anfang.“ Hatte Serena immer gesagt. Ich erschrak, als hinter mir ein Wolf gegen die Tür donnerte.
„Scheiße!“ Die Tür gab merklich nach unter dem schweren Wolf. Ich ließ diesen Gedanken los und horchte hinaus, ich konnte ihre schweren Pfoten auf dem Waldhoden hören. Es waren ausgewachsene Wölfe, größer als jeder normale Wolf. Fast lautlos schlichen sie um die Hütte. Sie würden mich schon bald hinausjagen. Das hier würde sie nicht befriedigen.
„Kleine dumme Hexe“, ertönte eine rauchige Männerstimme. „Glaubst du wirklich, das wird dich retten?“ Mordlust klang in jeder Faser seiner Stimme mit. Er wollte mich zerreißen, mich quälen, zusehen, wie mein Licht erlosch. Ich schluckte schwer. „Wie willst du es anstellen?“, fragte er, wohl wissend keine Antwort von einer verängstigten Hexe zu bekommen. Doch ich war nicht verängstigt, nicht wenn es um das Überleben meiner Schwestern ging.
„In dem ich dir den Kopf abtrenne!“, provozierte ich, „... und ihn dann auf einem Pfahl zur schau stelle, damit alle dein Versagen sehen Hund!“ Sein Knurren brach, als er sich wieder in einen Wolf verwandelte. Das musste genug Provokation sein.
Plötzlich donnerte es auf mich ein. Die Wölfe sprangen immer und immer wieder gegen das Häuschen, das unter den Stößen knarzte und jaulte. Es würde schon bald zusammenbrechen und ich im besten falle nicht mehr dort. Oder ...? Etwas zog mich, rief mich, lockte mich. Meine Gedanken, die eben noch wild umherflogen, wurden nun ruhig und still. Ich ging zur Mitte des Raumes, an der Stelle, wo die Erde sich bereits ganz den Boden zurückerobert hatte. Meine Hand legte sich sanft auf die Erde. Wie von Zauberhand gruben sie sich ein, nahmen mit etwas Kontakt auf, etwas mächtigem, dass keine menschliche Seele zu spüren vermag. Ich sah die Energie. Die Venen, die von der Stelle meiner Hand in tausende Richtungen ragten, ein Gewirr aus grünen funkelnden Netzen.
„Mutter steh mir bei ...“, bat ich und wurde erhört. In der Mitte der Hütte funkelte es. Ich öffnete die Augen und sah einen Spross der Wuchs. Einen Spross, der mit jeder Sekunde größer und größer wurde. Mächtiger und stärker wuchs der kleine Spross, bis sich Blätter bildeten, Rinde, ein mächtiger Baum wuchs heran. Ich stieg auf einen Ast hinauf. Die Decke knarzte und ließ nach. Die Hütte zerbrach zur Hälfte, die andere ging mit dem riesigen Baum in die Lust. Ich konnte mir die verdatterten und wütenden Gesichter der Wölfe vorstellen. Der Baum wuchs so hoch wie die anderen, sodass ich auf andere starke Äste klettern konnte. Unten hörte ich, wie die Wölfe in Aufruhr hin und her rannten. Sie sahen mich nicht, hatten meine Spur verloren. Leise kletterte ich von Baum zu Baum, bis ich hinabkletterte und das Finale einläutete.
Ich ließ ein Double neben mich projizieren und wurde selbst unsichtbar für ihre Augen. Dann lief ich los. Es war als würde knapp hinter mir ein Spiegel stehen, der all das Imitierte, was ich tat.
Die Wölfe heulten und rannten los. So schnell ich konnte, versuchte ich ihnen zu entkommen. Angstschweiß lief mir in Strömen über mein Gesicht. Trotz meiner Illusion war ich in Gefahr. Wenn sie diese Durschauten, war ich fällig. Der Wald half mir und ließ Wurzel aus der Erde springen, vorbei der Boden vibrierte. Es hielt die Wölfe auf Abstand, doch nicht lange. Meine Kraft ließ nach, ich stolperte und viel in einen Haufen aus Blättern und Stöcken. Sie kratzen an meiner Haut und brachten mich zum Bluten.
Langsam blickte ich auf. Vier mächtige Pranken gingen vor mir her. Sie umkreisten mich. Schlechtes Zeichen. Ich löste meine Illusion von mir und schlich mich zu einem Baum, an dem ich hinaufkletterte, um das Ereignis mit anzusehen. Ich kam mir vor wie eine Puppenspielerin, die nichts weiter tat als Fäden zog.
Sie knurrten aggressiv und machten Anstalten anzugreifen. Mein Illusorisches ich schrak auf und sah sich panisch um. Versuchte zu fliehen, ihr leben zu retten. Doch es klappte nicht, die Wölfe stürzten sich, bin in Sekunden auf „Mich“ und zerfetzten mich in der Luft. Übrig blieb ein fleischiger Haufen aus Leid und Angst. Wie konnte man nur so grausam sein ... Erst als mein Licht erloschen war, schienen sie befriedigt und gingen fort. Ließen mich als blutigen zerbissenen Fleischklumpen dem Tode zurück. Nur einer von ihnen blieb, ein Wolf, der nicht einen Tropfen Blut vergossen hatte. Schon fast traurig blickte er auf meinen Leichnam. Ob es ihm leidtat? Ein Wolf mit einer Seele. Unmöglich.

Die Jagt hatte satte zwei Stunden gedauert. Die Illusion um die Schwestern war längst erloschen. Nun war es meine Aufgabe sie zu finden. Mutterseelen allein stampfte ich durch den düsteren Wald. Alleine stampfte ich weiter. Auch sie war glücklich, wenn kein Blut vergossen wurde. Weswegen sie mir auch geholfen hatte. Etwas, was die Wölfe nie verstehe würden. Sie dachten, man würde ihren Lebensraum manipulieren. Sie glaubten, die Natur wäre auf ihrer Seite, was nicht der Fall war. Schon lange waren viele von ihnen auf falschen Wegen gelandet, glaubten nicht mehr an die alten Götter, an ihren Wolfsvater William, der sie in seinem Bilde schuf, um die Unschuldigen vor dem Bösen zu schützen. Seither glaubten sie, dass wir Hexen zu jenem Bösen gehörten. Was wohl ursprünglich so war ... Neben Dämonen und Vampiren. Dass es eine Wende gegeben hatte, glaubten sie nicht. Das es mehr als Schwarz und Weiß gab. Auch wenn wir uns gerne Weiß nannten, um es ihnen begreiflich zu machen.
Ich sah mich um. Mitten in der tiefen Nacht hatten wir die Geisterstunde längst überschritten. Es würde dauern, bis ich die Schwestern erreichte. Was hieß, dass ich bis dahin auf mich allein gestellt war, so wie sie.
Ich stampfte weiter und weiter. Kein Vogel, und auch kein anderes Tier war zu hören. Sie alle schliefen in dem Schutz der Dunkelheit, oder versteckten sich aus angst vor dem Menschen, der ihr Territorium durchquerte. Langsam beruhigte sich mein Herz und etwas wie ruhe kehrte ein. Ich ließ meinem inneren freien Lauf, was die Umgebung gründlich abtastete. Würde eine Gefahr kommen, würde ich sie früh genug bemerken. Es dauerte nicht lange, da kam dieses eigenartige Gefühl wieder. Tief in mir raunte eine Stimme, dass es mir etwas wichtiges sagen wollte ... Also ließ ich mich davon einhüllen. Es war besser, wenn die Schwestern nicht in der Nähe waren und ich selbst dem Gefühl auf dem Grund gehen konnte, ohne jemanden zu beunruhigen.
Ich horchte in mich hinein. Das dumpfe taube Gefühl wurde stärker. Es fasste mich und zog mich hinab, tief in die Schatten meiner Seele. Währen ich vor mich hinwanderte und den Schwestern immer näher kam, hatte ich eine Vision.

Ich stand da, in einem braunen Kleid. Die Bogenhalle war erfüllt mit Stille. Zu Still ... Ich schaute mich um. Alles bestand aus sanften braunen Tönen, gepaart mit dicken Steinwänden, eine Mischung aus Rustikalem und Modernem styl. Ich war nie hier gewesen, dennoch kam mir alles so bekannt vor. Wo genau war ich? Ich schritt weiter, in Richtung einer großen geschnitzten Tür, auf dessen die Geschichte der Hexen geschnitzt war. Ich kannte diese Tür, kannte die Schnitzereien. Wir hatten dieselbe besessen, aus purem Marmor. Nun wusste ich, wo ich war.
Bei den Berghexen.
Langsam schlich ich durch die stillen Flure, mein einziger Begleiter waren meine verklingenden Schritte, die durch die hohen Flure halten. Niemand kam mir entgegen. War ich allein? Wenn ja wo waren sie hin? Ich versuchte die Vision zu packen, ihr zu entlocken ob ich in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft gelandet war. Vergebens, flüsterten mir die Schatten. Es war bereits geschehen.
„Schwestern?“, rief ich. Meine Stimme war so Klar, so grell, meine Ohren klingelten bei dem Hall. Erschrocken blieb ich stehen. Es war keine Vision, in Visionen hörte ich mich selbst weit weg und mit einem summen. Ich projizierte mich. Bei der Erkenntnis erschauerte ich. Nie zuvor hatte die Fähigkeit dazu gezeigt. Entwickelte ich mich weiter? Ohne die Schulungen der Ältesten? Ich hatte immer geglaubt, eine Entwicklung ohne ihr Wissen wäre unmöglich, doch nun. Ich berührte den Stoff meines Kleides. Dies fühlte sich so echt an, wie eine Vision es nie getan hätte. Ein Lächeln legte sich auf mein Gesicht.
„Weiße Schwester“, krächzte eine alte Stimme. Meine Aufmerksamkeit fixierte sich auf eine Frau am Ende des Flures. Ich schluchzte erleichtert. Endlich hatte ich sie gefunden! Ich konnte ihr gleich berichten, dass wir auf dem Weg zu ihnen waren, was geschen war.
„Mare!“ Ich lief auf sie zu, doch sie erhob die Hand und och blieb ruckartig stehen. Das Strahlen das eben noch mein Gesicht und meine Seele erleuchtet hatte trübte sich. Sie sah traurig aus.
„Kommt nicht her.“ Ich verstand nicht, wollte nicht verstehen ...
„Mare Bitte! Meine Schwester sie brauchen Hilfe sie ...“ Sie bog um die Ecke, ohne mich weiter zu beachten. Ich rannte ihr hinterher. Das Kleid flog wild herum. Immer wieder, wenn ich um eine Ecke kam, verschwand sie um die Nächste, bis sie vor einem großen Tor zum Stillstand kam. Hinter ihr erstreckte sich ein Tor, das ins Freie führte. Eine unwirkliche Dunkelheit befand sich dort, obwohl der Mond schien.
Ich ging langsam zu ihr, jeder Schritt kostete eine größere Überwindung. Ihre leeren traurigen Augen blickten hinaus, deuteten auf das, was sie mir zeigen wollte. Ich erkannte, wovor sie uns bewahren wollte. Alle Bergschwestern lagen am Boden. Geformt wie eine Spirale lagen sie da. In der Mitte die kniende Mare. Zu Stein geworden, durch einen mächtigen Zauber. Sie hatten ihr Leben beendet, um dem grausamen Tod der für sie bestimmt war zu entkommen. Alle lagen sie da, zu Stein geworden, konnte man ihre leicht lächelnden Gesichter sehen.
„Ihr habt es gesehen ...“
„Und uns entschieden.“ Heiß glühende Tränen rannten mir die Wange hinab. Sie hatten sich zum Wohle aller geopfert, um uns Zeit zu verschaffen. Denn trotz ihrer leblosen Körper, strahlten sie voller Magie, die die Jäger wie Motten zum Licht zogen.
„Rette sie“, befahl sie.
„Wie? Ich bin ...“,
„Schwach? Nein Schwester. Du führst sie, gibst ihnen Hoffnung. Gibst Leben.“
„Ich habe sie getötet“, beichtete ich ihr, „Sie alle ...“
„Nicht alle.“ Ich sah sie an. Erst jetzt viel mir ihre blasse Haut auf, ihr leichtes strahlen. Sie war zu einem Nebelgeist geworden, ein Nachhall der Macht in ihr.
„Führe sie zum Licht, sie alle.“
„Wenn ich versage?“ Sie legte ihre Hand auf meine Schultern. Ein Kribbeln entstand auf meiner Haut, genau dort wo sie mich berührte. Es war, als würde sich eine Feder meine Schulter necken, nicht wirklich, doch da.
„Werden wir euch erwarten und in unsere Arme schließen.“ Unser Jenseits. Eine Welt neben dieser, in der wir unsere Lieben wiedersahen. Dort waren wir vereint mit der Magie, wurden zu einem und schließlich ... zur Mutter.
Ich nickte leicht. Diese Erkenntnis würde meine Schwestern schwer treffen.
„Nun geh!“ Sie sah um mich herum, „Sie sind hier.“ Schlackartig sah ich nach hinten. Mächtige Türen flogen auf, als wären sie aus Federn. Da war er, den Mörder meiner Familie. Er hatte uns eingeholt. Vince hatte uns die letzte Zuflucht genommen, die wir brauchten.

Ich erwachte aus meiner Trance. Irgendwann musste ich stehen geblieben sein. Denn ich stand wie ein Stein in einem kleinen Bach. So schnell wie ich konnte, rannte ich los. Es tauchten bereits die ersten Sonnenstrahlen am Horizont auf. Wie lange hatte diese außerkörperliche Erfahrung gedauert? Sechs Stunden durften noch nicht vorbei sein. Sonst wären meine Schwestern auf dem Weg in den sicheren Tod. Ich spürte ihre Energie, konnte sie förmlich vor mir sehen, wie ein unsichtbarer Pfad, der sich vor mir erstreckte. Irgendwann kam ich an einer Straße an. Schlagartig blieb ich stehen. Mein ganzer Körper gefror, als wäre er zu Eis erstarrt. Vor mir erblickte ich eine schimmernde Wand. Sie erstreckte sich die Straße entlang, wild und ungezähmt flackerte sie warnend vor sich hin. Es war ein Wolfsrevier und der Pfad meiner Schwestern, führte direkt hinein.
Fluchend rannte ich hinein. Es blieb mir nichts anderes übrig. Hatte sie jemand gezwungen? Wurden sie gefangen? Ich rannte und rannte, bis die Spur allmählich dichter wurde. Schnell lief ich weiter, bis zu einer Mauer. Ihre Spur führte hinüber, also folgte ich ihr.
Ich sprang über die Mauer und landete hart auf meinen Füßen. Ich war in einem Irrgarten gelandet. Durch den ich mich beschwerlich kämpfen musste. Wie es schien, hatten sich meine Schwestern das ein oder andere Mal verlaufen, da ihre Spur undeutlich wurde. Der Garten war ungepflegt und wild. Einige Gänge waren nur noch zu erahnen. Erleichtert atmete ich auf, als der Ausgang in sicht kam. Ich trat schnell hinaus, mein Mund klappte auf und ich konnte meinen Augen kaum trauen. Ein zerfallendes Herrenhaus stand vor mir, das trotz dessen noch anmutig und mächtig wirkte. Einige Wände waren eingefallen, doch das Grundgerüst war intakt. Ich sah die Spur meiner Schwestern hineinlaufen. Vielleicht waren sie in Sicherheit, versuchte ich mir zuzureden. Vielleicht war niemand bei ihnen ... Schnell hechtete ich durch den Rest des Gartens, die Treppen hinauf und presste mich an die Wand. Schnaubend, versuchte ich einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hatten es geschafft, ich hätte gespürt, wenn sie Magie angewendet hätten. Mit zusammengepressten Zähnen schlich ich vorsichtig zu einem der vielen zerbrochenen Fenster und schritt hindurch, dich an der Wand. Es schien seltsam still um mich herum. Die Tür zum Flur war geschlossen, ich schlich schnell zu ihr hin und legte die Hand um den Knauf. Eine leichte Vibration erfüllte die Tür. Doch Magie? Langsam öffnete ich sie und trat hinein. Mit einem dumpfen Knall schlug die Tür zurück, genau in mein Gesicht, begleitet von einem leuchtenden Ball der mich zu Boden riss und mir die Luft aus den Lungen presste.
„Amanda!?“ Ich sah Sterne. Trotzdem erkannte ich die besorgten Stimmen meiner Schwestern, die sich nun alle durch die Tür drängten. Ich hielt mir die Brust. Einige Hände legten sich auf mich.
„Alles gut“, krächzte ich, was nicht wirklich glaubwürdig klang. Ein Durcheinander an Stimmen begann mit Vorwürfen, Vorschlägen, Sorgen und mehr ...
„Sie muss sich hinlegen!“
„Last sie in ruhe.“
„Gebt ihr Luft.“
„Heilt sie doch!“ Ich konnte die Stimmen nicht mal mehr unterscheiden.
„Mir geht es gut!“ Fuhr ich hoch. Ich sah mir die verängstigten Gesichter meiner Schwestern an. „Alles gut. Wir haben es geschafft.“ Sie nickten. Überzeugend waren sie nicht. Ich räusperte mich und kam wieder auf die Beine. Dabei begann ich mich umzuschauen. Ein altes morsches Haus. Trotzdem sehr groß und schön. Das Zusammenspiel zwischen dem Alten und vorkommenden, machte das Ganze besonders.
„Wieso steht es noch?“, fragte ich mich.
„Es ist alt und mitten im Wald. Es wurde sicherlich vergessen. Immerhin ist das dichte Labyrinth überall um uns herum“, berichtete mir May.
„Überall?“ Sie nickte. Ich blinzelte mehrfach. Vielleicht war dies die Chance.
„Wir bleiben erstmal“, verkündete ich, ohne einen Grund zu nennen und keiner wiedersprach. Ich konnte es nicht, vielleicht würde ich es nie. Zu sehr würde der Schmerz sitzen, verloren zu sein. Immerhin würde er uns finden ... vielleicht nicht heute, doch irgendwann.
Sie packten ihre Sachen aus und machten es sich gemütlich.
„Passt ihr auf“, sagte ich zu May und Devia, „Fee, komm mit mir. Wir schauen uns mal um.“ Sie stimmte ohne zu murren zu.

Langsam gingen wir die staubigen Gänge entlang.
„Wie bist du entkommen?“, fragte sie neugierig.
„Wie immer.“
„War es schwierig?“ Ich zog ein Feuerzeug, um die Dunkelheit zu erhellen. Die großen Fenster waren bedeckt und ließen das Morgenlicht nicht hinein.
„Ja.“ Ich wollte sie nicht belügen, doch erzählen wollte ich ihr auch nichts. Zu erzählen, wie viel Angst ich hatte, würde uns nicht helfen. Langsam gingen wir die endlosen Gänge entlang und sahen hinter jeder Tür nach, egal wie sehr diese protestierte.
Alte Zimmer mit großen Betten. Riesige Bibliotheken mit zerfallenden Büchern. Säle mit Bildern, Spiegeln und vielen prachtvollen Gegenständen. Wieso hatte man das alles verlassen? Es musste doch jemandem gehören. Ich erinnerte mich an die Wölfe, denen dieses Gebiet gehören musste. Doch konnte ich mir beim besten willen nicht vorstellen das ein Rudel Wölfe, ihr Nest hier aufschlagen würden.
Vorsichtig arbeiteten wir uns durch jede Etage. Es erinnerte mich an Zuhause, groß und prunkvoll, mit viel Geschichte in jeder Faser der Mauern. Nach weniger als einer Stunde waren wir auch endlich durch und gingen zurück nach unten. Dort sahen mich alle erwartungsvoll an.
„Wir werden eine Barriere errichten.“
„Wieso?“, fragte Devia verwirrt.
„Wir müssen üben. Wir müssen lernen, uns zu verteidigen. Zur Not mit Magie.“ Es brachte nichts, an alte Bräuschen festzuhalten, es musste was geschehen. Die Ältesten waren Tod und mit ihnen ihre Regeln.
„Aber du hast gesagt ...“, ich unterbrach Fee.
„Ich Weiß was ich gesagt habe und es war falsch. Wir müssen uns schützen und das schaffen wir nur mit Übung.“
„Die Barriere wird uns nicht schützen. Sie werden uns finden und sie durchbrechen wie einst“, für Verena konnte ich nichts recht machen. Ich atmete tief ein.
„Das wird sie. Denn sie wird nicht rein aus Magie bestehen“
„Wie meinst du das?“ Fee schien interessiert.
„Wir werden Mutter um Hilfe bitten.“
„Wie kommst du darauf, dass sie uns helfen wird?“, Verena klang verärgert.
„Sie hat es schon einmal, wie wird es wieder.“ Keiner sagte mehr ein Wort. Niemand außer Fee schien daran zu glauben.
„Ohne euch schaffe ich das nicht.“ Nun hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit. Dies zuzugeben, fiel mir schwer. Denn es zeigte Schwäche, welche wir nicht gebrauchen konnten. Nicht jetzt, wo Vince fast vor unserer Tür stand.
„Bin dabei.“ Fees Augen leuchteten.
„Ich auch.“ Devia klang noch unsicher, aber sie hatte sich entschieden.
„Jep.“ Sagte May mit verschränkten Armen.
„Schön“, ließ auch Verena von sich, wodurch dann auch alle anderen zustimmten. Neun Hexen würden Mutter überreden können, das hoffte ich inständig.
Draußen angekommen taten sie es mir alle nach. Ich war nie glücklicher gewesen über den Naturkundeunterricht von Ältester Lioi. Sie hatte die Nähe zur Natur und unserer Mutter gepredigt. Welche viele Schwestern als unnötig empfanden, da sie die Magie hatten und Mutter nicht dafür bekannt war je zu antworten, nicht damals zumindest.
Ich grub die Finger in die lockere Erde und schloss die Augen. „Ruft sie, bittet sie um Schutz, wenn nötig sprecht es laut aus.“ Dann folgte kurze Stille. Schon kurz nach meinen Worten begann die Luft zu knistern. Einige Schwestern flüsterten, einige sprachen laut aus.
„Mutter erhöre uns.“ Immer und immer wieder. Ich betete zur Mutter, sie möge uns helfen, uns retten aus der Dunkelheit. Minuten vergingen, zogen sich wie Kaugummi, nichts geschah. Das Knistern wurde schwächer. Sie musste uns fühlen. Ich betete stärker. Wie ein Mantra wiederholte ich die Worte innerlich immer und immer wieder.
Doch sie wollte nicht hören.
Ich spürte, wie das Knistern verlosch. Die Schwestern hatten aufgegeben. Als ich die Augen öffnete, sah ich das die Sonne bereits wieder gen Horizont zog. Wir hatten Stunden ausgeharrt. Verzweifelt schloss ich ein letztes mal die Augen.
Wir sterben ... hauchte ich und ließ die Erde los. Langsam öffnete ich die Augen, doch nichts war zu sehen. Keine Barriere, kein Schutz.
„Sie hat uns nicht erhört.“ Fee klang entsetzt, kraftlos und mutlos.
„Mann muss Mutter nicht verstehen“, grummelte May und sie hatte recht. Nicht immer erhörte sie das Flehen ihrer Kinder. Niemand würde je verstehen, wem sie sich zuwendete und wem nicht.
„Schön“, zickte Verena, um mir mein Versagen unter die Nase zu reiben. Sie stand auf und ging hinein. Andere folgten ihr. Fee legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Es wird uns schon was einfallen“, munterte sie mich auf. Doch es hatte keine Wirkung. Sie fing mit den anderen hinein, sodass ich nun alleine mit mir war.
Ich blickte in den Himmel. Ich hatte versagt. Noch nicht mal richtig angefangen und schon versagt. Wie sollte es so weiter gehen? Wir konnten nicht in die Berge, nicht zurück und nicht zur Seite. Wir waren verloren. Die anderen Schwesterhäuser, falls sie noch existierten, waren zu weit weg. Eines auf einer Klippe am Meer, das genau in die andere Richtung lag. Eines an einem Vulkan, weit fort von unserem Land. Weiß war Tod, Grün war Tod und von Blau und Rot hatte man nichts mehr gehört. Unsere Welt brach zusammen, während sie für die anderen Weiter existierte. Ich legte den Kopf zwischen die Beine. Wieder kamen Tränen auf. Ich war schwach, hätte es Serena nur überstanden, wären wir nicht hier. Ich dachte an die Schwestern des Berges. Sie hatten es gewusst und sich entschieden. Hätte ich es bloß gesagt, hätten sich die weißen Schwestern sicherlich auch dafür entschieden. Wir wären nun zusammen, ohne Kummer, ohne Angst. Die Tränen vielen hinab. Kühlten mein glühendes Gesicht.
„Ich habe versagt.“ Es war als würde mir die Erde den Rücken zudrehen, als langsam die Nacht einkehrte. Weinend saß ich dort, den Untergang schon spürbar. Ich presste die Lider zusammen.
Verloren.
Wir waren verloren.
Etwas blitze vor meinen Lidern auf. Ich sprang auf um mich wenn nötig schützen zu können, wollte gerade meine Schwestern warnen, als ich sie sah ... Ein grünlicher Schimmer genau vor mir. Mit zitternden Händen berührte ich den funkelnden Nebel.
Eine Barriere.
Vor Freude hätte ich fast aufgeschrien. Ich blickte hinauf, spürte das kribbeln an den Fingern. Ein gewölbtes Schild lag über dem Haus, wie eine Kupel, Schütze sie uns vor den Gefahren, die auf uns lauerten. Die Schwestern hatten den Blitz bemerkt, sie tauchten neben mir auf, griffen ebenfalls nach der durchlässigen Wand.
„Was hast du getan?“, fragte mich Fee mit einem breiten Grinsen.
„Nichts“, antwortete ich grinsend. Unsere Mutter hatte allein ein Schild errichtet. Eines, was nur aus ihrer Macht entstand. Nicht unsere Magie, nicht auffindbar. Sie hatte und gerettet ... Der Jäger würde uns nicht finden. Nicht hier. Nicht bei diesem Schild. Es leuchtete noch ein einziges Mal auf, dann löste es sich auf und verschwand im Nichts, dennoch spürte ich es, wie es meine Finger neckte. Die Mädchen tanzten vor Freude, dankten der Mutter für ihre Gabe. Ich selbst stand da und konnte nur staunen. Sie hatte mich erhört, sie hatte uns erhört.

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beta
Fairy Dust

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