40. Erlösung für zwei

„Nida“, hörte ich verschwommen um mich herum. Jemand sagte meinen Namen. Forderte mich aufzuwachen. Ich kam nur schwer zu mir. Es war, als ob ich aus einem tiefen Sumpf erwachte.
Ich versuchte mich hinauf zu kämpfen, doch schaffte es nicht. Quälende Minuten vergingen. Als ich endlich oben auftauchte, konnte ich die Augen öffnen.
Die Jungs standen um mich herum. Sorgen lagen in ihrem Blick. Etwas fehlte ...
„Nida?“ Ich blickte zur Stimme. Sam hielt mich in seinen Armen. Was war passiert?
„Sam?“
„Jag mir nie wieder so einen Schreck ein“, sagte er liebevoll und streichelte mir durchs nasse Haar. Ich war in dem Teich gelandet. Wo war ich? Ich hatte Schwierigkeiten mich zu erinnern. Meine Eltern? Ich sah mich langsam mit schmerzendem Kopf um.
„Was ist passiert?“ Die Jungs räusperten sich.
„Du bist umgefallen, nachdem William ... Er hat dir etwas entrissen.“ Ich versuchte aufzustehen.
„Vorsicht.“ Sam wollte mir helfen, doch es wurde mir schwindelig, dass ich mich nur noch an Sam festhalten musste. Ich atmete tief durch. Ich war so taub, so schwerfällig. Etwas stimmte nicht.
Fürs Erste, versuchte ich nur aufzustehen. Was mir nach mehreren Minuten endlich gelang. Dann erst konnte ich in alle Gesichter sehen. Sie sahen mitgenommen und verwirrt aus.
„Wie geht es euch?“
„Besser“, gestand Dante.
„Es war wie ein Rausch“, erklärte Gideon abwesend. Dante sah sich im Raum um. Er war dunkel und düster. Ich fröstelte, da ich von oben bis unten Nass war.
„Ich kann kaum glauben, was es aus uns gemacht hat“, gestand Dante. „Es fühlte sich richtig an.“
„Danke“, hallte Gideons Stimme durch den Raum und trat näher heran. „Wir hätten mehr auf dich eingehen sollen. Es scheint einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein. Dafür entschuldige ich mich.“
„Nein. Ihr seid es. Das ist alles, was ich wollte.“
Sie waren es. Meine Familie. Ich löste mich von Sam und ging zu Gideons, den ich einfach in die Arme schloss. Ich drückte ihn fest an mich. Er war es, der Eisengel, der ruhige aber nicht distanzierte Eisengel. Ich spürte es. Sie waren wieder sie selbst, so wie es sein sollte.
Ich spürte seine Vergebung, aber auch seine Dankbarkeit. Es waren nicht sie gewesen. Nicht die Wölfe, die sie sein sollten.
„Es ist vorbei“, flüsterte ich an seine Schulter und ich war froh darüber. So froh das der Verlust des anderen Teils meiner Familie, mir noch nicht die Luft nahm. Ich ließ von ihm ab und ging zurück zu Sam. Auch bei ihm war deutlich bedauern zu fühlen. Seine Wunsch nach Schutz hatte ihn übermannt ihm die Sinne genommen, die er so gut beherrscht hatte.
„Nida -“
„Es gibt nichts zu vergeben“, unterbrach ich ihn. Ich sah mich um. Wusste das sie dort sein mussten. Versteckt, vor unseren Augen.
Es schmerzte bitterlich, sie so schnell nicht wiedersehen zu können. Meinem Bruder nicht mehr rufen zu können und seinem Rat zu lauschen. Meine Mutter nicht mehr in die Arme zu schließen und in ihrem Duft eingehüllt zu werden. Doch ... sie wären glücklich. Hatten bekommen, was sie verdienten. Meine Eltern waren vereint und Gabriel würde seinen Platz einnehmen, so wie es schon immer gewesen war. Eine Welt, die ich nicht erleben würde und worüber ich dankbar war. Denn ich hatte ein Leben. Mit Sam. Mit meinem Rudel. Mit meiner Familie.

Ich sah aus dem Balkon hinaus, in den Wald der so friedlich schien. Als hätte es die vergangenen Tage nie gegeben. Ich hatte einiges zu verdauen. Wenigstens schienen sich die Jungs wieder zusammenzuraufen. Ian und Sam hatten sich ausgesprochen. Genau wie Gideon mit allen anderen.
Veit war zum hundertsten Mal vorbei gekommen, um nach mir zu sehen. Abgesehen davon lief alles seinen Lauf.
Sam legte seine Arme um mich und zog mich an sich heran. Seine Nähe tat mir gut, um die Wunden zu lecken die entstanden waren.
Trotz der eignenden Entscheidung dieses Leben aufzugeben, vermisste ich sie bitterlich. Zu sehr hatte ich mich an diesen Teil der Familie gewöhnt.
„Willst du etwas essen?“
„Ich habe kein Hunger.“ Sam wendete mich zu sich um.
„Du musst etwas essen.“ Seine Hand fuhr mir durchs Haar.
„Wird es leichter?“
„Vielleicht.“ Ich sah in seine Augen und wusste er war es. Was auch immer sie befallen hatte. Es wahr fort. Er war wieder Sam, mein Dickköpfiger, mutiger Sam. Es trieb mir ein Lächeln ins Gesicht.
„Du warst lange kein böses Mädchen mehr“, forderte er mich heraus.
„Vielleicht.“
„Dabei würde ich dir so gerne mein neues Spielzeug zeigen.“ Ich wurde neugierig. Ich hatte ihn nicht für den Spielzeug-Typen gehalten.
„Wirklich?“ Einer seiner Mundwinkel zog sich hoch.
„Obwohl, habe ich nicht schon genug gründe dich zu bestrafen?“ Ich schluckte schwer. Mein Magen zog sich zusammen. Die Vorfreude auf deine Schandtaten Stieg.
„Ich habe noch nicht eingekauft“, provozierte ich spielerisch.
„Da haben wir erste Vergehen.“ Seine Lippen, legten sich auf meine. Er drängte mich gegen die Fensterscheibe des Balkons und presste mir die Luft aus den Lungen. Es fühlte sich so gut an, so normal.
Ich stöhnte auf. Sams Hände wanderten fest über meinen Körper, seine Lippen wanderten zu meinem Hals und bedeckten ihn mit Bissen.
Ich verging vor Anspannung.
„Das denn ich mal dirty Talk. Nicht einkaufen.“ Ich schrak zusammen. Sam löste sich von mir, um den unerwünschten Gast zu betrachten. Gabriel stand breit grinsend mit den Händen in den Hosentaschen in unserem Flur.
Es trieb mir ein Lächeln ins Gesicht.
„Gabriel, wie!?“
„Ist schon irgendwie komisch. Da hat man plötzlich eine kleine Schwester und soll sie dann wieder gehenlassen. Ein Unding.“ Ich löste mich von Sam und lief zu meinem Bruder. Ich schloss ihn in die Arme. Es fühlte sich fantastisch an.
„Darfst du überhaupt hier sein?“ Er schnalzte mit der Zunge.
„Das ist so ne Sache ... Nennen wir es einfach Urlaub.“
„Urlaub? Ernsthaft?“ So einfach war es bestimmt nicht.
„Ich muss mich doch vorbereiten. Auf das Kommende, mich unter die mischen, die ich beschützen soll. Wo könnte ich besser Anfangen als bei einer unbeholfenen Wölfin? Eine Weile lang werde ich sie begleiten, denke ich.“ Er zwinkerte mir zu. Was mich erneut in seine Arme springen ließ. Die Welt schien sich langsam weiter zu drehen und wer wusste schon, vielleicht würd ich auch meine restliche Familie irgendwann vereint sehen.
„Was meinst du, lässt sich dein Alpha hinreißen einen Ausreißer für eine weile aufzunehmen?“, fragte Gabriel Sam. Er lachte auf eine düstere Weise auf, das Grinsen sprach die gleiche Sprache.
„Ich glaube, wir werden viel Spaß haben.“
Ich sah zwischen beiden hin und her. Das Grinsen der beiden gefiel mir gar nicht und dennoch musste ich mit ihnen grinsen. Ich hatte, was ich mir schon immer gewünscht hatte. Eine Familie und eine hoffnungsvolle Zukunft.

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