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                                                                    ANNA

Als auch noch Peter und dieser andere Freund von Alex hier rein stürmen, bin ich noch gestresster als ohnehin schon. Aber als ich Peter ansehe und er den Kopf senkt, um mir nicht in meine Augen blicken zu müssen, spüre ich, wie die Wut in mir aufgewühlt wird. Es mischt sich mit dem Gefühl von Enttäuschung.
Als ich es erfahren habe, hatte ich nur Wut und Hass für Peter übrig. Doch jetzt, wo er so vor mir steht und ich in seiner Haltung etwas erkennen kann, das aussieht, als würde es ein schlechtes Gewissen sein, muss ich ihn um die Wahrheit bitten. Ich muss es von ihm hören. Muss wissen, ob die ganze Freundschaft von ihm nur vorgespielt war, oder ob ein kleiner Teil davon eine wirkliche Freundschaft war. Ich hoffe nur so sehr, dass Sandra nicht auch noch mit drinnen steckt und mich angelogen hat. Aber das will ich einfach nicht glauben. Ich wollte es auch nicht glauben, dass Peter mir etwas vorgespielt hat und er hat es trotzdem. Also könnte es auch Sandra? Was, wenn Sandra auch ein Werwolf ist? Wie immer schwirren in meinem Kopf so viele Fragen herum, die nur darauf warten eine Antwort zu erhalten.

Alex sieht David noch immer an, als würde er ihm jeden Moment an die Gurgel gehen wollen. Doch plötzlich blickt Alex zu Peter und sieht mir dann in meine Augen. Und plötzlich, ohne es bewusst zu wollen spüre ich ein Kribbeln in meinem Bauch. Es ist Alex. Er bringt mich um den Verstand.

Er sieht aus, als würde er eine starke Nacht hinter sich haben. Seine Augen sehen müde aus und wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, dass sich Trauer in ihnen spiegelt. Doch Alex und eine Träne, das gehört einfach nicht zusammen. Also verwerfe ich den Gedanken und betrachte ihn nochmals von oben bis unten. Ich kann einfach nicht anders. Ich kann nicht verleugnen etwas für ihn zu empfinden. Schon gar nicht bei diesem Anblick. In seinen roten Chucks, der schwarzen Jeans und dem grauen Shirt sieht er einfach, wie immer, atemberaubend aus. Doch je mehr ich mich auf ihn konzentriere, desto mehr ruft mein Verstand, ich soll mich lieber wieder auf etwas Wichtigeres konzentrieren. Also wende ich meinen Blick von Alex ab und sehe wieder zu Peter, der noch immer mit den Händen in der Hosentasche und mit dem Blick zu Boden vor uns steht. Ich kenne Peter nun schon so lange, doch so habe ich noch nie gesehen. Er war immer so selbstbewusst. Er wusste immer was zu tun oder zu sagen ist und ich kann nicht glauben, dass es derselbe Mensch ist, dem ich jahrelang vertraut habe und der mich dann belogen hat. Aber ich kann nicht anders. Ich muss mit ihm reden. Ich muss den Grund erfahren, wieso er es getan hat. Wieso er mich so verraten hat.
Als ich ihn ansehe, kommt die Enttäuschung in mir hoch und ich spüre wie meine Augen sich mit Flüssigkeit füllen. Ich will es unterdrücken und versuche mich wirklich zusammen zu reißen. Ich will nicht vor all diesen Menschen hier zum Heulen anfangen. Auch, wenn mir Alex einen Großteil von meinem Stolz schon genommen hat, will ich den letzten Rest nicht auch noch verlieren. Umso überraschter bin ich, als Alex die Jungs bittet, mit ihm zu kommen, um Peter und mich alleine zu lassen.

Die Jungs folgen ihm ohne ein weiteres Wort durch die Tür und ich kann nicht anders, als Alex noch einmal in die Augen zu blicken. Es ist wie ein Gedankliches „Danke“ an ihn und nach seinem Blick zu urteilen, hat er es verstanden. Den seine Mundwinkel ziehen sich leicht nach oben. Bei diesem Alex kann ich mir nicht vorstellen, dass ich ihm egal bin.

Als sich die Tür hinter den Jungs schließt, stehen nur noch ich und Peter in dem viel zu großen Raum. Die Anspannung steigt und eine quälende Stille macht sich breit. Ich merke, wie Peter nervös von einem auf das anderen Bein steigt und kurz seinen Kopf hebt, um mich anzusehen. Doch bevor ich davor bin, die Stille mit einer Frage zu unterbrechen, kommt mir Peter zuvor.

„Anna, bitte glaub mir. Es war keine Absicht. Ich schwöre bei meinem Leben, das Einzige weshalb ich dich jemals angelogen habe, war diese ganze Übernatürliche Scheiße. Ich wollte nicht, dass du erfährst, dass ich ein Wolf bin und ich habe das ganze mit Alex nur gemacht, um dich zu beschützen.“

Ich bin ein klein wenig erleichtert, dass es ihm wenigstens leid tut. Doch ich bin auch noch immer enttäuscht darüber, dass er mich belogen hat.
„Wieso hast du nichts gesagt? Du siehst doch, ich hätte es verstanden. Also vielleicht nicht gleich beim ersten Mal. Aber ich stehe hier. Ist das nicht der Beweis, dass du mir vielleicht doch die Wahrheit hättest sagen können?“

Er atmet aus und kommt dann ein Stück auf mich zu. Seine Hände ziehen sich aus seiner Hosentasche und er streicht sich mit seiner Hand durch die kurzen braunen Haare. Seine dunkelbraunen Augen durchbohren mich fragend und ich erkenne, dass auch seine Augen sich mit einer kleinen Träne füllen. Niemals, nicht in meinem ganzen Leben, habe ich geglaubt, zu sehen, dass Peter schwach wird. Auch, wenn es nur eine wirklich sehr kleine Träne ist. Ich weiß nicht wieso, aber ich kann jetzt nicht mehr so wütend sein, wie ich vorhin war.

„Bitte glaub mir, ich hätte es dir so gerne gesagt. Aber ich bin erst seit einigen Jahren ein Werwolf und ich wusste nicht, wie ich meiner besten Freundin sagen sollte –Hey, übrigens bin ich ein Werwolf- Bitte glaub mir Anna, ich wollte nicht, dass du es so erfährst. Sicherlich wusste ich, dass es irgendwann mal rauskommen würde. Aber ich dachte, ich könnte es dir selber sagen und erklären, wieso ich es gemacht habe. Ich wollte wirklich nur, das du in Sicherheit bist. Wenn, man das so nennen kann. Aber Alex ist einer der stärksten Werwölfe, die ich kenne. Er weiß was er tut und Marius hat dich schon länger im Auge. Ich wollte nur dein Bestes, auch wenn ich es jetzt voll verkackt habe. Es tut mir so leid Anna.“

Seine Entschuldigung fühlt sich ehrlich an. Ich will ihm glauben. Ich will ihm verzeihen. Jedoch sagt mir mein verletzter Stolz, dass ich nicht wieder denselben Fehler machen soll und jemanden zu vertrauen, der mich angelogen hat. Aber ich muss mir auch eingestehen, dass ich ihn nicht verlieren möchte. Auch, wenn er mich angelogen hat, aber er war mein Freund und hat zu mir gehalten. Also kann nicht alles eine Lüge gewesen sein.

„Okay, Pete. Du weißt, du bedeutest mir wirklich viel und ich habe dir wirklich vertraut und jetzt hast du es verkackt. Aber ich weiß auch, dass ich nicht ohne dich kann. Ich will dir noch eine Chance geben. Aber verkack diese nicht auch noch.“

Mit verwirrtem Ausdruck begutachtet er mich einige Sekunden. Er denkt, ich meine es nicht ernst. Doch als ich meinen Mundwinkel leicht nach oben hebe, scheint er zu erkennen, dass ich ihm verzeihen möchte. Vielleicht kann ich ihm ja irgendwann wieder einmal vollkommen vertrauen. Nur weiß ich, dass dies noch ein sehr langer Weg sein könnte. Doch fürs Erste will ich mich jetzt einfach nur noch darauf konzentrieren, dass Marius mit dieser Sache nicht durchkommt. Also gehe ich auf ihn zu und bleibe vor ihm stehen. Meine Hand wandert zu seiner Schulter und ich blicke in seine Augen.

„Ich mein es ernst. Lüg mich einfach nicht mehr an. Okay?“

„Werd ich nicht.“

In seinem Gesicht spiegelt sich Erleichterung und ich lasse meine Hand von seiner Schulter gleiten. Ich gehe zur Tür und will mich auf den Weg nach unten machen. Ich muss zu Luna. Ich habe jetzt noch weniger Zeit, mich mit dem ganzen hier zu beschäftigen. Jetzt wo ich zwei Tage verschlafen habe. Aber jetzt kommt es mir erst in den Sinn. Was ist wirklich passiert und wer war es? Es wird doch nicht wirklich Nathan gewesen sein? Nicht nach dieser Begrüßung. Nicht nach seiner Umarmung. Jedoch haben sich seine Augen verändert. Vielleicht war es wieder der Böse Nathan. Ich muss es so schnell wie möglich herausfinden. Also mache ich mich mit Peter auf den Weg nach unten.

Dort hören wir auch schon die Stimmen der anderen aus der Küche.
Ich blicke kurz zu ihm und will mich von ihm verabschieden, als ich noch eine wichtige Frage an ihn habe.

„Eine Sache wäre da noch.“

Er dreht sich um und sieht mich fragend an.

„Weiß Sandra davon?“

Entsetzt schüttelt er seinen Kopf und antwortet mir mit fester Stimme.

„Nein, auf keinen Fall. Sie weiß rein gar nichts davon. Ich will sie nicht auch noch in diese Welt hineinziehen und sie damit in Gefahr bringen.“

Ich bin erleichtert und bedanke mich mit einem Lächeln bei ihm, als ich mich wieder umdrehe, um nach draußen zu gehen. Dort angekommen ziehe ich die Luft tief in meine Lungen und schließe meine Augen. Ich brauche ein paar Sekunden für mich, um die ganzen Erlebnisse zu verarbeiten. Doch schon spüre ich eine Umarmung und erschrecke. Es ist Luna und als sie mit ihrer Umarmung fertig ist, sieht sie mich überglücklich an.

„Wie schön. Es geht dir gut. Ich dachte wirklich, du wärst weg.“

„Ich bin noch hier und du musst mir helfen, mich zu erinnern.“

Ich kann nicht anders, als ihr Lächeln zu erwidern, dass sie noch immer auf den Lippen hat. Ich freue mich ebenfalls sie zu sehen.

„Na, dann komm mit und lass uns herausfinden, wer dir das angetan hat.“

Wenige Minuten später stehen wir an der alten Weide. Luna hält ihre Augen geschlossen und reicht mir ihre Hand, die ich ohne zu Zögern ergreife und ebenfalls meine Lider schließe.
Was danach passiert, fühlt sich an wie ein Traum.

Ich stehe Nathan gegenüber. Mein Herz schlägt schneller und das Gefühl in meinem Bauch lässt mich nervös werden. Ich blicke in dieses makellose Gesicht, doch seine Augen, sind nicht seine Augen. Sie sehen anders aus. Gerade als ich einen Schritt zurücktreten möchte, packt er mich an meiner Hüfte. Er zieht mich wieder an sich. Jedoch fühle ich mich nicht wohl bei dieser Berührung. Sein Griff wird fester und ich versuche mich von ihm zu lösen, doch er ist zu stark. Ich sage ihm, dass er aufhören soll, doch er hört nicht auf und ein dunkles Grinsen spiegelt sich in seinem Gesicht. Er ist Böse. Er tut mir weh. Ich will von ihm weg. Als er seinen Griff etwas löst und ich denke, dass er mich laufen lässt, spüre ich einen brennenden Schmerz in meiner Brust. Es ist derselbe elfenbeinfarbene Griff. Nathan hat mir einen Dolch in mein Herz gebohrt. Ich sehe ihn an, doch in seinem Blick spiegelt sich nichts Gutes. Es ist nur das Böse, in dessen Augen ich da blicke. Plötzlich, ohne Vorwarnung spüre ich wieder diesen Schmerz. Ich kann kaum atmen. Ich falle wieder in dieses Loch. Doch bevor ich wieder den Boden unter den Füßen verliere, holt mich Luna wieder zurück in die Realität.

Sie löst ihre Hand von meiner und ich öffne schlagartig meine Augen. Ich bin so froh, dass sie mich wieder zurückgeholt hat. Diese Schmerzen waren nicht auszuhalten und noch einmal hätte ich sie nicht ertragen. Was mir hingegen noch mehr Schmerzen bereitet, ist das Wissen, dass Nathan mich nochmals umbringen wollte. Es war Nathan und all die Gefühle kommen wieder zum Vorschein. Er wollte mich umbringen? Er ist das Böse. Er hat mich belogen und ich habe mich, wie immer täuschen lassen.

Bevor ich mich jedoch noch länger den Kopf darüber zerbrechen kann, höre ich schnelle Schritte hinter uns. Ich lasse meinen Blick zu den Jungs schweifen und sehe, dass sie angerannt kommen und mich Alex besorgt ansieht.

„Geht es dir gut?“

Wieso sind die vier jetzt hier und nicht im Haus? Und was soll das für eine Frage sein, ob es mir gut geht? Ich stehe doch nur hier mit Luna.

„Wieso sollte es mir nicht gut gehen?“

Die Antwort dürfte mich nicht wirklich überraschen, doch ich muss lächeln als David und Alex gleichzeitig sprechen.
„Ich habe dich gespürt.“

Die beiden wirken überrascht. Der Rest von uns, also Peter und Luna und der Freund von Alex, dessen Namen ich bis jetzt noch nicht kenne, wirkt eher belustigt.

„Mir geht es gut. Ich wollte nur wissen, was passiert ist.“

Wenigstens glaube ich, dass es mir gut geht. Bis vielleicht auf die Tatsache, dass mich Nathan schon wieder umbringen wollte und ich trotz allem noch Gefühle für ihn habe. Sie sind nicht mehr so stark, aber trotzdem da.
Nun schreitet Luna ein und schickt die Jungs wieder ins Haus. Widerwillig gehorchen sie ihr und verschwinden wieder durch den Garten. Nun können Luna und ich weiter an meinen Kräften arbeiten.

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