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»I’m sorry if I affected you in any way with that kiss... but in England it is tradtion to kiss the one who stands under a mistletoe.« 

Wir waren auf dem Weg zu mir, da es bereits auf halb vier Uhr nachmittags zuging und meine Mutter den Kuchen für 16 Uhr fertig haben wollte.

»Nein, ist ok«, nuschelte ich nur und versteckte meine roten Wangen in meinem Schal. Als ob ich mich durch diesen Kuss in irgendeiner Weise angegriffen fühlen könnte. Es war ja nur mein erster überhaupt! Und diesen hatte er sich frech ergaunert. Aber ich konnte ihm nicht böse sein, wenn er so grinste. Er hatte mich nur auf falschem Fuß erwischt, denn nachdem ich über den Mistelzweig gelacht habe, wurde ich schlagartig knallrot im Gesicht. Ja, es war Tradition, den zu küssen, der unter dem Zweig stand. Aber normalerweise nur die Personen, für die man Gefühle hatte. Sollte das bedeuten, er mochte mich also?

Ich zermarterte mir das Hirn, während wir gingen und er pfiff eine fröhliche Melodie vor sich hin.

Ich merkte, wie wir beide uns schlagartig entspannten, sobald wir zur Haustür reinkamen. Denn drinnen war es warm und nach der jämmerlichen Kälte draußen eine gewaltige Erleichterung.

»Oh no... I haven’t any gift for your parents...« Tiger blickte mich schockiert an. In England brachte man, wenn man jemanden besuchte, immer eine Kleinigkeit mit, gerade, wenn es der erste Besuch war. Ich lächelte und fasste ihm beruhigend an den Arm.

»Keine Sorge. Meine Eltern kennen diesen Brauch nicht und du wärst so oder so eingeladen gewesen. Vergiss es, es ist kein Problem.«

Mit zweifelndem Blick schlüpfte er aus seinen Boots und klopfte sie vor der Tür noch einmal ab. Er war wirklich sehr umsichtig, das musste man ihm lassen.

Ich ging voran in die Küche und er folgte mir zurückhaltend. Meine Mutter stand mit Schürze am Herd und nahm gerade einen wirklich köstlich duftenden Apfelkuchen aus dem Ofen. Einige andere Leckereien standen ebenfalls schon auf der Ablage. Es war ein Wunder, dass Lilli nicht hier war und naschte. Aber vielleicht boykottierte sie dieses Kaffeekränzchen auch, weil sie noch immer der Meinung war, Tiger wäre mein Freund und ich eine Schwuchtel, mit der man nicht gesehen werden wollte. Überhaupt kam mir erst in dieser Sekunde der Gedanke, wie peinlich und spießig es eigentlich war, einen Freund zu Kaffee und Kuchen einzuladen... Ich wurde rot bei dem Gedanken und entschuldigte mich stillschweigend bei Tiger. Er war Engländer. Höflichkeit lag ihm im Blut. Wahrscheinlich war ihm das ebenso peinlich. Als ich mich zu ihm umwandte, blickte er sich allerdings lächelnd um und ich konnte sehen, dass er nach dem Kuchen schnupperte. Vielleicht mochte er es ja auch einfach wirklich.

»Mama... das ist Tiger«, riss ich meine Mutter aus ihrer Konzentration, sie blickte auf und lächelte. Sie wischte die Hände an ihrer Schürze ab und kam um den Tresen herum, um ihm die Hand zu geben.

»Hallo Tiger. Äh, Benny, versteht er mich, wenn ich Deutsch spreche?«

»Ja, Ma’am, ich verstehe Deutsch besser als ich es selbst spreche«, nahm mir Tiger die Antwort ab und ergriff die Hand meiner Mutter mit einem Lächeln. Ich grinste und zuckte mit den Schultern.

»Ich sagte doch, dass sein Deutsch immer besser wird. Nur zum Sprechen selbst ist er oft zu faul.«

Tiger knuffte mich mit dem Ellbogen in die Seite und ich konnte sehen, wie ein rosa Schimmer auf seinen Wangen erschien. Offenbar wurde er nicht gern vor einer Dame, die lecker backen konnte, als faul bezeichnet.

»Ihr könnt euch setzen oder noch eine Weile auf dein Zimmer gehen, Benny. Ein bisschen dauert es noch.«

»Yeah, I would like to see your room, Bunny.«

Das kam ja schon fast einer Verkupplungsaktion gleich, aber ich tat wie geheißen und zeigte Tiger mein Zimmer. Er sah sich um, setzte sich auf mein Bett und testete hüpfend die Matratze, dann warf er einen Blick in mein Badezimmer und studierte mein Bücherregal.

»You’re a kind of nerd, aren’t you? I like that.«

Ich hockte, wie zum Zerreißen gespannt, auf meinem Bett und beobachtete ihn. Sein Duft verteilte sich im Zimmer und ich wusste, ich würde in dieser Nacht entweder gar nicht oder zu gut schlafen können deswegen.

»I’m quite hungry and your mother’s cake smells sooo good«, jammerte Tiger und nahm in meinem Schreibtischstuhl Platz. Errötend dachte ich daran, was gestern in diesem Stuhl geschehen war und was er niemals, niemals, niemals erfahren durfte.

»I like your mom. She reminds me of my own.«

Ich lächelte. Meine Mutter schien ihn auch jetzt schon zu mögen.

»Wie ist deine Mutter gestorben? Wenn ich fragen darf«, versuchte ich, ein Gespräch zu beginnen, damit wir einander nicht so peinlich anzuschweigen brauchten. Ich hasste diese unangenehme Stille. Ich wusste, dass man auch angenehm mit ihm schweigen konnte, wie vorhin auf dem Nachhauseweg, aber im Moment, hier ganz allein in meinem Zimmer, war es einfach nur peinlich.

»She died in a car accident, when I was 11. It was Winter and the streets weren’t good. So she lost control and hits a tree«, antwortete Tiger mir mit leiser Stimme. Seine Augen waren etwas dunkler geworden, aber das leichte Lächeln, das er immer im Gesicht hatte, war noch da.

»Das tut mir leid.«

»Ah, nevermind. Sie musste nicht leiden, sagte der Doktor. Das gibt mir ein bisschen... wie sagt ihr? Äh... it comforts me a bit.«

»Das tröstet dich?«

Tiger nickte und lachte das Thema beiseite. Stattdessen warf er sich auf die Knie und begann, sich meine CD-Sammlung anzusehen. Er lachte das eine ums andere Mal und ich konnte mir denken, dass der Grund dafür meine peinlichen Kuschel-Rock-CDs waren, die ich geschenkt bekommen hatte, als ich noch ein Kind war.

»Nice taste of music...«, kicherte er und hielt eine uralte Britney Spears-CD hoch. Ich hockte mich neben ihn und nahm sie ihm weg.

»Lass mich, ich mochte das, als ich klein war, ok?« Ich merkte, dass meine Wangen rot wurden, als er noch mehr davon aus dem Regal zog.

»You used to be a fan, it seems«, lachte er noch mehr und plumpste auf seinen Hintern. Ich sortierte die alten Alben wieder ein und funkelte ihn an.

»Ich wette mit dir, du hast auch solche Sachen im Regal, die dir heute peinlich sind«, murrte ich und lehnte mich an den Schrank. Er nickte und zog eine Schnute.

»I’ve loved to listen to Take That and the Backstreet Boys when I was a kid. But I’m not embarrassed because of it. Why should I? Sometimes I still listen to it.«

Wir unterhielten uns eine Weile über Musik und stellten fest, dass wir beide es eher etwas lauter mochten, mit Bass und Schlagzeug. Ich horchte auf, als die Stimme meiner Mutter zu uns hochdrang und Tigers Augen begannen wieder, hungrig zu funkeln. Als wir die Küche betraten, hatte meine Mutter den Esstisch schon hergerichtet, es duftete nach Kaffee, eine Kerze brannte und es war kuschelig.

»Setzt euch. Dirk, kommst du auch?«, rief sie meinen Vater aus dem Wohnzimmer herüber. Tiger begrüßte auch ihn höflich und die beiden unterhielten sich ein paar Sätze auf Englisch. Da mein Vater in einer Bank arbeitete, war die Sprache für ihn kein Problem und er schien recht positiv von dem Engländer angetan zu sein. Tiger und ich setzten uns einander gegenüber und ich musste amüsiert feststellen, wie sein Blick über die Süßigkeiten glitt. Er schluckte, ihm schien das Wasser im Mund zusammenzulaufen. Als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, streckte er mir einen Moment lang die Zunge heraus.

»Es gibt Kuchen und Lilli ist nicht da?«

»Lilli ist in ihrem Zimmer. Sie hat Besuch und sagt, sie will nicht mit uns essen. Als ich angeboten habe, dass ihre Freundin mitessen kann, hat sie mich angepflaumt. Na, du weißt ja, wie sie ist.«

Ich nickte. Wahrscheinlicher war, dass sie damit ihren Protest meinetwegen ausdrücken wollte. Sie war so eine Drama-Queen, echt. Wenn es nicht um sie ging, machte sie Theater. Dieses Fernbleiben war auch nur eine Maßnahme, um sich in dem Mittelpunkt zu drängen, weil sie wusste, dass es dann ein paar Minuten – oder auch nur ein paar Sätze lang – um sie gehen würde. Oder sie wollte nicht mit Tiger am Tisch sitzen, weil sie dann wahrscheinlich kein Wort rausbekommen würde oder sich schämen, normal zu essen. Als ob sie das sonst stören würde. Insgeheim stand sie nämlich auch ein bisschen auf ihn, auch wenn er nicht an ihren Roman heranreichen dürfte.

»Dann eben nicht, dann bleibt mehr von dem Apfelkuchen für uns«, grinste ich und nahm den Tortenheber. Meine Mutter nickte und schenkte der Reihe nach Kaffee in die Tassen. Ich tat als erstes Tiger auf, weil er Gast war und er leckte sich, wie immer in einer solchen Situation, blitzschnell über die Lippen.

»Lasst es euch allen schmecken«, eröffnete meine Mutter das große Fressen. Die meiste Zeit quetschten meine Eltern Tiger über London und seine Schule aus und ich hatte das Gefühl, soviel Deutsch wie an diesem Tag hatte er in den ganzen 2 Monaten, die er schon hier war, nicht gesprochen. Es war Abend, als er sich aufmachte, nach Hause zu gehen. Die Einladung, doch auch noch zum Abendessen zu bleiben, hatte er ausgeschlagen mit den Worten: »Ich habe soviel von dem köstlichen Kuchen gegessen, ich kann heute nichts mehr essen.«

In der Tat hatte Tiger einen Großteil des Kuchens und Gebäcks verputzt, was besonders meine Mutter freute, da es sie in ihrer Tätigkeit als Bäckerin ehrte. Dick eingepackt stand ich anschließend draußen mit ihm an der Mauer. Es hatte den ganzen Tag geschneit und er versuchte, seinen Nussknacker so in seiner Jacke zu verstauen, dass er nicht kaputtging.

»Morgen fahre ich mit meinen Gasteltern zu deren Verwandten. Über Weihnachten und Silvester. Also sehen wir uns dann in der Schule nächstes Jahr.«

Ich nickte und merkte, dass es mir das Herz zusammenzog. Das waren 2 Wochen, die ich ihn nicht sehen sollte. Zwei Wochen von der ohnehin knappen Zeit, die er noch hier war. Ich wollte mir das allerdings nicht anmerken lassen und nickte nur. Er hätte sicher eine Menge Spaß da, sagte ich mit einem übertrieben fröhlichen Ton, der sogar mir auffiel. Er merkte es auch und legte den Kopf schief. Sein Schmunzeln wurde zu einem kleinen Grinsen und er griff in seine Jackentasche. Er deutete mir an, die Hände auszustrecken und ließ den kleinen Senker eines Mistelzweiges hineinfallen. Er legte mir einen Finger unter das Kinn, hob es an und küsste mich wieder.

»I’ll gonna miss you too. And that’s for Christmas. Keep it.«

Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er davon und ich blieb in der Kälte allein zurück.

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