5. Kapitel

„Was hast du ihm angetan“, krächzte ich und ärgerte mich, wie hoch und quiekend meine Stimme klang. Konnte ich nicht wenigstens ein einziges Mal Mut beweisen? Ich sah von Isoke auf und direkt in Catalinas kalte, blaue Augen. Sie lächelte. Es war ein betörendes Lächeln und wenn ich ihr früher begegnet wäre, hätte es mich verzaubert, doch hier in der Dunkelheit wirkte ihre Schönheit fehl am Platz. „Was hast du ihm angetan?“, wiederholte ich mit fester Stimme, nahm all meinen Mut zusammen. Mit zitternden Beinen stand ich auf und trat einen Schritt auf sie zu.
„Nichts“, antworte sie mit beleidigter Stimme und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie war ihm so nah, dass er, wenn er nur schnell genug wäre, sie packen könnte. Ich könnte sie gegen die Stäbe schleudern und ihr den Schlüssel abnehmen, überlegte ich, doch allein das Aufstehe hatte mich all meine Kraft gekostet. „Aber wie sollst du mich auch verstehen?“, sprach sie ruhig weiter und schüttelte traurig den Kopf. Sie umfasste die Stäbe meiner Zellentür und lehnte die Stirn dagegen. Sie war so nah… Wenn ich nur schnell genug wäre, stark und mutig… Wenn ich nur mehr wie Isoke wäre...
Ich sah wieder auf meinen Freund hinab, er schluchzte und seine Schultern bebten unter den heftigen Atemzügen. Er sah nicht einmal auf, als Catalina einen weiteren, kleinen Schritt auf mich zutrat und mich mit genüsslichem Blick musterte. „Wir werden viel Spaß zusammen haben, geliebter Jadan. Keine Sorge, bald ist deine Zeit gekommen.“ Sie lächelte wieder und zwinkerte mir kokett zu, bevor sie sich abrupt abwandte und die Stufen hinaufsprang.
„Ich werde lieber sterben!“, schrie ich ihr hinterher, über meine eigene Intensität und Kraft überrascht.
Sie hielt kurz inne und sah mich über die Schulter hinweg an. „Wir werden sehen.“ Mit diesen Worten schlug sie die schwere Metalltür hinter sich zu und ließ Isoke und mich in der Dämmerung allein. Ich stand noch einige Minuten regungslos in meiner Zelle, starrte auf die Tür und wartete auf die Strafe für meine törichten Worte, doch nichts geschah.

„Isoke“, murmelte ich schließlich und drehte mich zu meinem Freund um. Behutsam kniete ich mich vor die Gitterstäbe, die unsere Zellen voneinander trennten und versuchte seinen Blick aufzufangen. „Hörst du mich?“, fragte ich zögerlich, nicht sicher was ich fühlen oder von der ganzen Geschichte halten sollte. Was hatte sie ihm nur angetan? „Isoke, bitte, sieh mich an!“ Ich umklammerte nunmehr die Stäbe, meine Stimme zitterte, doch ich bemerkte es kaum. „Lass mich jetzt nicht im Stich!“ Ein metallischer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus und ich merkte, dass ich mir auf die Lippe biss. Isoke hob endlich den Kopf, sah mich mit leidendem Blick an, und schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht, Jad.“ Seine Stimme klang fremd, kam aus großer Ferne.
„Du kannst! Was hat sie dir angetan, sag es mir! Vielleicht finden wir eine Lösung!“
„Sie hat mir nichts angetan, verstehst du nicht?“ Er sah wieder auf seine Hände, die langen Finger, die ihm einst so teuer gewesen waren.
„Aber, wenn sie nichts getan hat, weshalb…“; ich erstarrte und mein Mund öffnete sich, doch kein Wort wollte mehr über meine Lippen kommen. Lass mich nicht allein, das waren Isokes Worte gewesen. Ich hatte geglaubt, er meinte den Keller, dass er endlich in die Freiheit wolle. „Bei den Göttern“, keuchte ich und wich unwillkürlich vor meinem Freund zurück, „Du liebst sie!“ Ich starrte ihn fassungslos an, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. „Was hat sie dir nur angetan?“, flüsterte ich leise und zog mich erneut in die Ecke zurück.
Isoke sah auf, suchte meinen Blick und lächelte milde, „Ich weiß es nicht.“

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