5. Kapitel

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Nachdem Deutschland am 1. September 1939 Polen überfallen hatte, erklärten Frankreich und England den Deutschen den Krieg und seit Joseph seine berufliche Laufbahn in den Sand gesetzt hatte, arbeitete er im Lager einer der Speditionsfirma, die Nachschubmaterialien zu den von den British Expeditionary Force besetzten Stellungen brachten. Im Frühjahr 1942, als die englische Luftwaffe ihre Angriffe auf deutsche Städte intensivierte, schickte die britische Armee auch Joseph in einen der vielen Alliierten Einsätze nach Frankreich. Aber auch hier wurde er nicht zum ruhmreichen Helden, sondern im September 1942 mittels einer deutschen Flagg vom Himmel geholt. Er konnte sich zwar noch mit Hilfe seines Fallschirms retten, wurde jedoch anschließend aufgegriffen und in ein deutsches Arbeitslager gesteckt.

Hier lernte Joseph Graig Thornton, Mike Fullham, Abraham Rosenberg, Simon Baxter und Justin McNiffes kennen. Sie freundeten sich an und waren von Stund an unzertrennlich, es ging so weit das sie Blutsbrüder wurden.

Simon Baxter kam schließlich auf die Idee und er überzeugte auch die anderen, sich ein Bruderschafts Emblem zu zulegen und da tätowieren eines seiner Hobbys war, blieb es nicht aus, das ihr gemeinsames Kennzeichen eine Tätowierung seinen musste. Nur, wie diese spezielle Hautbemalung aussehen sollte, darüber waren sie sich anfangs überhaupt nicht einig. Die ersten Vorschläge, wie Anker, Rose, Stern und Halbmond wurden alle sofort wieder verworfen, dann wurde man spezieller mit gekreuzten Schwertern, einem Totenkopf, einem ungewöhnlichen Namenszug und da sie sich in einem Kriegsgefangenen Lager kennen gelernt haben, ein tränendes Auge. Aber  auch darüber wurde man sich nicht einig. Mike Fulham hatte den rettenden Einfall, er interessierte sich für Ägyptologie und schlug vor einen Skarabäus zu nehmen.

»Ja aber das ist doch ein Mistkäfer«, meinte Graig Thornton.

»Ich glaub das einfach nicht! Wir sollen uns tatsächlich einen Mistkäfer tätowieren lassen«, stimmte Justin McNiffes Graig zu und ein allgemeines Gelächter erhob sich. Natürlich in maßen und so, dass die anderen im Lager nichts mitbekamen.

»Männer, ihr müsst das aus einer anderen Perspektive sehen. Ich werde euch mal etwas über den Skarabäus erzählen – passt auf: Im alten Ägypten, war der Ateuchus sacer…«

»Der wer?« unterbrach ihn Joseph Cameron.

»Der Ateuchus sacer, das ist der lateinische Name für den Mistkäfer«, erklärte Mike.

»Dann sag es doch auch so, dass wir es alle verstehen. Wir sind schließlich keine Lateiner oder Ägyptologen«, war Justins grinsender Einwand.

»Na klar, tut mir leid, Jungs. Also, der Skarabäus war für die alten Ägypter das Symbol der Schöpfung, der aufgehenden Sonne oder der Erneuerung.  So wie wir uns jetzt hier neu zusammen getan haben – ich glaube das ist der beste Vergleich. Ich glaube, auch euch ist bekannt, dass diese Käfer – die weiblichen – aus Dung eine Kugel formen in der sie ihre Eier ablegen und aus dem die Jungen schlüpfen. Die Ägypter aber dachten, es gäbe nur männliche Käfer und es wär kein so genannter Liebesakt notwendig. Sie verknüpften das Kugelrollen mit dem Sonnenverlauf und aus diesem Grund bekam der Skarabäus den Namen Chepe und wurde so zu einer Form des Sonnengottes Atum. Atum  wiederum, galt als der ägyptische Urschöpfer der sich selbst erschaffen hat, steht somit für den Beginn der Schöpfung. Sie haben sich ihn als einziges Wesen im Urwasser vorgestellt, zu einem Zeitpunkt als es die Welt wie wir sie kennen, noch nicht erschaffen war.«

»Wer oder was ist nun wieder Urwasser?« wollte Simon Baxter wissen.

»Das zu erklären, würde zu weit führen, denn da kommen wir zu Nun, der ist das Urwasser und zusammen mit Atum bekamen sie den Namen “Vater der Götter“ aber das würde euch jetzt nur verwirren«, erklärte Mike und fuhr fort: »Auf einigen Tafeln wurde Chepe schwebend, mit ausgebreiteten Flügeln abgebildet, in dieser Position rollte er die Sonne vor sich her. Chepe war für die Ägypter von großer symbolischer Bedeutung. Er war der, wie soll ich sagen – der Urgott, und gleichzeitig der Sonnengott. Sie bezeichneten ihn, als “der, welcher aus sich heraus entsteht“, weil sie nur die männliche Version des Skarabäus im Kopf hatten. Sie dachten aber noch weiter, und zwar wurde Chepe mit Vorliebe den Toten mit gegeben, denn er sollte Licht in die Finsternis bringen. Sie gingen sogar so weit, dass sie ihn nicht nur der Sonne gleichstellten, sondern für die alten Ägypter symbolisierte Chepe das Leben selbst, das sich immer wieder erneuert. Da unsere Gruppe ähnlich wie aus dem Nichts entstanden ist, finde ich einen Skarabäus irgendwie passend.« Mike Fulham hatte geendet und wartete auf eine Reaktion der anderen.

Eine geraume Zeit diskutierten sie noch aber keiner von ihnen stellte sich gegen das Skarabäus Symbol. Im Gegenteil, sie fanden es gut, dass dieser Skarabäus oder auch Chepe, der namentliche Unterschied war ihnen eigentlich egal, das Leben Symbolisiert.  Gerade hier im Lager war dieser Aspekt für alle von maßgeblicher Bedeutung.

In den nächsten Tagen hieß es sich die nötigen Materialien zu beschaffen, die für eine Tätowierung notwendig waren.

Simon Baxter hatte schon die kompliziertesten Motive gestochen, nur hier im Lager konnte selbst das einfachste Motiv zum Problem werden, denn sie hatten keine Tätowier Maschine, weder eine mit Elektromotor die über einen Exzenter die Auf- und Abwärtsbewegung erzeugt, noch eine pneumatische mit der man sauber und präzise arbeiten konnte. Doch Simon dessen Lieblingsmaler Paul Gauguin war, hatte auch die alte Technik der polynesischen Südseebewohner studiert, auf dessen Insel, es war Tahiti, sich sein malender Künstler gegen Ende 1880 zurückgezogen hatte. Die Gerätschaften beschränkten sich somit auf ein kurzes und ein längeres Hölzchen, einen Nagel, ein paar saubere Tücher und etwas Tinte. Von allem war die Tinte das größte Problem, denn die gab es nur im Haus des Lagerkommandanten.

Ein gut ausgeklügelter Plan half ihnen dabei, an das Objekt ihrer Begierde zu kommen. Richard Penn, ein Küchenbulle und ebenfalls ein Mitgefangener, hatte sich das Privileg erkämpft dem Lagerkommandanten das mittägliche Essen zu bringen. Auf unerklärlicher Weise bekam der Mann einen fürchterlichen Durchfall und das kam so…

Abraham Rosenberg, der mit Penn zusammen in der Küche tätig war, präparierte den Kartoffelbrei von Richard Penn mit vergorener Milch, da man das Lageressen nur als Schweinefraß betitulieren konnte, weil es eh einen fürchterlichen Geschmack hatte, fiel der kleine Trick nicht weiter auf. Es dauerte eine geraume Zeit, dann bekam unser Lagerkollege fürchterliche Magenkrämpfe und einen gehörigen Durchfall. Das Essen der Kommandantur wurde für gewöhnlich eine Stunde später serviert, da es separat gekocht wurde und natürlich von weitaus besserer Qualität war als das der Gefangenen. Abraham durfte nun als Ersatzmann den oberen Herren die Speisen servieren und nahm bei der Gelegenheit ein kleines Glas mit Tinte an sich. Jetzt stand dem Skarabäus Symbol nichts mehr im Wege und jeder bekam im Laufe der nächsten Tage einen Mistkäfer, eine Handbreit über dem Handgelenk verpasst.

Irgendwann, bei einem ihrer Zusammenkünfte, ließ einer der Freunde das Wort Flucht fallen. Im Nachherein, war nicht mehr feststellbar wer dieses waghalsige Thema überhaupt angesprochen hatte aber es schwirrte, gleich einem Damokles Schwert, über ihren Häuptern.

 


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