6.

Sie biss die Zähne zusammen und sah sich hastig um, entdeckte aber nur gleichaltrige und ältere Gesichter. Station 17 war eine gemischte Station, sodass hier sowohl Jungs als auch Mädchen herum liefen, beide Geschlechter höchstens 19 Jahre alt. Lucy spähte nach links, hier endete die Station bereits, nur ein Patientenzimmer schloss sich exakt an den Eingangsbereich an. „Das hier ist auch gleich dein Zimmer. Noch musst du leider allein wohnen.“, erklärte Claudia lächelnd, öffnete die Tür an dem silbernen Türknauf, zog das Mädchen hinter sich her und rein. Direkt neben der Tür stand ein großer, abgenutzter Wandschrank mit vier Türen, bei dem man vermuten konnte, dass sich die Zimmergenossen diesen teilten. Ein Schmaler Gang von sechs Metern trennte die Tür von den beiden großen, jedoch mit einer Stange verriegelten Fenstern. Jeweils in der Ecke des Fensters stand eines der hölzernen Betten, eines in der linken Ecke und eines in der rechten. Sofort schossen Lucy diese Bilder in den Kopf, bei denen sie sich unter dem Bett versteckte, den verbrannten Geruch vernahm und darauf wartete, dass das Schattenmonster sie sich griff und sie wieder nur diesen einen Ausweg hatte. Die Klinge. Das Blut. Der Tod. Sie begann zu zittern, krallte sich in den schwarzen Stoff ihrer Jacke, starrte auf den grauen Boden. Sie kam sich beobachtet vor, sie spürte die Blicke Claudias, sie durchbohrten sie. „Ich lass dich erst einmal auspacken.“, versicherte diese dem Neuankömmling und schritt dann langsam aus dem Zimmer, zog die Tür hinter sich zu, es knackte.


Langsam stützte sich Lucy an der Bettkante ab, ließ sich darauf sinken, zog die Beine zittrig an den Körper. Sie konnte nicht beschreiben was sie fühlte, wie sie fühlte, ob sie fühlte. Ihr einzig klarer Gedanke war dieses Bild von sich selbst. Zusammengekauert unter einem Bett wie diesem, auf dem das Schattenmonster mit seinem blutverschmierten Maul schon auf sie wartete. Wieder spürte sie diese Angst, die sich langsam aber sicher in ihr ausbreitete. Langsam ließ sie ihre Beine wieder sinken, sah zu den vor der Heizung und dem Nachttischchen stehenden Koffern. Zog die Reißverschlüsse auf, suchte ihre Decke, die ihre Großmutter ihr gefertigt hatte, fand sie nicht. Lucy wurde extrem unruhig, griff tiefer in die Taschen hinein, fühlte einen ähnlichen Stoff, zog ihn schnell heraus. Hielt einen Stoffbären in der Hand. Er war nicht groß, etwas größer als ihr Kopf vielleicht. Dennoch fühlte er sich genauso an wie die Decke, sie bestand aus derselben Wolle, er bestand aus Omas Decke. Ein kleines Papierröllchen hing um seinen Hals. Lucy nahm es ab und las. Wir lieben dich, vergiss das nie!

Sofort erkannte sie die geschwungene, elegante Handschrift als die ihrer Großmutter und das Lächeln fand in ihr Gesicht zurück, der Glanz kehrte allmählich zurück in ihre Augen. Fest drückte sie das Bärchen an sich, sie war sich sicher, einen neuen Wegbegleiter für ihren momentanen Aufenthaltsort gefunden zu haben und ihn zu verteidigen, mit derselben Mühe wie sich ihre Großmutter beim nähen gegeben haben musste. Behutsam legte sie es auf das weiß bezogene Kissen und begann dann sich ihr Zimmer so gut es ging einzurichten. Die Wände neben ihrem Bett klebte sie mit ihren Zeichnungen zu, positionierte sie wieder nach Rangfolgen. Die düsteren Bilder hängte sie dieses Mal ebenfalls auf, sie fanden Platz rundum verteilt um das zentrale Bild, das Mädchen dass am Abgrund ihren Drachen steigen ließ. Und erst danach häufte Lucy ihre positiven Bilder an, um ihre Fassade zu symbolisiere, ihre zwiebelähnliche Mehrschichtigkeit. Die äußerste, positivste, war am stärksten. Sie symbolisierte das Trugbild, es sei alles in Ordnung, man sei heiter. Die zweite Schicht mit den negativen Bildern war bereits etwas dünner, da man, sobald man die erste Schicht durchbrochen hatte, auch die zweite durchziehen konnte wie warme Butter mit einem Messer. Die dritte Schicht jedoch, der Kern ihrer Psyche, war gespalten, wie sie selbst. Sowie man das Bild auf mehrere Arten interpretieren konnte, so konnte man dies auch mit Lucy. Der Kern symbolisierte Suizid, die Hoffnung auf jemanden der ihr die Hilfe anbot, symbolisierte ihre innerliche Nähe am Abgrund, den Wunsch danach frei zu sein, und vieles mehr. Sie versank förmlich in all den Interpretationsmöglichkeiten, bis ein dumpfes Klopfen zu hören war und sie aus der Trance riss. Ihr Blick wanderte langsam zur Tür, beobachtete diese angespannt, bis ein Mädchen, etwa in ihrem Alter, die Tür öffnete und eintrat.

„Hallo.“, begrüßte dieses sie lächelnd und betrachtete Lucys Einrichtung neugierig. „Hallo...?“, fragte diese zurückhaltend und betrachtete das fremde Mädchen, bevor sie nach dessen Namen fragte. „Ich bin Zoe.“, entgegnete dieses lächelnd und auch Lucy stellte sich nun vor. „Komm, es ist Vorstellungsrunde. Damit du uns schon mal etwas kennenlernst.“, lächelte Zoe und ging langsam wieder zur Tür, mit fragenden Blick zu Lucy. Diese nickte langsam und stand auf, schloss den von Oma genähten Bären in ihre Arme und folgte ihr. Er war das einzig nun bekannte, was sie hier verfolgen würde, das einzige, für sie halb lebende, was sie an zuhause erinnern durfte.

Zoe führte sie aus ihrem Zimmer raus und den Gang entlang, vorbei am Eingang, am Untersuchungszimmer und der Stationsküche. Sie gingen in einen rechts gelegenen, wie ein klassisches Wohnzimmer ausgestatteten Raum, in dem auf drei Sofas und einem Sessel die Mitpatienten in einem Kreis vor dem verschlossenen Fernseher saßen. Lucy zählte fünf Jungs und mit sich selbst vier Mädchen, die unterschiedlicher gar nicht hätten aussehen können. Ein Punker war dabei, sah mit monotonen Blick auf den kleinen Eichenholzcouchtisch, der die Sofas und Sessel trennte. Ein Mädchen mit schwarzen Haaren und violetten Strähnen saß allein auf einem der Sofas, hatte die Beine angezogen und zog die dicken Ärmel ihres Pullovers über die Hände. Ein durchgehend lachendes Mädchen mit zwei Barbiepuppen saß am Rand eines der Sofas. Ein normal aussehender Junge mit unterschiedlichen Augenfarben fixierte sie.

Sie wurde unruhig und Zoe zog sie sanft durch die Lücken zwischen den Sofas bevor sie Lucy neben den Jungen mit den unterschiedlichen Augen setzte und sich selbst neben den Punker. Claudia kam herein, zog sich einen Stuhl vom parallel gegenüberstehenden Esstisch, auf dem Brettspiele standen, und setzte sich zu der Gruppe. „Also meine Lieben,“, begann sie, „Wie ihr seht haben wir ein neues Familienmitglied bekommen. Damit sie sich bei uns einleben kann und uns kennt würden wir wieder eine Vorstellungsrunde machen mit eurem Namen, eurem Alter, und vielleicht etwas über den Grund weshalb ihr hier seid, wenn es euch nichts ausmacht.“, begann sie lächelnd und blickte in die Runde. Das Mädchen mit den Barbiepuppen grinste und hob die Hand. „Ich!“, begann sie lachend. Die Blicke der anderen richteten sich auf sie als sie erzählte dass sie Melanie hieß, dreizehn Jahre alt war und wegen Zwangsstörungen hier war.

Danach ging es der Reihe nach herum, und Lucy wusste bald dass Zoe wegen multipler Persönlichkeitsstörung da war, ein 10 Jähriger Derek wegen Schulverweigerung, die siebzehn Jährige Stephanie wegen Sozialphobie, der 14 Jährige Nico wegen Magersucht, der neunzehnjährige James wegen Aggressionsproblemen, und der neunjährige John weil er ständig von Zuhause weg lief. Nur Alec, der sechzehnjährige Junge mit den faszinierenden blauen und gelben Auge, verriet nicht weshalb er da war und fasste sich auch bei seinem Namen recht kurz.

Allein durch die Vorstellungen, die Emotionen die rübergebracht wurden, dachte Lucy die Mitpatienten einigermaßen einschätzen zu können, dennoch war sie sehr unsicher, da der erste Eindruck auch oft gespielt oder eingeübt worden war.

Comments

  • Author Portrait

    Ein interessantes Kapitel! Ich freue mich schon darauf mehr über die anderen Patienten zu erfahren! ♡

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