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Zwei Wochen konnten eine irrsinnig lange Zeit sein, wenn man nichts mit sich anzufangen wusste. Sicherlich, ich hatte Tigers Handynummer und wir schrieben uns hin und wieder, aber seine Nachrichten waren kurz. Er berichtete von Ausflügen in Museen, Messen und von Bummeln über Weihnachtsmärkte. Seine Gasteltern waren irgendwie in dieser Kunstbranche tätig und es schien ihm Freude zu machen. Er hatte keine Zeit, mich zu vermissen und ich war mir nicht mal sicher, ob er seine Worte an dem letzten Abend nicht nur ausgewählt hatte, um mich etwas zu beruhigen. Denn scheinbar trug ich mein Herz doch sichtbarer mit mir herum als ich dachte.

Ich jedenfalls konnte die Ferien, auf die ich mich sonst immer sehr gefreut hatte, nicht recht genießen, verkroch mich meistens in meinem Zimmer, hörte über Kopfhörer Musik der Backstreet Boys, um mich Tiger ein wenig näher zu fühlen und machte jede Menge Streberkram. Unsere Lehrer, die Schinder, gaben uns gern Hausaufgaben über die Ferien auf. Diese hatte ich alle in den zwei Tagen vor Heiligabend erledigt. Ich erwischte mich sogar dabei, wie ich Facebook durchsuchte, ob Tiger dort ein Profil hatte. Doch er war eine dieser wenigen Ausnahmen, die das nicht hatten. Leider, denn ich hätte mir gern einige Fotos von ihm angesehen, einfach nur, um sein Grinsen zu sehen. Also spielte ich irgendwelche Onlinegames oder hing mit meinem Vater vor der Glotze herum.

»Hast du nicht irgendwas mit deinem Freund vor, Ben?«, drang die Stimme meines Vater in meine vom TV benebelten Gedanken und ich wandte mich müde zu ihm um.

»Hm? Nein... Tiger ist nicht da. Der ist über die Feiertage mit seiner Gastfamilie verreist.«

»Ist blöd, wenn man jemanden vermisst, mit dem man sich gut versteht. Aber du hast auch andere Freunde.«

»Willst du mir gerade einen Wink geben, dass ich mich verziehen soll?«, meckerte ich mit einem Lachen. Mein Vater lächelte leicht und schüttelte den Kopf.

»Meine Freunde sind alle verreist oder hängen mit den Familien ab, wie sich das gehört. Immerhin ist Weihnachten.«

Und ich hatte von Tiger einen Kuss und einen Mistelzweig geschenkt bekommen. Doch das würde ich meinen Eltern nicht sagen. Weder das eine noch das andere. Mistelzweige standen aufgrund der Tradition, sich an Weihnachten darunter zu küssen, als ein Zeichen für Zuneigung und diese Gewissheit würde ich nicht mit meinen Eltern oder meiner Schwester teilen. Die gehörte allein mir.

»Immerhin ist Weihnachten, ein wahres Wort.«, brummte mein Vater und wir verfielen wieder in müdes Schweigen, lahm in den Fernseher starrend. Ich musste irgendwann eingeschlafen sein, denn ein unsanftes Rütteln an meiner Schulter weckte mich. Ich blickte nach oben und direkt in das verkniffen aussehende Gesicht meiner Schwester.

»Steh auf, Schwuli, Essen ist fertig«, frotzelte sie und trabte schweren Schrittes davon.

»LILLIANA, ich hab dir gesagt, du sollst ihn nicht so nennen, verdammt!«, polterte mein Vater aus der Küche und ich erhob mich ächzend. Durch die offene Bauweise unseres Hauses trennte nur eine Saloon-Schwenktür das Wohnzimmer von der Küche und so konnte er, mein Vater, natürlich hören, was sie gesagt hatte. Er regte sich noch immer fürchterlich über solche Kommentare auf, die ich schon gar nicht mehr hörte. Seit ich mir eingestanden hatte, dass es so war und meine Eltern Bescheid wussten, machte es mir nichts mehr aus, was andere dachten. Es war bitter, dass meine eigene Schwester dies ablehnte, aber so war es nun einmal. Irgendwann würde sie begreifen, dass ich noch immer der selbe Benjamin war wie vor dem Geständnis.

»Na Schatz? Gut geschlafen?« Meine Mutter lächelte mir zu und ich nickte, mir über das Gesicht wischend.

»Ja... ich hab letzte Nacht kaum geschlafen. Habt ihr auch das Käuzchen im Baum draußen gehört?«

Meine Eltern schüttelten den Kopf und Lilli steckte mit den Gedanken schon wieder im Essen. Ich setzte mich und meine Mutter grinste mich breit an.

»Na, da wird dich wohl nicht die Eule wachgehalten haben, sondern ein gewisses Raubtier, an das du ständig denken musst.«

Ich spürte die Hitze in meinen Wangen und tat so, als würde ich das nicht merken, während ich die Kartoffeln entgegennahm. Meine Mutter hatte sich die größte Mühe mit dem Weihnachtsessen gegeben und es duftete köstlich.

»Wie kommst du darauf?«, antwortete ich etwas verspätet.

»Weil du immer müde und unglücklich aussieht, außer dein Handy piepst.«

Ich starrte meine Mutter überrascht an. War das wirklich so offensichtlich? Benahm ich mich wirklich so auffallend, dass es sogar mein Vater merkte, der die Worte meiner Mutter nun bestätigend abnickte? Ich seufzte.

»Dir ist klar, dass er nach England zurück muss, wenn der Austausch vorbei ist, oder, Ben?«, murmelte mein Vater leise. Ich nickte, aber ich wollte nicht daran denken. Ich wollte ausblenden, dass dieser Tag unweigerlich kommen würde und umso näher kam, je weiter wir ans Jahresende herankamen. Ich steckte in einer paradoxen Schleife aus dem Wunsch, die Zeit möge schneller vergehen, damit ich ihn wiedersehen konnte und dem, dass sie stillstehen mochte, damit er nicht nach England zurückgehen würde.

»Das weiß ich, aber das ist mir noch egal. Für mich zählt der Donnerstag in zwei Wochen, wenn die Schule wieder losgeht.«

Meine Mutter lächelte, mein Vater machte ein unbestimmtes Geräusch und Lilli schnaubte.

»Du bist so ein Nerd, echt... sei doch froh, dass bis dahin noch zwei Wochen sind.«

»Lilli, sei du erstmal verliebt«, meine Mutter hob die Hand, um Lillis Einwurf zu unterbrechen, »... verliebt in jemanden, den du haben kannst, dann kannst du vielleicht verstehen, warum Benny sich wünscht, die Zeit würde schneller vergehen. Denn darum geht es doch, oder? Da kommt Tiger aus den Ferien wieder.«

Ich nickte und vermied es, meine Schwester zu lange anzusehen. Ich wollte keinen Streit vom Zaun brechen oder sie animieren, einen anzufangen. Immerhin war Heiligabend und nach dem Essen war Bescherung. Da alles gesagt war, verlief der Rest des Essens schweigend wie immer.

Nach der Bescherung und einer Weihnachtsshow im Fernsehen schlug meine Müdigkeit wieder zu und ich sagte allen Gute Nacht. Ich war erledigt und völlig übermüdet, denn meine Mutter hatte Recht. Ich konnte oft wegen Tiger nicht schlafen, hatte verwirrende, aufregende, unanständige Träume und wachte oft schweißgebadet oder schwer atmend auf. Ich würde ihm nach dem, was in diesen Träumen geschah, niemals wieder in die Augen sehen können und dennoch sehnte ich mich nach ihnen. Ich legte mich nach einer heißen Dusche ins Bett und vertrieb mir die Zeit mit etwas Lesen. Als es Mitternacht schlug, tippte ich ein »Merry Christmas« in eine SMS und schickte sie Tiger. Dass eine Antwort kam, bekam ich schon nicht mehr mit, da ich längst eingeschlafen war.


Mit jedem Tag, der mehr das Ende der Ferien einleitete, besserte sich meine Laune zunehmend und am Donnerstag, dem ersten Schultag im neuen Jahr, wartete ich gespannt wie ein Flitzebogen vor der Schule auf Tiger. Mein Herz hämmerte so hart gegen meinen Brustkorb, dass es fast wehtat und man es sicherlich deutlich hätte spüren können, hätte man die Hand auf meine Brust gelegt. Meine Mundwinkel zogen sich automatisch nach oben, als ich seine wilde, dunkle Mähne von Weitem sah und als er mich entdeckte, grinste er wie immer.

Wie sehr hatte ich dieses Gesicht vermisst. Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen, aber ich riss mich zusammen. Wir waren nicht zusammen oder so und nur, weil er mich geküsst hatte, musste das noch gar nichts bedeuten!

Er war dahingegen nicht so zimperlich, sondern kam direkt und schnellen Schrittes auf mich zu, umfing mich mit seinen Armen und wirbelte mich einmal im Kreis herum. Dabei lachte er.

»Yo, Bunny. Long time no see.«

Ich war garantiert rot wie ein gekochter Hummer, als er mich wieder abstellte und hatte einen Kloß im Hals, der mich zu ersticken drohte. Mühsam brachte ich ein Lächeln zustande, welches sicherlich nicht sehr ansehnlich war.

»Don‘t you feel well?« Tiger beugte sich das kleine Stück, das er größer war als ich, zu mir und sah mir ins Gesicht. Ich schüttelte den Kopf und hoffte, ich würde nicht zu heulen anfangen. Die ganzen Tage, die ich ihn vermisst hatte, wallten nun in mir hoch und ich drohte, in diesem Gefühl unterzugehen.

»N-no... I’m ok.«, sagte ich und hörte selbst, wie sehr meine Stimme zitterte. »It’s just... just good to see you.«

Tiger grinste und knuffte mich leicht.

»I know, you’d miss me.«

Ich wandte mich von ihm ab, um mir unauffällig über die feucht gewordenen Augen wischen zu können und lachte spöttisch.

»Du bist ganz schön arrogant.«

Tiger legte mir seinen Arm um die Schulter und zusammen steuerten wir auf das Schulgebäude zu.

»Na und? Du magst mich so doch auch.« Damit hatte er allerdings Recht.


Ein elend langer erster Tag lag hinter uns, als ich Tiger bat, nach Unterrichtsschluss noch einen Moment auf mich zu warten, weil ich noch mal zur Toilette gehen wollte. Wir hatten in der Bibliothek noch etwas für die erste Hausaufgabe des Jahres nachgeschlagen und so war die Schule wie ausgestorben, als ich in der Jungenumkleide der Sporthalle verschwand, weil die näher dran war, und Tiger vor der Tür wartete. Während ich mir die Hände wusch, grübelte ich darüber nach, dass er trotz seiner üblichen guten Laune irgendwie anders war als sonst. Er wirkte viel angespannter und ich fragte mich, was in seinen Ferien passiert war. Ob er Ärger mit seinen Gasteltern hatte? Oder eine schlechte Nachricht bekommen? Ich hatte mir bisher nie Gedanken darüber gemacht, ob bei ihm in London nicht vielleicht sogar eine Freundin auf ihn wartete und ihn ebenso vermisste, wie ich es getan hatte. Ein Gedanke, der wie ein Stich war. Zu ihr würde er zurückkehren, wenn er ging. Aber hätte er mich geküsst, wenn es so wäre? Auch wenn es vielleicht nichts bedeutete? Ein Kuss war ein Kuss.

Ich seufzte und starrte mein Spiegelbild an. Es sah müde aus und kein bisschen so, dass man es ansprechend finden könnte. Was machte ich mir nur für alberne Hoffnungen. Ich trocknete meine Hände gerade mit dem ollen kratzigen Papierkram ab, als die Tür aufgerissen wurde und Tiger hineinstürmte. Er packte mich am Arm und schob mich in die Toilettenkabine.

»Wa..?«, machte ich, doch er unterbrach mich.

»I can’t take it anymore.«, knurrte er, bevor er mich fest an die Wand presste und küsste.

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Fairy Dust

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